J\6 261.
Freitag, den 13. November
1885.
mit der
WyZ’v.
WM
Deutsches Reich.
Berlin, 12. November.
* Der hochw. Hr. Bischof Dr. Roos von Lim- burq ist gestern hier eingetroffen und hatte Nachmittags eine längere Audienz beim Kaiser. Heute findet aus Anlaß der Anwesenheit des Herrn Bischofs um 6 Uhr ein Diner beim Kultusminister v. Goßler statt, zu welchem auch der fürstbischöfliche Delegat, Hr. Propst Aßmann geladen ist.
* Das Staatsministerium hielt heute eine Sitzung ab- der Finanzminister Scholz ist nach Fried- richsruh abgereist. Es dürfte sich wohl um die
Entwickelungsgang von Hindernissen frei sehen möchten Bei alledem soll die berechtigte Freiheit der Volker bewahrt bleiben- denn die beste Mutter und Schützerin menschlicher Freiheit ist vie Wahrheit: „Die Wahrheit wird euch frei
Es gereicht zum öffentlichen Wohle, daß man sich m geschickter Weise der Gemeinde-Angelegenheiten annnnrnt und dabei hauptsächlich danach strebt, die Jugend zur Religion und christlicher Sittlichkeit zu erziehen. Davon hangt ja hauptsächlich das Wohl der einzelnen Gemeinden ab.
Desgleichen ist es in der Regel überaus nützlich und lobenswerth, daß die Katholiken von diesem engern Gebiete aus ihre Wirksamkeit weiter entfalten und der Staats-Angelegenheiten sich annehmen. Wir sagten, das sei „m der Regel" der Fall, weil diese Unsere Vorschriften sich auf alle Völker beziehen. Immerhin kann in einzelnen Staaten (und hier scheint besonders Italien gemerny der Fall eintreten, daß überaus triftige und berechtigte Grunde es unzweckmäßig erscheinen lassen, an der Leitung des Staatswesens sich zu betheiligen und politische Aemter zu übernehmen. Aber im Allgemeinen würde, w'e gesagt die völlige Enthaltung von der Politik eben so fehlerhaft sein, wie die Unterlassung einer Betheiligung an den zum öffentlichen Wohle gereichenden Arbeiten; und das ist um so mehr der Fall, als ja di- Katholiken schon durch d>- Vorschriften ihrer Religion angehalten werden, gewissenhaft und dem Glauben gemäß in der Besorgung dieser Angelegenheiten zu handeln. Wenn dagegen die Katholiken sich der Politik enthalten, dann werden Jene nur zu leicht die stüael an sich reihen, deren Gesinnungen Schlimmes befürchten lassen. Das aber würde dem Christenthum unsäglichen Schaden zufügen; denn die meiste Gewalt h alten dann Jene, welche von Haß gegen die Kirche erfüllt sind, die Gutgesinnten aber wären machtlos. Daher ist es klar, daß die Katholiken eine bringende Ursache haben, um die staatlichen Angelegenheiten sich zu bekümmern Denn sie thun das nicht deshalb und dürfen es nicht deshalb thun, um jene verwerflichen Einrichtungen, welche sich heutzutage in manchem Staatswesen vorfinden, zu borgen ; sondern um die weisen Lehren und das Sittengesetz des Chrlsten- thums, als den heilsamsten Lebenssaft, in alle Adern des Staatswesens -inzusühren.
Die Encyklica des heiligen Balers über den christlichen Staat.
(Schluß.)
Im zweiten Theile der Encyclica wendet der hl. Vater sich gegen die falschen modernen Ideen in Bezug auf die Freiheit, um ihnen die wahren christlichen Ideen gegenüberzustellen. Namentlich kommt hier die Souveränetat des Volkes in Betracht, welche die fruchtbare Mutter der Revolutionen ist. ,
Eine Volksherrschaft, welch-, ohne jede Rücksicht auf Gott, der Menge von Natur aus beiwohnen soll, mag zwar sehr geeignet sein, mancherlei Leidenschaften zu schmeicheln und dieselben zu entzünden, stützt sich aber auf keinen stichhaltigen Grund und kann keine genügende Kraft besitzen, die öffentliche Sicherheit, Ruhe und Ordnung dauernd zu erhalten.
Durch solche Lehren ist es in der Thal schon dahrn gekommen, daß Manche glauben, es sei ein Grundsatz des Staatsrechtes, daß man die Befugniß haben könne, einen Aufruhr zu erregen. Denn es herrscht die Meinung, die Fürsten seien nichts mehr als die Männer, die man gewählt habe, den Willen des Volkes auszuführen; diese Ansicht hat aber nothwendiger Weise zur Folge, daß Alles zugleich mit dem Belieben des Volkes veränderlich wird, und daß man unter der beständigen Furcht des Aufruhrs ^Dagegen sei mit der Volks-Souveränetat nicht auch durchaus eine berechtigte Theilnahme des Volkes am Staatsleben ausgeschlossen; im Gegenteil könnten Staatsformen, worin eine solche Theilnahme sicher gestellt werde, unter Umständen nicht nur zulässig, sondern heilsam sein, und je nachdem sei das Volk nicht gut befugt, sondern auch verpflichtet, am politischen Leben sich zu betheiligen. Mit besonderem Nachdruck weist hier der hl. Vater die liberale Insinuation zurück, als ob die Kirche hinsichtlich der politischen Enlwtcke- lang zu engherzig fei und den veränderten Ver- hältnisien nicht Rechnung zu tragen verstehe, oder gar der echten und berechtigten Freiheit sich feindlich erweise. .,
Dies- rechtmäßige und des Menschen würdige Freiheit billigt di- Kirche so sehr wie nur irgend ein Anderer, und nie unterließ sie es, dahin zu streben und zu wirken, daß sie den Völkern unverbrüchlich und ganz erhalten bliebe. Wahrlich, die Geschichte vergangener Zelten bezeugt, daß di- katholische Kirch- stets alles das in's Leb-n gerufen oder gefördert oder bewacht hat, was ,m burgeAichen Gemeinwesen besonders beiträgt zum öffentlichen Wohl, was mit Nutzen eingeführt war, um die Willkür der Fürsten, welche das Wohl des Volkes schädigten, m Schranken zu halten, was die höheren Gewalten hindert, sich tn die An- qeleqenheiten der Gemeinde oder der Familien unbesugter Weise einzudrängen, was zur Erhältung der Wurde, der
ihr fortaeriffen worden, trieb mit dem Strome weiter. Während dessen neigte sich der Weiden- bäum immer tiefer, so daß bald seine särnmtlichen Zweige das Wasser berührten. Der alte Diener stand am Ufer, verzweiflungsvoll die Hände ringend und laut um Hilfe rufend.
Giralda's prachtvolles Pferd gab sich die größte Mühe, aus der Strömung herauszukommen und das steile Ufer zu gewinnen, woran es durch die schwimmenden Trümmer der Brücke immer wieder verhindert wurde. . , . t
„Was kann ich für Sie thun, Fraulem? nef der alte Favre ängstlich aus. „Der Baum halt keinen zweiten Menschen und ich bin alt und kann nicht schwimmen. Ach, was kann ich thun, um
„Favre," versetze das junge Mädchen, welches ihre Ruhe wiedergewonnen hatte, „eilen Sie, so schnell wie möglich Hilfe herbeizuholen."
„Hilfe? Ach, Fräulein, bis ich nach dem Schlöffe komme, ist es längst zu spät." .
„Ist denn keine menschliche Wohnung in der Nähe? Ich meine doch, da drüben einen rauchenden Schornstein bemerkt zu haben!"
„Ich werde nachsehen, aber ich zittere, Sie zu verlaflen. Ah!" Er brach plötzlich ab und sah
nach der entgegengesetzten Seite, wo auf einem Hügel ein Reiter bemerkbar wurde. In demselben Augenblick ward auch Giralda ihn gewahr. Gleich darauf verschwanden Roß und Reiter und sprengten in rasendem Galopp der Schlucht zu.
Sie sind gerettet, Fräulein!" rief der alte Mann vor Freude zitternd aus. „Das ist der Herzog von Beaufort. Wenn irgend Emer, so wird er Sie retten!"
cva wüßte nur nicht auf welche Weise, sagte Giralda. „Wenn er nicht bald kommt, so reißt die Srömung mich fort. In diesem Falle ist keine Aussicht auf Rettung vorhanden, ©e^ Qulima hat richtig das Ufer gewonnen Geht und helft ihr, Favre. O, wie sie zittert!
Während ihr Diener beschäftigt war, dem Pferde behiflich zu sein, das Ufer vollständig zu erklettern, sah seine junge Herrin der Gefahr be- herzt in's Auge. Sie fühlte deutlich, wie der Baum sich immer mehr dem Wasser zuneigte und sie mußte ihren ganzen Muth zusammennehmen, um fest zu bleiben. So vergingen Minuten. __
Qulima ist gerettet!" tönte da Favre4,-l. an ihr Ohr. „Aber, „Fräulein, der Ba^s-ph immer mehr! Sie werben ertrmten. 00tt
Giralda öffnete ihre Lippen, un*am Hillen-
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-H- Auf geheimnißvollen Wegen.
Roman von j. (49
cz-ch fürchte, daß das Gewicht des Pferdes zu viel fein wird für diese alte, morsche Brücke, sagte das junge Mädchen zu ihrem Begleiter der in diesem Augenblick neben ihr anlangte. „Und dennoch scheint es mir, als ob heute Morgens schon Jemand dieselbe paflirt habe, ich sehe deutlich die Hufspuren im Sande. Wartet, bis ich hinüber bin, Favre und dann folgt mir. Sie trieb Zulima an, und das Thier, obgleich furcht- sam, folgte gehorsam ihrem Befehle und setzte sich in Galopp. Im nächsten Augenblick schlugen die Pferdehufe dumpf auf das morsche Holz; plötzlich aber erfolgte ein Krach, ein Schrei ertönte und Favre sah die Brücke vor seinen Blicken zwarn- menbrechen und Giralda mit ihrem Pferde zwischen den Trümmern verschwinden.
In demselben Augenblick neigte sich der Werben- bäum vollenbs herüber unb fing das junge Mad- chen in seinen Zweigen auf. Durch den heftigen Schreck fast ihrer Besinnung beraubt, klammerte ste sich instinktiv an einen der größeren Zweige, die ihr Halt boten. Ihr Pferd, welches unter
persönlichen Freiheit, der Rechtsgleichheit unter den einzelnen Bürgern beiträgt. Stets sich gleich, verwirft sie einerseits die maßlose Freiheit, welche für die Einzelnen wie für die Völker zur Zügellosigkeit oder zur Knechtschaft führt, und huldigt anderseits gern und freudig dem Fortschritt, welchen di- Zeit mit sich bringt, vorausgesetzt, daß er wahrhaft das Wohlergehen dieses Lebens fordert, welches gleichsam eine Rennbahn ist, durch die wir zum andern, dem ewig bleibenden Leben gelangen.
Wenn man daher lagt, die Kirchs blicke m,t neidischem Auge auf den neuern Fortschritt der Staaten, und alle die Erfindungen der Neuzeit, sie verwerfe unterschiedslos das Alles, so ist das eine leere und nackte Verleumdung. Freilich, sie verwirft wahnwitzige Theorien, sie verwirft die verruchten Bestrebungen des Aufruhrs und besonders jene G-istesrichtung, welche die Anfänge der freiwilligen Lossagung von Gort in sich birgt. Weil aber jegliche Wahrheit nothwendiger Weise in Gott ihren Ursprung hat so erkennt die Kirche in jeder Wahrheit, welche von der Forschung aufqedeckt wird, gleichsam einen Fußstapfen Gottes. Und da in der Natur keinerlei Wahrheit sich findet, welche dein Glauben an die göttliche Offenbarung widerstreitet, vieles dagegen, was für ihn spricht, und da dre Aufdeckung einer jeglichen Wahrheit uns antrerben kann, Gott selbst zu erkennen und zu loben, so begrüßt d,e Kirche bereitwillig und mit Freuden jede Erweiterung des Gebietes der Wissenschaften und wird die Naturwissenschaften nut demselben Eifer, wie die übrigen, hegen und fördern. Die Kirche hat nichts dagegen, wenn der Geist in diesen Studien etwas Neues entdeckt; sie hindert nicht, daß man noch Mehreres zu entdecken sucht zur Verschönerung und zur Bequemlichkeit des Lebens; im Gegentheil, da siedle Trägheit und das Mchsthun haßt, wünscht sie von Herzen, daß der menschliche Geist in seiner Bethätigung und Ausbildung reichlich Früchte trägt, ste sucht zu leglicher Art von Kunst und Arbeit anzuregen; und indem sie mit ihrer Macht all' dies Streben auf die sittlichen Guter und auf das Seelenheil hinlenkt, sucht sie zu verhindern, daß der Mensch durch sein Wissen und seine Arbeit von Gott und den göttlichen Dingen sich ablenken lasse.
Gegen ben Schluß erteilt der heil. Mter ben Katholiken noch insbefonbere einige praktische Weisungen in Bezug auf ihre Theilnahme am öffentlichen Leben.
Indeß, so vernünftig und weise dies auch ist, so findet es doch heutigen Tages wenig Billigung, indem die Staaten nicht bloß sich weigern, zu dem von den Vorschriften des Christenthums vorgezeichneten Ideale zurückzukehren, sondern täglich weiter von ihm sich entfernen zu wollen
indeß die Wahrheit, wenn einmal ausgesprochen, von selbst sich Bahn bricht und allmählich die menschlichen Geister durchdringt, so haben Wir dennoch, getrieben vom Bewußtsein Unserer großen und heiligen Aufgabe, der apostolischen Sendung nämlich, mit der Wir für alle Volker betraut sind, die Wahrheit frei und offen, wie es Unsere Pflicht ist, ausgesprochen, nicht als wenn Wir die Zeltver- hältnisse außer Acht ließen, oder den guten und nützlichen Fortschritt unserer Zeit zurückweisen wollten, sondern weil Wir die Grundlagen der Staatswesen gefestigt und ihren
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