j\g 253. Mittwoch, den 4. November
Fuldaer
1885.
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+ Die Wahlmännerwahlen in Preußen.
Die von dem Reichskanzler-Organ gehegten Hoffnungen auf eine gründliche Verschiebung der Partei- verhältniffe, auf eine Decimirung des Fortschritts und eine empfindliche Schwächung der Centrumspartei find gründlich vernichtet, der neue Landtag wird im Großen und Ganzen dem dahingegangcnen auf's Haar gleichen. Denn ob die nach und nach auf 66 zusammengeschmolzene nationalliberale Partei jetzt ein halbes Dutzend Sitze mehr erhält von ihren 53 und die Deutschfreisinnigen etwa die gleiche Zahl verlieren, das wird im preußischen Abgeordnetenhause das Zünglein der Waage kaum in's Schwanken bringen. Das Erfreulichste ist für uns die bereit« feststehende Thatsache, daß das Centrum (bisher 116 mit den Polen) der feste, uneinnehmbare Thurm geblieben ist. Keine der bisherigen Burgen der Partei ist gefallen, im Gegentheil Hat sich fast allenthalben ein Zuwachs an Stimmen ergeben. Der imposante Sieg in Crefeld erfüllt namentlich die katholischen Rheinländer mit freudigem Stolz. Der Crefelder Sieg wiegt an Bedeutung vier Niederlagen auf. Wer die fast übermenschlichen Anstrengungen unserer wackeren Parteifreunde in dieser niederrheinischen Industriestadt kennt, wer die fast unüberwindlichen Hinderniffe, die verzweifelten Mittel und Praktiken der enragirten Gegner und dazu die nicht gerade günstigen BevölkerunBverhältniffe beurtheilen kann, mit denen unserer Partei in Crefeld nun schon mehr als anderhalb Decennien zu kämpfen hat, der wird den unermüdlichen, tapferen Kämpfern in Crefeld Bewunderung zollen. Trotz Beamteneinfluß, Wahlkreisgeometrie, Fabrikantenwillkür und Fabrikbevölkerung einen solchen Sieg zu erringen, das ist nicht die Frucht kurzer Arbeit, das ist das Ergebniß einer lange vorbereiteten, intensiven, in's Einzelne gehenden, durch keinen momentanen Mißerfolg zurückgeschreckten jahrelangen konsequenten Agitation. Crefeld ist durch seine schlimmen Schulkonflikte in den weitesten Kreisen bekannt, und der bisherige Abgeordnete Seyffart gilt allgemein als einer der Hauptvertreter der konfessionslosen Schule, denn anders können wir die sogenannten Simultanschulen nicht bezeichnen. In dem nationalliberalen Vertreter von Crefeld hat fitzt zugleich das ganze von ihm vertretene Prinzip eine gründliche Ver»
Ti- Auf geheimnißvollen Wegen.
Roman von ?. gihenfeltz. (40
Die Stimme der Comteffe Gabriele zitterte vor Erregung. Ein fester Glaube an die Macht Giral- da's, die vor vielen Jahren verüble nächtliche That zu entschleiern, hatte ihre Seele erfüllt. „Und noch eins," fuhr sie fort, „noch eins gibt es für Dich zu entdecken. In jenen Tagen hatte Graf Eugen einen Diener, der einige Jahre älter war als er selbst; er war ein böser Charakter, der seinem Herrn bei allen Nichtswürdigkeiten treu zur Seite stand. Er war vielleicht nicht so schlecht aus sich selbst. Wenn dieser Mann noch lebte, wenn man ihn ausfinden und zu einem Geständnisse bringen könnte! Er wäre vielleicht im Stande, Deines Vaters Ehre wieder herzustellen. Er befand sich in jener verhängnißvollen Nacht im Nebenzimmer. Er hat Theil an Allem gehabt, deffen bin ich gewiß. Ich habe schon öfter seinetwegen Aufrufe in den Zeitungen erlaffen, aber bisher stets ohne Erfolg. Ich habe Kundschafter nach der Normandie gesandt, wo er zu Hause ist, aber ich habe keine Auskunft bekommen. Entweder ist er tobt, oder er ist ausgewandert. Im letzteren Falle kennt
theilung erfahren, deren Bedeutung über den Besitz oder Nichtbesitz eines Mandates weil hinausreicht.
Unter den übrigen ehrenvollen Siegen sind diejenigen von Köln und Düsseldorf besonders erwähnenswerth. In Köln behauptete das Centrum nicht allein seine Position, sondern es eroberte auch gegnerisches Terrain in Gestalt einiger Dutzend neugewonnener Wahlmännermandate. In Düsseldorf war die mittelparteiliche Propaganda mit großem Geschrei und mit großer Zuversicht in den Kampf gezogen, um mit Hilfe der zahlreichen Beamten und abhängigen Angestellten das Centrum aus seiner Stellung zu verdrängen. Umsonst! Die Centrumswähler blieben ihrer Fahne treu und schlugen den Feind in die Flucht. Auch von anderen Orten wird ein Aufschwung unserer Sache gemeldet.
Von den zweifelhaften Sitzen unserer Partei, von denjenigen, deren Besitzstand durch geringe Stimmen-Differenzen schon mehrfach gewechselt hat, ist bisher noch keiner als definitiv verloren gemeldet; selbst Neuwied-Altenkirchen, dessen Verlust bereits von vielen Blättern als sicher gemeldet wurde, weist jetzt günstigere Ziffern auf, indem sich nachträglich Stimmengleichheit herausgestellt hat. Auch die schlesischen Mandate scheinen alle gerettet zu sein. Wenn aber auch der eine oder andere Verlust dem Siege in Crefeld die Waage halten sollte, so kann man dennoch das Wahlresultat als ein für unsere Partei besonders glänzendes bezeichnen. Es darf nicht vergeffen werden, daß feit dem Jahre 1882 die konservative Bundesgenoffenschaft sich fast ganz vom Centrum abgewandt hat, daß unsere Partei sozusagen isolirt dastand und fast ohne jede fremde Hilfe dem Anprall der übermächtigen Regierungsparteien zu widerstehen hatte. Daß die Centrumspartei von den Freisinnigen wenig zu erwarten hat, steht ebenso sicher fest, wie umgekehrt, daß die Freisinnigen mehrere ihrer wichtigsten Erfolge, so namentlich den Sieg Richter's in Hagen, lediglich und allein der katholischen Hilfe zu verdanken haben.
So wird die parlamentarische Situation für die Regierung kaum eine Veränderung erleiden, und das Centrum mit seiner festgegliederten Hundertschaar wird auch fernerhin der Eckstein bleiben, an dem sich nicht rütteln läßt.
vielleicht einer der Diener im Schlöffe oder einer der Dorfbewohner seinen Aufenthalt."
„Wie hieß er?"
„Ricard, Jaques Ricard. - Er war aus der Normandie gebürtig. Ach, wenn Du seine Spur aussinden könntest, Giralda! Er hat viele Gespräche gehört, welche die beiden Vetter mit einander führten und er wäre vielleicht im Stande, die Unschuld Deines Vaters zu beweisen. Er verschwand kurz vor der Zeit, als Graf Armand nach Brasilien ging."
„Ich will es versuchen, ihn auszukundschaften oder wenigstens etwas über ihn zu erfahren," erklärte Giralda zuversichtlich. „Ich fühle jetzt wieder die Kraft in mir zu dem Werke, welches vor mir liegt. Ich will, Deiner gestrigen Ermahnung eingedenk, dem Grafen Eugen möglichst aus dem Wege gehen. Ich will thun, was ich kann. Gott gebe meiner heiligen Aufgabe das Gelingen!" Tiefbewegt schloß Gabriele das von ihrem Vorhaben begeisterte junge Mädchen in ihre Arme und küßte ihr lieblicher Gesicht mit zärtlicher Leidenschaft.
Eine minutenlange, feierliche Stille trat ein, eine Stille, die beredter war, als viele Worte. Dann entzog sich Giralda sanft der Umarmung Gabrielens. „Mutter," flüsterte sie, „darf ich Dich
Deutsches Reich.
Berlin, 3. November.
* In Betreff der Zulassung katholischer Miffio« uare zu den deutschen Kolonieen sagt die .Norddeutsche' : „Die I e s u i t e nmiffionen auf deutschem Gebiete stehen mit unfirn Gesetzen, französische mit unseren politischen Jntereffen, katholische Miffionen aber mit keinen von beiden in Widerspruch und sind mit den evangelischen vollständig gleichberechtigt im Reiche wie in seinen Kolonieen." Diese Aeußerung muß Kopfschütteln erregen. Im Jahre 1872 hatte Kamerun noch nicht das Glück, deutsches Reichsgebiet zu sein; damals stand also der Nrederlaffung der Jesuiten und ihrer „Verwandten" nichts im Wege. Hat sich dieser Rechtszustand mit der deutschen Besitzergreifung geändert? Ist Kamerun Gebiet des deutschen Reiches in demselben Sinne wie etwa Elsaß-Lothringen ober bie Rheinprovinz? Finben alle reichsgefitzlichen Bestimmungen ohne weiteres dort Anwenbung? Gilt bart z. B. bas Reichsstrafgesetzbuch unb haben bie interessanten Völkerstämme Westafrikas das Recht, uns irgend einen Vollblutneger in den Reichstag zu schicken? Vermuthlich müssen doch die bett, reichsgefitzlichen Bestimmungen zunächst ein Mal eingeführt werden. Oder soll das Jesuitengesetz eine Ausnahme bilden und als das allerdringendste sofort stillschweigend eingeführt sein, um die Schwarzen von dem „llltramontamsmus" zu retten? Im Reichstage wird dieser Fall zweifellos zur Sprache kommen und zwar gründlich.
• Das am 1. April k. I. in Kraft tretende Gesetz über die Ruhestands-Gehälter der Volksschullehrer wird, wie befürchtet wird, einen großen Andrang der sich nach Ruhe sehnenden bejahrten und gedienten Lehrer und damit vorerst wieder einen Lehrmangel Hervorrufen, welchem sich nicht überall leicht wird abhelfm laffen. Zu bemerken ist übrigens ausdrücklich, daß das Gesetz keine rückwirkende Kraft hat und es daher im In- tercffe der nach dem Ruhestand strebenden Lehrer liegt, denselben nicht vor dem 1. April nachzusuchen, da alle früher erledigten Gesuche noch nach dem bestehenden, nicht nach dem neuen Gesetz behandelt werden. Welcher große Unterschied zwischen beiden Gesetzen besteht, erhellt allein schon daraus, daß nach dem neuen Gesetz die 65 Jahre anmeld.n bei dem Herrn Marquis? Deine Verkleidung schützt Dich vollkommen. Er kann Dich nicht erkennen. Es ist unmöglich!"
Die Comteffe gab ihre Zustunmung und Giralda klopfte an bie Thür zu des alten Marquis Privatzimmer. Einen Augenblick später würbe der Marquis von Bertram in bas Wohnzimmer gefahren, welches ber Diener auf einen Wink seines Herrn sogleich raieber verließ.
XX.
Marquis be Vigny, welcher in seinem Rollsessel zurückgelehnt lag, hatte seit Jahren nicht so gut ausgesehen, als eben jetzt. Er hatte mit bem Gesellschaftsrock zugleich galante Manieren angenommen. Er war in diesem Augenblick das vollkommene Bild eines Ebelmannes aus ber alten Zeit. Die verkleibete Comteffe erhob sich in bem Augenblicke, als ber Marquis in's Zimmer gefahren würbe. Nachbem Bertram sich wieder entfernt hatte, stellte Giralda Beide mit leicht zitternder Stimme einander vor.
Der Marquis machte eine Verbeugung nach der Hof Etiquette und die Comteffe senkte leise das Haupt. Sodann nahm sie seiner Aufforderung gemäß, in einem Lehnstuhle Platz, welcher dem seinen gegenüber und mehr in Dem Schatten stand.