1885
Freitag, den 30. Oktober
Auf geheiurrrißvollen Wegen.
Roman von I. Zehrufkld.
(35
der Regierung fallen gelassen ist, da der Vatikan niemals eine absolute verneinende Antwort geäußert, sondern nur die Schwierigkeit dieser Lösung der preußischen Diplomatie auseinander gelegt. Diese persönliche Angelegenheit scheint in innigem Zusammenhänge mit der Vorbildungsfrage und mit der Freiheit der bischöflichen Jurisdiktionsgewalt zu stehen. Es verlautet, daß die eine Frage nicht ohne die andere eine entgiltige Lösung erfahren soll. Sicher ist es, daß diploinatisch diese Angelegenheiten als unzertrennlich betrachtet werden. — Was die ermländische Bischofswahl anlangt so hört die ,Germ.' weiter, daß diese Frage von Rom aus mit einer gewissen Eile betrieben worden. Der Vatikan hat vor einiger Zeit das Domkapitel in Frauenburg angewiesen, so bald als möglich die Ernennungsfrage zu erledigen, um dem Erzbischöfe Krementz die Möglichkeit zu gewähren, seinen baldigen Einzug in die rheinische Metropole zu halten. Die Regierung hat den Gang der Geschäfte beschleunigt, weil der Kaiser verschiedene Male sich dahin geäußert, den Erzstuhl Köln besetzt sehen zu wisien.
* Breslau, 29. Okt. Der Sieg der Frei- sinnigen gegen die koalirten Konservativen und Nationalliberalen ist gesichert.
* Hannover, 29. Okt. Hier siegten, wie zu erwarten war, die Nationalliberalen.
* Elberfeld (Stadt) 274 Nationalliberale und Freikonservative, 90 freisinnige Wahlmänner. Barmen (Stadt) 201 Nationalliberale und Frei- konservative, 147 Freisinnige, 12 unbestimmt.
* Erefeld, 29. Ökt. Die Centrumspartei siegte mit 152 gegen 130 liberale Stimmen. Das Mandat Seyffarth's ist damit verloren, die Wahl Trimborn's gesichert.
* Cassel, 26. Okt. Der Kandidat der Konservativen, Rechtsanwalt Dr. Schier, hat, wie man der .Germania' von hier mittheilt, gestern Abend in öffentlicher Versammlung gesprochen und, trotzdem er sich im Ganzen zum deutschkonservativen Programm bekennt, erklärt, daß er, wenn er gewählt würde, der freikonservativen Fraktion beitreten werde. Die Unzuverlässigkeit der National- liberalen bei ihren Abstimmungen in den wirth- schaftlichen und anderen Fragen hat derselbe trefflich charakterisirt, hinsichtlich des Kulturkampfs aber leider eine die Katholiken völlig befriedigende Garantie nicht gegeben. Derselbe be-
Einen Augenblick lang sahen sich Beide wortlos an. Dann öffnete die Comleffe ihre Arme und mit einem Freudenschrei sank Giralda an ihrer Mutter Brust. „Bist Du es wirklich, liebe Mut- ter?" rief sie, sich innig an Gabriele schmiegend. „Ich fürchte einen furchtbaren Jrrthum. O, meine liebe, liebe Mutter!" Sie fing bitterlich zu weinen an. Die Comteffe zog sie innig an ihr Herz. Sie strich ihr sanft über das Haar und tröstete sie mit zärtlichen Worten. Alle vorherige Angst und aller Kummer schien die Comteffe plötzlich verlaffen zu haben. So vergingen Minuten, dann erhob Giralda das Antlitz und fragte mit zitternder Stimme: „Ach, Mutter, bist Du denn wirklich die Tochter des Grafen von Chatrois?"
„Ja, mein Kind," erwiderte die Comteffe.
„Und Du bist keine Schauspielerin? O, Mutter!" „Doch, mein Kind, ich bin eine Schauspielerin! Freilich, ich spiele nicht auf der Bühne eines Theaters, aber nichtsdestoweniger bin ich doch eine Schauspielerin."
„Mutter, Du warst einst die Verlobte Armand de Bigny's?"
„Ja, Giralda."
„Und jetzt bist Du die Verlobte des Grafen Eugen von Lamartin?" fragte das junge Mädchen furchtsamen Tones weiter, indem ihr eine heiße Röthe in's Antlitz stieg.
„Ich bin nicht verlobt mit Graf Eugen, Gi- ralda," antwortete die Comteffe ernst. „Wie ich erkenne, ist die Stunde gekommen, in der ich Dir einen Theil meines Geheimniffes vertrauen muß, obgleich ich es gern gesehen hätte, wenn Deine junge Seele noch nicht mit dieser Last beschwert worden wäre. Aber vorerst muß ich mit Dir über Dich selbst sprechen. Weshalb hast Du heimlicher Weise das Elternhaus verlassen, Giralda?"
„Mutter, ich hielt Dich für eine Schauspielerin. Ich wußte, daß Du mich nicht freiwillig gehen lassen würdest, deshalb ging ich geheim. Ich hielt es für meine Pflicht, Dir die Sorge für meine Zukunft abzunehmen." Hastig brachte Giralda diese Antwort hervor, während ihre Augen im Zimmer hin- und herschweiften und ihr Erstaunen über die hier herrschende Eleganz und reiche Toilette ihrer Mutter deutlich zum Ausdruck brachten.
„Ich will Deine Gründe gelten lassen, mein Kind," antwortete Gabriele, indem sie ihr Hut und Tuch abnahm, „aber trotz alledem handeltest
Für November und Dezember werden Abonnements auf die,Fuldaer Zeitung^ von allen Postanstalten, Landbriefbolen, Zeitungsträgern und von der Expedition, Buttermarkt, zum Preise von Mk. L— (ohne Bestellgeld) jederzeit angenommen. Der Roman „Aus gkheimnißvoüru Wege»" wird, soweit der Vorrath reicht, nach- j geliefert._____________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Oktober.
* Das genaue Ergebniß dsr hiesigen Wahlmännerwahlen ist noch nicht bekannt, doch steht fest, daß die Fortschrittler in sämmtlichen vier Wahlkreisen Majoritäten von etwa 2/s erhalten haben. Groß ist das Fiasko der Nationalliberalen, die im ersten Kreise noch nicht 1/10. in den übrigen nicht V20 der Wahlmänner durchgesetzt haben.
* lieber die Vermittelung des hl. Vaters in der Karolinenfrage schreibt man der ,Germ.' aus Rom: „Die vatikanische Note in der Karolinen- frage ist fertig ausgestellt, sie kann jeden Augenblick den Gesandten der beiden Regierungen übergeben werden. Vielleicht, wenn Sie diese Zeilen bekommen, ist die offizielle Uebergabe schon vollendete Thatsache. Das Prinzip des päpstlichen Spruches beruht, wie ich höre, auf einer Transaction zwischen den historischen Rechten Spaniens «nd den gehegten Wünschen Deutschlands. Weder Herr v. Molins, noch Herr v. Schlözer, denen die päpstliche Lösung mitgetheilt worden, haben Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt. In ein» geweihten Kreisen geht die Version, daß jede Partei mit der Lösung völlig zufrieden sei. Es muß betont werden, daß die Note das persönliche Werk des hl. Vaters ist (ohne Zuziehung einer Com- Mission oder der politischen Kardinäle). Man glaubt, daß nach kürzester Frist die Note der Oeffentlichkeit übergeben werden könnte, da wahrscheinlich Fürst Bismarck diese Veröffentlichung wünscht."
Gleichzeitig wird demselben Blatt gemeldet: „Man hat hier in Nom alle Nachrichten über etwaige Candidaten für den erzbischöflichen Stuhl Posens mit völligem Skepticismus ausgenommen. Es scheint fest zu stehen, daß Dompropst Wanjura niemals von
schränkte sich darauf, eine weitere Milderung der Maigesetze als sehr wünschenswerth zu bezeichnen und gleiche Behandlung von Katholiken und Protestanten anzuempfehlen. Diese Erklärung paßt in den freikonservativen Nahmen, wie manches Andere, was Herr Dr. Schier sagte, ebenso gut, als zu den heutigen Anschanungen der Deutschkonservativen in Bezug auf den Kirchenstreit, die Katholiken indessen damit für die Kandidatur erwärmen zu wollen, dürfte vergebens sein. Diese verlangen entschieden mehr und müssen darauf bestehen, daß der von ihnen zu wählende Abgeordnete bindende Zusicherungen ertheilt. Im Uebrigen war die Rede wohl dazu angethan, fympathisch zu berühren und ließ eine nicht zu unterschätzende Befähigung bei Beurtheilung der unser Volk bewegenden wich- tigen Fragen sowie hervorragende oratorische Begabung deutlich erkennen. Eine wenig beneidens- werthe Rolle spielte in der Versammlung der Vorsitzende des konservativen Vereins, Reichstagsabgeordneter Dr. Lotz, welcher dieselbe eröffnete und schloß in seiner Ansprache am Schluß eine so große Verlegenheit wegen der von ihm namentlich patronisirten freikonservativen Kandidatur an den Tag legte, daß er nur mit sichtbarer großer An- strengung die Worte finden konnte, um derselben seine Empfehlung mit auf den Weg zu geben. Die deutschkonservative Sache, der zu Liebe vor einem Jahre die Wahl des Dr. Lotz in den Reichstag nach unendlichen Schwierigkeiten mit 92 Stimmen Majorität durchgesetzt wurde, erleidet durch die niemals zu verantwortende Auslieferung des gewonnenen Feldes •'ein die Freikonservativen, eine Niederlage, von der sie sich vielleicht nicht wieder erholt. Wenn Herr Dr. Lotz die Mission übernommen hat, hier die Mittelpartei zu installiren durch Beseitigung der deutschkonservativen Agitation, so muß ihm zugestanden werden, daß er, der konservative Reichstagsabgeordnete, sich derselben mit einer bessern Sache ^würdigem Diensteifer zu entledigen sucht. Obgleich auch an seine Wiederwahl in denReichstag selbst von den Konservativen kaum noch gedacht wird, und er dieselbe ebenfalls wohl nicht mehr für möglich hält, so hätte er doch die Zukunft der Partei nicht preisgeben dürfen. — Gleichzeitig mit der konservativen Partei tagte eine von dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Pfannkuch einberufene, auf deren Tagesordnung auch die Stellung zur Reichstags-
Du nicht recht, Dich heimlich zu entfernen. Ungehorsam gegen die Eltern ist immer ein Unrecht. Ach, Giralda, wenn Du doch Vertrauen zu mir gehabt hättest, anstatt in die Welt hinauszugehen! Ich fürchte, daß Deine voreilige Handlung, fo edel auch Dein Beweggrund dazu ist, Deinen Vater, Deine Brüder, Dich selbst und mich in's Verderben gestürzt hat!"
„Dich in's Verderben gestürzt, Mutter? Wie wäre das möglich?" rief Giralda erschreckt aus.
„Ehe ich es Dir erkläre, sage mir, wie Du in Marquis de Vigny's Haus gekommen bist!"
Giralda erzählte, wie sie, von dem Gedanken beseelt, den Ihrigen zu helfen, in den Tages- blättern nach einer passenden Stellung gesucht; wie sie die Aufforderung des Marquis de Vigny im Petit Journal' gelesen und wie sie nächtlicher Weise und ganz allein sich auf die Reise nach dem Schlosse gemacht habe. Sie wiederholte, was der Wirth im Dorfe ihr mitgetheilt, sowie ihre erste Unterredung mit dem Marquis selbst; darnach gab sie in kurzen Worten Auskunft über das, was sie von der alten Haushälterin über Armand de Vigny gehört hatte.
Gabriele hörte der Erzählung ihrer Tochter aufmerksam zu.
tfiilhowr Jdfunit
(JJ UlVul l 6^1 llUlly*
w 50 "*• -m"
Inserate? D^Walti-e Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; der Wederholungen entsprechender Rabatt.