1885
Freitag, den 27. November
Fuldaer
L
Auf geheimnißvollen Wegen.
Roman von I. Dohenfeib.
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Letzterer lehnte in dem Divan mit dem Tigerfell, welcher in der Nähe des Kamins stand. Die Vorhänge waren herabgelasien; der ganze, kleine Raum war traulich und anheimelnd. Als Gabriele das Gemach betrat, breitete Armand seine Arme nach ihr aus und sie sank glückselig an seine Brust.
„Du hast Giralda gesehen und gesprochen?" fragte der Graf. „Bist Du meinem Onkel auch begegnet? Wie kam das?"
„Sie waren in Paris. Der Marquis hatte Giralda mitgenommen, um mit ihrer Hilfe die „Gräfin Alvarez" aufzufinden und mit derselben ein Arrangement betreffs ihrer Adoption zu treffen. Was ich Dir damals darüber schrieb, war nur das Nothwendigste, was Du wiffen mußtest, denn ich wollte dem Papier nicht so Wichtiges anvertrauen. Der Marquis de Vigny wollte mit ihr sämmtliche Theater besuchen, bis sie gefunden hatten, die sie suchten. Er begann mit dem Theatre frantzais, wo er eine Loge miethete, welche derjenigen meines Vaters gerade gegenüber«
liegt. Das Schicksal wollte, daß auch ich in Begleitung meines Vaters und des Grafen Eugen dasselbe Theater betuchte."
Der Graf holte tief Athem. „Dann sähet Ihr euch zuerst im Theater?" fragte er mit heiserer Stimme.
„Ja, unser Kind und der Marquis waren schon da, als wir kamen. Ich hatte soeben meinen Platz eingenommen, als Graf Eugen mir zuflüsterte, ob ick die junge Schönheit an der Seite des alten Marquis de Vigny schon bemerkt hätte. Ich setzte mein Fernglas au die Augen und blickte hinüber. Armand, es war unsere Tochter, welche ich in der Begleitung unseres Feindes erblickte! Unsere Augen trafen sich. Sie wurde bleich wie der Tod, sie hatte mich erkannt! Da, plötzlich die Gefahr erkennend, in der Du schwebtest, wurde ich ohnmächtig !"
Mein armes Weib! Es war ein furchtbarer Schlag für Dich!" flüsterte der Graf zärtlich. „Was folgte bann? Wurde etwas entdeckt?"
„Nichts! Ich ging sofort nach Hause. Ich war dem Wahnsinn nahe. Ich ging auf mein Ammer, wo bald darauf Giralda, welche das Theater gleich nach mir verlaffm hatte, sich anmeiden ließ. Das arme Kind war stumm vor Staunen, als sie meine
Identität mit der Comteffe Gabriele von Chatrois erkannte. Sie hatte Deine ganze Geschichte bereits von dem Marquis de Vigny gehört, natürlich von seinem Gesichtspunkte aus. Mein Gemahl, ich habe ihr Alles erzählt — Deine ungerechte Verbannung, unsere Hoffnungen, unsere Besürchtungen — Alles — sie weiß Alles!"
„Alles?" wiederholte der Graf. „Und was sagte sie?"
„Was konnte sie sagen? Ihr edles, kleines Herz quoll über von zärtlicher Sorge. Ich werde diesen Blick, den sie auf mich richtete, nie vergessen. Sie erzählte mir, daß der alte Marquis sie liebe und daß sie ihn wieder liebe. Sie bat mich, mit ihm heimkehreu zu dürfen, um für Dich bei ihm thätig fein zu können. Ich hegte die feste Zuversicht, Armand, daß Deine Rechtfertigung, wenn sie überhaupt je geschehen tarnt, durch Deine Tochter geschehen würde. Ich gab deshalb ihrem Wunsche nach und ließ sie wieder gehen."
„Aber der Marquis, hat er denn nicht darnach verlangt, Giralda's Eltern kennen zu lernen?" fragte der Graf nachdenklich.
„Ec hat ihre Mutter gesehen!" erwiderte die Comteffe geheimnißvoll. Und nun erzählte sie ihrem Gatten den Besuch, welchen sie in der Verkleidung
Deutsches Reich.
Berlin, 26. November.
* Die offizielle Anzeige von dem Ableben des Königs Alfonso XII. von Spanien ist nunmehr auch in Berlin eingetroffen. Der Berliner Hof legt eine dreiwöchige Trauer an. Im Auftrage Sr. Maj. des Kaisers begab sich heute der Generaladjutant Gras Lehndorf zum spanischen Gesandten Grafen Benomar, um diesem das Beileid des Kaisers auszusprechen. Gestern Abend hatte bereits der Kronprinz dem spanischen Gesandten einen Condolenchesuch gemacht.
* Das Centralcomits des Rothen Kreuzes entsandte den birigirenben Arzt des Lazarus-Krankenhauses, Dr. Langenbach nebst 4 Assistenzärzten unb 2 Schwestern mit Instrumenten und Medika- menten unb Verbanbmitteln nach Sofia. An das Comilo des serbischen Rothen Kreuzes ist eine sehr erhebliche Sendung an Verbandstoffen, Schie- nett, Decken unb Hemden nach Belgrad abgegangen.
*• Der Reichstag überwies heute die Anträge wegen Wiedereinführung der Berufung in Strafsachen und Entschädigung für unschuldig er« littene Straf- und Untersuchungshaft an eine befonbere Kommission von 20 Mitgliebern. Die Wiebereinführung ber Berufung würbe von ben Abgg. Dr. Reichensperger, Munckel (freit.), Dr. Grävenitz (Reichsp.), von Graeve (Pol.), Kayser (Soz.) unb Excellenz Dr. Windthorst befürwortet, von ben Abgg. Dr. Marquarbsen (nationallib.) unb Dr. Hartmann (kons.) aber bekämpft. Letztere empfehlen eine vollständige Revision des Gerichtsverfaffungsgesetzes und der Strasprszeßsrdnringdie erste Instanz soll mit ausreichenderen Garantien zur Sicherung treffender Urtheile umgeben werden. Dr. Marquardsen und Dr. Hartmann tonftatirten übrigens, baß ihre Fraktionen in ber Frage ber Berufung gespalten seien, währenb Dr. Grävenitz Namens ber Ge- sammtheit seiner, ber Reichspartei sprach. Der Gräf'sche Prozeß, wurde in ber Debatte insofern gestreift, als sich Dr. Hartmann für eine strickiere Durchführung des Ausschlusses ber Oeffentlichkeit bei gewissen Gerichtsverhandlungen, aussprach, während Kayser im Gegensatz dazu, weitestgehende Oeffentlichkeit wünschte. Dr. Windthorst erblickte in ben Diätenprozeffen ben Versuch, die Justiz zu politischen Zwecken zu benützen, wodurch das Rechts-
Ihm selbst hat sein Königthum den Frieden nicht gebracht. Schwere Entsagung legte ihm ferne Regierung auf, weil er, kaum Herrscher geworben, seine eigene Mutter abermals zum Verlassen des Landes drängen mußte. Schöner schien sich sein Geschick zu gestalten, als er sich mit der Tochter des Herzogs von Montpensier verband. Aber nach sechs Monaten starb die junge Königin eines plötzlichen Todes dahin. Schwermuth drohte seinen Geist zu umfangen. Die jugendliche Widerstandskraft des Körpers richtete den tief Gebeugten wreder auf. Er vermählte sich zum zweiten Male am 29. September 1879 mit der Erzherzogin Mana Christina von Oesterreich.
Alle Bemühungen des Königs, fein Land groß, reich und glücklich zu machen, mißlangen, nicht durch feine Schuld, sondern durch die Macht der Verhältniffe. Furchtbare Plagen kamen über das Land. Kaum hatten die Erdbeben aufgehört, so brach die Cholera im ganzen Lande aus. Bei all diesen Heimsuchungen sahen wir den König nach den Unglücksstätten eilen. Konnte fein heldenhaftes Beispiel das Volk zu lauter Begeisterung hm- reifjen, so war es ihm doch nickt möglich, seinem Volke Sympathieen für das einzuflößen, wozu er felbft Neigung empfand. Seine letzte Lebenszeit verbitterten ihm die politischen Schwankungen wie der Streit über die Karolinen, in welchem er nur burch feine persönliche Thatkraft einen nutzlosen Krieg verhinberte. ,
Was wirb nun geschehen? Königin Maria Christina ist verfasfungsgemäß Regentin. Sie hat bie Regierung bereits übernommen. Der Herzog von Montpensier wird ihr wahrscheinlich als Mit- regent beigegeben werden, es verlautet' auch, die älteste Tochter des verstorbenen Königs, Prinzessin Mercedes, solle unter der Vormundschaft der Königin« Wittwe zur Königin proclamirt werden. Das Mtni- steiium gab seine Entlassung; man glaubt indessen, daß die Minister so lange im Amte bleiben wer- ben, bis bie Cortes, beten Einberufung unverweilt bevorsteht, zusammengetreten fein werben. Die Wühlereien ber Republikaner finb offenbar, bte carlistifche Partei hegt neue Hoffnungen, bie Anarchie hält weite Kreise in ihr Netz verstrickt — Grund genug, zu glauben, baß mit König Alfonso auch ber Friede Spaniens gestorben sei.
cwTfit dem 1. Dezember eröffnen wir ein Monats-Abonnement auf die ,Fuldaer Zeitung' zum Abonnementspreise von 50 Psg. (ohne Bestellgeld). Bestellungen werden von den Postanstalten und den Landbriesträgern, sowie von unsern Stadtboten und der Expedition entgegengenommen.
König Alfons von Spanien f*
* Am Vorabende feines 28. Geburtstages ist König Alfonso von Spanien — geb. am 28. November 1857 — aus diesem Leben abberufen worden. Das in letzter Zeit schwer heimgesnchte Land sieht wiederum einem ungewissen Schicksal entgegen. Endlich schien es, als sei mit der Thronbesteigung Alfons XII. der schier endlos währende Zwist zur Ruhe gekommen. Königin Isabella mit ihrem im Kindesalter stehenden Sohne hatte zur Nachtzeit aus Spanien fliehen tnüffen, die Republik herrschte, aber eine republikanische Negierung nach der anderen machte Bankerott, bis Prinz Amadeo von Savoyen dasWagniß unternahm, Spanien beherrschen zu wollen, um nach kurzer, sorgenvoller Regierung und nachdem Mörder- Hand sein Leden bedroht batte, dem spanischen Volke die Krone wieder zurückzugeben. Aufs Neue entbrannte der Kampf, der Carlistenkrieg tobte im Norden, Sozialistenauf stände verwüsteten den Süden: die Republik war mit ihrer Weisheit fertig. Es erwachte noch einmal das dynastische Gefühl, die Anhänglichkeit an dasangestanimie Herrscherhaus. Man erinnerte sich des jungen Bourbonenfprosfes, der damals in Wien feine Ausbildung erhielt. Am 29. Dezember 1874 proklamirte General Martmez Campos den jugendlichen Sohu Isa- bellens zum Könige, am 30. Dezember erhoben ihn die Cortes auf den Thron, und das neue Jahr begrüßte den 17jährigen jungen Mann als König. Am 14. Januar 1875 hielt Alfonfo XII, von der Bevölkerung begeistert willkommen geheißen, feinen Einzug in Madrid. Schnell entschlossen stellte sich der junge König an die Spitze des Heeres, bie Nieberwerfung bes carlistifchen Auf- ftanbeS glückte ihm in kurzer Zeit. Mit dem neuen Könige war ber Friebe ins Land gezogen, ben er dem Lande zehn Jahre lang erhalten hat._______
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