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JW 3.

Sonnabend, den 12. Dezember

1885.

Wtihnrchts-Anzeiger.

Beilage zur »Fuldaer Zeitung' und »Bomfatiusbote'.

Nro. 4 des »Weihnachts- Anzeiger' erscheint am 19. Dezember und wird auker der ^eitun^ der Gesavrmt-Austage des »Bomsatrusboten' beiqeleqt. Inserate welcke bei r»ee

unsere Blatter haben, von größtem Erfolge sind, erbitten wir uns bis spätestens 'Don^rstag Mittags Verbreitung, die

Weihnachtsmiircheu.

Von Ludwig Brill.

(Verfasser des „Singschwan".)

Das ist ein heimlich Flüstern, Kichern, Kosens Im Jägerhaus beim Kienholzfackelschein.

Die Mutter spricht: „Kehrt leis' das Christkind ein. Dann knospen gleich am dürren Strauch die Rosen, Und wißt Ihr, was es mit den Knospen macht? Die pflanzt's dem kranken Kindlein auf die Wangen, Und wenn sie dort zu blühen angefangen, Wird's Kindlein wieder froh und spielt und lacht, Und bleibt es fromm, so blüh'n in holdem Schimmer Die Rosenwangen fort und welken nimmer.

Nun hört, was ich vom Christbaum weiß zu sagen! Zur Winterzeit, in mitternächt'aem Graus, Ging einst ein fremdes Kind von Haus zu Haus, Die Menschen all' in tiefem Schlummer lagen. Da draußen war viel Sturm und Schnee und Eis; Unb wenn das Kind die Füßchen wundgegangen, Und ihm erstarrten fast die zarten Wangen, Dann pocht' es wohl an Thür und Fenster leis Und bat um Einlaß, kurzer Rast zu pflegen, Und ging es fort, so sprach's geheimen Segen.

Manch' Hüttchen hieß das fremde Kind willkommen, Und manches Schloß ihm freundlich Herberg' gab; Doch einmal wies man's hart und grausam ab. Das hatte dort ein Fichtenbaum vernommen.

Unwillig schauernd und vor Mitleid weich, Bot gastlich er dem Kind zur Ruhestätte Am moosbewachs'nen Fuß ein weiches Bette Und senkte schützend drüber sein Gezweig, Und aus dem Wimpfel Schlummerweisen rauschten, So wundersüß, daß selbst die Engel lauschten.

Die flogen schnell herab vom Sterngefilde, Da ward die Nacht wie Lenz so licht und lind; Sie sangen Ehr und Ruhm dem fremden Kind' Und priesen hoch des Fichtenbäumchens Milde. Und als das Kind aus sanftem Schlaf erwacht, „Heil Dir!" so rief's, „Dich hab' ich auserkoren, Zu leuchten in der Nacht, da ich geboren. Weil Du Dich mein erbarmt in dieser Nacht". Gleich stand das Bäumchen da in reichem Prangen, Und Engelchöre hell aus Lüften sangen.--

Da floß ein Lichtstrom aus nach allen Enden, Der tausend Blitzen gleich die Nacht verschlang; Und Jubel hell aus Schloß und Hütte drang Beim Glanz des Baums und seiner reichen Spenden. Und niemals wird des Bäumchens Pracht verblühn, So lang noch Herzen sind, die Christkind lieben;

Mag auch im Herbst des Waldes Schmuck zerstieben, Der Fichtenbaum bleibt ewig jung und grün;

Und auch noch heute segnet Christ nicht minder Ihn, der sich gern erbarmt der armen Kinder".

O Der Engel von Ehrenthal.

Eine Weihnachtsgeschichte von Wilhelm Koch.

Shrenthal ist eine Fabrikstadt, einer der Vor» orte einer bedeutenden Provinzial-Haupt- stadt, deren Ueberfüllung in den letzten zwanzig Jahren einen Kranz von Vorstädten ent> stehen ließ. In Ehrenthal, deffen pcetisch schöner Name in grellem Gegensätze zu dem industriellen Charakter der Stadt steht, rauchen Tag und Nacht die Kamine der Fabriken, und es raffelt und schnurrt, sprüht und hämmert unaufhörlich in den Werk« stäiten, Walzwerken und Etabliffements. Die Be­völkerung besteht aus einigen tonangebenden Fabri­kanten und aus vielen Tausenden von bleichen Arbeitern, die froh sind, wenn sie von der Hand in den Mund leben können. Die Fabrikherren sind natürlich mit wenigen Ausnahmen liberal, und ihre Leute wissen demnach, wie sie sich bei den Stadl- und Landtagswahlen zu verhalten haben, denn für einen Arbeiter, der eine zahlreiche Familie hat, gibt es nichts Schrecklicheres, als plötz­lich brodlos zu fein. Liberal sind die Arbeiter

dadurch zwar nicht geworden, aber das Beispiel ihrer gebildeten Brodherren, die von Gott und Kirche nichts wissen wollen und theilweise mit fa- natischer Energie am Kulturkampfseile ziehen, hat die Leute schaarenweise in die Arme der Sozial­demokratie getrieben.

Groß ist das Elend, die Armuth in Ehrenthal, so groß, daß die wohlthätigen Vereine immer leere Kassen und die Barmherzigen Schwestern alle Hände voll zu thun haben. Früher gab es in der Stadt ein stattliches Nonnenkloster, in welchem verwaiste und verwahrloste Kinder, zumal Kinder, deren Eltern in Fabriken beschäftigt waren, Pflege und Erziehung fanden; allein die guten Schwestern mußten den deutschen Boden verlassen, und das Kloster ist in eine Kaserne verwandelt worden. Die Barmherzigen Schwestern dagegen, welche vor langen Jahren in Ehrenthal ein Hospital errichtet hatten und sich ausschließlich mit der Krankenpflege befaßten, waren zum großen Segen der Stadl von dem Kulturkampfsorkane nicht fortgewirbelt worden, denn wenn auch sie ihre segensreiche, unersetzliche Thätigkeit hätten einstellen müssen, so wäre das Elend in der aus den verschiedenartigsten Elemen­ten und aus allen Weltgegenden zusammengewürfel­ten Fabrikbevölkerung, wo der Eine von dem Andern kaum Notiz nahm und in den seltensten Fällen die Mittel besaß, um Helsen zu können, nicht nur unbeschreiblich, sondern auch ohne den mildernden, versöhnenden und sänftigenden Einfluß der echt christlichen Nächstenliebe gewesen.

Es war an einem naßkalten Maitage, an einem jener Tage, die den „lieblichen Wonnemonat" längst um allen Kredit gebracht haben, den die Dichter ihm mit schwungvollen Versen von Frühlingsluft und Maienduft verschafft hatten. Freilich, draußen grünte und blühte es; aber das junge Grün und der weiße Biüthenschnee zitterte unter dem rauhen Hauche des Nordwindes, und drinnen in den Stuben war der Ofen ebenso willkommen, wie im Februar und März. In einem kalten Zimmer saß ein blaffes Weib von etwa dreißig Jahren, das ein weinendes Knäbchen auf dem Schooße hielt. Der Regen klatschte unaufhörlich wider die Fenster­scheiben, und der graue Himmel harmonirte mit der düstern Stimmung und der Trauer der Frau.

„Sei still, Paul, gleich kommt der Vater mit dem Wochenlohn, und dann kaufe ich Brod und I Kohlen."

»So viel Brod, daß ich mich satt essen kann?" fragte der Kleine.

Die mit Gewalt zurückgehaltenen Thränen bra­chen bei diesen Worten in dicken Tropfen aus den Augen der Mutter.

Es war spät, als der Mann, der Fabrikarbei­ter Schmidt, heimkehrte; er war offenbar betrunken, wie an jedem Samstag Abend, wenn ihm der fffuer verdiente Wochenlohn in der Hand brannte und die Hälfte desselben in Schnaps verthan worden.

„Hast wieder geweint und geflennt, Weib!" sagte er rauh, als er die verweinten Augen der Frau gewahrte.

„Paul hat Hunger," entgegnete die Frau sanft, „und es ist so kalt hier!"

„Dummes Zeug; Du verzärtelst mir den Jungen, und ich habe es satt, Dein ewiges Armsünderge­sicht zu sehen. Ich wollte . . ."

„Was wolltest Du, Franz?" „Daß ich Dich nie gesehen hätte!" „Das hättest Du bedenken sollen, als Du mich zum Weibe nahmst. Früher lebten wir zufrieden zusammen; warum jetzt nicht mehr? Aber ich kenne die Ursache."

„So, kennst Du sie? Bin neugierig, sie zu er­fahren."

„Gut, ich will sie Dir nennen, denn ich hab's lange genug mit mir herumgetragen, und so kann es nicht weiter gehen. Früher warst Du ein Anderer, fleißig und solid, und wir kamen aus. Aber seit Du in dieser Fabrik arbeitest, wo Du mit Leuten verkehrst, die keinen Glauben haben und deren Moral sehr locker ist, hast Du Dich total geändert Du lachst über Gott und Ewig­keit, schimpfst über die Priester, sitzest bis in die Nacht hinein im Wirthshause, und ich und das Kind leiden Hunger. Wo soll das endigen, Franz?"

Schmidt lachte roh auf.

„Ist das die ganze Predigt, die Du mir halten wolltest? Ich hatte eine längere erwartet, denn Betschwestern haspeln gewöhnlich eine ganze Litanei herunter. Ich soll an den lieben Gott glauben und auf ihn hoffen? Natürlich, die „Herren" lachen über solche Hirngespinnste, — unser Direktor ist Meister vom Stuhl, — aber wir armen Teufel sollen hübsch in die Kirche gehen und uns auf den Himmel vertrösten lassen. Nein, Frau, so dumm ist auch unsereiner nicht mehr!"

„Frevle nicht, Franz. Welchen Halt und Trost haben wir Menschen denn auf Erden, wenn wir nicht an ein Jenseits und eine Vergeltung glauben?"

„Nur habe ich's aber genug, Weib! Suche zu bekehren, wen Du bekehren willst, — mich sollst Du ungeschoren laffen. Ich habe längst einge­sehen, daß wir nicht zu einanver passen, — ich gehe!"

Mit diesen Worten nahm Schmidt die Mütze, die er auf den Tisch geworfen, und verließ das Zimmer; die Thür flog rasselnd hinter ihm in's Schloß. Die Frau sprang auf, um ihn zurückzu­halten, — der Kleine weinte ja vor Hunger — aber es war zu spät.

Schmidt kehrte in der Nacht nicht nach Hause zurück, auch am folgenden Tage nicht, und die be­sorgte, geängstigte Frau erfuhr, daß ihr Mann wegen Widersetzlichkeit und Ungehorsam aus der Fabrik entlassen worden sei.

„Er wird sich eine andere Stelle suchen," tröstete sich das unglückliche Weib. Allein Tag um Tag, Woche um Woche verging, Schmidt war und blieb verschwunden; er hatte oie Stadt verlassen, aber Niemand wußte, wohin er sich gewandt.

Monate waren vergangen. Frau Schmidt hatte unaufhörlich geweint, gebetet und gearbeitet; sie wusch und putzte für andere Leute, um sich und ihr Kind zu sättigen. Allein der Lohn war zu karg, daß sie, um Miethe, Kleider und Lebens­unterhalt bestreiten zu können, ein Stück Möbel nach dem andern in's Lombard tragen oder ver­kaufen mußte. Gab es in fremden Häusern keine Arbeit, dann nähte sie für ein jüdisches Geschäft aus Lumpen Säcke zusammen, das Stück zu zwei Pfennige! Ihr kranker, schwächlicher Körper war jedoch dieser Aufgabe nicht gewachsen; ihr ohnehin blasses Gesicht nahm eine wachsbleiche Farbe an, die Augen sanken immer tiefer in die Höhle ein, und die spitzen, vorstehenden Backenknochen, sowie die bläulichen Lippen waren stumme Zeugen des Elends und der Entbehrungen, die sie erduldete — denn zu betteln schämte sie sich. Eines Abends, es war im Spätherbste, brach die Frau, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung erstieg, ohnmächtig zusammen, und mitleidige Nachbarfrauen trugen die Aermste auf ihre Stube und betteten sie auf den Strohsack, der als Lager diente.

Am folgenden Morgen betrat Schwester Thadäa, von einer Bewohnerin des Hauses gerufen, das