1885
Freitag, den 6. November
i.
(Nachdr. Derb.)
und wir stehen bereits vor der bitteren Thatsache, die Freiheit des Kultus gewährleistet werde, daß die katholischen Missionen vom deutschen Kolo- | Man sieht, eine sichere Auskunft war das nicht,
Auf geheimnißvollerr Wegen.
Roman von Z. A,Hensel».
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Q Die Gleichberechtigung der Missionen in den deutschen Kolonie«.
Die sog. „nationalen" Parteien haben sich im Reichstage und in ihren Preßorganen gar heftig darüber entrüstet, daß das Centrum und die ge- sammte katholische Preffe gegenüber der im vorigen Jahre neuauftauchenden Kolonialpolitik des deutschen Reiches bezw. Bismarck's sich nicht zu der künstlichen Begeisterung erschwingen und in die Schützenfeststimmung hineinarbeiten mochten, wie wir sie bei den „Nationalen" nun einmal zu sehen gewohnt sind, sobald irgend eine Idee die Etikette des Reichskanzlers trägt. Schon jetzt hat die Erfahrung den Besonneneren und Reservirteren Recht gegeben, und selbst in denjenigen „nationalen" Blättern, denen noch vor einem Jahre der Kolonialhimmel voller Geigen hing, hat, gestützt auf sachverständige Urtheile, allmälig eine etwas ruhigere, um nicht zu sagen kühlere Ausfaffung unserer Kolonialpolitik Platz gegriffen. Unter den Erwä- gungen, welche die Centrumspartei zu einigem Mißtrauen oder wenigstens zur Vorsicht gegen die deutschen Kolonialbestrebungen bestimmte, nahm schon gleich anfangs die Frage der Missionen eine hervorragende Stelle ein, denn man war mit Recht der Ansicht, daß über allen materiellen Jntereffen das hohe ideale Jntereffe an der Christianisirung der wilden Völkerschaften jener Kolonialgebiete stehen müffe. Die „nationale" Preffe, welche Ende des vorigen Jahres bekanntlich von eine- ,Ent. rüstung" in die andere fiel, zeigte sich auch über die religiösen bezw. konfessionellen Bedenken der Katholiken sehr „entrüstet", sie redete ihren leichtgläubigen Lesern vor, daß selbstverständlich die Gleichberechtigung der Konfessionen und die religiöse Toleranz in den Kolonien hoch gehalten würden, und daß es nur die purste Nörgelsucht und Oppositionslust sei, wenn die katholische Preffe sich an diesen Punkt anklammere. Wir haben damals einige höchst bezeichnende Citate aus nationalliberalen Blättern gesammelt, welche nöthi-
nialgebiete ausgeschlossen werden, während die Reichsregierung den evangelischen Missionen jeden nur denkbaren Vorschub leistet. Die gegenwärtig in einem großen Theie der Preffe sich abspielende Diskussion über die Nichtzulaffung katholischer Missionäre in Kamerun hat sich noch gerade zur rechten Zeit, vor Eröffnung des Reichstages eingestellt. Bis dahin wird in der öffentlichen Meinung die Frage sich hinreichend geklärt haben, so daß die bestimmte in Aussicht stehende offizielle Anfrage über die Stellung der Reichsregierung zur konfessionellen Parität und zu der katholischen Missionsthätigkeit in deutschen Kolonien nicht etwa von irgend einem Regierungskommissär mangels Information dilatorisch und mit einem, „man glaubt annehmen zu dürfen", abgethan, sondern mit einem bestimmten und klaren „ja" oder „nein" beantwortet werden kann.
Man erinnert sich noch des unangenehmen Eindruckes, den dec Lüderitz'sche Vertrag mit einer protestantischen Missionsgesellschaft wegen Aus- schließung katholischer Missionen von Angra Pe- quenna nicht nur in der katholischen, sondern auch in dem vorurtheilsloseren Theile der liberalen und konservativen Preffe hervorrief. Dagegen fand sich die eigentliche Kulturkämpferpreffe bemüßigt, die Zulässigkeit eines solchen Vertrages in einem unter deutschem Reichsschutz stehenden Kolonialgebiete leb-
nicht einmal Über das Prinzip der Gleichberechtigung der Konfeffionen in den deutschen Kolonien. Und betreffs des Lüderitz'schen Vertrages, deffen Existenz von Herrn Lüderitz ausdrücklich zugegeben und in der Presse vertheidigt worden, betonte der Vertreter der Regierung seine Unkenntniß, obgleich in der Preffe förmliche Debatten über diesen Vertrag geführt worden waren. Aber auch abgesehen davon, sicher hat die Regierung offiziell in der Budgetkommiffion wie im Plenum des Reichstages Kenntniß bekommen von dem Lüderitz'- scheu Vertrage zur Ausschließung katholischer Missionen von Angra Pequenna.
Aber dennoch hat man bis zur heutigen Stunde noch nichts gehört von der Aushebung dieses die Katholiken ungerecht beschwerenden Vertrages. Nimmt man jetzt hierzu die neuesten Meldungen Über die thatsächliche Ausschließung der katholischen Mission vom Kamerungebiete und die ebenfalls beabsichtigte Okkupirung von Neu-Guinea als protestantische Missionsdomäne, so muß man noth- wendig zu dem Glauben kommen, daß man den Kulturkampf in seiner häßlichsten Gestalt auch auf die neuen deutschen Kolonien übertragen und dort die Katholiken als deutsche Staatsbürger zweiter Klaffe behandeln möchte.
genfalls als Illustration zum Widerstreit von Theorie und Praxis, von Phrasen und Thalsachen produzirt werden könnten. Auch diesmal, wie so oft, haben die Pessimisten wieder Recht behalten,
Noch einmal schloß sie ihre Tochter zärtlich in die Arme und küßte sie wiederholt aus den Mund, Augen und Wangen. Der Abschied wurde Beiden entsetzlich schwer. Die Gefahren, welche sie umgaben, lagen in diesem Augenblick sowohl der Mutter als der Tochter mit furchtbarem Druck auf der Seele. Nur gewaltsam drängte Giralda ihre Thränen und ihren Kummer zurück, unter Zärtlichkeiten sich bemühend die maternben Gedanken, welche sich Gabrielen« bemächtigt hatten, zu verscheuchen. Noch einen Kuß — eine innige Umarmung, dann gab die Cointeffe die geliebte Tochter frei und wandte sich der Thüre zu, als in demselben Moment das Geräusch rascher Männerschritte auf dem Corridor sich vernehmen ließ und gleich darauf die Eingangsthür hastig geöffnet wurde. Giralda, welche ihre Furcht in der Gegenwart der theuern Mutter fast vergeffen, bebte heftig zusammen und ihre Hand griff nach dem Herzen, wie um den lödtlichen Streich abzuhalten, der sie treffen sollte.
Da — auf der Schwelle — Gabriele gegen«
haft zu verteidigen.
Die .Freisinnige Zeitung', das Organ Eugen Richter's, welche sich auch ihrerseits entschieden gegen die Ausschließung katholischer Missionärs von Kamerun ausspricht, erinnert gelegentlich der neuen Mittheilungen über Kamerun an die Vorgänge wegen jenes Lüderitz'schen Vertrages in der Budgetkommiffion des Reichstages, wo natürlich diese uns Katholiken in der Gleichberechtigung verletzende Angelegenheit zur Sprache gebracht worden war. Wie die Reichstagsverhandlungen vom 2. März 1885 ergeben, hatte nach mündlichem Berichte des Herrn v. Köller in der Bud- getkommiffion der Vertreter der Regierung auf eine Anfrage erwidert, es sei ihm nichts davon bekannt, daß in Angra Pequenna nur evangelische Missionare und keine katholischen zugelassen werden sollten. Er glaube annehmen zu können, daß, wie das auch auf der Kongokonferenz geschehen sei,
Deutsches Reich.
Berlin, 5. November.
• Die ,Nat.-Ztg.' spricht heute von einer erneuten schärfern Correspondenz zwischen Berlin und Madrid. Die deutsche Langmuth sei erschöpft, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen möglich.
* Die Streichung des Fürsten Alexander aus den Listen der russischen Armee wird von sämmtlichen hiesigen Blättern als eine Demonstration von großer Tragweite und von übler Vorbedeutung für die eben zusammeutretende Konferenz aufgefaßt. Man erblickt darin die Absicht, den Fürsten in der schärfsten Form als unmöglich zu kennzeichnen. Es verdient Beachtung, daß eine hiesige offiziöse Stimme andeutet, daß man in Berlin und Wien mit diesem Akt, der die schärfste Desavouirung der bulgarischen Revolution bedeute^ einverstanden sei.
* Der erste Theil der bevorstehenden Reichstagssession wird fast ausschließlich der Etats
über, hoch aufgerichtet, mit funkelnden Augen, stand Armand de Vigny's Todfeind — Graf Eugen von Lamartin!
XXI.
Sekundenlang stand Gabriele starr, erschreckt, regungslos. Dann aber erhob sie mit einer blitzschnellen Bewegung ihre Hand, um den Schleier über ihr Gesicht herabzulaffen.
De« Grafen Blick haftete scharf und prüfend auf der Unbekannten. In dem herrschenden Halb- dunkel erlangte er nur einen unsicheren Blick in ihre Züge. In seiner Bestürzung vergaß er es, zurückzutreten und der Dame den Ausgang frei« zugeben. Fast mechanisch überschritt er die Schwelle des Zimmers. Die Dame trat auf die Thür zu. Er sah ihre unbekleidete Hand, die ihm so seltsam bekannt erschien, sich auf den Thürdrücker legen und unwillkürlich zuckte er zusammen. „
Noch einmal wandte sich die Dame zurück, verbeugte sich und verschwand im nächsten Moment aus dem Zimmer. Sich jetzt erst deffen bewußt werdend, daß er eine Unhöflichkeit begangen hatte, grüßte Graf Eugen seinen Onkel und Giralda mit besonderer Artigkeit. An ein Fenster tretend, sah er auf die Straße hinaus. „Wer ist die
Dame, die soeben fortging, Onkel?" fragte er nachlässig, während er seinen Blick auf eine unten wartende Drösche richtete. „Ich erinnere mich nicht, sie je zuvor gesehen zu haben."
„Sie ist die Mutter Fräulein Giralda'S, Eugen," antwortete der alte Herr kühl, „die Gräfin Alvarez."
Graf von Lamartin stieß einen Ruf des Erstaunens aus. Wie ein Gewitterstrahl zuckte es über fein dunkles Gesicht. „Diese Dame Gi- ralda's Mutter!" rief er mit halblauter Stimme. „Unmöglich! Ich dachte —" Er unterbrach sich plötzlich selbst. Seinen Blick scharf nach unten richtend, gewahrte er gerade noch das ^Verschwinden von Frauengewändern in der offenen Thür der vor dem Hotel haltenden Droschke; im nächsten Augenblick setzte sich der Wagen in Bewegung und fort ging es im Trabe die Straße hinunter.
„Die Gräfin Alvarez," sprach Eugen halblaut wie zu sich selbst. „Der Name ist mir nicht be« Tasnt. Ist die Gräfin eine Ausländerin?"
„Ja, sie ist die Gemahlin eines spanischen Edelmannes," erwiderte der Marquis, seinen kranken Fuß in eine andere Lage bringend. „Die Dame ist Schauspielerin ober Sängerin."
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