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Fuldser Jeitlmg.

Donnerstag, den 22. Oktober 1885.

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□ Vor den Landtagswahlen,

m.

Gegen die Majoritäts-Kombinaticn Windthorst- Richtrr richtet sich deshalb auch vornehmlich der Wahlapparat und die Wahltaktik der Regierung, da aber eine Majorität aus dem Centrum und den Freisinnigen allein im preußischen Landtage kaum zu den erreichbaren Dingen gehört, so ver­pönt man auf das Strengste jede allzu „liberale", das heißt wirklich freisinnige Färbung innerhalb der nationalliberalen Partei. Aus dieser kurzen Skizzirung ergibt sich ganz von selbst die Richt­schnur, welche dem oft recht seltsamen und mit­unter von Tag zu Tag wechselnden Verhalten der oberoffiziösen ,Rordd. Allg. Ztg/ gegenüber den Lebensäußerungen der verschiedenen regierungs­freundlichen Parteien zu Grunde gelegen hat. Ein anmuthendes Bild ist es keineswegs, welches wir von dem „taktischen Programm" der Regierung entworfen haben, es entspricht aber ganz dem sprunghaften und an Ueberraschungen reichen Vor­gehen der Bismarck'schen Politik überhaupt.

Von einem eigentlichen fachlichen Programm im rechten Sinne ist freilich bei der preußischen Regierung nicht viel zu sehen. Der einzig feste Punkt ist noch die Versumpfung des Kulturkampfes und die möglichste Aufrechterhaltung der Maige­setze mit zeitweiliger milder, das Volksbewußtsein weniger verletzenden Benützung der kirchenfeind­lichen Waffen. Im Uebrigen werden dem Volke aus der Ferne einige verlockende neue Besserungen gezeigt, ein Selbstverwaltungsgesetz (Kreis- und Provinzial-Ordnung) für die vom Nationallibera­lismus bisher geflissentlich von dieser Wohlthat ausgeschloffene Nheinprovinz, Neuorganisation des direkten Steuersystems u. s. w. Ob diese ver­lockenden Gebilde jemals Leben und Gestalt an­nehmen werden, ist eine andere Frage. Die Cen­trumspartei hat aber durch ihr unbestrittenes Verdienst, das so wichtige und so recht aus dem Volkswillen herausgewachsene Huene'sche Ver­wendungsgesetzaufgebracht und durchgesetzt zu haben, in Steuerfragen selbst außerhalb ihrer Par- teigrenzeü große Sympathieen und braucht nicht zu fürchten, von der Regierung hierin übertrumpft zu werden. Die sozialen Fragen gehören zwar in den Reichstag, aber der Landtag kann auch hier dem leider schon halb erlahmten Eifer der Regie-

-7T Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von I. HohknfrlL. (2g

„Sie haben ein ehrliches Gesicht!" bemerkte er nach einer Pause. „Ihre Seele ist klar und rein und unschuldsvoll! Ach, ich dachte früher, daß die {einige es auch war. Wie habe ich den Knaben einst geliebt! Ich war kalt und strenge gegen Jedermann — strenge und kalt auch gegen ihn zuweilen, — aber cs gab Zeiten, wo sein Lächeln, oder der leiseste Ton seiner Stimme mir das Herz tief bewegte. Ich hielt ihn für meinen Abgott, während er mich strenge und kalt wähnte. Ich hätte für ihn sterben können. Und wie hat er es mir heimgezahlt? Der Undankbare! Der Elende! Der Feigling!" Er stieß diese Worte hervor, als ob er sie dem Knaben, den er einst lieb gehabt hatte, nachschleuderte.

„Wer war er?" fragte Giralda erschreckt.

„Er war mein Neffe, meines Bruders Sohn, Armand -be Vigny!" sagte der alte Marquis, während sein Gesicht immer finsterer wurde und seine Augen flammten. „Er war ein schöner Knabe, als er zu mir kam, voller Schelmenstreiche und immer fröhlich und guter Dinge. Er war

rung neuen Nachdruck verleihen und wieder und wieder die Mahnungen der kaiserlichen Botschaft denjenigen ins Gedächtniß zurückrufen, welche seiner Zeit in der Herbeiführung einer solchen feierlichen Kundgebung den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubten. Die Centrumspartei hat zuerst von allen Parteien alle jene wirthschaftlichen und sozialen Forderungen erhoben, welche später Fürst Bismarck und ein Theil der anderen Par­teien in ihr Programm aufnahmen. Die Cen­trumspartei ist die einzige, welche ihren Grund­sätzen stets treu geblieben ist, deren unerschütter­liche Festigkeit und bereit zähes Beharren auf den einmal als gut und ersprießlich erkannten Forde­rungen des Volkswohles durch die spätere still­schweigende Heerfolge der Regierung und der Par­teien bestens belohnt worden ist. Wer daher das Herz auf dem rechten Fleck hat und nicht wünscht, zu den politischen Lackelmännern gezählt zu werden, der halte fest an den Prinzipien der Cen­trumspartei, der bleibe ihrer Fahne treu.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. Oktober.

♦ Der deutsch-spanische Konflikt wegen der Karolineninseln ist vor den orientalischen Wirren in den Hintergrund getreten, zudem zweifelt Nie­mand an dem friedlichen Austrag desselben. Die deutschen Aktenstücke, welche zur Beurtheilung der Frage dienen, sind durch Herrn v. Schlözer dem Cardinal Jacobini überreicht worden; und da eine direkte Verständigung zwischen den Äablneten von Madrid und Berlin nicht zu Stande gekommen ist, so wird die Vermittelung des Papstes nun­mehr Platz greifen.

* Braunschweig, 21. Okt. Die Landesver­sammlung wählte heute einstimmig den Prinzen Albrechtvon Preußen zum Regenten. Sämmt- liche Mitglieder des Regentschaftsrathes, sowie sämmtliche Mitglieder der Landesversammlung wohnten der Sitzung bei. Der Landtag wählte ferner eine Kommission von 3 Mitgliedern, welche sich zu dem Prinzen Albrecht nach vorheriger An­frage begeben soll. Am Schluß der Sitzung wurde noch zu Protokoll konstatirt, daß sämmtliche Ab­geordnete anwesend waren und an der einstimmi­gen Wahl theilgenommen haben.

* Dortmund, 21. Okt. SämmtlicheHagener

eine Waise. Manch' liebes Mal hatte er sein kleines, blondes Köpfchen an meine Brust oder auf meinen Schooß gelegt und war friedlich einge­schlafen. Wer hätte damals denken können, daß seine ganze Natur so verderbt sei? Er wurde älter, doch seine Fröhlichkeit verließ ihn nicht. Jedermann liebte und verehrte ihn. Und Ma­dame Roger, die Haushälterin hier im Schlöffe, läßt noch heute Nichts auf ihn kommen, sondern ehrt sein Andenken. Und ich — o wie liebte ich ihn! —

Des Marquis' Stimme zitterte vor innerer Be­wegung und eine tiefe Bläffe machte plötzlich der Röche in seinem Gesichte Platz.

„Ich war vielleicht zu hart mit dem Knaben — ich will das zugeben!" nahm der Marquis nach einer Weile wieder das Wort. „Eugen, meiner Schwester Sohn und Armand's Vetter, war des Knaben beständiger Spielgefährte und Freund. Eugen's Charakter war das gerade G gentheil. Er war langsam, vorsichtig, berechnend. Er hat mich nie irregeleitet, wenngleich er dachte, daß er es gethan. Er war es, der Armand zuerst zu tollen Streichen verleitete. Aber das gilt gleich. Sein Charakter war schwach, daß er so leicht frem­den Einflüsterungen Gehör schenkte. Eines Tages

Rechtsanwälte sowie deren Kollegen in Witten und Menden haben beschloffen, an den Sonn- und Festtagen keine Sprechstunden abhzuhalten. K tQ: Schwelm, 21. Okt. Am 18. d. fand dahier eine Wählerversammlung der nationallibe­ralen Partei statt. Unser Schwelmer nationaüibe- rales Blatt schreibt darüber, daß sich die Versamm­lung eines zahlreichen Besuches zu erfreuen gehabt. Dem Einsender wurde erzählt, daß im Ganzen ungefähr 50 Personen anwesend waren. Wer mag da noch zweifeln, daß die Versammlung zahlreich besucht war? Herr A. Sternenberg von hier er­öffnete die Versammlung und ertheilte zunächst das Wort dem Herrn Rechtsanwalt Gerstein-Hagen, der im Verein mit Herrn Dr. Haarmann-Bonn als Kandidat der Heidelberger des Kreises Ha gen für die bevorstehende Landlagswahl ausgestellt wor­den. Herr Gerstein bekämpfte in über einstün­diger Rede die Deutsch-Freisinnigen, welchen er vorwirft, daß sie stets prinzipielle Opposition trie­ben und selbst das Gute nicht annehmen, weil sie nicht Alles bekommen könnten, was sie für gut hielten, während die Herren Nationalliberalen mit den Verhältniffen rechneten und nicht das Gute abwiesen, weil nickt alle ihre Wünsche befriedigt würden. Redner wendet sich gegen die Stellung der Freisinnigen zur Sozialpolitik und Steuerpoli­tik, insbesondere weist er auf die Stellung der Freisinnigen zur Börsensteuer hin; mit dieser ab­lehnenden Haltung einer solchen Steuer hätten die Freisinnigen bei dem Volke dem Faß den Boden ausgeschlagen. Eine erhebliche Differenz bestehe zwischen den beiden Parteien auch in der Kirchen- polilik (!). Es sei bezeichnend, daß die Freisin­nigen nach den unerhört übermüthigen Worten, die mankaus der Kalholiken-Versammlung zu M ü n ft e r gesprochen, noch mit den Ulramontanen pakliren könnten. — Den wichtigsten Unterscheidungspunkt der beiden Parteien bilde aber die Stellung zum Reichskanzler, dem Preußen und Deutschland so viel zu verdanken habe. Dec persönliche Haß, mit dem die Freisinnigen und namentlich ihr Führer Eugen Richter den Kanzler verfolgen, sei für eine politische Partei höchst unpassend. Redner ruft mit Pathos aus: Wir sind diese ewigen, persönlichen Nörgeleien satt, wir wollen Ruhe und Frieden mit unserem großen Kanzler. Er schließt mit den Wor­ten, daß dieser Zug in den Wahlen seinen Aus­druck finden werde und daß der Kreitz nicht wieder

versagte ich Armand Geld. Ich hielt es für nothwendig, ihm etwas mehr Oekonomie in Geld- angelegenheiten beizubringen, damit er nicht das Vermögen durchbrächte, das et später einmal erben sollte. Die Nacht darauf kam er in mein Schlafzimmer, bestahl meine Geldkiste und stand mit einem Dolche in der Hand über mich gebeugt, um mich zu ermorden, als ich erwachte. Er wollte mein Herz treffen, traf aber nur meine Schulter. Ich sprang auf, doch blieb er ruhig stehen; es schien alles Leben aus ihm gewichen zu fein. Da kam Eugen hereingestürzt, hinter ihm die Diener. Sie hatten meine Rufe gehört und ich Thor ließ ihn unbehelligt gehen! Als es bedauerte, daß ich ihn hatte entwischen kaffen und einen Geheimpolizisten auf seine Fährte schickte, war es zu spät, denn der Polizeispion machte aus­findig, daß er nach Brasilien eniflohen war, wo er bald darauf gestorben ist. Sein Tod war ein Glück für ihn! Würde er gelebt haben, er wäre der strafenden Gerechtigkeit nicht entgangen. Wenn ich nur daran denke, wie ich ihn geliebt habe, bann verboppelt sich mein Groll gegen ben Ehrlosen!"

Die Augen bes Marquis sprachen es beullich aus, wie sehr es ihm mit biefen Worten Ernst war.