1885.
Mittwoch, den 11. November
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Q Die Gleichberechtigung der Missionen in de« deutschen Kolonien.
IV.
Die eben erst stattgehabte protestantische Missionskonferenz in Bremen unterschied sich, wie dec Bericht der ,Kreuzztg.' hervorhebt, von allen früheren dadurch,
„daß auch die deutsche Reichsregierung einen Vertreter in der Person des Konsuls Raschdau aus dem Auswärtigen Amte entsandt hatte, der über die Ansichten, Wünsche und Anträge der Konferenz dem Reichskanzler berichten, auch die Ziele der Reichsregierung in den betreffenden Fragen präcisiren sollte, weshalb derselbe wiederholt in die Debatte eingriff."
Die „Thätigkeit" des offiziellen Reichsvertreters auf der Bremer Missionskonferenz tritt in eine eigenthümliche Beleuchtung, wenn man die in dem ersten Artikel erörterte reichsseitige Ablehnung der projektirten katholischen Mission in Kamerun mit den in Bremen unter Mitwirkung des Reichsvertreters über die protestantische Mission in Kamerun gefaßten Beschlüsie in Betracht zieht. Manche in den Berichten enthaltenen geheimnißvollen Andeutungen über die Mission in Kamerun, über bald bevorstehende Veröffentlichung von Thatsachen, über die wahrscheinliche Uebernahme der Kameruner Mission durch die Baseler Missionsgesellschaft, über die zur Vereitelung einer projektirten römisch-katholischen Mission erforderliche Eile u. s. w. ließen schon tiefer blicken. Ein Bericht der .Magdeburger Ztg.' redet offen von „vertraulichen Mittheilungen" des Reichsvertreters, von schleunigen VorkeLrml- gen, damit jene Stationen nicht in Hänke kommen, welche einer Entfaltung der Kolonien im deutsch-evangelischen Geiste hinderlich sein würde. Alles das war in seinen Tendenzen und Zielen sonnenklar, wenn man die fast gleichzeitig erschienenen Berichte über die Erledniffe der katholischen Missionäre auf dem Berliner auswärtigen Amte damit verglich. Deshalb ließ die.Kreuzztg.' auch chsließlich die Maske fallen und erklärte offen heraus, daß der Vertreter des auswärtigen Amtes, Konsul Raschdau, in Bremen vertrauliche Mitthei- langen über das Projekt der Väter vom heiligen Geiste, in Kamerun eine katholische Mission zu errichten, gemacht habe, daß daher „Gefahr im Ver- zuge" sei, und daß deshalb die evangelische Propaganda schleunigst der katholischen zuvorkommen müffe. Auch meldet sie, daß man die Baseler Gesellschaft um sofortige Entsendung einer ihrer
Missionäre von der Goldküste nach Kamerun ersucht habe und daß von einer Seite die Konferenz ersucht worden sei, die Kosten auf sich zu nehmen. Zur „Thätigkeit" des Reichsoertretecs in Bremen erfahren wir au» der.Kreuzztg.' auch noch Folgendes:
„Vor Schluß der Verhandlungen machte Konsul Raschdau auf Ersuchen noch Mittheilungen aus einem Bericht des kaiserlichen Kommissars für Kaiser Wilhelmsland u.s. w., der die Entsendung von Missionären nach dem Nordosten von Neu-Guinea dringend empfahl. Der Inspektor der rheinischen Missionsgesellschaft stellte in Aussicht, daß die rheinische Mission diese Arbeit übernehmen werde." a
Diese objektive Gegenüberstellung der thatsäch« lichen Vorgänge bedarf kaum eines besonderen KommentareS. Sie illustrirt so recht drastisch die „Parität" im einigen deutschen Reiche. Tie.Germania' charakterisirt dieses Verfahren mit Recht dahin: „Katholischen Missionären deutscher Nationalität wird also hier in Berlin erklärt, die Kameruner Mission werde von einer protestantischen Missionsgesellschaft mit Gutheißung der Regierung übernommen, katholische Missionäre könnten deshalb keinen Platz finden, und dann erscheint ein Vertreter des Auswärtigen Amts in Bremen, theilt diese katholischen Unterhandlungen „vertraulich" mit und bemüht sich auch seinerseits, eine protestantische Gesellschaft für Kamerun zu ge- roinnen, nachdem man durch Abweisung katholischer Missionäre zunächst wieder Zeit gewonnen hat."
In neuester Zeit, und namentlich noch während der eben verstossenen Wahlagitation hat die „na- tionale" Presse und Agitation, um katholische Stimmen zu ködern, besonderen Nachdruck darauf gelegt, daß weder die Regierung, noch die ihr untergebenen Parteien dem Katholizismus an sich abhold wären, im Gegentheil wurde die strengste Parität, die volle Gleichberechtigung der beiden christlichen Konfessionen in allen Tonarten gepriesen. Der nahe bevorstehende Reichstag und preußische Landtag wird den Parteien Gelegenheit geben, auch in dieser Frage Farbe zu bekennen, theoretisch und praktisch die Frage zu beantworten, ob die katholischen Missionen mit den protestantischen gleichberechtigt sind oder nicht. Daß weder das deutsche Jesuitengesetz, noch das preußische Klostergesetz in Kamerun rechtsgültig ist, daß vielmehr alle deutschen Gesetze in den Kolonieen nur soweit gelten, als sie mit Zustimmung des Reichstags daselbst eingeführt sind, wird nun auch von
dem Hauptorgan der deutsch - freisinnigen Partei ausdrücklich betont. Wenn es sich nicht um die verbohrtesten konfessionellen Vorurtheile handelte, könnte darüber unter verständigen Leuten überhaupt kein Zweifel sein. Hat doch selbst die .Kreuzzeitung' vor einigen Tagen erklärt, es sei „unzweifelhaft, daß bei Erlaß des Gesetzes vom 4. Juli 1872 die Absicht nicht obgewaltet hat, ka- tholische Missionare vom deutschen Kolomalgebiet gänzlich auszuschließen, ergebe es sich aber, daß diese Ausschließung die formell unabweisbare Konsequenz dieses Gesetzes ist, so würde die Revision desselben aus Gründen der Gerechtigkeit nicht unterbleiben dürfen." Hoffentlich bleibt die .Kreuz- zeitung' dieser ihrer Ueberzeugung auch für die Folge treu, und hoffentlich wird auch bei ihren protestantischen Parteigenossen die klare Forderung der Toleranz und Gerechtigkeit über die konfessionellen Vorurtheile siegen. Von nationalliberaler Seite hoffen wir in diesem Falle nichts, denn ein richtiger Nationalliberaler geräth ja schon bei dem bloßen Namen „Jesuit" und „Mönch" in Aufregung. Der Nationalliberalismus wird sich hinter da» Jesuitengesetz verschanzen, was ihm aber wohl wenig helfen wird, denn zu einer Einführung dieses rigorosen Verbannungsgesetzes in den deutschen Kolonien wird sich im deutschen Reichstage so bald keine Mehrheit finden, und zu einer verfassungswidrigen Handhabung eines solchen Gesetzes wird sich das auswärtige Amt doch nicht entschließen wollen. Es unterliegt nach alledem keinem Zweifel, daß wir demnächst im Reichstage oder im preußischen Abgeordnetenhause oder in beiden interessante Debatten über die Mlssions- nnd Ordensfrage erleben werden. Das Centrum hält selbstredend seine Forderung betreffs der Rück- berufung der Orden nach Deutschland aufrecht. Aber wenn auch hierfür der Boden noch nicht vorbereitet und geebnet sein mag, für die paritätische Behandlung der Ordensmisstonen in den deutschen Kolonien hoffen wir bei der überwiegenden Mehrheit des Reichstags ein bessere» Verständniß zu finden, als bei der Reichsregierung und ihrem Organ, der .Nordd. Allg. Ztg.', welche soweit geht, daß ste die vor 12 Jahren aus Deutschland nach Frankreich verjagten deutschen Missionäre jetzt al» „französische" behandelt und ihre Ausschließung auch aus politisch-nationalen Rücksichten verlangt. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' hat allmählig herausge-
4? Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von ?. -«hnfel». (47
„Es ist so sanft wie ein Lamm und so leicht- füßig wie ein Reh. Ich habe schon seit em paar Jahren ein Auge darauf gehabt, aber ich hatte ja Niemanden, für den ich es kaufen konnte!" sprach der alte Herr freundlich. „Es heißt Zu- lima. Es ist ein echter Araber und ein Geschenk von mir für Dich, Giralda! Ich möchte gern, daß Du Dir Vergnügungen im Reiten machtest, Kind! Wann willst Du es versuchen?"
„Sogleich! O, wie gütig Du bist, lieber Onkels!" rief das junge Mädchen strahlenden Auges.
„Keinen Dank!" wehrte der alte Herr lächelnd ab. „Mir ist es die größte Freude, wenn Dich etwa» glücklich macht. Gehe und lege Deinen Reitanzug an, Kind! Pierre, der Jockei, soll Dich auf Deinem ersten Ritt begleiten.
Giralda beeilte sich, seinem Wunsche nachzu- kommen. In unglaublich kurzer Zeit hatte sie ihren Anzug beendet und kam nun, glühend vor freudiger Erregung, zurück. Zulima, gesattelt und gezäumt, wartete bereits vor dem Portal. Der Marquis half ihr galant in den Sattel und be
dauerte es, sie nicht begleiten zu können. Im nächsten Augenblick ritt Giralda davon, die Allee hinunter, von Pierre gefolgt. Der alte Herr sah ihr mit stolzem Lächeln nach.
„Wie schön und wie graziös sie ist!" murmelte er vor sich hin. „Wie stolz sie im Sattel sitzt! Wie eine echte de Vigny!" Er sah ihr nach, bis sie hinter der Pforte in einen Seitenweg einbog und war gerade im Begriff, in's Haus zu gehen, als sich das Parkthor wiederum öffnete und eine Chaise daherrollte. „Ah, da kommt Besuch", sagte der Marquis. „Das muß Eugen fein."
Es stellte sich bald heraus, daß der alte Herr sich nicht geirrt hatte. Die Chaise hielt vor dem Portal und Gras Engen stieg aus. Sein Gesicht, welches überhaupt keinen liebenswürdigen Ausdruck hatte, wurde noch unliebenswürdiger, als er die Veränderung bemerkte, die mit dem alten Schlosse sowohl, als auch mit feinem Onkel vorgegangen war.
Der Grund, weshalb er so bald nach dem alten Schlöffe hinauskam, war ein sehr nahe liegender. Er hatte der Comteffe Gabriele einen Besuch ab- gestattet, um von ihr das Geheimniß, welches sie umgab, zu erfahren und zu erforschen, ob sie mit der Gräfin Alvarez identisch sei. Aber er hatte
sie nickt gesprochen, denn sie hatte ihn nicht empfangen. Er hatte seinen Besuch wiederholt, doch mit demselben Mißerfolg, war dann ungeduldig geworden und hatte sich schließlich vorgenommen, ohne Zögern nach Schloß de Vigny hinauszufahren und zu versuchen, auf die eine oder andere Weise Giralda auszuforschen.
Sein Onkel empfing ihn sehr kühl und tagte mit einem Lächeln: „Schon so bald wieder hier, Eugen? Was verschafft mir dieses — Vergnügen?" „Ich wollte nur einige Tage hierbleiben, Onkel," sagte der Graf leichthin, während Beide in die weite warme Halle eintraten. „Ich möchte Dich nicht gern so gänzlich fremden Leuten übertaffen. Als Dein Erbe," fügte er hinzu, „wäre es unrecht von mir, wenn ich zugeben wollte, daß man Dich in Deinen alten Tagen noch betrüge."
Der Marquis zog feine Augenbrauen finster zusammen und sah den Sprecher mit einem sehr unfreundlichen Blicke an. Er unterdrückte jedoch feine leidenschaftliche Aufwallung und schwieg.
„Wie Du das alte Schloß verändert hast!" bemerkte Eugen, während er mit seinem Onkel in den Salon eintrat. „Das ganze Haus steht offen, die Mobilien sind von den Ueberzügen befreit und fo wahr ich lebe, da sind sogar neue Diener!"