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Sonnabend, den 14. November
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L ff
1885.
Erstes Blatt
„Ich preise den glücklichen Zufall, der mich zu Ihrer Hilfe hier vorbeiführte," versetzte der junge Mann galant. Wohnen Sie hier in der Nähe, mein Fräulein?"
„Auf dem Schlöffe de Vigny. Ich bin Giralda Alvarez, die Mündel und adoptirte Nichte des Marquis de Vigny," antwortete dar junge Mädchen, unter dem bewundernden Blick ihres Retters erröthend.
„Und ich bin Gilbert, Herzog von Beaufort und wohne auf meinem Stammschloffe Adler'S Horst," versetzte der junge Mann verbindlich. „Ich hoffe, Fräulein Alvarez, daß die heutige nicht unsere einzige Begegnung gewesen sein wird. Ich kenne den alten Marquis de Vigny recht gut und werde mir erlauben, ihn in den nächsten Tagen einmal zu besuchen. Er war der Freund meines Vaters und ich habe ihn lange nichl gesehen."
Giralda beeilte sich, ihm zu antworten, daß er auf dem Schlöffe stets willkommen sein weide. Der junge Herzog wunderte sich, wie dieses heb»
Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von ?. Hiheifkld. (m
liche Mädchen sich bei dem Greise heimisch fühlen könne, da er natürlich derselben Meinung wie alle Andern war, daß der Marquis ein hartherziger, geiziger, alter Mann sei.
Das junge Mädchen schien seine Gedanken zu errathen. „Der Herr Marquis ist mir sehr lieb und theuer," sagte sie mit großem Ernste. „Er besitzt ein großes, edles Herz, welches Kummer und Sorgen wohl verbittert, aber nicht verhärtet haben. Sie werden ihn lieb gewinnen, wenn sie ihn erst beffer kennen."
„Das will ich gern glauben," betheuerte der junge Mann höflich, überzeugt, daß seine vorge- faßte Meinung.über den alten Herrn eine irrige gewesen, weil Giralda ihn deffen versicherte. „Mein Vater war des Marquis' Jugendgesährte. Er hat mir oft erzählt, daß Ihr Herr Onkel einen edlen, doch etwas eigentümlichen Charakter besäße. Ich werde mich freuen, Ihnen und dem alten Herrn meine Aufwartung machen zu dürfen."
Giralda schüttelte die Waffertropfen von ihrem Kleide, sitzte ihren Reithut zurecht und blickte sich nach Favre um, der sich mit Zulima beschäftigte, die levhaft wiehernd ihre Herrin begrüßte. „Ich hatte mir vorgenommen, bis an den See zu reu-n," sagte sie, „aber der Verlust meines Zau-
glaube ich, wird wesentlich den moralischen Wirkungen dieser Mission schaden. Es ist den Missionären gestattet, Handel zu treiben, um ihren sehr geringen, ihnen von Europa zugestandenen Gehalt zu vergrößern, und sie sind natürlich genöthigt, den Prinzipien deS Handels zu huldigen: billig zu taufen und theuer zu verkaufen, wenn sie etwas verdienen wollen. Wie alle Wilden sind die Eingeborenen ganz sorglos um ihre Zukunft, und wenn sie ihre kleine Reisernte eingeheimst haben, bringen sie einen großen 3^611 davon oen Missionären und verkaufen ihn für Mester, Perlen, Aexte, Tabak, oder irgend welche andere Dinge, die sie brauchen. Einige Monate später, zu der nassen Jahreszeit, wenn die Nahrung spärlich wird, kommen sie, kaufen es wieder zurück und geben dafür Schildkrötenschalen, Tripang, wilde Muskatnüsse und andere Produkte. Natürlich wird der Reis zu einem viel höheren Preise verkauft, als er gekauft wurde, wie es vollk.mmen in der Ordnung und gerecht ist — und das Geschäft ist im Ganzen wohlthätig für di- Eingeborenen, die sonst ihre Nahrung, wenn ft* reichlich vorhanden ist, verzehren und verschwenden und dann zu Grunde gehen würden — aber ich kann nicht glauben, daß die Eingeborenen es m diesem Lichte sehen. Sie müssen auf die Handel treibenden Missionäre mit etwas Argw.hn blicken und können nicht m dem Maße die Ueberzeugung gewinnen, daß ihre Lehren uninteressirte sind, wie es der Fall fein würde, wenn fies machten wie die Jesuiten in Singapore. Das Erste, was der Missionär thun muß, wenn er es versuchen will, wilde Völker zu beeinflussen, ist, daß er sie durch feine Handlungsweise überzeugt, daß er zu ihre m Besten zu ihnen gekommen und daß er nicht Privatzwecken huldigt. Wenn er das will, so muß er anders agiren als andere Leute; er darf nicht Geschäfte betreiben und Vortheil ziehen aus zum Leben nothwendigen Dingen, welche Andere ver- eanfen müflen, sondern ec muß Denen, umlege Mangel leiden, wohlthun. Es wäre gut, wenn er sich bis zu einem gewissen Grade den inländischen Gebräuchen anbequemte und dann zu zeigen versuchte, wie diese Gebräuche allmählich modificirt werden können, daß sie ihrer Gesundheit förderlicher und angenehmer werden, ©inige energifäe, der Sache sich hingebende Männer, die auf diese Weise vorgingen, würden wahrscheinlich einen entschiedenen moralischen Einfluß auf die niedrigst stehenden wilden Stamme ausüben, während Handel treibende Missionäre, welche lehren, was Jesus gesagt hat, aber nicht thun, was Er that, kaum erwarten können, ihnen mehr mitzutheilen, als ein klein wenig oberflächlichen Firniß von Religion.
Wer diese Mittheilungen eines Kenners ohne Vorurtheil mit Aufmerksamkeit liest, wird sicher- lich der hohen Weisheit einer Regierung, welche die Jesuiten in ihrer Wirksamkeit behindert, seine Bewunderung nicht versagen.
Inserate? Z^Wmltige Zeile oder deren' Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 1« Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
-i- Die Jesuiten.
Gegenüber den abfälligen Urtheilen, welche neuerdings wieder aus Anlaß der von der Regierung in den deutschen Kolonien behinderten Missions- thätigkeit bezüglich der Jesuiten unverantwortlicher Weise von solchen, welche meistens die Jesuiten und ihre Thätigkeiten gar nicht kennen, in die Welt geschleudert werden, ist es intereffant, zu erfahren, was der nichtkatholische Engländer Alfred Ruffell Wallace, der als Naturforscher 8 Jchre lang den malayischen Archipel bereist hat, Günstiges von den Jesuiten sagt. In seinem Werke: „Der Malayische Archipel" (Autorisirte deutsche Ausgabe von Adolf Bernhard Meyer, Braunschweig 1869) heißt es Band I., Seite 31:
„Im Innern der Insel (Singapore) fällen die Chinesen Waldbäume im Jungle (eine mit Bambus und kleinen Bäumen bestandene Fläche) und sägen sie zu Brettern; sie kultiviren Gemüse und bringen es zu Markt; sie ziehen Pfeffer und Gambir, wichtige Exportartikel. Die französischen Jesuiten haben unter diesen Binnen-Chinesen Missionen errichtet, welche sehr erfolgreich zu fein scheinen. Ich
wohnte einmal mehrere Wochen bei dem Missionär in Bukit- tima, ungefähr im Mittelpunkt der Insel; es ist dort eine hübsche Kirche gebaut worden für ungefähr 300 Konvertiten. Als ich da war, traf ich einen Missionär, der gerade von Tonking kam, wo er viele Jahre zugebracht hatte. Die Jesuiten betreiben ihr Werk noch durchaus, wie von Alters her. In Cochinchina, Tonking und China, wo alle chnst- ließen Lehrer gezwungen sind, im Geheimen zu leben, der Verfolgung, Verjagung, ja manchmal dem Tode ausgesetzt, hat jede Provinz, selbst die im fernsten Innern, eine bleibende Jesuiten-Misstonsanstalt, beständig durch frische Aspiranten int Gang gehalten, die in den Sprachen der Lander, welche sie besuchen wollen, unterrichtet werden. In China sollen an eine Million Bekehrte sein, in Tonking und Cochinchina mehr als eine halbe Million. Ein Geheim- niß des Erfolges dieser Missionen ist die strenge Sparsamkeit, welche beim Verausgaben der Mittel geübt wird..Ein Missionär darf ungefähr 30 Lstrl. das Jahr ausgeben, wofür er lebt, wo es auch sei. Daher können eine große Anzahl Missionäre mit sehr beschränkten Mitteln unterhal ten werden; und die Eingeborenen, welche sehen, daß ihre Lehrer in Armuth und ohne irgend welchen Luxus leben, sind überzeugt, daß sie es ernst meinen mit dem, was sie lehren, und daß sie wirklich Heimath und Freunde, Bequemlichkeit und Sicherheit für das Wohl Anderer aufgegeben haben. Kein Wunder daher, daß sie bekehrt werden, denn es muß eine große Wohlthat für die Armen, unter denen sie wirken, fein, einen Mann bei sich zu haben, zu dem sie in Sorge und Unglück gehentzkönnen, um sich Trost und Rath zu holen, Der sie in Krankheit besucht, der sie in der Roth unterstützt und den sie von Tag zu Tag in Gefahr vor Verfolgung und Tod lediglich für ihr Wohl leben sehen. .
Mein Freund in Bukit-tima war wirklich em Vater für feine Heerde. Er predigte ihnen jed-n Somffag chinesisch u.id hatte in oer Woche' Abende für die Diskussion und Unterhaltung festgesetzt. Er errichtete eine Schale für ihre Kinder. Sein Haus stand ihnen Tag und Nacht offen. Kam Jemand zu ihm und sagte: „Ich habe heute keinen Reis für meine Familie," so gab er ihm die Hälfte von dem, was er zu Hause hatte, so wenig es auch fern mochte. Sagte ein Anderer: „Ich habe kein Geld, meine Schuld einzulösen/ so gab er ihm die Hälfte des Inhalts seiner Börse, und wenn es sein letzter Dollar gewesen wäre. Ebenso aber schickte er, wenn er selbst Mangel litt, zu einem der Reichsten seiner Heerde und sagte: „Ich habe keinen Reis im Hause," ober: „Ich habe mein Geld weg- gegeben und habe Dieses ober Jenes nöthig." Die Folge war, baß seine Heerbe ihm vertraute unb ihn liebte, beim sie fühlte sicherlich, baß er ihr wahrer Freund fei unb keine anbere Absichten habe, wenn er unter ihnen lebte."
Und was schreibt dieser Akatholik und Verehrer Darwin's von den Erfolgen der deutschen protestantischen Missionäre auf der Insel Manstnam im Hafen von Dorey (Neu-Guinea), von denen er doch auch gut ausgenommen und bewirthet worden ? Seile 280 des zweiten Bandes heißt es:
„Die einzigen nominell Bekehrten sinb bis jetzt ein paar 1 Frauen, und einige Sinber besuchen bie Schule unb lernen lesen, aber machen sehr wenig Forffchritte. Ein Umstanb,
Weihnachts-Anzeiger.
Wie im vorigen, so werden wir auch in diesem Jahre als Gratis-Beilage zu unserer Zeitung einen Weihnachts-Anzeiger herausgeden, der am 28. November, 5., 12. u. 19. Dezember erscheint. Derselbe wird nicht allein der Zeitung beigegeben, sondern auch noch in einer Auslage von 5000 Exemplaren extra vertheilt werden, so daß Inserate eine außergewöhnlich große Verbreitung erfahren.
Der Weihnachts-Anzeiger enthält als Originalarbeiten eine Auswahl interesfanter Weihnachts- Erzählungen, sowie gediegene Fest-Artikel von bekannten Autoren.
Inserate, die pro Zeile mit nur 10 Pfg. berechnet werden, erbitten wir baldigst, damit für gefälliges Arrangement Sorge getragen werden kann. Bei wiederholter Insertion gewähren wir entsprechenden Rabatt.
Fulda, im November 1885.
Nie Redaktion und Erpeditiou der »Fuldaer Zeitung*.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. November.
• Der Gedanke einer nationalen Ausstellung in Berlin im Jahre 1888 erregt in Paris großen Aerger. Man will darin einen neidischen mes macht diesen Plan unmöglich." Sie ging langsam bis zu ihrem Pferde, der junge Herzog blieb an ihrer Seite.
„Es befindet sich hier ganz in der Nähe ein Richtweg dabin," sagte er eifrig. „Ich bin hier gut bekannt. Sie haben nur wenig Zeit durch Ihr kleines Abenteuer verloren. Warum wollen Sie Ihren Ritt nicht fo weit ausdehnen, als Sie sich vorgenommen hatten, Fiäulein Alvarez?"
Giralda besann sich einen Augenblick. „Ich will meinen Ausflug an einem anderen Tage beenden," versetzte sie dann höflich aber bestimmt. „Der kleine Unfall vorhin hat mich zu sehr aufgeregt und es wird beffer sein, wenn ich nach Hause zurückkehre."
Der junge Mann half ihr in den Sattel; er wagte es nicht, ihr noch weiter zuzureden. „Erlauben Sie mir, Fräulein Alvarez, daß ich mich morgen nach Ihrem Befinden erkundige?" fragte er und sie lächelte ihm zustimmend huldvoll zu. Er stand, mit dem Hute in der Hand, bis Giralda und ihr Begleiter seinen Blicken entschwunden waren. Dann verließ er, wie von einem Traum befangen, die Bergschlucht, einzig mit dem jungen Mädchen beschäftigt, deren Erscheinung ihn so ganz bezaubert hatte.