1885
Donnerstag, den 5. November
* lieber die Verhältnisse in Baden
wird anläßlich der vor Kurzem stattgefundenen badischen Abgeordnetenwahlen dec.K.V.- Ztg.' geschrieben: Es liegt uns fern, alle Schuld für das jämmerliche Erqebniß der katholischen Volkspartei aufzubürden. Daß hier Gründe allgemeiner Natur mitgewirkt haben, welche von den Fehlern einzelner Parteien unabhängig sind, beweist schon der Umstand, daß auch die Konservativen und Demokraten an der Niederlage betheiligt sind. Die durch und durch nationalliberale Regierung hat über ihre sämmtlichen Gegner triumphirt.... Einschläfernde Wirkung des halben Kulturkampf- Friedens, Beamtendruck, Mangel an Organisation, geringe Verbreitung der katholischen Presse, Zerfahrenheit und Mangel an Thatkraft des Abge- crdneten Lender und noch ein halbes oder ganzes Dutzend fonstiger Gründe: Alle die Herren, welche diefe oder jene Erklärung vertraten, hatten Recht, aber nur ein Stück. Der Druck des Beamten- thums beispielsweise ist in Baden wahrlich keine neue Erfindung, wenn er auch bei der glänzenden Wahl von 1881 nicht so stark gewesen sein mag, als dies Mal; aber er hat nicht verhindert, daß das „Festungsviereck" der wenigen katholischen Abgeordneten auf 22 Mann anwuchs. Der Sturz der natwnalliberalen Partei, die reichlich an dem Rückgang ihrer Gesinnungsgenossen in ganz Deutschland participirte, schien in einer nahen Zukunft erreichbar, und dann kam der Rückschlag, langsam 1n83, reißend in diesem Jahre. Daß daran die katholische Volkspartei in ihrer Gesammlheit — doppelte Ehre jenen, die alle ihre Kraft einsetzten, um die Katastrophe zu vermeiden — dieHaupt- schuld trägt, daran können wir leider nicht zweifeln. Ein Land, das sich bei einer zu zwei Drittel katholischen Bevölkerung nationalliberal regieren läßt, verdient es nicht besser. Rach der Wahlschlacht hat die katholische Presie in Baden wiederholt mit einem gewisien Reid auf das Beispiel der preußischen Centrumspartei hingewiesen. Wir möchten diese Complimente nur unter Vorbehalt und am allerwenigsten mit dem pharisäischen Danke gelten lassen, daß wir nicht sind wie unsere badischen Brüder. Was ihnen zum Theil noch fehlt, haben wir erst langsam und in schweren Kämpfen errungen, und daß es gelang, haben wir großentheils Vorbedingungen zu verdanken, die in
bischofs von Freiburg gefehlt habe. Aber war eine solche denn wirklich nöthig? Bedarf es denn in Baden wirklich einer ausdrücklichen Ermächti- gung des höchsten kirchlichen Würdenträgers, um im Sinne und Geiste der Kirche zu wählen? Durfte man denn die Zurückhaltung desselben Herrn Erzbischofs, welcher rm vorigen Jahre als Freiburger Reichstagswähler seine Stimme für Herrn Marbe abgab, dahin deuten, daß er die Wahlenthaltung oder, was in der Wirkung dasselbe ist, die Wahl nationalliberaler Kirchenfeinde wünsche? Diese Frage stellen, heißt sie verneinen. Man achte die Rücksichten, welche Herrn Dr. Orbin seine hohe Stellung auferlegt, aber man ziehe doch daraus nicht widersinnige Schlüffe; daß aber solche Schlüffe gezogen worden sind, um die Bequemlichkeit oder den Mangel an gutem Willen zu bemänteln, das glauben wir auf's Wort. Vielleicht ist es heilsam, daß die diesjährigen Wahlen der katholischen Volkspartei nicht wieder nur eine Abbröckelung, sondern eine Katastrophe, den Verlust der Hälfte der in Frage stehenden Mandate gebracht haben. Ein solcher Schlag hat wenigstens das Gute, daß die Illusionen unmöglich werden, daß alle Welt dahin einig ist : So kann es nicht weiter gehen. Die Roth- wendigkrit eines Wiederaufbaues von unten auf, einer vollständigen Reorganisation der Partei ist jetzt doch über jeden Zweifel erhaben. Wie diese Reform an Haupt und Gliedern vorzunehmen sei, das ist eine Frage, über welche die außerbadische Preffe sich nur mit Vorsicht zu äußern haben wird, wenn es such nicht zu vermeiden war, daß sie über die Niederlage selbst und die wahrscheinlichen Ursachen derselben ein kräftiges Wort mitredet. Nur eine Bitte zum Schluß: Möchten unsere badischen Freunde den ersten Schlitt zur Umkehr in kühlster, ruhigster Ueberlegung finden. Das Unglück ist geschehen. Scharfe Worte dürsten jetzt genug gefallen sein; jetzt trete die Selbsteinkehr und die Sammlung aller lebendigen Kräfte in ihr Recht! Möge man nicht Einzelne und Einzelnes allein verantwortlich machen, auch nicht Herrn Dekan Lender, sondern möge man den Rückgang der Partei als solchen mit unerbittlicher Klarheit eingestehen. Zuerst die Erkenntniß, dann werden Eintracht und Ausdauer folgen, und der schließliche Erfolg wird nicht ausbleiben.
geschloffenen Zähnen hindurch. „Wenn er noch lebte, ich würde nicht ruhen, bis ich ihn gestraft wüßte! Aber er ist tobt. Zum Andenken an die glückliche Zeit, da ich ihn noch für treu und ehr- lich hielt, und da ich noch glaubte, daß er mich liebte, geben Sie mir ihr Kind, Frau Gräfin! Er war der Einzige, den ich bisher wahrhaft geliebt habe. Ich hatte in jener längst vergangenen Zeit zuweilen von dem Glücke geträumt, mich von fröhlichen Kindern umspielt zu sehen. Ec war damals mit einer schönen, hochangesehenen Dame verlobt, die noch bis heute unvermählt geblieben ist. Seine Nichtswürdigkeit vernichtete all' meine Hoffnungen. Die längst vergangenen Träume sind vorbei, doch will ich denken, Giralda sei sein Kind. Wollen Sie sie mir geben als meine Tochter?"
„Sie mag mit Ihnen gehen!" entgegnete die Gräfin mit bebender Stimme. Schenken Sie ihr stets ein Herz voller Lrebe!"
Des Greises Gesicht erglänzte vor Freude. Seine ganze Seele war von dem Gedanken, dieses liebliche, junge Mädchen an Kindesstatt für immer an sich zu feffeln, erfüllt gewesen; schon hatte er fast befürchtet, auf seinen Lieblingswunsch verzich- ten zu muffen. Doppelt glücklich machte ihn deshalb Gabrielens Zusage.
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Baden nun ein Mal leider nicht vorhanden waren. Bis auf den heutigen Tag krankt Baven an den schweren Nachwehen des verschwommenen, unklaren Christen- und Kirchenthums, wie es um die Wende des Jahrhunderts in Süddeutschland so recht in der Mode war, und diese noch immer nicht ganz überwundene Richtung fand und sindet einen nur zu fruchtbaren Boden im Charakter des badischen Volkes. Es ist ein so freundliches, liebenswürdiges Volk, gastfrei, frohsinnig, etwas leichtlebig zuweilen, lenkbar und gemüthlich — das braucht es sich trotz der kopflosen Revolution von 1848 nicht nehmen zu lassen, welche gerade in dem jetzt so regierungs- fürchtigen Beamt ent hum ihre besten Stützen fand — aber menschliche, gesellige Tugenden können zu schweren Fehlern werden, wenn man sie in'S Politische übersetzt. Gott erhalte den Badensern ihr tiefes Gemüth und ihren Reichthum an Originalen, aber im politischen Leben beanspruchen Ueberzeugungstreue, kalte Ueberlegung, entschlofssne Festigkeit, rastlose Arbeit und Disziplin den ersten Platz. Was hilft uns ein Dutzend der liebenswürdigsten Genies, wenn sie in zwölf verschiedenen Richtungen opericen und sich gegenseitig kalt stellen? Wenn der Eine zum Angriff bläst, der Andere weise Mäßigung predigt und der Dritte im Schmollwinkel sitzt? (Am traurigsten haben sich die Klett- gauer gehalten, welche von 137 Wahlmännern nur 26 gut katholische Wahlmänner im sechsten Wahlbezirk gewählt haben, dagegen 111 national- liberale Wahlmänner, meistens „Altkatholiken" und dergleichen. Das eigentliche Klettqau steht darin sogar noch etwas besser, als das Amt Bonndorf, welches nur sechs Katholiken im ganzen Amtsbe- zirk als Wahlmänner zählt gegen 65 Nationalliberale! Diesen Leuten geschieht es ganz recht, wenn selbst das liberale ,Bad. Volksblatt' sie jetzt grausam höhnt und ihnen vorhält, daß der ganze Amtsbezirk Bonndorf nur 300 Protestanten enthält und 17000 Katholiken. Ja, selbst die Liberalen wundern sich' darüber!) Wunderbare Erwägungen haben an dem Ausfall der Wahlen mitgewrrkt. Vor einiger Zeit schrieb uns ein Freund unserer Zeitung, den Hauptgrund bilde ein „undiscutir- barer Punkt". Gemeint war — wir betrachten diesen Punkt als durchaus discussionsfähig — die Thatsache, daß viele Geistliche die Hände in den Schoß gelegt hätten, weil es an einer unzweideutigen Willenskundgebung des Herrn Erz« liehen hatte! Wenn ich in Giralda's Augen blicke, so ist es mir immer, als sehe ich in seine Augen, in die Augen jenes unschuldigen Knaben, den ich, ach, so recht von Herzen liebte!"
Er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, von Trauer übermannt. Seine Züge waren bleich und das Beben seiner Lippen verrieth deutlich den inneren Kampf seiner Gefühle. Thränen entquollen Giralda's Augen; sie lehnte ihr Haupt fest an der Mutter Brust und brach in schmerzliches Schluchzen aus. Gabriele kämpfte schwer mit sich selbst. War dieser alte Mann derselbe, den Alle hartherzig und gefühllos nannten? Der Marquis ließ die Hand von seinen Augen sinken und sein Blick ruhte tiefbewegt auf dem weinenden Mädchen.
„Welch' eine edle, mitleidige Seele sie besitzt!" murmelte er und über sein rauhes Gesicht glitt ein Freudenschimmer. „Da sehen Sie, wie lieb sie mich hat, Frau Gräfin! Sie weiß, daß der Knabe, von dem ich soeben sprach, vielleicht in einem Anfall von Wahnsinn zum Dieb und Mörder an mir ward," und bei diesen Worten schoß es plötzlich wie ein flammender Blitzstrahl aus seinen Augen. „Er war es, der mich zu dem machte, was ich jetzt bin. Verwünscht sei sein Andenken!" Der alte Mann zischte diese Worte zwischen den
tt Auf geheimnisvollen Wegen.
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„SieAtnen sie erst so kurze Zeit, Herr Marquis," warf die Gräfin ein.
„Madame," gab der alte Herr zur Antwort, „mir dürften nicht mehr viele Jahre Zeit bleiben, um die Zuneigung eines mich liebenden Wesens langsam heranwachsen zu sehen. Und dann — bedarf es noch langen Besinnens, langen Prüfens beim Blick in die Augen dieses holden Kindes? Geben Sie sie mir und besiegeln Sie die Erfüllung meiner Bitte mit Ihrem Jawort." Er beobachtete die Gräfin scharf und Gabriele erbebte unter seinem Blick. Hätte sie in die Zukunft blicken können, sie würde Alles geopfert haben, um Giralda vor dem Schicksal, das sie bedrohte, zu erretten.
„Giralda besitzt ein Etwas," fuhr der Grers freundlich fort, „was mich wie mit Ketten zu ihr hinzieht. Es sind ihre Augen, Madame!" feine Stimme klang tief und bewegt, - „ihre Augen! Es sind dieselben Augen, die ich einst kannte und liebte!" Es waren die schönsten, fröhlichsten, liebsten Augen, welche die Natur je einem Knaben ver-