JX1 243.
Freitag, den 23. Oktober
1885.
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und suchte dann im Krimkriege die Frage zu lösen. Der Versuch schlug bekanntlich fehl und iin Pariser Frieden mußte er sich sogar zu der Verpflichtung verstehen, nicht mehr als 10 Kriegsschiffe im Schwarzen Meere halten zu wollen. Wohl hat Rußland den deutsch-französischen Krieg benutzt und am 31. Oktober 1870 sich offtziell als nicht mehr gebunden an diese Bestimmung erklärt, aber der freie Durchgang durch die Dardanellen ist nach wie vor von dem guten Willen der Türken abhäilgig, kurz der Weg in's Mittelmeer und von da nach Indien ist für die nordische Macht erst offen, wenn die Türken aus Europa verjagt sind und Rußland im Besitze Konstantinopels und damit der Dardanellen sich befindet.
Da haben wir den Kern der orientalischen Frage und zugleich den Grund des ewigen Mißtrauens der Türkei und Englands gegen Rußland. Es ist das nur zu berechtigt. Rußland ist der Todfeind der Türkei, es wird und kann der Natur der Sache nach nicht ruhen, bis diese auf ihren asiatischen Besitz zurückgedräugt ist. Mit der Existenz der Türkei in Europa aber steht im engsten Zusammenhang die Machtstellung Englands, d. h. der Besitz Indiens. Daher sind, was immer auch durch den Unverstand einiger englischer Staatsmänner in den letzten Jahren gesündigt sein mag, England und die Pforte natürliche Verbündete.
So sehen wir denn zunächst drei Staaten bei der sogenannten Kultur-Mission Oesterreichs rm Orient. Damit hat's nämlich eine eigene Bewandt- niß; denn diese Mission wurde erst - und zwar nicht von Oesterreich selbst — m den Vordergrund geschoben, als man ihm durch die bekannte Blut- und Eisenpolitik seine Mission m Deutschland' unmöglich gemacht hatte, d. h. der Beruf Preußens in Mode kam. Aber Oesterreich hat da drunten eine große Lebensader, die es sich Nicht unterbinden laffen kann, die Donau. Von der Türker hat es in di ser Hinsicht nichts zu furchten wohl aber von Rußland, und daher liegt die Erhaltung der Türkei auch im Interesse Oesterreichs So find denn vier Hauptstaaten Europas direkt der der Lösung der sogenannten orientalischen Frage rnter essirt. Gerathen diese aber wegen Vertretung ihrer Interessen in ernstlichen Konflikt, so müßte es der
Der Marquis de Vigny athmete tuf erleichtert I auf. „Verzechen Sie mir." sprach -r, doch Sie vermutheten, daß er vielleicht noch am Leben sei
Weil die Haushälterin, Madame Roger, fest
sprach er in gänzlich verändertem, höflichen Dvne. Ich bitte Sie um Verzeihung wegen meiner Heftig« keit Fräulein Alvarez. Seien Sie versichert, daß es mir leid thut und bleiben Sie !"
Giralda verbeugte sich zum Zeichen der Zustimmung seines Wunsches und trat wieder von der ^Wer^mmer und was immer Sie auch sein mögen ich bereue meine Heftigkeit von ganzem Herzen "fuhr der Marquis fort. „Aber sagen Sie'mir eins, stehen Sie in irgend einer Verbindung mit Armand de Vigny?'
<^ch hörte seinen Namen gestern zum ersten Male," erwiderte das junge Mädchen einfach.^
„Und Sie sind nicht feine Tochter. ^h-e Augen ähneln so sehr den seinen
' Ich bin nicht Armand de VignyS Aojjter. Ich" habe Ihnen bereits gesagt, daß mein Vater ein spanischer Edelmann ist," erwiderte Giral.« stolz. „Ich weiß nichts weiter von Ihrem Reffen Armand, außer was ich seit meinem Hiersein über
zum großen Theil unwirthschaftliche Strecken des inneren Asiens führt, verfolgt das Czarenreich bekanntlich mit immer wachsendem Erfolge. Haben ihn die Ereignisse des letzten Jahres doch schon mitten in das Gebiet jener Völkerschaft (Afghanen) geführt, die als letzten, aber höchst unsicheren Schutzwall gegen Indien von der Landseite her dienen. Immerhin ist dieser Plan ein langwieriger und in Folge der unsicheren Haltung der barbarischen Bewohner jener weiten unwirthlichen Länderstrichen in seinem Erfolg mehr oder minder zweifelhaft.
Viel einfacher ist der Seeweg. Wie früher die Sachlage war, schien derselbe zwar unbenutzbar. Er führte von der Ostsee aus um Dänemark herum, durch die Nordsee und den Kanal an England vorbei, der ganzen langen afrikanischen Küste entlang, um's Kap der guten Hoffnung herum in's indische Meer. Da konnte England mit seiner mächtigen Flotte dem Rivalen schon ein gebieten» schcs Halt entgegenrufen. Und doch sah es sich vor. Durch Niederlassungen an der guineischen Küste und dem Kapstaat legte es seinem Gegner nicht unbedenkliche Angeln.
Einen ganz andern Anstrich gewann die Lage, als Ende der 60er Jahre der Suezkanal eröffnet wurde. Zwar wurde dadurch auch für England der Wasserweg nach Indien bedeutend abgekürzt, indem er über Gibraltar durch's Mittelmeer direkt in den indischen Ocean gelangte, aber für Rußland war der Suezkanal doch von viel größerer Bedeu- W K^ mec euerer, ms oer von Ugland. Es kann seine Truppen in Sebastopol ein« schiffen und ist dann schon in Indien, wenn die englischen Truppen erst in Suez angelangt find. Diese Eventualität hat England vorausgesehen und darum mit Hand und Fuß gegen die Durchstechung der Suez-Landenge sich gesträubt. In Vorausstcht aber, daß ihm dieses Sträuben auf die Dauer nichts nützen würde, suchte es Rußland den Weg vom Schwarzen in's Mittelmeer zu verlegen. Die Dardanellen sind bekanntlich im Besitze der gurken und diese haben sich verpflichtet, keiner bewaffneten Macht den Durchgang zu gestatten.
Rußland hat Alles aufgewandt, diese gegen ihn gerichtete Maßregel zu Nichte zu machen es hat verflicht, sich den Durchgang mit Gewalt zu erzwingen. Millionen verwandte Czar Nikolaus aus Schaffung einer starken Flotte im Schwarzer^teere^
Giralda stand da, starr, sprachlos, wie zu Stern verwandelt. Der Marquis erfaßte sie am Hand- gelenk, das er mit eisernem Griff umspannte, und mit heiserer Stimme wiederbolte er: „Sprich, Mädchen! Wer bist Du? Was weißt Du von Armand de Vigny?"
XVI.
Der rauhe Ton seiner Stimme gab ihr die Fassung zurück. Das Bewußtsein ihrer Unschuld ließ sie den momentan verlorenen Muth wieder- finden, und stolz das Haupt erhebend, blickte sie den Marquis so ernst, so hoheitsvoll und so durchdringend an, daß er unwillkürlich ihre Hand srei- ließ und betroffen einen Schritt von ihr zurucktrat.
Herr Marquis," erwiderte das junge Mavchen fest" und würdevoll, „ich muß aus Ihrem Benehmen schließen, daß Sie eins vergessen — entweder, daß Sie ein Edelmann, oder daß ich eine Dame dm.
Wie geistesabwesend blickte er sie an. War das die Antwort rftif seine Frage?
„Sie werden mir erlauben," suhr das junge Mädchen fort, indem sie sich leicht verbeugte, „daff ich mich zurückziehe." Sich abwendend, schritt ne
o Die orientalische Frage.
Die Zeiten liegen längst hinter uns, wo es den deutschen Staatsbürger wenig anfacht, wenn die Völker „dahinten in der Türkei" mit einander schlugen, wo er hinter'm Kachelofen gemüthlich sein Pfeifchen rauchend, mit einem mit Gruseln gemischten Behagen in seinem Moniteur die Heldenstückchen der Christen und die Schandthaten der Türken las. Eine fieberhafte Erregung gibt sich vielmehr kund, sobald nur am Balkangebirge ein verdächtiges Wölkchen aufsteigt, das auf die Bildung eines Gewitters schließen läßt. Woher diese Furcht und Beklemmung? Woher dieses unbewußte Gefühl, daß jeder da drunten in den Bergen wiederhallende Kanonenschuß das Signal zu einem allgemeinen, europäischen Kriege bedeuten kann, der in seinen Folgen unabsehbar ist? So viel auch in unseren Tagen von der „orientalischen Frage" gesprochen wird, so sind doch verhältnißmäßig nur Wenige über den Kern der Frage, über Natur und Wesen derselben sich klar. Da es gerade jetzt wieder den Anschein hat, als solle dieselbe recht brennend werden, mögen einige Erläuterungen willkommen sein.
Der Kern der orientalischen Frage ist nicht in den Donauländern, sondern im fernen Indien zu suchen. Das ungeheuere asiatische Gebiet, welches wir mit dem Namen Ostindien bezeichnen, steht bekanntlich unter englischer Herrschaft; es LLIÄWIÄ M*» standes und Reichthums. Ebenso bekannt ist, daß die Bewohner jener von der Natur so reich gesegneten Länderstrecken nur widerwillig die englische Oberherrschaft tragen. Wiederholt mußten Au - stände der einheimischen Fürsten mit Waffengewalt und Aufbietung aller Kräfte niedergeschlagen werden Diesen Sieg verdanken die Engländer aber lediglich der Zersplitterung der gegnerischen Kräfte, der Eifersucht der Fürsten untereinander. Fände sich eine diesem Parteigetriebe geistig und physisch überlegene Macht, so wäre es um die englische Herrschaft schlecht bestellt.
Diese Macht aber findet sich m Rußland, das seit Jahrzehnten als Rivale Englands in Indien aufgetreten ist. Zwei Wege gibt es für Nuß- land, um an das Ziel seiner Wünsche zu kommen den Land- und Seeweg. Ersterer, der durch
--- Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von ?. Doheufrld. (29
Nie! Niemals!" rief der Marquis hastig aus, seinen Schmerz vergessend,aufspringend. „Niemals! wiederholte er roitö, mit rollenden Augen. „Und wenn er im Staube zu meinen Füßen tage, wenn er lebte, ich würde ihn zur Rechenschaft ziehen und sollte ich ihn ins Bangno wandern fehen. Er sollte seiner Strafe nicht entgehen! Und wenn er mein eigener Sohn wäre und mein Name dadurch mit Schande bedeckt würde, daß mir nur Hoffnung auf den Tod bliebe, ich würde nicht ruhen bis er seine Strafe empfangen für ferne Mrpethat. Wenn er nicht gcstorben wäre, wenn er lebte, wenn er eie Papiere hinsichtlich seines Todes gesäflcht hätte! Eugen hat schon öfters diese Meinung aus- gesprochen! Mädchen!" rief er plötzlich donnernd aus, während er mit ausgestreckter Hand und strengen Blickes auf sie zutrat, „Mädchen, sprich, wer bist Du? Du trägst Armands Zuge! Bist Du von ihm hierher geschickt? Bist Du feine Tochter!?" m ,
Seine Augen sprühten Feuer, fern Gesicht war bleich wie der Tod, seine ganze Gestalt zitterte wie im Fieberfrost.
der Thüre zu. , , .
Der Marquis, dem diese Ruhe und Kalte rm« ponirte, kam wieder zu sich- „Bflrben Sie. 1