in Kirche und Schule und mit den Fragen der Parität, die doch auch vor den siebenziger Jahren so Vieles zu wünschen übrig ließen, natürlich erst recht. Das katholische Volk aber, das bis jetzt so herrlich sich gehalten und nach dem Worte unserer Bischöfe ein Schauspiel für die Engel und Menschen geworden ist, auf das die Katholiken der ganzen Welt mit einer Bewunderung, die zu ihrer eigenen Erhebung dient, schauen, das auch von Protestanten, Freimaurern, Liberalen u. s. w. zuweilen laut, und noch öfter im Geheimen, weithin anerkannt wird, das katholische Volk hätte sich es selbst zuzuschreiben, wenn es nichts mehr gälte, es hätte kein Recht mehr, sich über Etwas zu beklagen, der ganze gewaltige Kampf von fünfzehn Jahren mit seinen zahllosen Opfern wäre nicht nur vergebens gewesen, sondern seine Bedränger würden nun erst recht den Fuß ihm auf den Nacken setzen, und die letzten Dinge würden viel schlimmer sein als die ersten.
Wen diese Erwägungen noch nicht hinlänglich aneifern sollten, dem politischen Leben der Gegenwart sein volles Interesse zu widmen und theilzu- nehmen an denjenigen politischen Vorgängen, unter welche beispielsweise auch die morgige Urwähler-Versammlung zu rechnen ist, den erinnern wir zum Schluffe unseres heutigen Artikels an die bekannten Worte, welche unsere Bischöfe in dem von Fulda aus erlassenen herrlichen Hirtenbriefe nie» derlegftn: „Unsere Hände, die euch die Fülle de» göttlichen Segens so gern spenden möchten, sind noch immer gebunden." Dieses eine Wort genügt vielleicht, auch den Trägsten aufzurütteln und den Hoffnungsseligsten zu ernüchtern. Dieses eine Wort genügt vielleicht, auch den Unschlüssigen anzueifern, an der morgigen Urwähler-Versammlung theilzunehmen.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Oktober.
* Der Kaiser ist heute früh in bestem Wohlsein von Baden-Baden zurückkehrend hier eingetroffen und wurde vom Kronprinz am Bahnhofe empfangen.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung Richthofen's zum Polizei-Präsidenten von Berlin.
* Nachdem die Mehrzahl der Mächte dem Vor-
Jubelnd sprang Giralda auf. Ihre Veilchen» äugen erglänzten vor Freude. Sie eilte auf den alten Mann zu und sprach mit vibrirender Stimme: „Ich will Ihre Enkelin sein! Ich will bei Ihnen bleiben und Alles thun, was ich kann, um Sie mit der Vergangenheit auHusöhnen und," fügte sie zögernd hinzu, „ich will sie recht lieb haben. O, es wird mir nicht schwer fallen, wenn Sie mir stets ein so lieber gütiger Herr sind wie jetzt!" Sie stand uor ihm, zitternd und erröthend. Freudc- thränen oemnlelten ihr den Blick. Und plötzlich, ihrem inneren Drange folgend, beugte sie sich zu dem Greise nieder und drückte einen Kuß auf seine Stirne.
Dem alten Marquis traten die Thränen in die Augen und sein Gesicht überflog ein sonniger Schimmer. Seit wie vielen Jahren hatte ihn Niemand geküßt! Giralda'S Zärtlichkeit erinnerte ihn wieder an die kindlichen Liebkosungen, die er früher häufig genug erfahren von Einem, der an seinem Herzen geruht und deffen vermeintliche Nichtswürdigkeit sein Herz gebrochen und verhärtet hatte - bis zu dieser Stunde. Nun war alle Zärtlichkeit und alle Lebenslust darin zu neuem Sein erwacht. Wie der Frühlingssonnenschein die ganze Welt aus langem Winterfchlafe erweckt, so
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Sonnabend, den 24. Oktober
1885.
Die.Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn» und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne «ringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit de, belletristischen Wochenbeilage ,Sterne «n> Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
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* An die Gesinnungsgenossen in Stadt und Land.
Der für die mehrfach erwähnte Urwähler-Versammlung bestimmte Tag ist nahe herangerückt. An vorheriger Bekanntmachung desselben und an dem Hinweis auf seine Wichtigkeit hat es nicht gefehlt. Den Entschluß, der Versammlung bei» zuwohnen, haben wohl die meisten Urwähler, denen die Betheiligung möglich ist, schon gefaßt. Um die etwa noch Unschlüssigen noch in letzter Stunde zur Betheiligung anzueifern, um ferner die rechte Stimmung und Begeisterung für den edlen Zweck dieser Urwählerversammlung durch unser Parteiorgan gewiffermaßen vorzubereiten, sei es uns gestattet, folgenden Gedanken hier Raum zu geben:
Jeder Katholik, welcher seiner Kirche durch den modernen Zeitgeist noch nicht ganz entfremdet ist, kennt die hohe Wichtigkeit der diesjährigen Landtagswahlen und wird es darum als seine Pflicht betrachten, zu einem erfolgreichen Gelingen auch feinen Antheil beizutragen. Die Kulturkampfs» gefetze sind noch alle in Kraft, und es gilt das Vertuschen dieser traurigen Thatsache, es gilt die drohende Versumpfung des Kulturkampfes zu verhindern. Darum ist es Ehrensache der Katholiken, mit allen erlaubten Mitteln die Feffeln zu sprengen, mit welchen eine verfehlte Gesetzgebung die freie Lebensthätigkeit unserer Kirche untergräbt. Die preußische Regierung hat nickt die Absicht, den Kampf zwischen Berlin und Rom ans der Welt zu schaffen; wie sehr derselbe noch mit seinen Härten auf dem Lande lastet, beweist der allenthalben herrschende Priestermangel, der mit den Jahren immer fühlbarer werden muß. Die katholische Kirche kann nun einmal unter keinen Umständen dulden, daß sie unter die Allgewalt des Staates herabsinkt, statt sich frei zu bewegen. Die Kirche hat andere Aufgaben, als der Staat, und darf deshalb nicht von Staatsbeamten und nach staatlich - politischen Gesichtspunkten regiert sein. Kirche und Staat berühren sich vielfach und können sich gegenseitig fördern und helfen; aber der Staat kann weder die Ausgaben der Kirche, noch die Kirche die Aufgabe, des Staates erfüllen. Unsere Gegner haben in dieser Hinsicht während der langen Kulturkampfjahre Manches gelernt, ohne es allerdings' offen eingestehen zu wollen.
Ihre Verlegenheitspolitik zielt deshalb darauf hinaus, die Katholiken in Trägheit einzuwiegen, indem sie den Kulturkampf gar nicht mehr ober nur nothgedrungen zur Sprache bringen. Wenn dann in Folge dieses Todtschweigens und der Schläfrigkeit der Katholiken bei den diesjährigen Wahlen die Wahlmännerziffer des Centrums zurückginge, oder wenn selbst bei derselben Wahlmännerziffer irgendwo die Zahl der Urwähler zurückgegangen wäre, die hinter den Wahlmännern stände, dann würde man hören, was für hoffnungsfreudige Folgerungen für ihre kirchen- feindlichen Ziele die Kulturkämpfer daran knüpfen würden. Sehet, würde es heißen, haben wir nicht schon oft gesagt, daß das katholische Volk sich vom Kulturkämpfe nicht mehr bedrückt fühlt, daß es mit den Milderungen der drei kirchenpolitischen Novellen zufrieden gestellt ist? Nur der Papst ist es, welcher der preußischen Regierung nicht das nöthige Entgegegenkommen zum Frieden beweist, nur die Bischöfe sind es, die in Fulda wieder die friedensfeindlichen Beschlüße über die Priester- Heranbildung, von denen das Volk aber nichts reiffen will, gefaßt haben, das Centrum ist es, welches in seinem Wahlaufrufe und in seiner ganzen Agitation den Versuch erneuert, das befriedigte katholische Volk aufzuregen, was auf den kirchlichen Versammlungen in Mü nster und Gleiwitz noch vor Kurzem sich so kräftig aussprach, was auf den politischen Vertrauensmänner - Versammlungen zu Breslau, Köln, Münster und schon in so vielen Versammlungen wiever'so energisch sich kundgab, es waren einige extreme Ultramontane, die da ein künstliches Feuer zu entfachen suchten, das die fanatische Preffe aber vergebens im Leben zu erhalten suchte, es war ein bloßes Aufflackern ohne katholische ernste Bedeutung, das Volk ist nicht mehr in Bewegung zu bring en, geschweige denn zu erwärmen für feine „angeblich" bedrohte Kirche, für feine „angeblich" in Frage gestellte eigene religiöse Freiheit, für die Sicherung einer „angeblich" nicht allgemein vorhandenen religiösen Erziehung in der Schule. Derartige Reden würde man hören und die Thaten würden natürlich den Reden entsprechen. An dem Tage, wo sich auch nur der leiseste Rückgang im Eifer der katholischen Urwähler zeigte, da wäre es aus mit jeder Hoffnung auf Wiederherstellung der Zustände vor den siebenziger Jahren
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Der Marquis de Vignr, blickte ihr forschend, sinnend in's Antlitz, als wollte er in ihren unschuldsvollen Zügen lesen. „Könnten Sie mich lieben, mein Kind?" fragte er plötzlich. „Könnten Sie mich lieben, wie Sie einen Vater, einen Großvater lieben würden? Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt. Aber das Herz ist ein eigenes Ding. So lange es schlägt, so lange muß es auch etwas haben, für das es sich erwärmt. Sie haben mein Herz gewonnen, Giralda. Ich möchte roiffen, ob Ihre Eltern etwas dagegen hätten, wenn ich Sie als meine Enkelin adoptirte?"
Giralda widerholte feine Worte voller Erstaunen: „Als Ihre Enkelin?"
„Ja," versetzte der Marquis mit ernster Miene. ...Ich möchte gern stets Ihr liebes Gesicht um mich haben. Ich habe mich oft danach gesehnt, das fröhliche Gelächter von Kindern in den stillen Räumen dieses Schloffes zu hören. Vielleicht war es thöricht, aber wer hat nicht irgend eine Lieblingsidee? Ich habe nie ein Gesicht gesehen, das mir auf den ersten Blick sa herzgewinnend gefiel, wie das Ihrige. Ich habe Niemanden
gekannt, dem ich aufs Wart glaubte, als Ihnen vom ersten Augenblick an, da ick Sie sah! Wenn ich Sie adoptire, so sollen Sie Ihren Eltern und Ihren Geschwistern nichts weniger sein als jetzt. Sie sollen Sie sehen und sprechen können, wann und wo es Ihnen beliebt. Sie sollen alle Rechte besitzen, die meiner Enkelin zukämen, wenn ich eine hätte. Ich habe mir aus meinen Einkünften ein Vermögen erspart, mit dem ich thun kann, was ich will. Ich würde dieses Vermögen nach meinem Tode Ihnen vermachen. Sprich, Mädchen, willst Du von jetzt an meine Enkelin sein?" schloß er in zärtlich erregtem Tone.
„Sie sind sehr großmüthig, Herr Marquis," stammelte Giralda verwirrt und lieblich errölhenv. „Aber —"
„Kein Aber, mein theures Kind," sprach der Marquis gütig. „Jeder Deiner Wünsche soll Dir erfüllt werden. Du sollst thun und laffen können, was Du willst. Du sollst den Deinen helfen und beistehen können, so viel Dein Herz es Dir gebietet. Ich werde an dem Tage, an dem ich Dich gerichtlich adoptire, Dir ein festes Einkommen ausfetzen, über welches Du, ganz Deinen edlen Neigungen folgend, stets nach Deinem eigenen Gutdünken verfügen sollst!"