1885
Dienstag, den 3. November
Speiseanstalten anschließen. Ebenso sind in Gothen- bürg und Bergen Leseräume und Wartezimmer, sowie in Bremerhaven ein „Arbeiterheim" eingerichtet, die beachtenswerth sind. Ohne VerzehrungS- zwang wird der Hafenbevölkerung, insbesondere den auf Beschäftigung an den Schiffen reflektiren« den Arbeitern ein Lokal zum Aufenthalt, zur Lektüre, zum geselligen Verkehr, zur ArbeitSvermitte- lung rc. eröffnet, das ihnen die bisher besuchten Schenken vollständig ersetzt. Für andere Gegenden und andere Arbeiterk affen wird man unter den gebotenen Aenderungen nach demselben Muster anziehende Aufenthaltsräume Herstellen können. Nur wird man in den Gegenden, wo eine selbstbewußte Fabrikarbeiterschaft existirt, sich hüten muffen, die Bevormundung oder gar die Mildthätigkeit hervortreten zu lassen; sonst werden StandeSstolz und Eitelkeit die Mäßigkeits-Anstalt bald in Verruf bringen und es zu einer „Schande" stempeln, dorthin zu gehen. Am Besten wäre es, wenn die Anstalt nach außen hin bloß als Unternehmen eines bei der voraussichtlichen Kundschaft beliebten Privatmannes erscheinen könnte; die Unterstützung, welche der Mann erhält, braucht ja nicht an die große Glocke gebangt zu werden.
Daß der Staat, sowohl die Gesetzgebung als die Verwaltung, auch wesentlich zur Bekämpfung dec Trunksucht beitragen kann, zeigt das Beispiel von Schweden und Norwegen. Hoffentlich wird diese Seile des Mäßigkeitsthemas in der bevorstehenden Parlaments-Session zur Anregung kommen.
♦ Z«m Kampfe gegen den Branntwein.
(Schluß.)
i s Wenn uns der Leser gestattet, unsere persönliche Ansicht hier auszusprechen, so geht fte, dahin, daß es für den Anfang vielleicht bester ist, mit der Schwachheit der Menschen zu rechnen und ihnen nicht mehr aufzubürden, als sie ohne außerordentliche Willenskraft tragen können. Es ist Thatfache, daß die Enthaltsamkeits-Vereine sehr segensreich wirkten, so lange die Begeisterung der Missionen rc. noch anhielt; bald aber fingen sie an abzubröckeln. Der Trinker, welcher sich einmal wieder zu einem kleinen Schluck, vielleicht bloß der Gesellschaft halber, hatte verleiten lasten, klammerte sich nun an den Gedanken, daß sein Gelöb- niß jetzt doch einmal gebrochen sei, und redete sich ein, daß nun der zweite und dritte Schluck die Sache auch nicht verschlimmern könne. Der mäßige Mann, der beim Handel und Wandel bloß dann und wann ein Schnäpschen getrunken hatte, empfand es bald sehr schwer, daß er sich bei dem geschäftlichen und gesellschaftlichen Verkehr jetzt zurückhalten müsse, und gab bald dem Gedanken Raum, daß er das doch eigentlich „gar nicht nöthig" habe, Da er doch gar keine Anlage zur Unmäßigkeit besitze; bei der nächsten Gelegenheit, als ihm ein guter Freund zutrank, wurde diese Reflexion in die Praxis übersetzt, und das Gelöbniß war bei Seite geschoben. Aus diesen Erscheinungen des Volkslebens möchte ich den Schluß ziehen: Die vollständige Enthaltung von Branntwein ist leicht durchzuführen, wenn die Umgebung des zu bekehrenden Trinkers auch keinen Branntwein trinkt, sie ist sehr schwer, ja in den meisten Fällen auf die Dauer gar nicht durchzuführen, wenn die Arbeits- und Geselligkeitsgenossen des Betreffenden fortfahren, Branntwein zu trinken. Darum wäre der Vorschlag angebracht, die vollständige Enthaltung nur individuell anzustreben, dagegen die Vereinigung auf der Basis der Mäßigung, und zwar einer Mäßigung in fest bestimmten Grenzen, beruhen zu lasten. Der Seelsorger uns Beichtvater, der nach dem Charakter und der Lebenslage seines Pfleglings es für angezeigt hält, mag dem Einzelnen das Versprechen der vollen Enthaltung abnehmen; die Gesam mtheit aber, der Verein wird dauerhafter fein, wenn den Mitgliedern nur das Nothwendigste, die Beschränkung des Genusses auf eine bestimmte ungefährliche Kleinig-
selbeu Augenblicke wich sie befremdet und ungläubig zurück, als die Eingetretene ihren Schleier zurückschlug. Das Gesicht, welches Giralda erblickte, war nicht das zärtliche, liebe Antlitz ihrer Mutter, wie sie es zur Schau trug, wenn sie in dem traulichen Hause, in der Villa Larose war; es war auch nicht der kalte, stolze, marmorgleiche Blick der schönen, majestätischen Comtesse Gabriele von Chatrois.
Die Besucherin war groß und stattlich von Figur, doch hatte ihre ganze Erscheinung etwas Auffälli- ges. Es fehlte ihr jene Noblesse, die Gräfin Gabriele eigen war. Ihr Gesicht war sehr bleich, bis auf ihre Wangen, welche in dunkler Röthe glühten. Ihr Haar goldgelb und fiel in zwei langen Locken zu beiden Seiten des Kopfes unter dem Hute hervor. Sie trug eine goldene Brille und man konnte unter ihren Augen und um die Mundwinkel einen alternden Zug nicht verkennen. Ihre Garderobe bestand in einem einfachen Seidenkleid und einem Abeiidmantel. Im Ganzen genommen machte sie den Eindruck einer bejahrten Dame aus den aristokratischen Kreisen, von entschieden frem- den Manieren und fremdem Aussehen. Giralda stand da, als sei sie zu Stein verwandelt.
Einen schnellen Blick fließ die Dame durch das
Deutsches Reich.
Berlin, 2. November.
* Zu den Erörterungen in der Presse über die Eventualität einer früher» Einberufung des Landtags mit Rücksicht auf die Feier der 25jährigen Negierung des Königs bemerken die offiziösen ,Berl. Pol. Nachr.': „Schon daß der 2. Januar als Tag des Jubiläums genannt wurde, will uns nicht richtig erscheinen, da dies der Todestag des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm IV. ist. Aber auch die Art, in welcher eine derartige Feier zu erwarten ist, dürfte sich wesentlich anders gestalten, als jene Mittheilungen glauben machen wollten. Wenigstens wird uns versichert, daß das, was über vermeintliche Pläne für diese Feier verbreitet ist, der Wahrscheinlichkeit entbehrt. Die
•H- Auf geheimrrißvollen Wegen.
Roman von ?. Ssljenftl). yg
„Ein Brief von meinem Geschäftsträger," sprach der Greis, die Aufschriften musternd, „und dieser Brief ist von Gras Eugen — wenigstens ist es seine Handschrift. Und hier, Giralda, ist auch ein Bries für Dich. Er muß von Deiner Mutter sein!"
Er hielt ihr ein kleines, zierliches Billet entgegen. Mit zitternden Fingern nahm sie es aus seiner Hand und öffnete, an's Fenster eilend, das Couvert in nervöser Hast.
Wie sie erwartet und wie der alte Marquis es vermuthet hatte, war es eine Nachricht von ihrer Mutter. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen in einer entstellten Handschrift und war unterzeichnet: „G. Alvarez." Der Inhalt lautete, daß die Schreiberin des Abends um 8 Uhr im Hotel einen Besuch machen wolle; vor dieser Zeit wäre es Um- stände halber nicht möglich. Beim Umwenden des Brieses entdeckte Giralda einen kleinen Stressen Papier. Es enthielt die vertrante Mittheilnng Gabrielens an ihre Tochter, Giralda möge nicht erschrecken, in welcher Verkleidung ihre Mutter auch kommen würde.
Den Papierstreifen unbemerkt zurückbehaltend,
3nf<relc Sle änfpattlgc Zeil- oder deren Saum 15 Pf.- so. Platzmmoncen 10 Ps.l bei Wiederholungen «üivcechenver^Rabatt^—
feit, als Pflicht auferlegt wird. Daneben soll aber der gute Rath und die stete Anfeuerung gegeben werden, die v o l l e Enthaltung anzustreben. Dadurch kann nach und nach der ideale Zustand der Verbannung des Branntweins annähernd erreicht werden. Wenn so die Enthaltung zur Regel, der Genuß zu einer Ausnahme geworden ist, dann läßt sich ohne Gefahr auch die volle Enthaltung zur Vereinspflicht machen.
Dieser Weg sieht etwas umständlich aus, aber er scheint sicherer und gangbarer zu sein, als der direkte Sprung von der herrsch nden Unsitte in das ideale Extrem. Doch sind das Angelegenheiten der Seelen-Heilkunde, in welcher wir Laien eine Ansicht uns bilden können, aber das entschiedene Wort, sagt die ,Cocr. Nienk^, den berufenen Organen, den Seelsorgern, gern überlassen.
Nur eine Bemerkung, die wiener auf das weltliche Gebiet führt, ssi noch angefügt. Wie schon bemerkt, liegt die Schwierigkeit der vollen Enthaltung von Branntwein in dem stets wieder- kehrenven Anreiz zum „Mittrinken". Darum hat sowohl der obenerwähnte Beschluß der kathol. Generalversammlung, als auch der Casseler Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke die Verdrängung des Branntweins durch unschädliche Getränke in's Auge gefaßt. Man hat nun mehr- fach versucht, Kaffee- und Thee-Ausgabestellen nach Art der Selterswasser-Buden in Gang zu bringen, aber ohne guten Erfolg. Der Mißgriff scheint nur darin zu liegen, daß man den Geselligkeits- und Unterhaltungstrieb außer Acht gelassen hat. Der eingefleischte Säufer trinkt bloß, um zu trinken; die große Mehrzahl aber geht in's Wirthshaus, oder fetzt sich zum Gelage, um einen angenehmen Zeitvertreib in Gesellschaft vergnügter Menschen zu haben. Wer die Leute vom Alkohol zu harmlosen Getränken locken will, der sorge vor Allem dafür, ihnen einen ebenso angenehmen, ungenirten Aufenthalt in fröhlicher Gesellschaft zu gewähren; sonst kehren sie zu ihrem „gemächlichen" Schnaps- wirthen zurück. Bei der Einrichtung von Mäßig- keits-Lokalen ist also darauf zu sehen, daß dieselben den Besuchern mindestens dieselben Annehmlichkeiten bieten, die sie in den konkurrirenden Lokalen ihrer Gesellschaftsklasse finden. Dazu eignen sich Hallen, in denen man bloß stehend etwas genießen kann, durchaus nicht. Viel besser sind schon die Kopenhagener Kaffeeschenken, welche sich an billige übergab Giralda dem Marquis das Billet, welches er laut las. „Die Gräfin will um 8 Uhr hier sein!" sagte er. „Eugen fchreibt mir, daß er mich zwischen 8 und 9 Uhr heute Abend besuchen würde. Das trifft sich seltsam!"
Die Möglichkeit, ja, die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Mutter mit dem Grafen Samartin zusammentreffen könnte, versetzte Giralda aufs Neue in nicht geringe Angst.
Der GeschäftSräger des Marquis besuchte Letzteren kurz vor dem Diner, welches um 6 Uhr ser- virt wurde. Nach eingenommener Mahlzeit befahl der Marquis, zartfühlend wie er war, daß Bertram ihn »ach dem andern Zimmer fahren sollte; in Wirklichkeit geschah es mit Rücksicht auf Giralda, damit sie ihre Mutter allein empfangen könnte. Die Zeit verging und die Uhr auf dem Kamin verkündete gegen die achte Abendstunde, als sich ein lesses Klopfen an der Außenthür vernehmen ließ. Das junge Mädchen fprang auf von ihrem Platz vor dem Feuer.
Erwartungsvoll blickte sie nach dem Eingang. Sie hatte kaum ein leises „Herein" gerufen, als die Thür aufging und eine Dame hereintrat.
Giralda eilte auf sie zu. „Mutter, meine geliebte Mutter!" rief sie entzückt aus. Doch in bem«
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