JM 366.
Donnerstag, den 19. November
Fuldaer
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1885.
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7 Die Orientkrisis und die drei Kaisermächte.
Die Komödie ist zu Ende, die Tragödie beginnt. Während die politischen Feuerwehrmänner Europa» noch in emsiger Berathung begriffen sind, wie dem in Bulgarien und Rumelien entstandenen Brand am wirksamsten zu Leibe zu rücken sei, schlagen plötzlich au» dem großen Nachbarhause die Flammen züngelnd aus allen Fenstern und Dachgängen empor. Dem guten König Milan von Serbien ist die Zeit zu lang geworden, und da er vermuthlich au» der Geschichte der Jetztzeit so viel gelernt hat, um zu wißen, daß bei allen Reformplänen und Protokollen, aus diplomatischen Konferenzen und Noten doch nichts Gescheidles herauszukommen pflegt, daß vielmehr mehr denn je das Recht auf der Spitze eines siegreichen Schwertes ruht, hat er kurzer Hand feine Truppen marfchiren lassen, um mit Waffengewalt sich zu holen, was ihm die Türkei, sein bisheriger „lieber Bruder" Alexander und die europäischen Mächte nicht freiwillig zu geben gewillt waren. Die Lage ist in so fern eine sonderbare und ganz neue, als zum ersten Male seit Entstehen der sog. „orientalischen Frage" die dort wieder an der Donau um ihre Existenz resp. volle Befreiung vom türkischen Joch ringenden christlichen Völkerschaften sich unter einander bekriegen, statt sich gegen ihren gemeinsamen Gegner, die Türkei, zu wenden. Woher dieser plötzliche Wechsel in der Scenerie? Noch ist der Grund nicht ganz durchsichtig, aber dem aufmerksamen Beobachter des Ganges der letzten Ereigmffe bieten sich doch manche Anhaltspunkte und Schlüffel, mittels welcher er der Lösung de» Räthsels nahe kommen kann.
Die auffallendste Erscheinung bei der durch den rumelischen Aufstand entstandenen Verwicklung war jedenfalls die eigenthümliche Haltung Rußlands. In einem früheren Artikel haben wir nachge- wiesen, wie die eigentliche bewegende und treibende Kraft bei allen orientalischen Verwicklungen das nordische Kaiserreich sei. Um so unerklärlicher mußte es erscheinen, daß dasselbe Rußland sich jetzt plötzlich als Hort des Konservatismus und de« Friedens aufspielte, die von ihm früher stets begünstigten Unionsbestrebungen der christlichen Völkerschaften als unverantwortliches revolutionäres Beginnen brandmarkte und den unglücklichen Fürsten
---- Auf geheirrrrrißvollen Wegen.
Roman von >ihe»frl>.
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Giralda verharrte regungslos, ihrem trübem Sinnen überlasien vor dem Kaminfeuer. Plötzlich erhob sie sich. Sich des weiten und beschwerlichen Weges nach dem Bahnhof bewußt werdend, hüllte sie sich in ihr großes Tuch, ordnete Hut und Schleier, nahm ihre Reisetasche in die Hand und warf noch einen letzten Blick auf das Bild Armand de Vignp'S. Gleich darauf schlich sie die Treppe hinunter und eilte, durch eine Seitenrhür schlüpfend, in den Garten hinaus.
Die Nacht war milde und nicht sehr dunkel. Jeder Gegenstand war deutlich zu erkennen; das junge Mädchen stahl sich um das Haus herum, bis sie die Vorderfronte desselben erreicht, und den Fenstern der Wohnstube gegenüber, im Schatten eines Baume«, hemmte sie ihren Schritt. Das Wohnzimmer war erleuchtet und die Vorhänge nicht Herabgelaffen. Giaf Eugen saß im Zimmer, mit einem Buche in der Hand, doch schien er nicht sehr eifrig zu lesen, sondern stch mit anderen Gedanken zu beschäftigen. Der Marquis saß vor dem Kamin und schaute trübe darein;
von Bulgarien die ganze Schwere seines Zornes fühlen ließ. Der Grund war freilich durchsichtig genug. Rußland will da drunten keine selbstständigen Fürstenthümer, sondern Vasallenreiche, deren Fürsten und Völker nach seiner Pfeife zu tanzen haben. In der letzten Zeit aber hatte sich bei diesen „Vasallen" ein etwas rebellischer Geist gezeigt und vor allem die Neigung, einen engeren Anschluß an Oesterreich zu suchen, um bei dieser Macht einen Schutz gegen die tobt* bringenden Umarmungsversuche des russischen Bären zu finden. Da« aber kann und will Rußland nicht leiden. Ein Ueberwiegen des österreichischen Einflusses auf der Balkanhalbinsel hieße für den Czaren vom Regen unter die Traufe gerathen, d. h. alle feine im Jahrhunderte langen geheim und offen' gegen die Türkei geführten Kampfe errungenen Erfolge auf's Spiel setzen. Von seinem Standpunkte aus muß er tausend Mal lieber die grüne Fahne des Propheten am goldenen Horn wehen sehen, als den Doppelaar der Habsburger. Seit dem Tage von Königgrätz wird aber Oesterreich bei seiner orientalischen Politik von einer Macht unterstützt, die mit Vorliebe von einer „Mission Oesterreichs im Osten" spricht, während ihr die „deutsche Mission" obliegen soll. Es ist ein merkwürdiges, theils offenes, theils Verstecken- Spiel, was seit dieser Zeit zwischen den drei Kaisermächten aufgeführt wird, und für den künftigen Historiker, dem sich die noch verschlossenen geheimen Archive der Kabinete erschlaffen haben werden, wird es. eine hachintereffaMe Aufgabe sein, die verworrenen Fäden dieser Politik leiner Mitwelt klar zu legen. Wir tappen da, wie gesagt, im Dunklen, wir sind auf Vermuthungen und Schlüffe angewiesen, die freilich an der Hand der bekannten Thatsachen und mit Benützung der Lehren der Gegenwart, mehr oder minder Wahrscheinlichkeit für sich haben.
Etwa» größere Klarheit aber wird un» voraussichtlich doch schon der jetzt entbrannte Kampf zwischen Serbien und Bulgarien bringen und zwar noch mehr als einer Seite hin: Wenn nicht alles trügt, wird jetzt das Dreikaiserbündniß auf seine härteste Probe gestellt werden, es wird sich zeigen muffen, ob alle Teilnehmer an demselben in der Thal lediglich die Erhaltung des europäischen Friedens im Auge haben, oder selbstsüchtige Zwecke verfolgen. Was Rußland anlangt, so es schien, als ob ein neuer Kummer auf seinen Zügen lagerte.
Das junge Mädchen vor dem Fenster ließ ihre Blicke einige Momente forschend auf dem Antlitze des Greises haften; nur mühsam unterdrückte sie einen Seufzer.
Dann drehte sie sich kurz entschlossen um und wandte sich, durch die Allee eilend, der großen Ausgangspforte zu, Verzweiflung im Herzen.
Sie verließ die rechtliche Heimath ihres Vaters, ohnmächtig, ihr Werk zu Ende zu führen, ihre Hoffnungen zerstört. Statt die Ehre ihres Vaters zu reiten, hatte sie Unheil auf ihn herabbeschworen. Es gab jetzt nur noch eine Aufgabe für sie, ihn vor der drohenden Gefahr zu bewahren und ihn vor seinen Feinden zu schützen. Das war Alles, was sie jetzt noch erhoffen konnte. Mit solchen Gedanken beschäftigt, eilte sie ohne Furcht auf den rauhen Gebirgswegen dem nahen Dorfe zu. Sie dachte nicht an sich selbst, sondern nur an ihre Lieben, die sie retten mußte — um jeden Preis! Ringsumher war Alle» still. Kein Wagen, kein Mensch begegnete ihr; kein Laut war zu hören weit und breit. „Man wird mich heute Abend nicht mehr vermissen und morgen Früh bin ich in ber Villa Larose", sprach sie zu sich selbst. „Ich
glauben wir dargelegt zu haben, daß seine Freundschaft zu Oesterreich keine unbedingte ist, daß sie in die Brüche geht, so bald es seine Pläne hinsichtlich der Donauländer durch den alten Kaiserstaat gefährdet sieht. Ob es aber einen Bruch riskiren oder für diesmal seine friedfertige Miene be behalten wird, hängt in erster Linie von der Haltung der dritten beteiligten Macht, von Deutschland ab. Und damit kommen wir zum heikelsten Punkt der ganzen Angelegenheit. Es fehlt bekanntlich nicht an Leuten, welche der seit einigen Jahren so dick zur Schau getragenen deutsch- österreichischen Freundschaft kein rechtes Vertrauen abzugewinnen vermögen, und meinen, die Kosten dieser Freundschaft werde eines Tages der Habsburger zu tragen haben. Wie dem auch fein mag, die Thatsache läßt sich nicht wegleugnen, daß die Oesterreich so ostentativ zugeschriebene „Mission im Osten" große Gefahren in sich birgt, inöem auf die Dauer ein Zusammenstoß zwischen Oesterreich und Rußland unvermeidlich wird. Kommt ober dieser Moment — und die neueste Verwicklung hat ihn vielleicht in unmittelbare Nähe gerückt — dann wird von Seiten Deutschlands der Beweis zu liefern sein, daß das Wort „die österreichische Monarchie sei hier für das europäische Gleichgewicht" unentbehrlich, ernst gemeint und uns Oesterreich theurer ist, als die „thurmhohe" Freundschaft mit Rußland.
Deutsches Reich.
Berlin, -1«. November.
* Das Befinden des Kaisers hat sich gebeffert; er ist von seinem ErkäliungSzustand fast vollständig wieder hergestellt und wird bald das Zimmer verlassen können. — Von den verschiedensten Seiten wird mitgetheilt, daß der Kaiser zu seinem Regierungs-Jubiläum im Januar nächsten Jahres sich jede Huldigung »erbeten hat. Danach würde auch der von den Krieger-Vereinen geplante große Huldigungszug unterbleiben.
• lieber die Stellung der Großmächte zur Balkankrisis liegen auch heute keine aufklärenden Mittheilungen vor. Es wird nach wie vor der Anschein gewahrt, daß die Konferenz fortdauere.
* Wie aus Madrid gemeldet wird, hat der dortige päpstliche Nuntius die Note des h. Vaters, welche den Schiedsspruch in der Karolinenfrage muß mir sogleich bei der Ankunft auf dem Bahnhofe ein Billet lösen und mich dann möglichst im Schatten halten, damit mein Feind mich nicht be- merkt." Nachdem sie sich so ihren einzuschlagenden Weg vorgezeichnet hatte, ging sie kummervoll denselben weiter, sich ihren Gedanken überlassend, bis sie gänzlich erschöpft, beschloß einen Augenblick auszuruhen. Ein großer Stein diente ihr als Sitz und sie fühlte sich weniger einsam, als sie in der Ferne, in der Richtung, woher sie gekommen war, das Geräusch eines herankommenden Wagens hörte, den sie für einen Bauernwagen aus dortiger Gegend hielt.
Sie zog sich ein wenig in den Schatten einer hohen Eiche zurück, um nicht gesehen zu werden. Als der Wagen so nahe gekommen war, daß sie ihn erkennen konnte, sah sie, daß ihre Vermuthung hinsichtlich desselben die richtige gewesen; es war ein leichter Bauernwagen mit zwei Sitzen. Zwei kräftige Pferde waren davor gespannt und zwei Männer saßen auf dem Vordersitze. Giralda bemerkte, daß ein jeder nach der ihm zunächt liegenden Seite scharf auslugte, weshalb sie sich vor Furcht, entdekt zu werden, noch ein wenig mehr in das schützende Dunkel zurückzog. Da plötzlich gerade als der Wagen ihr gegenüber war, hielt