1885.
31. Oktober
mit bet
Erstes Blatt
Antrag des deatschen Reiches, in einer weltlichen Streitsache mit dem katholischen Spanien als Vermittler oder Schiedsrichter zn fangiren, annimmt, dadurch den bestehenden preußischen Kirchen- konflikt auch nicht einmal um eines Haares Breite verrückt. Welche Absichten Bismarck dabei gehabt hat, wissen wir nicht, aber das wird heute selbst von liberalen Blättern offen eingestanden, daß der Papst als Schiedsrichter zwischen Deutschlanv und Spanien an Einfluß, Macht und Ansehen nur gewinnen wird, statt etwa Preußen gegenüber in eine Zwangslage zu kominen. So sind die Anschläge der vereinigten Gegner auf unsere feste Einigkeit und auf den Fortbestand und die Gerechtigkeit unserer guten Sache auch in der letzten Zeit wieder gründlich zu Schanden geworden und es unterliegt keinem Zweifel, daß das Centrum auch am 5. November wieder in der alten Stärke aus den Wahlen hervorgehen wird.
führen sie entschloffen war.
Comteffe Gabriele vermochte es nicht, Grralda S frohe Hoffnungen zu theilen. Sie wußte, rote fest der alte Marquis auf feinen einmal gefaßten An- sichten beharrte und wie ihn Nichts darin seit all' den langen Jahren, die seit der Nacht des Alten- totes vergangen waren, hatte wankend machen können. Es währte daher einige Minuten, ehe sie anhob: , m
Wie wolltest Du es ansangen, mein Kmd, Mar- quis de Vigny von Paris zu entfernen? Wenn er nun darauf bestehl, mich als Schauspielerin aufzusuchen, oder, wenn ihm das nicht gelingt, mit Dir nach Villa Larose hinauszusahren?"
Giralda sah ihre Mutter einen Augenblick be-
-H- Auf geheimnißvotten Wegen.
Roman von I. Hohrnftü. (36
„Und heute Abend hat er Dich gesehen, hat sowohl Deine als meine Bestürzung wahrgenommen und hat seine Schlüffe gezogen, die möglicherweise der Wahrheit nicht fern sind. Wenn dem so ist, so muß Dein Vater Frankreich verlaffen und das je eher, desto besser!"
Und ich bin es, die all' dieses Ungemach über Euch gebracht hat!" schluchzte Giralda, ihr Haupt an der Biust der Mutter bergend, wie sie oft in den Tagen der Kindheit gethan hatte, wenn em Kummer sie bedrückte. , , ,
Nein, mein Liebling! Graf Eugen beobachtete und verfolgte mich schon, ehe er Dich mit dem Marquis zusammen im Theater sah. Das hat ihn nur in feinem Verdacht gegen mich bestärkt. Er wird es versuchen, Dich zu sprechen, Dich ausfragen, was und wer Du bist. Und das darf nie und nimmermehr geschehen! Du mußt noch heute Abend nach Villa Larose zurückkehren!
Aber, Mutter, wird eine solche Flucht nicht gerade Graf Lamartin'S Verdacht erhöhen?" Gabriele vermochte dieser Befürchtung nicht zu widersprechen. Sie mußte ihrer Tochter Recht geben.
kolportirt, — und was war das schließliche Er- gebniß? Nun, man erinnert sich ja noch lebhaft der unangenehmen Ueberraschung, welche die von mehreren Bischöfen den Theologiestudirenden er» theilten Verbote zur Einholung von maigesetzlichen Studienattesten in der kulturkämpferischen Presse hervorriefen. Der gemeinsame Hirtenbrief der in Fulda versammelten Bischöfe, welcher namentlich von staatskatholischer Seite ah ein zum entschie- denen, ultramontanen „Kampf" - Standpunkt im Gegensatz stehendes Werk konzessionslustiger „2'10» ßigung" gepriesen wurde, erhielt durch diese Ver- bote eine Beleuchtung, welche jegliches falsche Lob verstummen machen mußte. Auch die Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles in Köln und Verzicht des nunmehrigen Kardinals Melchers versuchte das verbündete Heer der Versumpfungspoli- tiker zu sein-n Zwecken auszubeuten. Aber die Katholiken der Kölner Erdiöcese haben ihnen die Lust zu diesem Maunöver gründlich benommen. Mit ehrfurchtsvollem Gruße und warmen Gefühlen inniger Liebe und Verehrung sah und sieht man dem neuen Oberhirten, rer noch im Laufe der nächsten Tage in seine zukünftige Metropole einziehen soll, entgegen. Das hinderte die stolzen und trotz des langwierigen Kampfes noch unge» beugten katholischen Rh Inländer nicht, dem scheidenden Erzbischof ihr volles Herz ausschütten, ihm ihre tiefe Trauer über seinen Verlust, ihre Erbitterung über das kulturkämpferische System, welches ein solches Opfer schließlich nothwendig «scht», »nh unauslöschliche Liebe und Anhänglichkeit in zahlreichen Vermmmlungm un« *0^. offen kundzugeben. Erst vor wenigen xaflen begab sich eine Deputation nach Rom, um dem Kardinal eine in der Erdiöcese Köln gesammelte fürstliche Ehrengabe nebst einer wiederholten Manifestation der Gesinnungen des katholischen Rheinlandes darzubringen. . _ -
D'r Sinn des katholischen Volkes in Preußen ist noch ungetrübt und ungebeugt. Das zeigt sich bei jeder Gelegenheit auf's Neue. Und so haben auch die kulturkämpferischen Mißdeutungen der päpstlichen Vermittlerrolle in der Karolinen» Angelegenheit bereits verstummen muffen. Das katholische deutsche Volk weiß, was es von dem weisen und mächtigen Inhaber des Stuhles Petn zu gewärtigen hat, es weiß ganz genau daß der heilige Vater, wenn er den ihn hochehrenden
Laß' mich beim Marquis de Vigny bleiben! fuhr Giralda bittend fort. „Er hebt wich und wünscht, mich zu adoptiren als ferne Enkelin, vielleicht, liebe Mutter, gelingt es mir dennoch, sein Herz zu erweichen, daß er dem Vater verzeiht. Vielleicht auch finde ich, so jung und^ unerfahren wie ich bin, Wege, Graf Armand s Unschuld an dem Verbrechen an den Tag zu bringen. Vertraue mir! Ich will auf meiner Hut und ver- schwiegen sein, wie das Grab. Laß mich hande.n füt un§ Ällb1"
Kind was weißt Du von den Schlichen eines Nichtswürdigen, der einen solchen Plan ersann und ausführte, als derjenige ist, der Deinen Vater in Schmach und Verbannung trieb?"
Ist es nicht für den theuren Vater, was ich thun will?" rief Giralda aus. „Geschieht es Nicht für Dich, für ihn, für uns Alle? O, glaube mir, ich werde nicht schwach sein, ich werde mich nicht irreführen laffen. Laß mifl> zu dem altenMar- quis zurückkehren. Er hat nicht die leiseste Ahnung davon, wie nahe wir Beide uns stehen. Er kennt auch nicht die Ursache Deiner Ohnmacht. Ich hege die feste Zuversicht, den heiligen Glauben in mir, daß es mir gelingen wird, ihn zu ver- anlassen, zu verzeihen und Gnade zu üben! Mutter
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Oktober.
• Der Kaiser besichtigte vor einigen Tagen in Gegenwart der Mitglieder der Generalsynode ein Altargemälde, die Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande darstellend. Aus der Antwort des Kaisers ist ein Satz beachtenswerth, der einen Hinweis auf die Religion enthält. In der Wieder- gäbe dieser kaiserlichen Worte weichen die Berichte der Zeitungen von einander ab. Nach der.Kreuz- zeitung' hat der Kaiser dabei hingewiesen auf „das fiBreufieBß Neugestaltung), das vollendet ist und daS, so (Sott toiu, |v\nri ucucy«.» wird, wenn fein Fundament bleibt: Reinheit der Religion und Fortschritt in jedem guten Werke' . Die,Post' gibt die Worte folgendermaßen wieder: „Ich kann in meinen alten Tagen den Himmel znm Zeugen anrufen, daß ich das einzige Fundament, auf dem Alles beruht, die Religion, stets für das höchste Gut meines Volkes gehalten habe. Wenn die Synode auf diesem Fundament beharrt und fortfährt, in Einmüthigkeit vor Gott und der Christenheit zu arbeiten, bann werden die guten Resultate Ihrer Arbeit nicht fehlen." Aehn- lich lautet die Version der ,Voff. Ztg.'. Darnach sagte der Kaiser: „Für meine alten Tage rufe ich den Himmel als Zeugen, daß ich das Fundament, auf welchem Alles beruht, die
i ich glaube, daß es nicht ein bloßer Zufall, sondern daß es Bestimmung war, die mich zu dem Mar- quis führte und feine Liebe gewinnen ließ. Es ist mir, als ob eine gütige Vorsehung mir den Weg gebahnt hätte, der mich zu dem Ziele führt, meines Vaters Namen von dem schmählichen Verdacht zu reinigen, der ihn so ungerecht traf und sein ganzes Leben vernichtete." Das junge Mädchen sprach mit Leidenschaft. Ihr Gesicht glühte vor Erregung. Ein heiliger Eifer beseelte sie für bas Werk, das vor ihr lag und welches auszu-
Ne.Fulda« Zeitung' «scheint t»,lich, «onn-und Feiertage «'"Ehrlich« «bannenauswärts 1 Mr. 75 Psg?
........__
SMT Für November und Dezember werden Abonnements aus die Fuldaer Zeitung^ von allen Postanstalten, Landbriefboten, Zeitungsträgern und von der Expedition, Buttermarkt, zum Preise von Mk. 1.— (ohne Bestellgeld) jederzeit angenommen. Der Roman „Aus geheimuißvoürn Wrgeu" wird, soweit der Vorrath reicht, nachgeliefert.
A Bedeutsame Ereignisse der jüngsten Zeit.
Der Paderborner Zwischenfall, der sich im Anfang so trostlos und verderbenbringend anzulaffen schien, hat mit einem Triumph unserer guten Sache, mit einem Siege des Centrums und des entschiedenen, des sogenannten „ultramontanen" Stand» Punktes geendigt. Ja, man nennt uns höhnisch „Ultramontane", Leute, die ihr Heil (ihr Seelenheil) „jenseits der Berge" (ultra montes) suchen. Wir dürfen auf diese Bezeichnung im Grunde genommen nur stolz sein. Wie so oft, so haben wir auch in der Paderborner Affaire nicht vergeblich mit Vertrauen und Zuversicht „ultra montes" geschaut. Rom und Der heilige Stuhl hat den strengen Standpunkt, den das Centrum und seine Presse in der Paderborner ‘«ffuiu eia- nahmen, sanktionirt und als den allein richtigen anerkannt. Namentlich die ,Kreuzzeitung' und die falschen Konservativen ihres Schlages können ihre Haltung gegenüber dem Paderborner Zwischenfall wahrlich nicht zu den Ruhmesblättern ihrer Partei zählen.
Aber die Tücke der offenen und stillen Kulturkämpfer läßt sich auch durch ein solches Fiasko nicht abschrecken. Kaum hatte der heilige Vater dem entschiedenen Centrumsstandpunkt in der Paderborner Angelegenheit eine glänzende Genugthuung verschafft, da begann ganz dieselbe liberal-konservative Brüderschaft ihr unsaubereres Verdächtigungs- Handwerk wieder an der Fuldaer Bischofskonserenz. Die tollsten Gerüchte über die von den Bischöfen in Fulda gegen die „Extremen" gefaßten BZchlüffe wurden in liberalen und konservativen Blättern