Dienstag, den 8. Dezember
1885.
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Warum die Bulgaren gesiegt haben.
Nachdem der Waffenstillstand eingetreten ist, beginnen zahlreiche Sachverständige und solche, die es sein wollen, die Kriegsführung der Serben und Bulgaren zu kritistren und nach den Ursachen des überraschenden Ausgangs zu forschen.
Ueberraschend ist der Ausgang allerdings im höchsten Grade; denn alle Welt glaubte mit gutem Grunde, daß die Serben ohne erhebliche Müye und Gefahr den Weg nach Sofia finden würden. Denn die serbische Armee hatte folgende erhebliche Vorzüge gegenüber der bulgarischen: 1) Eine längere und einheitliche Schulung der Truppen; die bulgarische Armee war noch ein junges Gebilde, in der Entwicklung begriffen, während die Serben eine lange Tradition und Erfahrung des Heeres hatten; die ostrumelischen Hilfstruppen des Fürsten Alexander waren M.lizen, die erst in der kurzen Zeit nach der Union ihre Formation erhielten. 2) Ein weit größeres Geschützmaterial: vor dem Kriege wurden den Bulgaren nur 90, den Serben aber mehr als 300 Geschütze zugeschrieben. 3) Die regelrechte Besetzung aller Offizier- stellen bei den Serben, während den Bulgaren der starke Stamm der russischen Offiziere entzogen war, so daß sie sich bis in die höheren Stellen mit jungen und militärisch unreifen Offizieren behelfen mußten. 4) Die reichen Geldmittel, welche der serbischen Heeresleitung aus der 25 Millionen- Arckeihe zu Gebote standen während den Bulgaren weder ein geldspendendes Oesterreich noch sonst eine befreundete Großmacht zur Seite stand. 5) Die Möglichkeit des zweckmäßigen Aufmarsches vor Beginn der Feindseligkeiten, welche den angreifenden Serben um so mehr zum Vortheil gereichte, als die Bulgaren den Angriff von dieser Seite nicht erwartet hatten und der Fürst selbst sowie der größte Theil der Truppen in Rumelien gegen die Türken Front machte.
Und dennoch haben die Serben nicht gesiegt. Wie erklärt sich das?
Der Laie denkt zunächst an die Tapferkeit der Truppen. In den modernen Kriegen mit den weiltragenden Feuergewehren (solche besitzen auch die Balkanvölker), hat die persönliche Tapferkeit nicht mehr den früheren Werth. War davon übrig geblieben, nennt man jetzt „Disziplin" oder „Geist" der Truppe, d. h. das rückhaltlose Aufgehen des
-H- Auf geheimnisivollen Wegen.
Roman von I- Mrafett. 7i
Graf Alvarez war still und schweigsam, seine ernst dareinschauenden Augen schienen in der Seele des ränkeschmiedenden Grafen lesen zu wollen.
„Wie kann zwischen uns von Frieden die Rede sein?" fragte Comteffe Gabriele argwöhnisch. „Können Lamm und Löwe friedlich zusammen ruhen?"
„Ich will mich deutlicher erklären," unterbrach sie Graf Lamartin. „Angenommen, daß Graf Alvarez mein Vetter ist — ich sage angenommen, Comteffe Gabriele — so muß er, wie Sie wiffen so lange mein Onkel lebt, sich verborgen hallen. Nachdem der Marquis de Vigny gestorben, kann Armand aus der Verborgenheit hervortreten und seine Ansprüche auf Titel und Besitzthümer unseres Onkels erheben. Ich will das Geheimniß res Grasen Alvarez oder Armand's bewahren, ja ich will es sogar versuchen, meinen Onkel in feiner Meinung betreffs Armand's umzustimmen, daß er günstiger von ihm urtheilen soll, aber nur unter einer Bedingung."
Einzelnen in die Gesammtheit. Je weniger geschult die Truppe ist, desto mehr hängt die Disziplin von der Person der Führer ab. Je un- zioilisirter die Soldaten sind, desto mehr richtet sich das Vertrauen nach den ersten Erfolgen oder Mißerfolgen. Daraus ergibt sich abermals ein Vortheil der Serben, welche im Anfang Schlag auf Schlag siegten und fortwährend vorrückten, während die bulgarischen Bataillone den Schmerz und die Gefahren fortdauernder Rückzüge über sich ergehen lassen mußten, wodurch das Selbstbewußtsein der Truppe und das Vertrauen zu der Führung gewiß bedenklich erschüttert wurde. Zum Glück war Fürst Alexander bei diesen ersten Rückzügen noch nicht zugegen, da er erst nach dreitägiger Reise das weichende Heer erreichte. Augenscheinlich hat er es nun in durchschlagendster Weise verstanden, das Vertrauen der Truppen zu gewinnen und dadurch ihren Muth zu heben. Denn gleich aus den ersten Gefechten, die unter seiner Führung bei Sliwnitza statlfanden, wurden gelungene Bajonnet-Angriffe der Bulgaren gern ldet. Diese Art des Angriffs ist moralisch und taktisch von großer Bedeutung. Man ist im Allgemeinen geneigt, die Völker für um so tapferer zu halten, je wilder sie sind. Das ist aber im Allgemeinen nicht richtig. Die individuelle „Tapferkeit", welche aus dem Aufwallen persönlicher Leidenschaften sich im Einzelkampf entwickelt, pflegt freilich bei denen am größten zu sein, die wenig Vernunft und viel Leidenschaft besitzen. Aber die militärische Tapferkeit, die auf Corpsgeist und Pflichtgefühl beruht, ist ganz anderer Natur; sie fordert Geduld, Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung, sie verlangt von dem Soldaten, daß er stundenlang bis zur Erschöpfung aller körperlichen und geistigen Kräfte geduldig im Kugelregen aushalte und daß er dann noch Spannkraft genug in der Seele und den Sehnen aufzutreiben wisse, um eine Anhöhe hin- aufzustürmen, von welcher ihm der bleierne Tod entgegensprüht. Zu solchen Leistungen hat Fürst Alexander die wenig geschulten, von Mißerfolg schon niedergedrückten bulgarischen Truppen anzuspornen vermocht. Wahrlich keine kleine That! Hätte er, wie Milan, in dem sichern Hinterhalle des Hauptquartiers gesessen, so würde ihm eine solche Neubelebung des Truppengeistes nicht gelungen fein; er mußte sich im Kugelregen in den vordersten Reihen zeigen, um durch fein Beispiel
„Und diese Bedingung? Welche ist es?" fragte die Comtesse ruhig und vorsichtig.
Graf Eugen lächelte als er erwiderte:
„Sie haben eine Tochter!"
Der Vater erschrack; er zog finster die Brauen zusammen.
Auf dem Gesichte der Comtesse dagegen zeigte sich deutlich der Ausdruck namenloser Angst.
„Ihre Tochter heißt Giralda," fuhr Graf Eugen kühn fort. „Ich komme soeben von dem alten Schlosse zurück, wo ich sie gesehen habe. Sie hat ganz dir Augen ihres Vaters. Sie schickten sie dorthin, um des alten Marquis Liebe zu gewinnen und ihn günstiger zu stimmen gegen Armand. Nun die Liebe meines Onkels hat sie bereits in solchem Maße gewonnen, daß er ihr einen großen Theil seines bedeutend n Vermögens testa- menlansch vermacht hat. Das Schloß und der Park sind gänzlich verändert worden und sehen aus wie vor achtzehn Jahren."
„Giralda schaltet und waltet in dem alten Heirrnaause ganz wie es ihr gefällt. Um aber zur Sache zu kommen. Ihre Tochter ist jung, lebhaft, lieblich; ihre Schönheit ist fast über« wättigend. Ich habe niemals im Leben ein so bezauberndes Antlitz gesehen. Sie gleicht ihrer
sein Wort zu unterstützen. Sehr bezeichnend ist die Meldung, daß die Serben, durch den Bajonnet- angriff überrascht, zurückgewichen seien. Führer wie Soldaten auf serbischer Seite hatten sich offenbar nach den ersten Erfolgen eingebildet, daß sie mit der landesüblichen Munitionsverschwendung ohne Weiteres den Weg nach Sosia frei machen könnten; auf die nahe Berührung mit dem kalten Eisen der Bajonnete waren sie gar nicht eingerichtet. Wie tief die Moral des serbischen Heeres nach der Niederlage von Sliwnitza und Dragoman gesunken, zeigt die bemerkenswerthe Nachricht, daß bei dem Rückmarsch drei Viertheile der serbischen Verwundeten an den Händ n verletzt waren, d. h. sich Selbstverstümmlungen beigebracht hatten, um im Lazareth vor den bulgarischen Bajonneten sicher zu sein.
Wichtiger, als diese moralischen und taktischen Momente, ist der strategische Gesichtspunkt, welcher die allgemeine Niederlage der Serben entschied. Wenn der serbische Generalstab nachträglich seinen Kriegsplan vertheidigen will, wird er saure Arbeit haben; denn soweit man aus dem Gange der Dinge auf einen Plan schließen kann, haben die Serben den schlimmen Fehler begangen ihre Kräfte in der unvorsichtigsten Weise zu zersplittern. Ganz im Gegensatz dazu concentrirte Fürst Alexander seine Truppen soweit als nur eben möglich auf das Centrum der serbischen Aufstellung und warf durch den kräftigen „Stoß in's Herz" die ganze übermächtige Armee in die Flucht. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Dezember.
* Dem Vernehmen nach wird sich der Reichstag am Donnerstag über 8 Tage vertagen, lieber den Tag des Wiederzusammentritts scheint noch teilte Bestimmung getroffen zu fein.
* Der Arbeiterschutz zählt nunmehr in allen Fraktionen von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken zahlreiche Freunde, während das Cent rum nicht nur die Initiative dazu ergriffen hat, sondern auch feine Hauptstütze ist. Nur eine Partei hat, abgesehen von der Halbheit der mit gebundener Marschroute marschirenden Frei-Konservativen, in dem ganzen Jahre nichts gelernt und nichts vergessen und das sind: die National-Liberalen. Sieht man ihren Redner, schönen Mutter, doch ist sie weniger kalt und stolz, sondern voll warmen Gefühles!" Comteffe Gabriele hielt krampfhaft die Lehne des Sessels umfaßt, während Todtenbläffe ihr Gesicht überzog.
„Ich will schnell zu Ende kommen," fuhr Eugen nach minutenlanger Pause fort. Sie werden mich bereits verstanden haben. Ich liebe Giralda. Geben Sie sie mir mit einer reichen Mitgift zur Gemahlin und ich will Ihr Geheimniß bewahren und den Versuch machen, Armand mit meinem Onkel auszusöhnen. Unter dieser Bedingung will ich Frieden machen."
Er sah um sich mit einer Miene, als ob er sich als Herr der Situation fühlte. Die Comteffe Gabriele stieß einen leisen Schreckensruf aus und streckte ihre Hände gegen ihren Gatten aus. Er ergriff dieselben, umschloß sie fest mit den seinigen und erwiderte in einem sehr bestimmten Tone:
„Mein Herr, ich erlaube mir, zu entgegnen, daß ich die Verbindung, von welcher Sie sprachen, nicht einzugehen gewillt bin. Meine Tochter ist noch zu jung, um zu heirathen. Wenn dem aber auch nicht so wäre, so würde ich sie nie zwingen, gegen ihre Gefühle zu handeln."
„Nein, niemals! Ich würde sie lieber tobt