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Sonnabend, den 28. November
1885.
Wtihnnchts-Anzelgtr.
Beilage zur »Fuldaer Zeitung'.
Der nächste »Weihnachts-Anzeiger', welcher am 5. Dezember erscheint, wird nicht allein der.Fuldaer Zeitung , sonder« auch der Gesammt-Auflage des »Bonifatiusboten' in ca. 5000 Exemplaren beiaeleat werden, weshalb totr bitten, uns tnt Lause der nächsten Tage weitere Inserate gefälligst zngehen zu lassen.
Die für den ,Weihnachts-Anzeiger' bestimmten Inserate werden mit nur IO Pfennig per Zeile berechnet «nd wird bei wiederholter Aufnahme entsprechender Rabatt bewilligt.
Eine Weihnachtsarbeit.
Von Elise Polka.
„Quem pastores laudavere.“ e^emat6 ^aS Schloß Wittekinds, des Sachsenherzogs gestanden, erhebt sich , der uralte Dom von Minden. Stolz
und vornehm erscheint der Bau, aus gewaltigen Quadern zusammengesetzt, auf einem polirten Grunde. Das berrliche Gewölbe stützt sich auf zehn mächtige Säulen und wurde, nachdem der erste Dom durch eine ungeheuere Feuersbrunst zerstört worden, im Jahre 1072 von dem Mindener Bischof Engelbert feierlich eingeweiht.
Auf dem Domplatz stehen alte Linden und schauen 1 hinein in die Fenster mit dem edlen Maßwerk, und seitwärts am Eingang mit seiner herrlichen Rose lagen allerlei kleine Häuser — wohl noch bis vor einigen 30 Jahren — in derem letztem, nahe dem Kreuzgang, der jedesmalige Domorgamst sein Heim aufschlug.
Sie bilden eine stattliche Liste, diese Cantoren, und Einer ist darunter — Christian Gottlieb Schröter, geb. 1699 zu Hohenstein in Sachsen, i den man als den eigentlichen Elfinder des Ham- metklaviers bezeichnet. — Zu allen Zeiten haben sie da in ihren engen Stübchen, im Schalten des mächtigen Gotteshauses, still und eifrig Fugen und Präludien gesetzt, und diese ernsten Tonräuine sind dann lebendig geworden auf der alten Orgel in der Domkirche, aber ob die Beter sonderlich darauf | geachtet, steht nirgends geschrieben. Ein alter Brauch war es jedoch, daß in jeder Weihnachtsmette der Cantor irgend einen neuen Satz zu form- ! gen hatte, gleichviel ob ein Chorstück für einen | Knaben oder Männerchor, oder einen Orgelsatz. | Wenn nur einer viele Jahre lang auf seinem Posten blieb, mochte es wohl keine leichte Aufgabe sein, Jahr aus Jahr ein zu diesem bestimmten hohen Festtage eine ganz neue originelle Arbeit einzubringen, und die Weihnachts-Kompositionen der Mindener Cantoren bildeten wohl in der Dombibliothek allmählich einen Berg, so daß man sich endlich entschloß, den größten Theil der aufgehäuften Schätze zu verbrennen. Ob viel Unersetzliches dabei zu Grunde gegangen, weiß Niemand.
Im Sommer des Jahres 1803 war es, als jener wunderbare Prinz, desien Gestalt von den Ranken und Blüthen der Sage umsponnen erscheint, wie keine andere der neuern Geschichte, Louis Ferdinand von Preußen, in einem alten Schlößchen Quartier genommen, etwa zwei Stunden Weges entfernt von Minden an der Weser, das in den alten Chroniken als eine gute Wehr- und Waffenstadt eingezeichnet steht. Der Volksmund nannte den Bau bis auf den heutigen Tag „Haus Himmelreich", obgleich ein gar räuberischer und händelsüchtiger Ritter Gollo im 16. Jahrhundert das Haus aufgerichtet und arg eben dort gewüthet hatte zum Schrecken der ganzen Gegend.
Als der junge schöne Märchenprinz dort einzog — Niemand wußte eigentlich recht, warum — obgleich man Vielerlei munkelte von einer plötzlich nolhwendig gewordenen Jnspicirung westfälischer Regimenter und — von einer heimlichen Snaf- verbannung in Folge eines allzu regellosen Lebens in der Residenz — da gab nur noch ein finsterer
*) Nachdruck verboten.
alter Thurm, überspannen von Epheu, von dem ehemaligen Raubnest Kunde und ein paar uralte Eichenbäume in dem wilden Garten.
An dem Hause selbst hatte man so viel herum- geflickt, daß es wenig mehr von den Räumen behalten hatte, die einst der Ritter Gollo bewohnt, und aus den Fenstern des ersten Stockwerks, das Louis Ferdinand bewohnte, trat man durch eine Glasthür gleich in die Welt der Kletterrosen und rauschenden Heimbuchen ein, und das war ihm das Liebste. - Da hörte er ja gleich in aller Morgenfrühe die Vögel schlagen, und der Duft des frischen Grüns und der Sommerblumen, die dort wachsen und blühen durften, wie sie eben Lust hatten, durchwehte alle Räume. Fast in jedem Zimmer des königlichen Einsiedlers stand ein Klavier — man hatte nicht weniger als sechs Stück hineingeschafft, zum Staunen der Landbevölkerung, da wanderte denn der Prinz von einem zum andern, wie cs ihm gerade gefiel und überließ sich seinen Phantasien, denn er war ein hochbegabter Schüler seines Lehrmeisters Duffek, ein glänzender Klavierspieler, und Niemand von den Herren seines Gefolges durfte ihn dann in seinen Tonltäu- mereien stören. Zu anderen Stunden wiederum ließ er sich sein Pferd vorführeu zu einem scharfen Ritt nach Minden, oft mit Linen Begleitern zu militärischen Hebungen, wo er dann nur a s erster Soldat seines Königs erschien — oft ganz allein; wo er in der alten Stadt umherstreiste. — Da geschah cs denn eines Tages, als schon der Abend seine ersten Schatten warf, daß er über den Domplatz schritt und gedankenvoll aufschaute zu dem ernsten Gotteshause. Drinnen aber wurde eben die Orgel gespielt und die Töne wogten hin und her, als wollten sie die Mauern auseinander drücken, und an den alten Linden da draußen regte sich kein Blatt, als ob sie athemlos lauschten. Langsam trat Lotus Ferdinand in das Gotteshaus. Der weite Raum war menschenleer, oben an der Orgel saß der alte Cantor. Eine durchsichtige Dämmerung herrschte. — Der Prinz nahm in einer Bank Platz, seltsam ergriffen. Wie weit ab lag die bunte Welt, in der er bis zur Stunde gelebt, von diesem heiligen Zufluchtsort! Ein Gefühl der Wehmuth und zugleich des Friedens kam üb r ihn — es war, als ob die Seele auf jenen mächtigen reinen Tönen, die da von oben herab herniederströmten, dahin schwimmen dürfe, weit und immer weiter — bis in's Meer der Ewigkeit. Wie aus einem langen schönen Traume fuhr der Einsame endlich auf, als die Orgel verstummte — — ein alter Mann glitt bald darauf bescheiden grüßend an ihm vorüber.
„Wart Ihr es, der da gespielt," sagte der Prinz und streckte unwillkürlich die Hand ans, „so danke ich Euch von Herzen — es war eine herrliche Stunde, die Ihr mir mit Eurem Spiel geschenkt!"
„Da müßt Ihr dem alten Palästrina danken, junger Herr, denn seine Weisen waren es, in die ich mich vertieft hatte", lautete die freundliche Antwort, und ein paar milde, tiefe Augen begegneten dem Blick Louis Ferdinand's. „Ihr scheint etwas von der Musik zu verstehen, denn nicht vielen Leuten geht die stolze feierliche Herrlichkeit des italienischen Meisters so auf, daß sie sich daran erbauen."
„Ja, ick spiele ein Wenig, und würde gern mich auch im Orgelspiel noch üben. W.nn Ihr ein paar Stunden Zeit für mich hättet, so würde ich ein paar Mal wöchentlich herüberkommen, mit Euch
die alten Kirchenmeister zu studiren und Euer dankbarer und gehorsamer Schüler werden."
„Wenn'S Euch Ernst ist, so kommt nur, ich bin allez ut daheim in meinem kleinen Hause drüben, das jedes Kind kennt, oder hier an meiner Orgel. Auf Wiedersehen also!"
Der alte Herr nickte noch einmal freundlich und ging.
In tiefes Sinnen verloren folgte ihm Louis Ferdinand, und als er später nach Hans Himmelreich zurückritt, war es hie Erinnerung an die Weisen des Palästrina, die ihn verfolgte, und die Hoffnung auf ein ernstes Studium mit dem Domkantor von Minden.
Und sie wurde nicht getäuscht diese Hoffnung.
Es war aber ein wunderlicher alter Einsiedler, der damalige Domorganist zu Minden. Nach den erwachsenen Menschen fragte er nicht viel, Weib und Kind hatte er nie besessen, aber den Kindern und den Vöglein standen die Thore seines Herzens und die Thüren und Fenster seines Hauses weit offen, für sie sorgte er nach Kräften Jahr aus Jahr ein, und kein Bittender in Gestalt eines Kindes oder Vogels wurde jemals von ihm abgewiesen. Sein winziges Gärtchen war nichts als eine Futterstation für die Bewohner der Lüfte, und seine Feststunden waren während des ganzen Jahres die Vorbereitungen zum Weihnachtsabend, wo er allen armen Kindern, die ihm in den Weg liefen, einen Christbaum und eine Weihnachtskrippe bescheerte, sie mit allerlei nützlichen Dingen beschenkte und sie dann in den Dom zur Christmette bestellte, wo er ihnen dann mit all' den anderen Betern die neue Weihnachtskomposition vorspielte. Man erzählte, daß während seines Orgelspiels zu allen Jahreszeiten, nach der Frühmesse oder in den Abendstunden, im Schatten der Linden die Vogelschaar, die dort lärmend zu Hausen pflegte, sich ganz lautlos aneinander drängte, und daß die Kinder sich in die Kirche schlichen und regungslos lauschten, bis der letzte Ton verhallt war. Wenn der Domorga- nist spazieren ging hinaus auf die Straße, vor das Thor, das nach der Porta führte, und seinen Lieblingsweg längs der Weser hin verfolgte — da griff seine Hand gar oft in die Tasche, um Futterkörner auszustreuen, und für die Kinder, die auf ihn zuliefen und sich an feinen Rock hingen — Kinder und Thiere suhlen ja so deutlich, wer sie liebt — sand sich auch immer irgend etwas in den tiefen merkwürdigen Taschen, in denen so Vieles Platz hatte, daß seine jungen Freunde sich nicht gewundert haben würden, wenn er Wagen und Pferde herausgezogen hätte, da Weißdrod, Obst, Sterne aus Goldpapier, kleine hölzerne Thiere, Püppchen, Kreisel, Kugeln u. s. w. von ihm ver- theclt wurden. Die Hauptfreude war aber für den alten Herrn der Ausputz der Krippe, des Weihnachtsgättchens und des Tannenbaums, die in jedem Jahre in anderer Gestalt erschienen. Wenn er am heiligen Abend die Kinder fortgeschickt hatte, satt und glückselig, dann streute er in Mafien Vogelfutter aller Art aus, und hing überall Speck- streifen auf für die Meisen. Mit diesem Fest beschäftigte er sich dann schon wieder, wenn es kaum vorüber, und als Louis Ferdinand ihm den ersten Besuch als künftiger Schüler ankündigte, fand er ihn zwischen Gold- und Silberpapier eifrig beschäftigt, den heiligen Joseph zurecht zu stutzen und die heiligen drei Könige frisch anzukleiden.
(Schluß folgt.)