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j\8 247. Mittwoch, den 28. Oktober

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1885.

Di- ,Fuldaer Zeitung' «scheint tSglich, Sonn, und Feiertage ««»genommen. »ierte^rli*« VMatM» 1 50 " “ mit bet

belletristischen »ochenbeilage .Sterne un» Blume«' tn Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Ml. 75 Pfg.

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* Am Vorabend der Urwahlen.

Die entscheidende Stunde ist nahe. Die Ur­wahlen für das Haus der Abgeordneten finden morgen Donnerstag, den 29. Oktober, Vor­mittags 9 Uhr, statt.

Katholische Urwähler! Von Neuem habt Ihr das Recht, aber auch die heilige Pflicht, Euerer Ueberzeugung als freie, deutsche Män- ner und als treue katholische Christen klaren und bestimmten Ausdruck zu geben, von Neuem habt Ihr das Recht, aber auch die heilige Pflicht, als vollberechtigte Bürger des Staates Euere Forderungen und Wünsche der Regierung und dem ganzen Lande gegenüber mit Nachdruck zur Geltung zu bringen. Der Ausfall der Wahlen ist für Euer und für das Wohl des Vaterlandes von der größten Bedeutung.

Noch immer dauert seit bereits 13 Jahren der unselige Kulturkampf mit all' seinen traurigen Folgen fort und schädigt nach allen Richtungen hin die Jntereffen des Vaterlandes; noch immer wollen die Negierung und die ihr nahestehenden Parteien uns unser heiliges Recht nicht geben; noch immer bestehen die Maigesetze zu Recht und „liegen die Waffen auf dem Fechtboden"; immer mehr wächst die Gefahr des Staatsabso­lutismus, der keine religiöse und bürgerliche Freiheit kennt, der um die heiligsten, unverletzlichsten Rechte sich nicht kümmert, sondern Alles nach seinem Gut­dünken und seiner Willkür behandelt.

Als freie deutsche Männer müssen wir uns gegen diese drohende Gefahr, gegen diese Gefähr­dung aller religiösen, politischen und bür­gerlichen Rechte und Freiheiten erheben; als vollberechtigte Bürger des Staates müffen wir unser volles und ganzes Recht fordern. Wir wollen keine Gnade, keine Duldung, keine Nach­sicht, wo wir ein großes und heiliges Recht zu fordern haben.

Unsere erste und wichtigste Forderung lautet: Freiheit für unsere Kirche! Daher fort mit dem, was unsere Freiheit hindert, die Rechte der Kirche verkümmert! Daher fort mit dem Kultur­kampf! fort mit den Maigesetzen! Wir wollen keine Halbheit, keine allmälige Versumpfung, sondern vollständige und endgültige Beseitigung des Kultur­kampfs, vollständige, endgültige Beseitigung der Maigesetze! Was thun die Maigesetze auch nach

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ?. Hohenfeld. (33

„Sie ist nicht da, Herr Marquis!" sagte sie leise. Nur gewaltsam drängte sie ihren Kummer zurück und wandte ihre Aufmerksamkeit der Bühne zu. Sie hatte keine Ahnung davon, wie die Blicke Vieler auf sie gerichtet waren. Ihr Begleiter jedoch bemerkte die Aufmerksamkeit, die sie überall erregte, sehr wohl.

Unter Allen, die im Theater zugegen waren, kannten Viele den Marquis, aber noch Keiner hatte ihn jemals so glücklich aussehend gefunden, als an diesem Abend. Seit jener Nacht, wo sein vermeintlicher Mörder ihn verlaffen, hatte ihn Keiner auch nur lächeln sehen. Gegen Ende des ersten Aktes wurde die Thür in der Loge des Grafen von Chatrois geöffnet.

„Comteffe Gabriele kommt", flüsterte der Mar­quis Giralda zu. „Geich wirst Du die schönste Frau in Frankreich sehen — das herzloseste Weib in der ganzen Welt! Armand de Vigny liebte sie bis zum Wahnsinn. Den Grafen Eugen hat Sie vor ihren Triumphwagen gespannt. Sie hat mehr Verehrer als zehn andere Frauen in ganz Frankreich!"

den eingetretenen kleineren Milderungen? Welches ist die Lage der Katholiken in Preußen auch jetzt noch, und zwar gerade durch die Maigesetze? Die Maigesetze binden unfern Bischöfen die Hände; sie vergönnen den Pfarreien nicht die vollberech­tigten Hirten; die sogen. Hülfsgeistlichen können jeden Augenblick, wenn es der Regierung paßt, von ihren Stellen verdrängt werden; die Mai­gesetze halten noch immer zahlreiche seeleneifrige Ordensmänner und unschuldige Ordensfrauen aus dem Vaterlande fern; die freie kirchliche Vorbildung und Erziehung der künftigen Diener des Altars ist gehemmt; die Convikte und Seminarien sind geschloffen; katholische Priester sind in kirchlichen Dingen noch immer einem weltlichen Gerichtshof unterstellt; der Familie und der Kirche werden ihre heiligen, unveräußerlichen Rechte auf die Schule noch immer vorenthalten; die Verwaltung der heiligen Geheimniffe unserer Religion, die Darbringung des hl. Meßopfers und die Spendung der hl. Sakramente kann unter Umständen noch immer unter Strafe gestellt werden.

Das ist die Lage der Katholiken in Preußen! Welches ist die Partei, die allein in dieser trau­rigen Lage uns Hülfe bringt, die allein unsere schwerbedrängten Rechte und Freiheiten vertheidigt! Es ist das Ceutrum! Drum können und dürfen wir als katholische Christen nur für das Centrum stimmen. Das Centrum kämpft für Wahr­heit und Recht. Unerschrocken, ungebeugt hat es seit vielen Jahren trotz aller bittern Feindschaft, trotz nie ruhender Angriffe, trotz der Verdächti­gungen, trotz aller Verlobungen seine Fahne hoch­gebalten und seine Grundsätze vertheidigt. Das Centrum, die Vertretung des katholischen Volkes, hat sich durch seine Treue und Unerschrockenheit eine Stellung errungen, wie sie nie eine Partei besessen hat. Das Centrum ist der „unüber- w i n d l i ch e T h u r m", in dem die idealen Güter des Volkes, Wahrheit, Freiheit und Recht, am sichersten geborgen, das jedem Versuch, diese Güter zu verletzen, jedem Angriff auf die Rechte, die Freiheiten des Volkes muthigen Widerstand geleistet hat. Alle anderen Parteien wechseln und schwanken, nur das Centrum wankt nicht. Immer mehr nimmt die Zahl derer zu, die den Erfolg und die Macht anbeten, die Zahl der „Jasager", die Zahl der charakterlosen Schwächlinge, die keine Grundsätze haben und wie Windfahnen sich drehen.

Giralda richtete ihre Angen in mädchenhafter Neugierde auf die gegenüberliegende Loge. Sie sah einen alten Herrn dieselbe betreten. Er schien der höchsten Aristokratie anzugehören; auf seinem ganzen Wesen schien ein schwerer Kummer zu lasten.

„Graf von Chatrois — der Vater der Comteffe Gabriele!" flüsterte der Marquis de Vigny seinem schönen Schützling zu. Der Graf setzte sich in eine Ecke der Loge, in den Schatten eines Spitzenoor­hanges. Dennoch bemerkte Giralda, daß finstere Sorgenwolken auf seiner Stirn lagerten.

Gleich darauf erschien, geführt von Graf Eugen, Gabriele von Chatrois. Eugen war in voller Toilette und sah aus wie ein echter Cavalier. Gabriele strahlte in Schönheit und Juwelen. Graf Lamartin rückte einen Stuhl für sie zurecht, auf den sie sich nachläffig niederließ. Er selbst nahm an ihrer Seite Platz.

Giralda sah zuerst nur eine glänzende Gestalt in goldgelbem Atlasgewande — eine Statue, der Kleopatra gleich, eine königliche Erscheinung voller Hoheit und Majestät, umfloffen von einer Wolke von Spitzen, Hals, Arme und Haupt mit Edel­steinen und Diamanten geschmückt.

„Gleicht sie nicht in Wahrheit einer Königin?"

Das Centrum allein beugt sich nicht; es sucht nicht Menschengunst, es kennt nicht Menschen- furcht; seine Kraft und sein Sieg ist die Gerechtig­keit und die Wahrheit der Sache, für die es kämpft und streitet. Hoch das Centrum! Ihm allein gehöre unsere Stimme!

Das Ceutrum vergißt aber über den idealen Gütern, über den geistigen Jntereffen nicht die materiellen Güter und die zeitlichen Interessen des Vaterlandes. Gerade dadurch, daß das Centrum für die höchsten und geistigen Güter eintritt, legt es und schützt es das Fundament, auf dem alles irdische Wohlergehen Bestand gewinnt und Bestand behaupten kann. Ohne Gewissensfreiheit keine bür­gerliche und politische Freiheit; ohne Religion keine Sittlichkeit und Volkswohlfahrt. Das Centrum allein vertheidigt beharrlich und konsequent alle jene politischen und sozialen Jntereffen, welche Pflege und Schutz mit jedem Tage gebieterischer fordern.

Katholiken! Urwähler! Bisher habt Ihr in überwiegender Majorität Eure Stimmen stets für das Centrum abgegeben; bleibet auch diesmal nicht zurück! Mit unerschütterlicher Geduld, mit fester Beharrlichkeit müffen wir unsere Posten behaupten, unsere Sache vertheidigen. Auf die Dauer wird man unseren Forderungen das Gehör nicht ver­sagen können. Aber handelnmüffen wir, wehren müffen wir uns, reden müffen wir; das geschieht durch eine allgemeine Betheiligung an der Wahl. Auch diesmal muß die Zahl der Stimmen für das Centrum noch wachsen, die Majori­tät muß imposanter, überwältigender werden.

Alle treuen Katholiken müssen wählen! Keiner darf aus Bequemlichkeit oder Muthlosigkeit zurückbleiben. Unserer hei­ligen und gerechten Sache kann der Sieg nicht fehlen! Festvereint! Dichtge­schlossen ! Hoch unsere Fahne, die reine, glänzende, siegreiche Fahne des Cen­trums! Hoch das Ceutrum! Vorwärts! Für Wahrheit, Freiheit mrd Recht!

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Oktober.

* Ueber die Vermittlung des Papstes in der Karolinenfcage wird der,Germ.' vom 24. d. M. aus Rom geschrieben:

„Das Staatssekretariat hat gestern, den 22. Oktober, flüsterte der alte Marquis. „Hast Du je eine schönere Frau gesehen?"

Giralda antwortete nicht; sie saß wie zu Stein erstarrt, unbeweglich. Sie sah wie die Comteffe in der Loge gegenüber lächelnd, allerdings kalt lächelnd sich Eugen zuwandte, um eine ihr viel­leicht gesagte Schmeichelei anzuhören. Dabei beugte sie das Antlitz derart, daß der helle Kerzenschein voll auf ihre Züge viel. Schnell erhob Giralda das Fernglas, aber nur einen Blick, einen ein­zigen Blick — nein, sie hatte sich nicht getäuscht! Es war ihr, als müffe ihr das Herz stillstehen. Alles drehte sich mit ihr wie im Wirbeltanz, ein Nebelschleier schien sich vor ihren Augen auszu­breiten, und todtenbleich, keines Lautes mächtig, sank sie in ihren Seffel zurück.

Noch hatte Gabriele nicht den Vorfall in der gegenüberliegenden Loge des Marquis bemerkt, aber Graf Eugen's schnellem Blick war nichts ent­gangen. Ein blitzartiger Gedanke durchzuckte sein Hirn. Wie ohne weitere Absicht lenkte er die Aufmerksamkeit der Comteffe auf die Loge seines Onkels hin.

Gabriele lächelte, setzte ihr Opernglas an das Auge und ließ ihre Micke hinüberschweifen. In demselben Moment aber nahmen ihre Züge einen