274.
Sonnabend, den 28. November
1885.
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Deutsches Reich.
Berlin, 27. November.
* Die Präsidenten des Reichstages, dis heute vom Kaiser empfangen wurden, fanden denselben verhältnißmäßig wohl aussehend, doch muß er mit Rücksicht auf das Wetter sich noch die Ausfahrten und die Theilnahme an den Jagden versagen.
* Die .Norddeutsche' theilt mit, der Kaiser habe sofort nach Empfang der schmerzlichen Nachricht vom Tode des Königs Alfons den General Grafen Lehndorff zum spanischen Gesandten geschickt, um demselben die allerhöchste Theilnahme ausspcechen zu lassen. Der Kronprinz habe dem Grafen und der Gräfin Benomar persönlich einen Beileidsbesuch gemacht und auch der Reichskanzler hat sich gestern selbst zum Grafen Benomar begeben.
— Es heißt, daß Fürst Bismarck morgen im Reichstage erscheinen und selbst die Interpellation Windthorst über die Zulassung katholischer Missionäre in den Kolonien beantworten werde.
* Die Ausweis ungs- Interpellation ist jetzt beim Reichstage eingegangen. Sie lautet: In den letzten Monaten wurden viele Tausende von fremden Unterthanen, namentlich aus den östlichen Provinzen des preußischen Staates, ausgewiesen oder für die nächste Zukunft damit bedroht. Wir richten an die Reichsregierung die Anfrage, ob diese Thatsache und ihre Begründung zu ihrer Kenntniß gelangt ist, und ob dieselbe bereits Schritte gethan hat oder noch zu thun beabsichtigt, um der weiteren Durchführung der verhängten Maßregel entgegen zu wirken. Berlin, den 26. November 1885. (Folgen zahlreiche Unterschriften.)
* Dem Vernehmen nach dürfte die Zucker-, st euer-Novelle in den ersten Tagen der künftigen Woche dem Bundesrathe zugehen. Die kurze Verzögerung, welche die Einbringung des Gesetzentwurfs erfahren hat, findet in der ernsteren Erkrankung des Referenten, Geheimrath Boccius, vortragenden Rathes im Reichsschatzamte, ihre Begründung. Inzwischen ist ein anderer Beamter mit der Fertigstellung der Novelle betraut worden. — Das Postsparkassen-Gesetz soll dem Reichstage nicht wieder vorgelegt werden.
* Der Fiskus hat schon wieder einen Diätenprozeß, den fünften, verloren. Auch das Landgericht zu Tilsit hat eine Diätenklage gegen den früheren Reichstagsabgeordneten Hauptmann a. D. Wander abgewiesen.
* Köln, 27. Nov. Das erzbischöfliche Palais wurde von Seiten der kgl. Staatsregierung dem Domcapitel für den hochwürdigsten Hrn. Erzbischof von Köln übergeben.
* Bonn, 26. Nov. Die katholische Volkspartei beabsichtigt demnächst im Stadtrath den Antrag zu stellen, die hiesige Friedhosskapelle, welche zur Zeit den Altkatholiken zum Gebrauch überwiesen worden ist, wieder der katholischen Gemeinde zurückzugeben. Von einer thatsächlichen Benutzung durch die Altkatholiken konnte schon seit langer Zeit kaum mehr etwas bemerkt werden.
* Merseburg, 26. Nov. Der Landtag der Provinz Sachsen stimmte einer Vorlage zur Errichtung von Gewerbekammern, zunächst auf zwei Jahr, zu.
* München, 27. Nov. Pruiz Ludwig Ferdinand von Bayern nebst Gemahlin Maria della Paz, sind heute Nacht nach Madrid abgereist.
Ausland.
• Wien, 26. Nov. Aus der spanischen Hauptstadt traf gestern hier die betrübende Nachricht von dem Tode des jungen Königs Alfonso ein
und wird damit auch das österreichische Kaiserhaus in Trauer versetzt. Es ist der verblichene, erst 28jährige König den Wienern wohl bekannt, da er ja seine Erziehung in der hiesigen theresianischen Ritterakademie genoß und ist er auch als Gemahl einer österreichischen Prinzessin und zwar der an- muthigen Erzherzogin Marie Christine, Tochter des f Erzherzogs Karl Ferdinand, unserem Kaiserhause nahe verwandt. Von den reichsten Segenswünschen begleitet, zog diese Prinzessin vor 5 Jahren nach Madrid, um am 29. Nov. 187) dem Könige Alfonso von Spanien die Hand zu reichen und nun nach öjähriger glücklicher Ehe raubte der Todesengel ihr den Gemahl, sie allein auf den von Stürmen umbrausten Throne zurücklassend. Die junge Erzherzogin ist jetzt nach Verfassung und Gesetz Regentin von Spanien und der Ministerrath hat sie als solche auch proclamirt. Bei den ganz unberechenbaren Verhältnissen in Spanien läßt sich aber das weitere Schicksal der Krone nicht bestimmen. Nicht ohne Sorge blicken heute die Bewohner des Habsburger Staat s nach der Pyrenäenhalbinsel und bangen um das Schicksal der Sprossin unseres Herrscherhauses. Möge die Vorsehung günstig über sie walten und es ihr ermöglichen, das Staatsschiff sicher durch die brandenden Wogen aufgeregter Parteileidenschaften zu leiten!
* Die unerwartete Wendung am serbisch-bulgarischen Kriegsschauplätze hat in hiesigen Finanzkreisen, wo man sich für Serbien sehr engagirte, selbstverständlich peinlich berührt und auch die liberale Presse ist sichtlich deprimirt. Im auswärtigen Amte dagegen hat man von Anfang an auf keine lange Dauer des Krieges gerechnet und eine baldige Erschöpfung der beiden Balkanstaaten angenommen. Diese ist nun eingetreten und ermöglichte, einen Hochdruck der Mächte auf Abschließung eines Waffenstillstandes auszuüben. Oesterreich geht Hand in Hand mit Deutschland und Rußland und haben die von der englischen Presse ausgehenden Versuche, das Einvernehmen Oesterreichs mit Rußland zu stören und künstliche Gegensätze herbeizuführen, nicht den leisesten Erfolg gehabt. Man hält hier an der Ansicht fest, daß es sowohl in Serbien wie in Bulgarien völlig beim Alten bleiben und Serbien mit der Zahlung einer Kriegsentschädigung davoukommen werde. Eine Gefährdung des Thrones Königs Milan ist nicht zu befürchten. — Der Krieg hat trotz seiner kurzen Dauer leider viele Opfer an Todten und Verwundeten gefordert und bei den mangelhaften Sanitätseinrichtungen in Serbien und Bulgarien ist der Zustand der Verwundeten ein trostloser. Die aus Belgrad hierher gekommenen Hilfegesuche haben ein menschenfreundliches Ohr gefunden und sind sowohl vom deutschen Ritterorden, als vom Vereine des Rothen Kreuzes Aerzte und Wärter mit Sanitätsmaterial abgesandt worden. Es ist das einfache Christenpflicht und der hat man hier sehr gerne entsprochen.
* Sofia, 27. Nov. Die Bulgaren überschritten am 26. Nov. Nachmittags um 1 Uhr die serbische Grenze. Das Gros der bulgarischen Armee, mit dem Fürsten an der Spitze, rückte in der Ebene bis 5 Kilometer von Pirol vor. Die Serben hatten Tags vorher die Positionen bei Grindol, im Centrum, verlassen, wobei einige kleine Gefechte auf dem rechten und linken Flügel stattfanden. Die Serben stellten alsdann vor Pirot auf den die Stadt beherrschenden Höhen mehrere Batterien und den größeren Theil ihrer Streitkräfte auf. Hier wurden nun die Serben angegriffen. Die Bulgaren nahmen nach hartnäckigem Kampfe gegen 6 Uhr die Position links von Pirot. Die Dunkelheit beendete den Kampf.
* Die Lage in Spanien wird allgemein als sehr ernst angesehen. In Madrid selbst befürchtet man Unruhen. Königin Maria Christina, die jetzige Regentin, wird für die fünfjährige Prinzessin Mercedes (geb. 11. September 1880), die Regentschaft nur vorläufig führen können, da die Königin-Wittwe guter Hoffnung ist und obendrein die Cortes bei der Wahl der Regentschaft und der Vormundschaft eine Stimme haben. Ob es der Tochter des Erzherzogs Karl Ferdinand von Oesterreich gelingen wird, bis zur Großjährigkeit ihrer unmündigen Kinder die Regentschaft zu führen, erscheint mindestens fraglich. Die Einsetzung eines liberalen Ministeriums ist nur ein Versuch, die Oppositionsparteien zu beruhigen. Er kann nur gelingen, wenn die Konservativen — die Carlisten müssen im vorhinein ausgenommen werden — angesichts der schwierigen Lage zu Gunsten der Liberalen nachgeben.
— Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß in dem Augenblicke, wo mitten aus der Entwickelung der alfonsistischen Monarchie heraus der Träger derselben vom Tode hinweggerafft wird, von dem Schauplatze des Lebens auch der Mann verschwindet, dessen Wirksamkeit mit den Schicksalen der spanischen Monarchie enge verknüpft war. Es ist leicht möglich, daß die Aufregung über den Tod Alfonso's die Auflösung des alten und kranken Marschalls Serr an o, auf dessen Ende man schon vor drei Wochen wartete, beschleunigt hat.
* lieber die letzten Augenblicke Alfonso's XII. wird französischen Blättern noch Folgendes berichtet:
Bald nach dem Auftreten der besorgnißerrcgenden Erstickungsanfälle hatte sich die gesammte königliche Familie, die Königin Christina, die Königin-Mutter Isabella, seine Schwester, die Infantin Eulalia, sein Secretair, Graf Morphy, General Blanco und die Hofärzte Santero und Camison am Sterbebette des Königs versammelt. Der h. Vater, telegraphisch von dem gefährlichen Verlaufe der Krankheit benachrichtigt, sandte dem Könige seinen Segen in articulo mortis. Der Bischof von Madrid, welcher sich bereits den ganzen Tag im Pardo befand, und der Cardinal-Primas, welchem der König beichtete, spendeten ihrem sterbenden Herrscher die heiligen Sterbesacramente. Der König wurde immer schwächer und etwas vor 9 Uhr starb er in den Armen seiner Gemahlin, die an den beiden letzten Tagen nicht von seinem Lager gewichen war, sanft, ruhig und ergeben. — Einige Minuten später traf Canooas del Castillo ein, der auf die Nachricht vom Tode des Königs der Königin-Wittwe sofort seine und des Ministeriums Entlassung gab.
* London, 27. Nov. Wahlresulat bis jetzt: 119 Konservative, 116 Liberale, 12 irisch-Natio- nale. Die Konservativen gewannen 73, die Liberalen 29 Sitze.
Aus Stabt, provinj und Nachbargebiet.
Fulda, 28. November.
* Zu unsermBedauern mußten wir heute das Feuilleton ausfallen lassen, da noch in letzter Stunde mehrere Anzeigen einliefen, welche den Raum des Blattes in Anspruch nahmen. Wir werden unsere Leser für den Ausfall in der nächsten Nummer durch eine um so größere Fortsetzung des Romans entschädigen.
* Den Haushaltungsvorständen wurden die der Volkszählung dienenden Formulare bereits eingehändigt und sind dieselben zur Abholung am 1. Dezember Mittags bereit zu halten. Um das Geschäft der Zählung einigermaßen zu erleichtern, wolle der betreff. Haushaltungsvorstand die in die Zählungsbogen einzutragenden Notizen vorher sich zurecht legen, damit der Zähler nicht zu lange aufgehalten wird. Einzutragen sind: Vor- und Zunamen der anwesenden Personen, deren Geschlecht, die Stellung zum Haushaltungsvorstand (ob Ehefrau, Sohn, Tochter, in Wohnung, Ver-