JM 263. Montag, den 16. November 1885.
Fuldaer
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♦ lieber Wesen und Ziele der bevorstehenden Volkszählung
gibt das königl. statistische Bureau Berlin Folgen« gende» bekannt:
Kurze Zeit nur trennt uns noch von dem Tage, an weühem die vierte allgemeine, vom BundeSrathe de» Deutschen Reiche« beschloffene Volkszählung stattfinde« soll. Allerorten werden in den letzten Tagen des Monats November freiwillige Zähler an den Thüren der Haushaltungen klopfen und dort mit einem Haushaltung» - Verzeichniß ebenso viele, in einem offenen Zählbriefe eingeschlagene Zählkarten übergeben, wie Personen zur Haushaltung gehören. Die Zählung wird wiederum am 1. Dezember vorgenommen werden. Sie ist ein große«, umfassende« Werk, durch welches von jedem Bewohner des Staates, der um die Mitter- nachtSstunde zwischen dem 30. November und 1. Dezember d. I. lebt, der Vor- und Familienname, da» Geschlecht, das Alter, der Familienstand, der Geburtsort, das Religionsbekenntniß, der Beruf und Berufszweig, die Staatsangehörigkeit u. f. w. ermittelt werden soll. Alle diese Angaben werden alsdann im königl. statistischen Bureau zu Berlin aufbereitet und zu Übersichten mannigfacher Art zusammengestellt, welche erfordert werden durch die Gesetzgebung und Verwaltung, durch die Wissenschaft und die Bedürfnisse des täglichen Lebens.
Die Zählbriefe, Haushaltungsverzeichnifle und Zählkarten find das Handwerkszeug, mit dessen Hilfe die Volkszählung alle jene wissentzwerthen Nachrichten sammelt, sie in vielseitigster Weise mit einander und zu einem Gesammtbilde über die Be- völkerung verbindet und einen so vollen Einblick in die internsten Verhältnisse des Volkslebens gewährt, wie er in gleicher Vollständigkeit und Zu- verläsfigkeit auf keine andere Weise gewonnen werden kann. Die gegenwärtige, wohl kaum noch angefochtene Erhebungsmethode hat dabei den Vorzug vor dem älteren Verfahren mit Listen, daß die Gruppirung der Millionen von Einzelangaben im Bedürfnißfalle noch während der Aufbereitung nach anderen, als den ursprünglich in das Auge gefaßten Gesichtspunkten erfolgen kann. Es ist dies ein Vorzug von hoher Bedeutung, da jetzt bekanntlich nur von fünf zu fünf Jahren neue Nachrichten über den Stand der Bevölkerung ermittelt werden, n der Zwischenzeit aber bei allen einschlagenden
TT Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von r »ttztefkl». ,,
„Sie ist hierher gekommen, um den Namen ihres Vaters wieder zu Ehren zu bringen", versetzte Graf Eugen. „Sie ist bereits den Feinden ihres Vaters auf der Spur und will an ihnen Rache üben für den an ihrem Vater begangenen Frevel. Aber ich habe den wahren Stand der Dinge noch gerade zur rechten Zeit entdeckt. Ich habe lange genug nach dem B<sttzthum der de Vigny'» verlangt. Ich werde es besitzen und dieses Mädchen soll mir dazu verhelfen, indem ich sie zu einer Heirath zwinge."
„Aber, Herr Graf", warf Bernard ein, „wenn Armand de Vigny eine Tochter hat, so hat er vielleicht auch Söhne."
„Ja, er hat Söhne!" versetzte Eugen kühl.
„Aber, was gewinnen Sie dann durch eine Heirath mit diesem Mädchen?" fragte der noch immer erstaunte Diener weiter.
„Alles! Wir werden unseren Feinden eine Falle stellen und ste aus dem Wege räumen! Graf Armand's Söhne scheinen von ihrem wahren Namen unb Stande keine Ahnung zu haben. Eine myste
Untersuchungen auf die Ausnutzung der Ergebnisse der letzten Volkszählung zurückgegangen werden muß.
Es ist Sache der Pflicht und liegt im Interesse eine« jeden Staatsbürger«, und insbesondere eines jeden Haushaltungsvorstandes, zum Gelingen des Gesammtzählungswerke» nach besten Kräften beizutragen, das ihm behändigte Haushaltungsverzeich- niß nebst den zugehörigen Zählkarten vollständig und fachgemäß auszufüllen und den eine« Ehrenamtes waltenden Zähler zu unterstützen. Möchten recht viele gemeinnützig gesinnte Männer dieses für Staat und Gemeinde gleich wichtige Amt übernehmen! Niemand hat von der wahrheitsgemäßen Beantwortung der auf der Zählkarte gestellten Fragen für sich selbst ober seine Familie den geringsten Nachtheil zu befürchten; denn es werben seitens bes königl. statistischen BureauS niemals durch bie Volkszählung gewonnene Nachrichten über einzelne Personen veröffentlicht ober irgend wohin, auch nicht an Behörden, mitgetheilt, und ebenso wenig werben diese Nachrichten im Interesse der Steuerverwaltung ober sonst zu fiskalischen Zwecken verwerthet. ______________(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 15. November.
* lieber das Befinben bes Kaisers melbet ber ,Reich»anz.' heute Abenb an ber Spitze seiner Nummer: Se. Majestät ber Kaiser und König sind durch einen Erkältungszustand mit starker Heiserkeit verhindert geioesen, an den Hosjagoen in Letzlingen Theil zu nehmen, und zur Zeit noch genöthigt das Zimmer zu hüten. — Der Kronprinz unb brr Prinz Heinrich machten von ber Hofjagd kommend, dem Kaiser gestern Abend einen Besuch. Die Aerzte sind mit dem Befinden des Kaisers zufrieden.
* Der Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Serbien und Bulgarien soll in den hiesigen diplomatischen Kreisen durchaus nicht überrascht haben; die ,Nordd. Allg. Ztg.' deutet sogar an, daß diese Eventualität in dem diplomatischen Programm vorgesehen gewesen sei; sie schreibt nämlich: „Wenn einerseits nicht verkannt werden darf, baß biefe Wenbung ber Situation eine be» bäuerliche Verschärfung mancher Gegensätze ein- schließt, so sagt man sich doch andererseits, baß sie Europa beim boch nicht annähreno so unvorbereitet trifft, als seiner Zeit ber ostrumelische
riöse Stelle in bem von mir aufgefundenen Briefe läßt mich barauf schließen. Wie leicht sinb sie festgenommen und nach Amerika oder Australien geschafft? Wie leicht ist es, Armand dahin zu schicken, von woher ihm keine Rückkehr mehr möglich? Alles Andere liegt in unserer Hand."
„Der Plan ist gut und ausführbar," antwortete Bernard, sichtbar von neuem Muth beseelt. „Ich bin Ihr Mann, Herr Graf, mit Leib und Seele! Das heißt," fügte er mit leiser Stmme hinzu, „so lange Sie nicht einen wirklichen Mord begehen wollen!"
Graf Eugen lächelte bedeutsam. Er kannte die Treue seines Dieners, mit dem er manchen Schurkenstreich gemeinsam ausgeführt hatte, gut genug, um wissen zu können, daß chn Niemand ihm abspenstig machen würde.
„Hilf mir, alle Steine au« dem Wege zu räumen", erwiderte er nachdrucksvoll, „unb sobald ich hier Herr im Hause bin, so sollst Du selbst die Summe nennen, bie ich Dir auszahlen soll!"
Der würbige Diener seines unwürdigen Herrn äußerte seine Uebereinftimmung mit dessen Plan und versprach ihm auf's Neue, ihm treu zu bienen.
„Welch' ein guter Einfall von mir," fuhr Eugen seldstzufrieben fort, „das Zimmer dieses jungen
Gewaltstreich und daher auch nicht im Stande sein dürfte, das Programm seiner diplomatischen Aktion umzuwerfen, deren Konzept gewiß auch mit der Möglichkeit des nunmehr zur Thatsache gewordenen Ausbruche» eine« lokalen Kriegsbrandes gerechnet haben wird." Diese scheinbar sehr gelassene Auffassung wird nicht überall geheilt, v.el-f. mehr glaubt man vielfach, daß bie Konferenz als > in die Brüche gegangen zu betrachten fei. Die hiesigen Abendblätter beschränken sich auf bie thatsächlichen Meldungen vom Ausbruch der Feindseligkeiten. Offiziös wird die sehr billige Parole ausgegeben werden, daß die Aufgabe der Mächte darin bestehe, den Konflikt zu lokalisiren. Der neue türkische Botschafter für Berlin, Achmed, Tewfik Bey, wird heule Abend hier erwartet.
• Aus dem Ermlande, 14. Nov. Unlängst brachte ein rheinisches Blatt die aus Köln batirte Angabe, bie vom Frauenburger Domkapitel aufgestellte Kanbibatenliste fei von Berlin zurückge- kommen und sämmtliche Namen, außer einem (den wir nicht wieder anführen wollen) feien gestrichen worden. Hier war unb ist man überzeugt, daß der Name dieses Herrn gar nicht auf ber Liste gestanden hat. Wenn jedoch bie ,Nordd. Allg. Ztg.' berichtet: von zuverlässiger Seite werbe bem ,Hamb. Cour.' mitgetheilt, bas Domkapitel habe der Curie und der Berliner Regierung drei Kandidaten vorgeschlagen, gegen deren Dotation beiderseits gar nichts einyiroenben fei, .so scheinen, die Richtigkeit dieser Nachricht vorausgesetzt, zwei Namen gestrichen worden zu fein. Dem glaubwürdigen Vernehmen nach standen auf der Liste überhaupt fünf Namen, von vier Frauenberger und einem auswärtigen Domherrn, und zwar aus der Diözese Trier. Sobald übrigens bie Wahl in befriebigenber Weise vollzogen worben, b. h. ber Diözese ihr Bischof gesichert ist, unb nicht eher wird glaubwürdigem Vernehmen nach Herr Erzbischof Dr. Krementz seine Ueberfiebelung nach Köln bewerkstelligen.
* Aus Nassau, 14. Nov. Der Abgeordnete Dr. Lieber, der im Oberlahn- unb Unterwester- wald-Kreis, also doppelt gewählt wurde, erläßt an die Wählerbes letztem Wahlkreise« ein Schreiben, in welchem er in folgender rührender Weise Abschied nimmt:
Die Wahl am 5. d. Mts. hat mich in eine schwierige Lage gebracht. Während mein alter Wahlkreis mich mit
Mädchens zu durchforschen. Jetzt verstehe ich Alle«! Mein schönes Fräulein Giralda be Vigny ober Alvarez — ich bin gewarnt unb gerüstet gegen alle Ihre Pläne unb Listen! Aber Sie werben finben, kleine Thörin, baß Sie viel klüger gethan hätten, keine List gegen mich anzuwenden, denn Sie ziehen dabei den Kürzeren! Ihr Vater, Ihre Mutter, Ihre Brüder, Sie Alle befinden sich ganz in meinen Händen!"
Gerade als Graf Eugen diese Worte mit drohender Stimme sprach, kam Giralda an diesem fast gänzlich mit Wein überwachsenen Sommer- Hause vorbei, um auf diesem Seitenwege ungesehen ihr Zimmer zu erreichen. Sie befand sich im Schatten, als der Graf ihren Namen aussprach und blieb unwillkürlich stehen, gleichsam gebannt, um das Weitere, was dort gesprochen wurde, zu hören. Es ward ihr plötzlich klar, daß der Feind ihres Vaters im Besitze des Geheimnisses, daß sie die Tochter Armand's fei, fein müsse. Die Gefahr, in der ihr Vater schwebte, wurde ihr bewußt und dieser Schlag traf sie wie ein niederschmetternder Blitzstrahl. Alle Kraft verließ sie und sie mußte sich von dem Weingerank festklammern, um nicht zu Boden zu sinken.
„Ja, sie ist ganz in meinen Händen," fuhr