270. Dienstag, den 24. November 1885.
£ie »Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich, Sonn- und Feiertag« aulgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischm Wochenbeilag« »Sterne und 8lumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Juserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
*W* Die Ereignisse am Balkan.
(Schluß.)
So bietet uns denn jetzt der Orient das sehr befremdliche Schauspiel, daß Rußland, Serbien und Griechenland auf Tod und Leben entschlossen sind, am Bestand der Türkei nicht rütteln zu lassen; daß sie im Gegentheil mit Acht und Aberacht denjenigen belegen, welcher dem Sultan auf die Hühneraugen tritt.
Uns scheint die Sache ganz anders zusammenzuhängen, die rumeliotische Revolution ist allerdings nicht ausgebrochen, ohne daß Rußland seine Hände im Spiel gehabt und wir zweifeln gar nicht, daß Rußland seine Revolutionäre auch schützen werde. Sehen wir ja doch, wie Alles dem Sultan Mäßigung anräth, damit ja den Rumelioten nicht zu viel geschieht, und die Türkei steht da, wie ein dummer Junge, hat 60 Bataillone an der Grenze ihrer eigenen Provinz und weiß nicht, ob sie in dieselbe einrücken soll. Wann ist es Rußland je eingefallen, auf die Rathschlägs einer europäischen Konferenz zu warten, wenn die Polen an Stelle des russischen den weißen Aoler aufpflanzten?
Aber die Revolution in Rumelien richtete sich gegen keinen anderen Menschen, als gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien. Das ist die Lösung des Räthsels. Im Anfang hat jener das nicht gemerkt, vielleicht hat man ihm sogar insgeheim allerlei halbe Zugeständnisse gemacht und da spielte er sich als König von Bulgarien auf. Später hat er dann gemerkt, daß er der liebet« listete war; daß es sich für Rußland darum handelte, ihn bloszustellen, und zwar warum? Weil Rußland dort keine Leute braucht, die möglicher- weise ihre eigenen Wege gehen, oder, was noch viel schlimmer wäre, die Wege seines Rivalen Oesterreich zu wandeln im Stande wäre. Rußland will Leute, welche auf seinen Wink marschiren und jetzt ist die Sache so weit gedieben, daß es seine Offiziere wieoer hinsendet, um sich der bulgarischen Armee zu versichern. Entweder wird der Fürst von Bulgarien wieder nach Darmstadt geschickt, oder er bleibt unter Bedingungen, die ihn zum Bewußtsein bringen, daß er nur zum Schein unabhängig, in der That aber eine Marionette Rußlands ist. Wir zweifeln nicht, daß Rußland sich die nothwendigen Garantien vorbehalten und sichern wird. Wie immer die Sache ausgehen
-h- Auf geheirrrrrißvollerr Wegen.
Roman von -«hksfkltz. (6()
Roch einen Augenblick besann er sich, dann trat er in das Zimmer — in das Zimmer, welches früher sein Reffe Armand bewohnt und welches er seit achtzehn Jahren nicht betreten hatte. Das Feuer praffelte in dem großen Kamin, die Wachslichter waren angezündet und verbreiteten eine angenehme Helle im Zimmer. Der bequeme, mit schneeweißen Decken behangene Lehnseffel stand neben dem Kamin. Ader das Zimmer war leer — kein lebendes Wesen war darin. Der alte Mann erkannte mit einem einzigen Blick, daß die Gesuchte nicht da sei. „Wahrscheinlich hat sie sich zu einsam gefühlt und ist nach dem Zimmer der Madame Roger gegangen," dachte der Marquis. „Ah!"
Der alte Manu hatte das Bild seines Neffen erblickt, das Blid mit dem schönen, knabenhaften, unschuldigen Gesicht, mit den wundervollen Veilchenaugen, die denen Giralda'S so ähnlich waren. Er sank auf einen Sessel nieder, der neben des jungen Mädchens Schreibtisch stand und blickte unverwandt auf da» Bild, während sich sein Gesicht mit tödtlicher Bläffe überzog. Se't dem Tage, wo er den jungen Mann mit Schmach be
wirb, die Folge wird sein, daß der Einfluß Rußlands an der unteren Donau verstärkt wird, und darin lag der Zweck der rumeliotischen Revolution. Fürst Alexander von Bulgarien zahlt nur die Kosten.
Und das erhellt ganz besonders aus der letzten Phase, aus dem Ausbruche des Krieges zwischen Serbien und Bulgarien. Wer glaubt denn, daß Serbien, dieser Frosch im europäischen Concerte, gewagt hätte, die orientalische Frage aus dem Bureau des Diplomaten in die Bureau des General- stabschess zu übertragen, ohne daß eS Rußland hinter sich hätte? Der Fürst von Bulgarien ist nicht rasch genug gegangen, die Konferenz war schon zusammen und hätte Beschlüsse fassen können, die ungünstig ausfallen konnten, und so schickt Rußland seinen Kislar Aga, Milan Obrenowitsch, damit derselbe ihm als Bulgariens Herrscher die seidene Schnur überreiche.
Sitzt einmal an des gegenwärtigen Fürsten Stelle ein Rußland genehmer Mann, so wird sich ja auch wohl etwas für die Ost-Rumelioten thnn taffen, damit die dort gespendeten Rubel nicht ganz umsonst ausgegeben worden sind. Das ist unsere sehr nüchterne Auffassung der dortigen Sage.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. November.
* lieber die Missionsfrage wird das Centrum alsbald eine Interpellation beim Reichstage ein« bringen. Der Abg. Dr. Neichensperger hat dieselbe sonnulirt.
* Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt: „Wie wir vernehmen, hat Papst Leo Xill. dem königlichen Gesandten bsim Vatikan zwei Exemplare der Encyclica „de constitutione civitatum Christiane“ in sehr geschmackvoller Ausstattung übergeben, damit dieselben in seinem Namen Sr. Majestät dem Kaiser sowie auch dem Reichskanzler überreicht würden. Dem für den Fürsten Bismarck bestimmten Exemplar hat der Papst noch seine jüngsten zu einem Bändchen zusaminengefaßten Gedichte „Novissima Leonis XIIL Pont. Max. carmina“ hinzugefügt. Bekanntlich war schon der Kardinal Pecci wegen der Tiefe und Gründlichkeit seiner klassischen Bildung in hohem Ansehen. Die vorliegenden Gedichte beweisen, daß der Verfasser auch aus dem päpstlichen Stuhle noch Muße findet, seinen klassischen
deckt vom Schlosse fortgetrieben hatte, war ihm kein Bild voll Armand wieder zu Gesicht gekommen. Dieses Bild war seinem verlorenen Neffen sprechend ähnlich und es war ihm, als müsse der lange Todtgeglaubte aus dem Goldrahmen hetab- steigen und vor ihn, Verzeihung erflehend, hintreten. Und eine Fluth warmer Gefühle für seinen einstigen Liebling überkam den alten Mann und schmolz das Eis des Hasses und der Bitterkeit, das um sein Herz lag. Er griff mit der Hand nach feiner Brust und stöhnte laut auf vor Qual, während feine Bücke unverwandt auf dem Bilde hafteten. „O, Armand, Armand," murmelte er, indem seine Augen feucht wurden. „Wie mag ihn der Schlag getroffen haben! Ach, wie habe ich ihn geliebt!"
Er sah so sehnsüchtig nach dein Bilde, wie ein Wanderer, der in bet Wüste liegt und zu schwach ist, die Oase zu erreichen, die ihm in der Ferne winkt. Ein heftiges Zittern überfiel ihn plötzlich und er streckte seine Hand auS, um sich an dem Schreibtisch zu halten. Bei dieser Gelegenheit berührten seine Finger den Brief, welchen Grralda an ihn geschrieben hatte. Im ersten Augenblick glaubte er, daß dieselbe an ihre Mutter geschrieben habe, aber als er genauer hinblickte, sah er zu seinem Schrecken, daß der Brief an ihn selbst ge-
Lieblingsneigungen obzuliegen. Die Gedichte ver- rathen eine außerordentliche Meisterschaft in der Salinität, durch welche selbst aa.rz modernen Gedanken und Gegenständen ein echt klassisches Kolorit gegeben wird. Damit verbindet sich eine Kunstfertigkeit in der Behandlung des Metrums, welche um so größere Anerkennung verdient, je entfernter der heutigen Zeit die Studien der klassischen Nhapsooie liegen."
* Der .Reichsanzeiger' erklärt die Meldung der .Darmstädter Leitung', daß Prinz Franz Josef von Battenberg, seither Seconde-Sieutenant in dem I. k. preußischen Garde-Regiment z. F., mit Zustimmung Sr. Majestät des Kaisers in die bulgarische Armee eingetreten wäre, für völlig aus der Suft gegriffen.
* Verhaftungen von Zahlmeistern werden noch aus Spandau, Halle uuo anbeen Orten gemeldet. Zur weitern Aufklärung der Sache dient folgende, von Hildesheim, 19. Nov., batirte Miltheilung: Gegen den feit einer Reihe von Jahren hier ansässigen Armeelieferanten Wollank ist eine gerichtliche Untersuchung wegen Bestechung von Militair- beamten anhängig gemacht worden. Derselbe war seit mehreren Tagen verreist und wurde gestern Morgen in Berlin, gerade in dem Augenblicke verhaftet, als er hierher zurückkehren wollte. Seine Ueberführung in das hiesige Untersuchungsgefäng- niß ist heute Morgen erfolgt. Die Angelegenheit, um welche cs sich handelt, hängt mit der in Munster und im Posen'fchen dieser Tage vorgekommen n Verhaftung von 15 Zahlmeistern zusammen, und es heißt, daß noch mehr Verhaftungen in Aussicht ständen. Wollank hatte die Verpflegung von y4 Bataillonen unserer Armee übernommen gehabt und soll diese zum Nachthnl der Mannschaften ausgeführt haben. Schon feit Montag mußten alle für Wollank hier ankommenden Briefschaften der Staatsanwaltschaft von Seiten der Post ausgehändigt werden, während am Dinstag die Geschäftsbücher desselben beschlagnahmt worden sind. Wollank lebte anscheinend in sehr guten Vermögensverhültniffen und plante noch in letzter Zeit größere Bauten.
* Würzburg, 22. Noo. Auf die durch den Tod des Domherrn Hohe dahier erledigte Capitular- stelle hat Se. bischöfliche Gnaden den hochivürdigen Herrn R gens des Clericalseminars Dr. Franz ernannt. Derselbe hat seit nahezu zwei Decennien
richtet mar; kaum hatte er dieses bemerkt, als er auch schon das Couvert herunterriß. Er las die Zeilen unb alles Sächeln verschwand aus seinen todtenbleichen Zügen.
„Fort, fort!" sagte er mit hohler Stimme. „Sie hat mich verlaffen! Und ich habe sie so sehr geliebt! Müssen mich denn Alle, die ich liebe, verlassen ober mich verrathen? O, Giralda! Ich wäre für Dich gestorben, so lieb hatte ich Dich und so habe ich an Dich geglaubt!"
Er lehnte sein graues Haupt gegen die Sehne des Sessels und weinte wie ein Kind. So sehr hatte es ihn vor achtzehn Jahren nicht einmal geschmerzt, als Armand von ihm ging. „Sie hat mich verlassen!" dachte er. „Sie mag nicht mehr bei dem mürrischen Alten sein, der sie doch so sehr lieb hat!" und feine Stimme klang tief erschüttert von Schmerz unb Gram. „Aber sie hat mich doch noch ein wenig lieb, sie sagt es in ihrem Briese. Sie hat Kammer. Sollte Eugen sie mit Siebesanträgen belästigt Haden? Beim Himmel! Wenn das wäre, er sollte es büßen!
Er stillte seine Thränen und Seufzer und ermannte sich wieder. Er bemerkte, daß die Koffer, welche er ihr geschenkt noch alle da waren, ebenso der Koffer, welcher für sie vom Elternhause angekommen war. Derselbe war nicht einmal geöffnet