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M 269.

Montag, den 23. November

1885.

eitung

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*W* Die Ereignisse am Balkan.*)

Bekanntlich strebt Rußland nach der Herrschaft über die Balkanhalbinsel. Das ist seit Peter dem Großen traditionelle Politik und wir sehen fort­während, wie es bald offen, bald unter der Hand, bald durch Krieg, bald durch diplomatische Schach­züge die Sphäre seines Einflusses dort auszu­dehnen sucht. Man erschüttert den Bestand der Türkei und schiebt seinen Einfluß immer weiter gegen Konstantinopel vor. Als die letzte Revo­lution von Ostrumelien ausbrach, lag nichts nä^er, als der Gedanke Rußland stecke dahinter, um auf dem Wege der Vereinigung zu einem Gcoßbulgarien die Fahne eines Satrapen angesichts Konstan­tinopels aufpflanzen zu können; denn daß die Ostrumelioten sich erheben würden, daß sie, von nationalen, oder gar allgemein freiheitlichen Prin­zipien getragen, das auf ihnen lastende Joch ab­schütteln würden: das hat doch in ganz Europa kein vernünftiger Mensch geglaubt, und daß der bulgarische Herrscher auf nichts gestützt als auf die Kraft seiner Bulgaren den Kampf mit der Pforte und den Berliner Vertragsmächten unter­nimmt, daß wäre doch ein geradezu unerlaubter Grad der Leichtfertigkeit. Wir sind von Anfang der Meinung gewesen, daß russische Diplomatie den Aufstand angezettelt, daß sowohl der Fürst von Bulgarien, wie Serbien und Griechenland im Einverständnisse seien, daß gar nichts darauf ankomme, was Rußland coram publico sage, sondern daß bis zum Zusammentritt der Konferenz ein fait accompli hergestellt sei, dem gegenüber man alle Schleusten der Entrüstung aufziehe, ohne deshalb die Rückkehr zum status quo ante an- rathen zu können. Daß die russischen Offiziere im bulgarischen Heere zurückberufen wurden, das hat uns gar nicht alterirt; denn da können auf der einen Seite mit großem Lärm zwanzig hinaus­gehen und auf der anderen Seite ganz still vierzig hereinkommen. Neuerdings ist indessen eine That- sache eingetreten, welche um Vieles ernster wiegt und zugleich einen Fingerzeig gibt, wie das Alles zusammenhängt. Es ist dem aufmerksamen Zeitungs­leser ohne Zweifel aufgefallen, daß in der jüngsten Zeit der Fürst von Bulgarien lange nicht mehr mit der freudigen Genugthuung von dem Auf­stande spricht, wie in den ersten Tagen. Im

*) Nachdruck verboten.

-H- Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ?. 8«hrllfrlb. (59

Sie zeigte der Frau des Fischers ihre reichlich gefüllte Börse und ihre goldene, mit Diamanten besetzte Uhr, ihre Brosche und ihre Armbänder. „Meine Mutter gab mir in Paris ein kleines Taschenbuch," fuhr sie fort, „welches ich noch nicht geöffnet habe; es müssen zweitausend Francs darin sein. Alle» soll Ihr Eigenthum sein, wenn Sie mich freigeben!"

Die Frau sah mit gierigen Blicken nach all' den schönen Kostbarkeiten, die Giralda ihr als Lösegeld anbot, aber, energisch das Haupt schüt- teld, wendete sie sich ab und wollte das Gemach verlassen, al» müsse sie die Versuchung fliehen, um ihr widerstehen zu können. Aber Giralda er­griff ihr Handgelenk und hielt sie zurück.

„O, kann Sie denn nichts rühren? Ich will Sie segnen bis an mein Ende, wenn Sie mich und die Meinen retten, indem Sie mich freilassen. Graf Eugen will Sie reich beschenken, wenn Sie mich hier gefangen halten, aber ich versichere Sie, er kann Sie me so reich belohnen, wie ich, und Sie werden es nie zu bereuen haben, zu einer schmachvollen Schuld gegen ein wehrlose» Mädchen Ihre Hilfe geboten zu haben."

Anfänge ist er ganz ruhig in Ostrumelien als König eingezogen, hat schwungreiche Proklamationen erlassen und war der Mann der Situation; aber langsam ging die Tonart aus furioso und majes- tosoo in andante, lente und endlich tremolando über. Es hieß, der Fürst sei von der Sache über­rascht worden, er habe nichts davon gewußt; er sei eigentlich nur hingegangen, um Blutvergießen zu verhüten. Er wolle der Autorität des Sultans keineswegs zu nahe treten, er wolle nur im Ein­klang mit den Bestimmungen des Berliner Ver­trags regieren; ja er suchte selbst um die Erlaubniß nach, vor dem Sultan erscheinen und diesem Alles auseinandersetzen zu dürfen.

Aber der Fürst von Bulgarien fand nirgendwo geneigtes Gehör. Die Serben schienen sogar schon damals nicht übel gesonnen, Krieg mit Bulgaren anzufangen, und das Kabinet von Athen verlangt nicht nur Wiederherstellung des status quo ante, sondern auch noch eine Garantie, daß Aehnliches nicht wieder vorkomme. Am weitesten aber ging Rußland; es scheute sich nicht, den Fürsten von Bulgarien im Angesichte Europas persönlich zu beleidigen, indem es ihn aus den Listen der Armee strich und ihm die übertragene Jnhaberstelle eines Schützenbataillons entzog. Beides sind Ehrenstellen und indem Rußland ein solches Dekret erließ, er­klärte cs den Fürsten von Bulgarien für unwürdig, diese Ehrenstellen zu bekleiden. Es ist ganz un­erhört, daß man Solcher selbst im Kriegsfall thut. Als Preußen und Oesterreich um die Präponderanz in Deutschland rangen, war das gewiß ein furcht­bar erbitterter Krieg und wie sollte das auch nicht? Es ist eine alte Wahrheit, daß gerade -vcrwandke Völker desto erbitterter sind; aber selbst da ist es nie weiter gekommen, als zur Drohung einzelner Prinzen, die Orden zurücksenden zu wollen. Die Souveräne selbst behielten gegenseitig den Ehren­rang und die Ehrenstellung, welche sie in der Armee ihres gegenwärtigen Gegners einnahmen. Es ist auch unter Souveränen nicht üblich, poli­tische Differenzen in solcher Weise auf die Person auszudehnen. Es kommt dabei gar nicht auf die Macht des Souveräns, sondern nur auf dessen Eigenschaft als Souverän an, und der Fürst von Bulgarien ist Souverän. Denn die Oberhoheit der Pforte bezieht sich lediglich auf die Empfang­nahme eines Tributs, ohne daß dem Sultan die Ausübung irgend welcher Hoheitsrechte gestattet

Mit rauher Geberde stieß jetzt die Frau ihre Hand zurück, ärgerlich über sich sebst. Wäre ihr Auftraggeber ein anderer gewesen als Graf Eugen, wer weiß, ob Giralda's rührende Ueberredungrkunst nicht den Sieg davongetragen hätte. Die Liebe zum Gold und die Liebe für den jungen Grafen erweckten alle bösen Eigenschaften ihrer ver­derbten Natur. „Ich will nichts haben!" rief sie aus. „Ich werde Sie nicht freigeben!" Ich werde thun, was mir befohlen ist und damit gute Nacht, Fräulein!"

Der leise Hoffnungsschimmer, welcher Giralda's Antlitz eine kurze Zeit erhellt hatte, machte wieder dem Ausdruck grenzenloser Traurigkeit Platz. „Gehen Sie zur Ruhe," fuhr die Frau fort, „und verhalten sie sich stille. Soeben höre ich meinen Mann kommen. Es ist mit ihm nicht gut umzugehen, zumal wenn er betrunken nach Hause kommt." Nach diesen Worten, welche Giralda zusammenschaudern machten, wandte sich Frau Bichou um und schloß die Thür hinter sich ab.

„Sie hat ein Herz, noch härter al» Stein," dachte die arme Giralda. Aber ich will die Hoff­nung noch nicht aufgeben. Ich muß auf Flucht sinnen, es muß mir gelingen, aus diesem Gefäng- niß zu entkommen!" Sie setzte sich nieder und be­mühte sich, ruhig zu überlegen. Das Licht brannte

wäre. Und während so dem Fürsten von Bul­garien persönlich eine nie erlebte Beleidigung Sei­tens Rußlands zugefügt wird, hören wir, daß die zurückgerufenen russischen Offiziere wieder in's Land kommen und in die Armee eintreten wollen. Sie sollten bei einem Souverän Dienste nehmen, wel­chen ihr eigener Souverän des Offizierscharakters in der russischen Arnue unwürdig erklärt hat.

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 22. November.

** DerReichstag überwies gestern die Ueber- sicht der Reichsausgaben und -Einnahmen für 1884/85, sowie die allgemeine Rechnung über den Reichshaushalt für 1881/82 an die Rechnungs­kommission. Abg. Rickert monirte dabei die Etats­überschreitungen b im Marine-Etat, die Entlassun­gen von Werftarbeitern und die zu große Inan­spruchnahme der Marine im Interesse der Kolonial­politik. Abg. v. Helldorf-Bebra erklärte dagegen die Etatsüberschreitungen unter den obwaltenden Verhältnissen für gerechtfertigt. Die Gesetzentwürfe, betreff, die Unfallversicherung der Beamten und Personen des Soldatenstandes wurden auf Antrag des Abg. Buhl an eine 28gliedrige Kommission überwiesen. Abg. Schrader (freis.) regte einige Be­denken gegen gewisse Bestimmungen des Entwurfs an, ohne sich gegen den Entwurf prinzipiell zu er­klären. Staatssekretär v. Bölticher rechtfertigte die angefochtenen Bestimmungen und trat insbesondere der Meinung entgegen, es beginne der Eifer der R.'gieruiw-'i auf so->alpolitischem Gebiete zu er­lahmen. Förderung der Sozialreform sei Wunsch und Wille des Kaisers. Die Vorlegung einer Vor­lage über die Altersversicherung der Arbeiter sei noch nicht erfolgt, weil erst festgestellt werden soll, ob sich die geschaffene Organisation zur Uebernahme der Altersversicherung eigne. — Nächste Sitzung Dienstag (Etat).

* Das neue Reichstagsgebäude hat das erste Baustadium hinter sich. Seit gestern prangt an der Westseite des mächtigen Bauwerks, an der Stells, wo künftig die große Freitreppe mit der Säulenhalle sich erheben wird, der erste Kranz mit der dreifarbigen Schleife, ein Zeichen, daß der Bau hier die Höhe eines Stockwerks bereits erreicht hat. Auch sonst schreitet der Bau rüstig vorwärts, auf

herunter. Giralda sank zurück auf ihren Stuhl, entmuthigt und besinnungslos. Wie lange sie in dieser Stellung verharrte, sie wußte sich selbst keine Rechenschaft darüber zu geben. Plötzlich flackerte das Licht noch einmal auf und erlosch und tiefe Finsterniß herrschte im Zimmer. Da« junge Mädchen ging wieder an das Fenster, wel­che» auf die Seine hinausblicken ließ und öffnete die Läden. Dann lehnte sie ihren sorgenschweren Kopf gegen die Balken und blickte in die stille Mondnacht hinaus. Einige Minuten später senkten sich ihre Blicke und fielen aus den Felsen welcher Castell Adler-Horst trug, mit seinen Thürmen und seinen Wällen. Sie konnte Alles deutlich im Mondschein erkennen. Heller Lichterglanz schim­merte von den unverhängten Fenstern des Gesell­schaftszimmers und beleuchtete di; nächste Umgegend des Schlosses. Und von einem großen, gewölbten Fenster, welches auf die Seine hinausging, fiel ein rothes Licht auf die immer gleich bewegte Fluth mit ihren weißen Schaumköpfen hinaus, welches dem Lichte eines Leuchtlhurmes gleichkam. „Es ist ein Signal — ein Leuchtfeuer", dachte Giralda, ihren eigenen Gedanken einen Augenblick vergessend. „Sollte der Herzog von Beaufort heute Nacht auf dem Wasser fein?" Sie richtete ihren Blick in die Dunkelheit hinaus.