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Sonnabend, den 5. Dezember

1885»

Beilage zur »Fuldaer Zeitung" und ,

Nro. 3 des »Weihnachts-Anzeiger" erscheint am 12. Dezember und tmrd nicht allein der »Fuldaer Zeitung"» sondern auch der Gesammt-Anslage des »Bonifatinsboten" ,n ea. 5000 Exemplaren bergelegt werden» weskälvwir bitten, uns weitere Inserate bis spätestens Donnerstag Mittag gefälligst zugehen zu lassen.

Die für den »Weihnachts-Anzeiger" bestimmten Inserate werden mit n u r IO Pfennig per Zeile berechnet «nd wird bei wiederholter Aufnahme entsprechender Rabatt bewilligt.

Z Eine Weihnachtsarbeit.

Von eiift Seiki.

(Schluß.)

Mit einer seltsamen Rührung sah der Prinz dem stillen Treiben zu. Da waren also die ein­zigen Zerstreuungen, das einzige Glück dieses ernsten pflichttreuen Dieners der heiligen Cäcilia, Jahr aus, Jahr ein, die Vorbereitungen zur Weihnachts­feier für arme Kinder und — die Orgel. Welch ein greller Kontrast mit jenem wechselvollen Da­sein in seiner Welt, wie er sie von Jugend auf kannte, wo ein Fest das andere verdrängte, mit dem sorglosen Flattern von Blume zu Blume.

„Ich wollte, ich könnte bei Euch sein und Euren Weihnachtsbaum brennen sehen und die Kinder jubeln hören!" sagte er.

„So kommt, wenn Euch Euer Herz treibt!" lautete die Antwort.

Nun, einstweilen trieb ihn das Herz und der musikalische Lerneifer gar oft in der Woche nach Minden, von Hau» Himmelreich, um bei dem schlichten Manne altitalienische Kirchenmusik kennen zu lernen und Orgelstudien zu treiben. Und ge­lehriger war wohl kaum jemals ein Schüler, freundlicher kein Lehrmeister. Es änderte nichts in dem eigenartigen Verhältniß jener Beiden, als der alte Cantor des Mindener Domes erfuhr, wer sein Schüler war. Er entschloß sich dann und wann hinauszuwandern nach Haus Himmel­reich und dort die Klaviere des Prinzen nachzu­sehen, und es interessirte ihn lebhaft, ihre Bauart zu vergleichen mit dem alten Schröter schen Ham­merinstrument, das noch aus Pietät für den früheren Domorganisten in der Cantorei ausgestellt war.

Der alte Herr lehnte es eben so fest ab, in einem Wagen hinauszufahren, als bei dem Prin­zen über Nacht zu bleiben, so sehr auch der Schüler seinen Lehrmeister darum bat. — »Ich könnte nicht schlafen, wenn der Dom seinen Schatten nicht über mein Lager wirst," gestand er mit seinem Kinderlächeln. „Ihr müßt mich nehmen wie ich bin, hoher Herr."

Wenn aber der Mindener Domcantor kam, war cs genau so, wie beim großen Friedrich, als der alte Sebastian Bach, der Leipziger Cantor, lhn besuchte, — Louis Ferdinand war nur für den Einen da, mochte noch so vornehme Gesellschaft auf Haus Himmelreich eben versammelt sein. Das ehe­malige Heim des tollen Gollo war ja nur zu oft der Sammelplatz der lebensfrohsten Gesellschaft, denn ohne heitere und — schöne Gäste konnte nun einmal der Märchenprinz sich das Leben, wo es sich auch immer abspielen mochte, nicht denken. Gar manches kostbare Frauengewand hatte die aus­getretenen Steinstufen, die von dem unteren Stock- werk in den wilden Garten führten, gestreift, gar manche Gruppen, wie von dem Pinsel eines Wat- tcau hingezaubert, bildeten sich in dem Schatten der alten Bäume, helles Lachen und ein Gewirr fröhlicher Stimmen durchfluthete den Garten des Hauses Himmelreich, und mitten unter den über- mülhig Scherzenden saß oft Louis Ferdinand, mit ernster Stirn und träumerischem Blick, ein schwer- müthigetz Lächeln auf den Lippen. Keine Tracht der Welt, und es war die Zeit der hohen Stiefel, hohen Rockkragen und weißen breiten Jabot's, der griechischen Frauenkleidung und der römischen TituSköpfe, konnte diesen wunderbar fesselnden Kopf, diefe schöne edle Männergestalt entstellen. Er war

und blieb unter den Vornehmen der Vornehmste, unter den Bedeutenden der Bedeutendste. Und wie oft — aus seiner träumerischen Versunkenheit sich aufraffend, sprühte er von Geist und Leben und wurde der Uebermüthigste unter Allen — und blieb trotz alledem königlich und — unnahbar.

Aber wenn der Domcantor aus Minden gemel­det wurde, war Louis Ferdinand für seine Gäste, welche es auch immer sein mochten — verloren. Sie versanken gleichsam in den Boden vor ihm, und den schlichten Mann bei den Händen ergrei- send, unter der herzlichsten Begrüßung, verschwand er mit ihm in seinen Gemächern und erschien erst wieder, wenn sein bescheidener Gast ihn verlaffen — zuweilen auch gar nicht mehr, aber lange, lange zogen dann die Töne des Klaviers über den wil­den Garten hin, oder der Prinz setzte sich an den Schreibtisch, um sich in irgend eine theoretische Arbeit zu vertiefen, die sein Lehrmeister ihm auf­gegeben. Der alte Herr war unerbittlich streng den kirchlichen Kompositionsversuchen seines Schülers gegenüber.

„Man kann gar manches hübsche Quatuor und manche Sonate oder sonstiges Klavierstück brav gesetzt haben," äußerte er, — „und doch nie und nimmermehr einen Satz für die Kirche, im Sinne der alten Meister zu Wege bringe;:! Das kostet Mühe und geht nicht in ein paar Sommerwochen. Und so lange man das eben nicht versteht, ist man noch kein ordentlicher Musiker. Mit dem Orgel­spiel kommt Ihr schon viel besser vorwärts, da kann man schon seine Freude an Euch haben!"

Wie manches Mal während dieser Verbannungs­zeit hat der Prinz Louis Ferdinand im Dom zu Minden auf der Orgelbank gesessen, ohne daß irgend Jemand ahnte, wer da spielte.

„Wenn ich einmal nicht weiter kann und einen Stellvertreter brauche, so rufe ich Euch," scherzte der Cantor einmal.

„Ich halte Euch beim Wort," rief der Prinz lebhaft. „Rust mich und ich komme — wo ich auch sein möchte!"

Der Befehl des Königs rief den Prinzen im Herbst fort aus dem idyllischen Versteck des Hauses Himmelreich, aber zahllose Sagen blieben von ihm zurück, die noch heute in dortiger Gegend von Mund zu Mund gehen, von seinem tollkühnen Sprung von dem Balkon des Wirthshauses zur Klus im Bückeburger Walde, um den Handschuh einer Dame aufzuheben, bis zu seinen Versuchen, im stillen Organistenstübchen fanatische Figuren auszuschneiden für den künftigen Weihnachtsbaum, und Ochs und Esel der Krippe neu anzustreichen.

Es war auch ein Weihnachtslied, die Ueber- setzung einer alten lateinischen Hymne des Mittel­alters, das der alte Lehrmeister seinem Schüler zum Abschiede mitgab. „Wenn Ihr sie durchlest, wird Euch weihnachtsfroh zu Muthe werden," sagte er weich, „und in dieser Stimmung werdet Ihr dann sicher etwas Gutes komponiren und das schickt mir, dann weiß ich, daß Ihr meiner noch gedenkt!"'

Und die Uebersetzung des: „Quem pastores laudavere* lautete:

Den die frommen Hirten priesen, Als die Boten Gottes diesen In der Nacht die Hütte wiesen. Wo das Kind geboren war; Und zu dem die Weisen gingen, Als die Kunde sie empfingen, Weihrauch, Myrrhen, Gold zu bringen Als ein Liebesopfer dar.

In der Krippe laßt uns grüßen Mit Maria ihren süßen Knaben, der unschuldig büßen Muß für uns und dulden viel; Den mit Lobgesang umkreisen Alle Engel, laßt uns preisen, Täglich mit den schönsten Weisen, Mit Gesang und Harfenspiel!

Und Prinz Louis Ferdinand versprach Alles und schied mit schwerem Herzen. Wie blau schien ihm der Himmel über diesem gesegneten Stückchen Erde — und draußen thürmten sich doch schon Wolken auf Wolken, und eine unheimliche schwüle Luft verkündete das unaufhaltsame Zusammenziehen jenes furchtbaren Kriegsgewitters, das von Frank­reich herüber den deutschen Landen nahte.

Nach Berlin zurückgekehrt, schlugen die hoch­gehenden Wogen des politischen wie gesellschaft­lichen Lebens wiederum über dem Haupte des Märchenprinzen zusammen — das Weihnachtslied wanderte in irgend ein verborgenes Fach seines Schreibtisches — da blieb es liegen zwischen aller- lei weltlichen Andenken, — vergessen war der alte Lehrmeister — vergessen das kleine Haus im Schallen des Domes von Minden.

• * *

Mehr als zwei Jahre waren dahingegangen — da wollte es ein Zufall, daß der Prinz Louis Fer­dinand am Vorabend seines 33. Geburtstages, am 11. November 1805 plötzlich in einer jener schwer- müthigen Stimmungen, wie sie ihn so oft anzu- wandcln pflegten, wieder einmal ein Autodafe ver­anstaltete, von allerlei duftenden Briefen, Locken, Schleifen und getrockneten Blumen. Morgen sein Geburtstag! Unwillkürlich tauchte aus den Wogen der Erinnerungen, die ihn bestürmten, auch die Frage auf: „Wie oft wirst Du ihn noch erleben? Kannst Du eine häufige Wiederkehr wünschen? Welche Genugthuung kann dies thatenlose Dasein Dir noch gewähren? Hast Du nicht den Kelch der Freuden schon bis zur Neige geleert? — Was nun?! Was bleibt übrig?!"

Da fiel ihm bei all' dem Suchen, Ordnen und Wühlen, im Schein der lodernden Flammen des Kamins, plötzlich jenes Blatt mit dem alten Weih­nachtssang in die ruhelosen Hände, das einst der Mindener Lehrmeister ihm mitgegeben:

„Quem pastores laudavere!“

Er las es mit heftig klopfendem Herzen und begriff nicht, wie er es so lange hatte vergessen können. Der Zauber der schlichten heiligen Worte strömte auf ihn ein wie Orgeltöne und verdrängte mit unwiderstehlicher Macht alle weltlichen Gedan- ken und Sorgen. Der Duft des Tannenbaums wehte zu ihm hin, und mit ihm stand der fromme Kinderglaube wieder auf. Die Feueraugen senkten sich auf das Blatt, das in so rührender Weise die Menschheit an das beglückendste Fest der Erde er­innerte. Eine weihevolle Stimmung, wie er sie noch nie empfunden, kam über Herz und Sinn, und zugleich eine tiefe Sehnsucht nach einer Weih­nachtsfeier in jenem kleinen Hause zu Füßen des ehrwürdigen Mindener Gotteshauses, das frommer Glaube einst erbaut. Und Empfindung und Ver­langen gestalteten sich, als er au seinen Flügel trat, zu ernsten Accorden und Tönen, zu einem wunderbar schönen Thema in der Weise der alten frommen Kirchenmeister, mit denen ihn damals der alte Domorganist bekannt gemacht. Der Morgen schaute schon mit trüben kalten Augen in die Fen- ster, als Prinz Louis Ferdinand die Hände von den Tasten nahm: die Arbeit war vollendet.