JV 280.
Sonnabend, den 5. Dezember
1885.
Fuldaer
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Erstes Blatt.
* Der Nord-Ostsee-Canal.
Zu den wichtigsten Vorlagen der jetzigen Reichs- tagssession gehört das Projekt des Nord-Ostsee- Canals. Der Gedanke an eine Canalverbindung zwischen beiden Meeren ist bekanntlich schon über 300 Jahre alt. Schon 1525 verband man Hamburg und Rostock mit Benützung von Alster und Trave; König Christian III. von Dänemark (1533 bis 1559) plante einen Canal von Nipna quer durch Schleswig nach Kolding; 1628 beschäftigte sich sodann mit dem Canalproject Wallenstein, seinen Gedanken nahm unter Cromwell England auf, ferner 1775 Dänemark, das 1785 den bekannten Canal, der Kiel mit Benutzung der Levensau und der Eider mit Tönning an der Nordsee verbindet, wirklich vollendete. Indessen dieser Canal genügt bei seiner geringen Breite und unzulänglichen Tiefe nur für kleine Schiffe; für Kriegsschiffe war er schon früher unbenutzbar und für die jetzigen Schiffscolosie ist er absolut nicht zu gebrauchen. Daher beschäftigte sich schon der deutsche Flottenausschuß von 1848—49 mit einem neuen Canalproject. Seitdem haben verschiedene Ingenieure Vorschläge gemacht. Ursprünglich dachte man jedoch dabei nur an einen Canal für größere Handelsschiffe, denen man die Umschiffung Jütlands sparen wollte. Die Kosten dieses Handels- canals waren auf 107,400,000 Mark berechnet. Soll der Canal auch für die deutschen Kriegsschiffe passirbar sein, so berechnet man die Kosten auf 156 Millionen. Fest steht nun zunächst, daß der jetzige Eidercanal höchstens für Torpedoboote brauchbar ist, wobei in Folge der vielen Schleusen auch die Durchfahrt viel Zeit erfordert. Nun stellt die Thronrede die Rücksicht auf die Marine in den Motiven an die erste Stelle; kommt der Canal also in erster Linie der Reichsmarine zu Gute, so hat auch das Reich zu den sonst von Preußen zu tragenden Kosten seinen Theil zuzuschießen. Von den Freunden des Projects wird nun geltend gemacht, daß auch die gesammte Schifffahrt an den Vortheilen Theil nimmt. Der Weg um Skagen herum ist für alle Schiffe sear gefährlich. Allein im Jahre 1859 sind 117 Schiffe an den dänischen Küsten gestrandet und von 1877—81 sind
tt Auf geheiurnißvollen Wegen.
Roman von I. 8«he«feld. 69
Die Freude der guten Madame Roger, als sie Giralda an der Seite des alten Marquis in's Schloß zurückkehren sah, kannte keine Grenzen. Sre überschüttete das junge Mädchen mit Liebkosungen und war unablässig bemüht, sie zu erheitern, auf Graf Lamartin schmähend, dem sie von jeher mißtraut hatte als dem Urheber all' des Unglücks, das einst über Armand de Vigny hereingebrochen war.
Der Erste, der dem Marquis, sein Gemach betretend, begegnete, war Bertram, sein Diener, der stets Partei für Eugen genommen hatte. Seine Wuth gegen seinen Neffen, dessen heucklerische Larve endlich gefallen war, übertrug sich auf Bertram, als er nun desselben ansichtig wurde, und seinen Krückstock hebend, daß der Diener erschreckt zurückwich, rief der Greis zornbebend aus: „Du verläßt sofort dieses Haus und wagst es nicht, dasselbe wieder zu betreten. Du hast stets zum Grafen Lamartin gehalten und ich kann keinen Diener um mich gebrauchen, der auf vertrautem Fuße mit meinem unwürdigen Neffen
nicht weniger als 92 deutsche Schiffe mit einem Gesammtwerthe von 3—4 Millionen dort gescheitert. Der Canal würde diese Gefahr umgehen, und da jetzt jährlich 35,000 Schiffe den Sund passiren, erwartet man, daß davon wenigstens die Hälfte den Canal benützen wird. Neben diesen handelspolitischen Vortheilen macht man strategische Gründe geltend. Jetzt zerfällt die deutsche Marine in eine Nordsee- und Ostseesection. Verschlösse, sagt man, irgend eine Macht zur Kriegszeit den Sund, so wäre ein planmäßiges Zusammenwirken beider unmöglich, und dann wären die deutschen Küsten beoroht. Indessen machen sich doch auch manche Bedenken gegen das Project geltend. Es ist höchst fraglich, ob die Hälfte der Schiffe von dem Wege um Skagen durch den Canal abgelenkt würde. Der Verkehr zwischen den west- und ostdeutschen Häfen und auch vielleicht der niederländische Handel würde den Canal benutzen; doch daß die englische und schwedische Handelsflotte die neue Wasserstraße benützen und für die Zeitersparniß von 24—48 Stunden hohe Schleusengelder und sonstige Canalabgaben bezahlen sollte, das ist höchst fraglich. Damit aber würde die Rentabilität des Unternehmens fraglich sein, denn nur bei allge- meiner Benützung würde sich das gewaltige Unternehmen in pecuniärer Beziehung lohen. Aber auch in militärischer Beziehung fehlt es an Einwänden nicht. Zunächst ist die Frage wichtig: kann die Offensiv- und Defensiokraft unserer deutschen Flotte nicht billiger und besser durch Beschaffung ' einer"gÄ)ßeren Än-uhk vvi? Panzerschiffen erhöht werden? Ist das Ostsee- und Nordseegeschwader jedes für sich stark, so brauchen sie nicht eine Verbindung zu suchen, die auch unter Umständen für die verlassene Gegend gefährlich werden kann? Ferner würde nicht nur der Canal herzustellen, sondern auch durch Befestigungen an seinen Ausgangspunkten, bei den Schleusen und an seiner ganzen Linie zu schützen sein. Das würde eine Besatzung erfordern, die der Feldarmee entzogen bliebe. Genügende Befestigungen würden kolossale Summen verschlingen und wer garantirt dafür, daß dem Feind nicht doch die Zerstörung auch nur einer Schleuse gelinge, wodurch dann die Benützung des Canals für längere Zeit, vielleicht gerade für die Zeit der Roth, verhindert wäre. Das sind einige Bedenken. Bei dem riesigen Anschwellen der Reichsausgaben ist jedenfalls Vorsicht geboten
steht. Gehe zu ihm und sage ihm, daß von dieser Stunde an Schloß de Vigny für ihn verschlossen sei, so lange ich lebe und daß er sich nicht erkühnen solle, mein Gebot zu überschreiten. Du warst stets seine Creatur — Tu magst bleiben, wo er bleibt. Aus meinen Augen, sage ich, und wage es nicht, je wieder hierher zurückzukehren!" Der Diener, zitternd am ganzen Körper, wagte keine Widerrede. Er wußte auch, daß sie nutzlos gewesen sein würde, denn der Wille des Marquis war unerschütterlich, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Lautlos verließ er das Gemach und der Greis athmete wie erleichtert auf, als der schleichende Schritt des Dieners verhallt war, dem er nie so recht getraut, doch dessen Gegenwart er jetzt keine Stunde länger ertragen hätte, da» der von Madame Roger geäußerte Verdacht, daß Bertram mit Graf Eugen im Complott stehe, jetzt zur festen Ueberzeugung in ihm geworden war.
Giralda verbrachte den größten Theil des Tages in ihrem Zimmer. Der Marquis, ihren leidenden Zustand dem Schrecken der vergangenen Nacht zu- schreibend, ließ mehrere Male durch Madame Roger sich theilnehmend nach ihr erkundigen. Am Abend erschien das junge Mädchen zum Diner in dem
und ein Hinausschieben des Projectes, eine Ver- theilung des Canalbaues auf eine Reihe von Jahren, jedoch ohne Schulden zu machen, scheint geboten.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Dezember.
* * Der Reichstag führte heute die Generaldebatte über die Arbeiterschutzanfrage zu Ende und überwies dieselbe an eine 28 gliederige Kommission. An der Debatte betheiligten sich Abg. Dr. Baumbach für die Freisinnigen, Abg. Dr. Kropatschek für die Konservativen, Abg. Dr. Böttcher für die Nationalliberalen und Abg. Winterer Namens der Effässer. Abg. Dr. Baumbach vertheidigte das Manchesterthum gegen den sozialdemokratischen Vorwurf der Hartherzigkeit, erklärte sich gegen die vorgeschlagenen Beschränkungen, die in ihrer Wirkung nichts weniger als human sein würden, und schließt mit der Zusicherung, daß die Freisinnigen an der Hebung des Arbeiterstandes Mitwirken wollen, aber nur auf dem Boden des Rechtsstaats, nicht auf dem sozialdemokratischen idealen Polizeistaate der Zukunft. Abg. Dr. Kropatsch k befürwortete die Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit, sowie der Sonntagsarbeit und wünschte als Vorbereitung für künftige Verhandlungen über den Normalarbeitstag entsprechende Erhebungen. Abg. Böttcher sagte eingehendste Prüfung der vorliegenden Anträge zu, führte gegen die gestellten Forderungen aber zahl- «reiche Bedenken an. Die Ausschließung der Kinder von den Fabriken würde sie mehr der Hausindustrie zuführen. Abg. Winterer endlich vertrat den Antrag des Centcums. Daran schlossen sich die Schlußworte der Abgg. Auer (für den sozialdemokratischen Antrag), Frh. von Hertling (für die Centrumsanträge) und Abg. Lohren (für den Antrag der Reichspartei). — Der Präsident setzte auf die morgige Tages-Ordnung Etalsberathung. Abg. Dr. v. Jagdzevski beantragt die Besprechung über die Interpellation wegen der polnischen Ausweisungen auf die Tages-Ordnung zu bringen. Das Haus lehnt indeß gegen Polen und Sozialdemokraten diesen Antrag ab.
* Fürst Bismarck begab sich am Dienstag aus dem Reichstage zu Fuß nach Hause und von da per Wagen zunächst nach dem österreichischen und dann nach dem russischen Botschaftshause. Mit dem
gemüthlichen, kleinen Salon und dem Marquis war es, als fiele es beim Eintritt wie Sonnenschein in das dunkle Gemach und als hätte er einen beängstigenden Traum geträumt, dem jetzt ein glückseliges Erwachen gefolgt war.
Die Nacht senkte ihren dunklen Schleier herab, auch über Schloß de Vigny. Alles auf dem alten Herrensitz lag in tiefster Ruhe. Die Ereignisse der letzten Nacht ließen Alle, selbst den alten Marquis, Schlaf finden. Auch Giralda lag im tiefen Schlummer. Aber oftmals entrang sich ein tiefes Stöhnen ihrer Brust. Beängstigende Träume quälten sie — die Sorge für ihre Lieben, die sich fortspann in ihren Traum. Plötzlich fuhr sie empor. Sie hatte einen markerschütternden Schrei gehört, einen lauten, verzweiflungsvollen Schrei, der noch in ihren Ohren gellte. War das Traum oder Wirklichkeit gewesen? Fieberhaft erregt sprang sie auf von ihrem Lager und eilte an's Fenster. Sie schlug die Vorhänge zurück und blickte hinaus. Still und friedlich breitete sich die Nacht über der Erde aus. In lichter Himmelshöhe flimmerten die Sterne, aber sie strahlten keinen Frieden in Giralda's gefoltertes Herz, das sich zusammenkrampfte in wilder Qual unter der furchtbaren Angst für die Ihren. Unaufhaltsam tönte der Schrei in ihren