j\o 250, Sonnabend, den 31. Oktober
1885.
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Zweites Blatt.
± Am Tage vor Allerseelen.
-- (Nachdr. verb.)
Die Sonne ist verhüllt in dichten Nebelschleiern, Nicht lacht der blaue Himmel jetzt der Erde zu; Nein, heute neigt er sich hernieder, trüb und bleiern, Zur kahlen, kalten Erd' in stiller Grabesruh'. — Die Wälder auf den Höhn, die Fluren drunten, Sie sind verlassen, schweigend, traurig; — ach! Wie bald war doch der Sommer hingeschwunden. Und morgen ist's schon Allerseelentag.
Des Waldes Blätterschmuck, gar schnell war er entschwunden. Er wurde bald der rauhen Weste leichter Raub;
Die bunten Kränze, die der frohe Lenz gewunden, Sie sanken alle bald verdorrend in den Staub. — Ein letztes Blatt hängt fahl noch an den Zweigen, Möcht bleiben nur ein wenig noch; doch ach! Sein leises Klagen kann es nicht erreichen; Denn morgen ist ja Allerseelentag.
Des Haines frohe Sänger alle sind entflohen, Verklungen ist ihr fröhlich, unbesorgtes Lied; Nur Raben kreisen krächzend um die hohen. Entlaubten Wipfel, die ein Nebelstreif umzieht. Ein einsam Vögelein nur sieht man irren, Genossen suchend in dem Busch und Hag; Es sucht umsonst, nichts hilft sein sehnend Girren; Denn morgen ist's schon Allerseelentag.
Die tausend bunten Blümelein, die Wies' und Auen, Und Wald und Flur vor Kurzem noch so schön geschmückt, Sie welkten alle hin, kaum ein's ist noch zu schauen, Das rauher Herbstes Frost nicht schon hat abgeknickt. — Ein Blümlein noch, di- Wimpern schwer von Thränen, Weint still den hingewelkten Schwestern nach. — O klage nicht, gestillt wird bald dein Sehnen; Denn morgen ist's schon Allerseelentag.
Rings um die Welt ist's stille, doch im Friedhof rühren Geschäft'ge Hände sich; es müht sich groß und klein, Mit Herbstes letztem Blumenschmuck zu zieren Der Lieben Gräber, Kreuze oder Leichenstein'. — Ein frisches Grab dort in des Friedhofs Mitte, Noch reich bekränzt, birgt eine Rose; — ach!
Mußt' welken schon im Frühlingsschmuck der Blüthe: Ach viel zu bald ward's Allerseelentag!
Der Tag hat sich geneigt, deö Abends schwarze Schatten Durchbricht jetzt plötzlich noch der Sonne letzter Strahl Und lächelt freundlich dem geschmückten Gottesgarten; Dann wird es wieder dunkel, frostig überall.
Fragst wundes Herz Du, was vor'm Untergehen Der Sonne letzter Strahl bedeuten mag?
Ruft er von drüben nicht: „Auf Wiedersehen?" Denn morgen ist's ja Allerseelentag!
Das Cassianeum in Donauwörth.
Von der Wertach schreibt man der ,Augsb. Postztg.' Nr. 206 vom 9. September: Nach 8 Jahren fand ich
4r Auf geheimrrißvollen Wegen.
Roman von 1 Sehnfel». (37
XIX.
Es ist wohl kaum nöthig, zu sagen, daß die letzten Stunden der Nacht, in welcher Giralda ihre Mutter in deren Palais besuchte, keinen Schlaf und keine Erquickung niehr für sie brachten. Die Erzählung ihrer Mutter hatte sie zu sehr aufgeregt, als daß sie hätte ruhig denken können. „Was wird geschehen, wenn Graf Eugen dieses Geheim« niß erfährt?" fragte sie sich wieder und wieder. „Er kennt kein Erbarmen. Sein Haß gegen meinen armen Vater ist ein nie endender. Wenn er von feinem Todfeinde entdeckt wird, so ist Alles vernichtet — Alles verloren!" Sie schauderte zusammen und hielt in ihrer rastlosen Wanderung durch ihr Gemach inne. Sie trat an's Fenster und sah in die dunkle Nacht hinaus, gleichsam, als suche sie hier die Anwort auf ihre Frage. Eine lange Weile verging, dann sprach sie wieder im Flüstertöne vor sich hin: „Und wer ist es, der zwischen diesem Allen steht? Nur ich — ich ganz allein!" Sie wiederholte diese Worte, als ob sie ihr Muth einflößen sollten. Ihr Gesicht nahm allmälig wieder einen entschloßenen Ausdruck an,
jüngst roieber Gelegenheit, bas Eafsianeum bes Herrn Auer in Donuuwörth bis in seine Einzelheiten genau zu besichtigen. Wie war ich überrascht, im Großen wie im Kleinen so bebeutenbe Vervollkommnung unv Verbesserung zu finben ! gebe Kraft ist dienstbar gemacht, ber engste Raum bet großen Gebäulichkeiten hat seine zweckmäßige Verwenbung ünb jeber Fleck Erbe außerhalb berselben ist nutzbar angelegt. Eintracht baut ein Haus. Wie wahr läßt sich bieser Satz auf's Eafsianeum anwenben! Der Direktor und bie mit ihm leitenden Persönlichkeiten sinb einig in ihrer großen Aufgabe für bie katholische Sache, gleicher Zweck unb gleiches Ziel beseelt sie. Ein ebenso gewandter wie umsichtiger Geschäftsleiter bildet die Vermittlung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber; überall findet man im gleichen Streben bie engste Verbindung, nirgends eine Lücke. Wie wäre es sonst möglich, bei einer verhältnißmäßig nicht allzu großen Arbeiterzahl bie neun (9) verschiedenen, theils wöchentlich, theils vierzehntägig und monatlich erscheinenden Zeitschriften in einer Auflage von 141,000 Exemplaren stets zeitig fertig zu bringen, ohne die enorme Zahl der Kalender unb sonstigen Verlagsartikel. Seit einem Jahre hat sich bie Auflage ber Zeitschriften um bie erfreuliche Zahl von 22,000 Exemplaren vermehrt, darunter beispielsweise bas „Schutzengelblättchen" allein um 6300 Exemplare. Für 1886 wirb ber „Monika-Kalender" in 130,000 Exemplaren gedruckt, wovon schon jetzt 70,000 Exemplare fest bestellt sind. Zahlen sind jederzeit bie verlässigsten Zeugen; sie sinb auch hier ein Beweis für das Gedeihen ber Anstalt. Nur Uneingeweihte, ber guten Sache des Cassianeums gleichgiltig ober böswillig Fernstehende können die Behauptung wagen, hinter den Auer'schen Bestrebungen sei nur eine Gelbspekulation zu suchen. Mit Nichten! Alle Bestrebungen gipfeln in den Worten des Wahlspruches: „Alles mit Gott unb für Gott zum Besten ber Iugenb!" Zweifler unb Argwöhnische mögen selbst bas Cassianeum besuchen; bie demnächst stattfindende Generalversammlung bes katholischen Erziehungsvereins, sowie bie Orgelprobe bieten hierzu bie passendste Gelegenheit. Sie mögen sich durch Augenschein eines Besseren belehren lassen. Man trete ein in bie so schön unb glücklich restau- rirte Heiligkreuzkirche unb überzeuge sich von ber Verwendung ber hierzu eingegangenen Opfergaben! Ein altes, ehrwürbiges Bauwerk ist mit Wiederherstellung dieser Kirche gerettet und zu Ehren des hl. Kreuzes (einem der größten Partikeln) dienstbar gemacht. Die eben in der Aufstellung begriffene Schutzengel-Orgel verspricht ein Meisterwerk zu werden. Durch die Verbreitung einer solchen Maffe von katholischen Zeitschriften ist das Cassianeum zur deutschen Propaganda für die heilige Sache unseres kathol. Glaubens geworden. Der Segen des Himmels ruht sichtbar auf dem ganzen Unternehmen.
Vermischtes.
§ sZw-ck ber Körpertheile bes Solbaten.j 1. Der Kopf ist jener wulstartige Auswuchs zwischen den Schultern, welcher einerseits bie Tragart des Helmes erleichtern, andererseits bas zu weite Hinaufrutschen ber Halsbinbe verhindern soll. 2. Die Augen sind kugelförmige Körper, welche nicht nur beim Parademarsch nach dem Vorgesetzten unb auf ben Bällen auf hübsche Mädchen ihre Augen erglänzten im heiligen Feuer und ihre Seele wurde sich ihrer Aufgabe voll bewußt. „Ein gütiges Geschick sandte mich nach dem alten Schloß zu dem Marquis de Vigny," flüsterte sie, „die Vorsehung hat es gefügt, daß der alte Marquis mich gern hat. Ich habe mir bereits einen Platz in seinem Herzen gewonnen; ich muß Alles auf» bieten, seine Liebe immer mehr zu erringen. Von diesem Augenblicke an giebt es nur das eine Ziel für mich: den ehrlichen Namen meines lieben, theuren Vaters wieder herzustellen! bis mir das gelungen ist, kann ich weder Glück noch Ruhe finden." Feierlichen Tones, gleich einem Schwur kamen diese Worte über ihre Lippen.
Sie war sich der Schwierigkeiten, die sich ihr in den Weg stellen würden, wohl bewußt. Sie erinnerte sich daran, daß der Marquis nach ihrer Mutter, der Schauspielerin, bei allen Theatern nachforschen wollte. Was würde die Folge sein, wenn er sie nirgends fände? Welche Ausrede sollte sie ersinnen, wenn er darauf bestand, sie nach der Villa Larose hinauszubegleiten? Solche und ähnliche Gedanken quälten das junge Mädchen noch lange, bis das trübe Dämmerlicht des anbrechensen Morgens sich in ihr Zimmer stahl. Angekleidet wie sie war, warf sie sich auf ihr Lager nieder
geworfen werben, fonbern auch bei fertig gemachtem Gewehre bie Höhe bes Kornes bestimmen. 3. Die Atme sinb astartige Auswüchse an ben Schultern, welche durch ihre penbelartigen Schwingungen ben Soldaten beim Parademarsch im Gleichgewicht erhalten unb durch Berührung ihrer schwimmhautartigen Enden mit ber Kopfbedeckung bie Ehrenerweisungen möglich machen. Dieselben bienen auch zur Ausfüllung ber Rockärmel. 4. Die Nase ist jenes kapartig vorspringenbe knorpelige Gebilbe, welches zur Bestimmung ber Linie, in welcher bieselbe mit bet Helm-Dekoration unb der Helmspitze liegen soll, unentbehrlich ist. — Unter Nase versteht man auch jene deutliche, be- stimmte Ausdtucksweise des Vorgesetzten dem Untergebenen gegenüber, welche keinerlei Mißverständniß zuläßt. 5. Die Ohren sind muschelähnliche Ansätze an beiden Seiten bes Kopfes, welche zum leichteren Anfaffen unb zur bequemen Handhabung desselben durch den Vorgesetzten bienen sollen. Die meisten Solbaten haben ihre Ohrmuskeln zu wenig in ber Gewalt, um bem Befehl: „Sperren Sie bie Ohren auf!" nachkommen zu können 6. Die Füße sinb kahn- artige Auswüchse an ben Beinen, welche vor Allem bie Vetbinbung be« Infanteristen mit bem Terrain möglich machen. Dieselben stehen richtig, wenn sie mit ber Erdachse einen rechten Winkel bilden unb paralell zu ber butch den Aequator gedachten Horizontal-Ebene sind. Ohne bie Füße würde ber Parademarsch in ben Bereich ber Unmöglichkeit gehören.
* Der höchste Schornstein bet Erbe steht auf ber Bleihütte bes Mechernicher Bergwerks - Aktien - Vereins, Mechernich an ber Eifel. Der Bau beffelben würbe im Sommer vorigen Jahres begonnen unb gelangte bis Herbst zu einer Höhe von 23 Meter. Im April bieses Jahres würbe ber Weiterbau wieder aufgenommen unb im September bei einer Höhe von 134,6 Meter beendet. Er übertrifft also ben berühmten Schornstein ber chemischen Fabrik St. Rollox zu Glasgow, welcher eine Gesammthöhe von 132,5 Metern hat. Der Schornstein ist in folgenden Abmessungen aufgeführt: Der Fundamentbau aus Bruchsteinen, 11 Meter im Quadrat, hat bie Höhe von 3,5 Met., ber Sockel, 10 Meter im Quadrat, nebst dem aus dem Viereck ins Achteck übergehenden Theil, hat die Höhe von 10 Meter und besteht aus Ziegelsteinen und der Schaft in runder Form aus Radialsteinen ausgeführt, ist 121,1 Meter hoch, mithin beträgt die Gesammthöhe 134,6 Met. Der äußere Durchmeffer des Schaftes beträgt unten 7,5 Meter, oben 3,5 Meter, der innere Durchmesser unten 3,5 Meter und oben 3 Meter.
sTheilung.f Gottlieb: „Nun, August, wie geht's Dir?" — August: „Schlecht, Gottlieb; bei meinem Meister gibt's viel zu arbeiten, wenig zu effen; er und die Meisterin nehmen sich die besten Bissen unb ich bekomme, was übrig bleibt." — Gottlieb: „Da muß ich sagen, daß es bei uns gerecht zugeht am Tische meines Meisters. Kommt z. B. beim Kaffee Sahne auf ben Tisch, bekommt bie Meisterin bie Haut, gibt's Gänsebraten, bekommt ber Meister bie Haut und gibt's Wurst, dann bekomme ich die Haut."
[Sparfam.J Fremder (in der Badeanstalt): „Was kostet e’ Bad?" — Kassirer: „Eine Mark." — Fremder: „Können Se mer nicht richten e' Bad for fünfzig Pfennig? Geben Se mer weniger Wasser!"
und machte ihrem gepreßten Herzen in einem Thränen- ström Luft. Für einige Stunden entführte ein milder Schlummer sie dann der rauhen Wirklichkeit.
Als sie zu dem alten Marquis in's Frühstückszimmer trat, waren ihre Gesichtszüge hell wie zuvor, nur noch leise Schatten lagerten auf ihrer reinen Stirn, die letzten Spuren der verbrachten, sorgenvollen Nacht. Marquis de Vigny saß dicht vor dem Kamin. Sein kranker Fuß, mit Tüchern umhüllt, ruhte auf einem Scheinet. Sein Gesicht hatte einen schmerzhaften Ausdruck. Offenbar ward er wiederum arg von der Gicht geplagt. Kaum war jedoch Giralda in's Zimmer getreten, als fein Gesicht sich bereits merklich erhellte. Mit väterlichem Wohlwollen begrüßte er sie.
„Du siehst bleich aus heute Morgen, mein liebes Kind," sagte er, während sie näher kam, um ihm den Morgengruß zu bieten und sich nach seinem Befinden zu erkundigen. „Die Enttäuschung von gestern Abend hat Dir so wenig gut gethan, wie mir. Mein Fuß ist heute bedeutend schlimmer. Ich wollte, wir wären schon wieder im alten Schlöffe!"
„Ich auch!" rief Giralda mit ernster Stimme. „Ach, Herr Marquis, können wir nicht noch heute wieder abreisen?" Der Marquis blickte sie erstaunt an. War e» ihr mit diesen Worten Ernst? (F. f.)