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J\3 279.

Freitag, den 4. Dezember

1885.

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* Die Auflösung des Reichstages scheint beabsichtigt. Unter diesem Gesichtspunkte sind die koloffalen Mehrforderungen, die entschie­dene Abweisung der Missionsthätigkeit der vertrie­benen Orden und besonders die Angriffe des Reichs­kanzlers auf das Centrum zu betrachten. Eines der wichtigsten Symptome in dieser Richtung ist auch die neueste kaiserliche Botschaft, worin die beabsichtigte Interpellation über die Ausweisungen als ein unstatthafter, verfaffungswidriger Eingriff in die Rechte der preußischen Bundeshoheit zurück- gewiesen wird. Die Verlesung einer kaiserlichen Botschaft ist ein feierlicher Akt, der nur bei den wichtigsten Anlässen vorgenommen werden dürfte. Die Nation vernimmt solche Worte mit jenem Ernst, der sich auch im Reichstage bei der Ver­lesung der Bolschaft zeigte. Allein eine Botschaft aus einem Anlaß, der in keinem Verhältniß zu der Bedeutung einer Botschaft steht, heißt mit Kanonen nach Spatzen schießen. Niemanoem der Interpellanten, ganz gewiß nicht dem Centrum, ist es eingefallen, die Hoheitsrechte der Krone Preußens anzutasten. Der Artikel 4 der Reichs- verfaffung übergibt der Beaufsichtigung des Reichs und der Gesetzgebung desselben (dazu gehört der Reichstag) u.A. die Bestimmungen über Freizügigkeit, Heimaths- und Niederlassungsverhältnisse, Fremden­polizei u. s. w. Niemand hätte daher eine Bot­schaft in solcher Sache für möglich gehalten. Wie nachträglich bekannt wird, vereinbarte das preußische Ministerium in vertraulicher Berathung, also ohne Hinzuziehung eines Protokollführers, diese kaiserliche Botschaft, welche der Kaiser nach längerer Conferenz mit dem Fürsten Bismarck vollzog. Man sucht unwill­kürlich nach äußeren Gründen hiefür und vermulhet, daß Bismarcks Verhalten in der Missionssache in ge- wiffen Kreisen sehr verstimmt habe uns daß sein aufge- bäuschtes Einschreiten für die ,,preußischen Hoheits­rechte" auch den Zweck verfolge, jene Mißstimmung zu beseitigen. Ein Reichskanzler — und dieser allem trägt durch die Gegenzeichnung des Schrift­stückes dafür die Verantwortlichkeit, — der mit dem gegenwärtigen Reichstage wirthschaften will, sagt man sich angesichts solcher Vockommniffe, würde dem Reichstage und dessen ausschlaggeben­der Partei nicht in der Weise entgegentreten. Der erste Vorbote des Auflösungssturmes lag schon in den kolossalen Mehrforderungen des Reichsetats.

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■rr Auf geheimnißvollerr Wegen.

Roman von I. Kohenfetb. (68

Gilbert verneigte sich vor dem erregten, alten Mann und erwiederte mit Ruhe: „Verzeihen Sie, Herr Marquis, wenn Ihrem Wunsche scheinbar nicht sogleich Folge gegeben wurde. Sie werden Fräulein Alvarez binnen wenigen Minuten sehen, doch zuvor gestatten Sie mir, daß ich Ihnen Auf­klärung gebe über den Vorfall dieser Nacht."

Der Marquis machte eine ungeduldige Bewe­gung mit der Hand und Gilbert fuhrt fort: „Ich war am Abend in meinem Segelboot hinausge­fahren auf die Seine, wie ich das häufig zu lhun pflege, und der Wind hielt mein Schiff an dem diesseitigen User. So wollte es der Zufall, daß ich einem gefängnißarLigen Hause nahe kam, das auf einem niedrigen Plateau dem Ablershorst ge­genüber liegt. In Sinnen versunken saß ich im Nachen und blickte in die klare Fluth. in welcher sich das Mondlicht.wiederspiegelre. Da mit einem Male flatterte ein Tuch neben meinem Boot in's Wasser. Ich griff darnach. Es mußte vom Strande herübergeweht sein. Ich blickte forschend umher und entdeckte plötzlich an einem Fenster de»

Wenn die Regierung zur Zeit eines hohen De­fizits im Reich und in den Einzelstaaten nach Be­willigung ganz bedeutender Zoll - und Steuer­erhöhungen, angesichts der Volksklagen über Steuer- überbürdung in einem Moment, wo Sparsamkeit Pflicht scheint, mit so kolossalen Mehrforderungen, besonders für Militär und Marine an den Reichs­tag herantritt, so ist das ein Zeichen, daß sie entweder dem Reichstage ein Abgehen von den doch im Vorjahre deutlich genug ausgesprochenen Sparsamkeitsgrundsätzen zutraut, oder die Ableh­nung der Posten ins Auge faßt. Das erstere ist ausgeschlossen, und daß die Regierung das zweite in Rechnung zieht, beweist die Haltung des Reichs­kanzlers. Indessen sollte der Kanzler etwa er­warten, daß die Centrumswäh.er gegen ihre Er­wählten eingenommen werden können, so täuscht er sich. Im Gegegentheil werden schon an verschiedenen Orten Dankadressen für das energische Eintreten des Centrums in der Missionsfrage in Erwägung gezogen. Das Volk sieht Tag für Tag, wie die Thatsachen deni Centrum Recht, der Bismarck'schen Politik aber Unrecht geben. Seine Freihändlerpolitik, die vom Centrum längst beklagt war, mußte erst durch den wirthschaftlichen Ruin verurtheilt werden, ehe er sich zum Schutzzoll entschloß. Der Kulturkainpf mußte erst durch schreckliche Ziffern der Kriminal­statistik und durch Attentate in seinem wahren Lichte erscheinen, ehe die allerschlimmsten Folgen der kirchenpolitischen Gesetze beseitigt wurden, und so geben die Thatsachen dem Centrum auf allen Gebieten, dem der Sozialpolitik u s. w. Recht. Wer Fehler zu bessern und die Existenzbedingungen der Monarchie zu sichern hat, das ist nicht das Centrum, das ist die Regierung! Die Centrums- partei hat nie die Rechte einer Religionsgenossen­schaft angetastet, nie die Reichs- und Landesver­fassung angegriffen ober verstümmelt, sie hat jedes Recht, unbekümmert, ob es ihr bequem oder un­bequem war, geachtet. Die Angriffe auf das Cen­trum verfangen beim Volke nicht. Angesichts der Zeichen der Zeit kann man aber den Wählern nicht laut genug zurufen: „Haltet die Augen offen, den Muth rege und die Agitation für „Wahrheit, Recht und Freiheit" wach!"

soeben erwähnten Hauses ein menschliches Wesen, welches mir offenbar zuwinkte und mir ein Zeichen zu geben bemüht schien, daß es sich in Noth be­fände. Ich steuerte an's Ufer, eilte den Felsen hinan, erreichte das Haus, erstieg eine Leiter, die bis an jenes Fenster reichte unb erkannte hinter den Fensterbalken, in diesem elenden Hause — Ihre Nichte, Fräulein Giralda!"

„Sie erkannten sie, sagen Sie?" unterbrach ihn der Marquis mißtrauisch. „Sie konnten sie unmöglich jemals vorher gesehen haben."

„Und doch war es der Fall!" versetzte Gilbert lächelnd. Ein glücklicher Zufall führte mich bereits gestern Morgen der jungen Dame als Retter aus schwerer Bedrängnrß in den Weg, als ihr Spazierritt in dieser Gegend durch den Zusammen­sturz einer Brücke unterbrochen wurde und sie selbst dadurch in die Gefahr gerieth, in die Wellen des Flusses zu stürzen. Es gelang mir, sie zu retten, wie das zweite Mal aus den Händen ihrer Feinde."

„Ihrer Feinde? Giralda hätte Feinde?"

«Ja, Herr Marquis, Giralda besitzt Feinde, die sie in jenes Haus brachten, wo sie einsam ihr Leben vertrauern sollte dis sie sich den Wünschen des Grafen von Lamartin fügen würde —"

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Dezember.

* Wie die ,Erml. Ztg.' berichtet, sind alle vom Domkapitel vorgejchlagenen Kandidaten bei der Staatsregierung genehm und ist kein Grund für eine Ablehnung vorhanden gewesen. Sonach erledigt sich die Wahl ohne jeden Zwischenfall. Erzbischof Dr. Krem en tz verläßt am 10. Dez. seine Diözese. Die Abfahrt vom Bahnhof Brauns­berg erfolgt nut dem Vormiltagskourierzuge. Die Inthronisation des neuen Erzbischofs findet am 15. d. M. in Köln statt.

** Der Reichstag setzte heute die Berathung der Arbeiterschutzanträge fort. Abg. Dc. Lieber nannte die Enquete über die Sonntagsruhe ten* dentiös und zweckwidrig und führte Beschwerde über die Abneigung des Reichskanzlers, auf die Arbeiterschutzfragen einzugehen, die viel wichtiger seien, als oie Versicherungen. Unter dem Mangels an Arbeiterschutz gehe die Wehrkraft zurück und' nehme die Kriminalität zu. Staatssekretär von Bötticher erklärte die Bereitwilligkeit der Regie­rungen und des Reichskanzlers, in eine gründliche Prüfung der Anträge einzutreten und am Zustande­kommen eines den Intentionen des Hauses wie den wirthschaftlichen Bedürfnissen entsprechenden Gesetzes ernstlich mitzuwirken. Die Enquete sei vollständig tendenzlos. Der Kommission werde eine Zusam­menstellung aller in Deutschland bestehenden Vor­schriften über Arbeiterschutz zugehen, woraus er­sichtlich sein werde, daß es in Bezug auf die Sonntags-Arbeit in Deutschland doch nicht so schlimm sei, als die Antragsteller voraussetzten. Bezüglich des Maximalarbeitstages ständen die Re­gierungen nicht auf Dr. Liebec's Standpunkte. Abg. Lohren (Reichsp.) befürwortete das Verbot der Nacht- und Sonntagsarbeit der Frauen. Abg. Hitze (Centr.) endlich vertrat die Anträge auf Ein­führung einer Maximalarbeitszeit, sowie auf Ein­schränkung der Sonntags-, Frauen- und Kinder­arbeit. Darauf wurde die Weiterberalhung auf morgen vertagt. Außerdem Etat.

* Die Kommission für das Viehs euch en g e« setz brachte heute die Generaldiskussion zum Ab­schluß. Auch heute sprachen sich sämmtliche Mit­glieder der Kommission ablehnend gegen den Entwurf aus, hauptsächlich deshalb, weil keine Er­fahrungen und kein statistisches Material vorliegen,

„Des Grafen von Lamartin — er brachte sie dorthin!" rief der Marquis aus. „O, weshalb sagte es mir keine Ahnung!"

„Graf Lamartin begehrte Fräulein Giralda zu seiner Gattin. Sie schlug seine Werbung aus, und um sich zu rächen und sie zu zwingen, den­noch die Seine zu werden, brachte er sie nach diesem einsamen GefängNiß, dessen Hüter ihm er­geben sind mit Leib und Seele. Ein gütiges Ge­schick ließ mich seinen Schurkenplan vereiteln und sein armes Opfer befreien. Mit Hilfe dreier Fischer, deren Boot gerade in die Bucht einlief, erzwang ich mir den Eintritt in das Haus, be­freite Fräulein Giralda aus ihrem Kerker und brachte sie in meinem Boot hierher, wo ich sie unter die Obhut der braven Madame Toussaint gab, welche ihr rieth, da sie sehr angegriffen war, die Nacht hier zu bleiben und einen Boten an Sie, Herr Marquis abzuschicken. Und nun Sie Alles wissen, gestatten Sie mir, daß ich meine junge Schutzbefohlene von ihrer Ankunft benachrichtigen lasse."

Er trat an den Glockenzug und gab einem Diener Befehl, Fräulein Giralda in den Salon zu bitten.

„Herr Herzog," hob der Maiqui», als nun