Beiblatt zu Nr. 241 der ,Fuldaer Zeitung .
Sonnabend, den 20. Oktober 1883.
U. Ein Fest-Programm zur Lutherfeier.
Eine wahre Fluth von Lutherschriften ergießt sich aus Anlaß des bevorstehenden Lutherjubiläums über das deutsche Land. Die „Diener am Worte" bieten dem „evangelischen Volke" der Festgaben zum 10. November eine üppige Fülle, in denen sie den unendlichen „Segen, welchen Luthers Reformation dem deutschen Volke gebracht," auch das Leben und die Thaten des „Gottesmannes, Gotteshelden, Rüstzeuges rc." in Prosa und in Versen verherrlichen. Auch für uns Katholiken haben diese Schriften großes Interesse, indem wir aus ihnen erkennen können wie die Herren Pastoren Reformationsgeschichte treiben Wir sehen, daß alle Bemühungen zur Aufhellung und Richtigstellung dieser Periode der Geschichte für den größten Theil der Protestanten verloren sind. Alle die alten Unwahrheiten werden trotz Döllinger, Janssen rc. mit der größten Unverfrorenheit wieder vorgeführt. Natürlich! Wie wäre es sonst möglich, eine richtige Lutherfeier im Sinne der Herren Prädikanden, die ja vor Allem gegen den Ultramontanismus zu Felde ziehen, zu Stande zu bringen? Ein besonders bemerkenswerthes Beispiel für diese Sorte Lutherschristen ist: „Fest-Programm zur 4. Säkularfeier von Luthers Geburtstag, 10. November 1883, als Jubelgabe dem evangelischen Christenvolke deutscher Zunge dargeboten von Karl Eduard Für er, erstem Pfarrer an der Brüderkirche zu Kassel (Kassel, Verlag von Aug. Freyschmidt.)" In diesem Büchlein, welches auf seinem Titel das Motto trägt:
„So weit die deutsche Zunge klingt Und Gott im Himmel Lieder singt —", bietet der ehrwürdige Herr Verfasser, bekanntermaßen eine große Leuchte in der „Kirche des Evangeliums," das Material zu einer Lutherfeier. In 25 Abschnitten, an Deren Spitze die Buchstaben des Alphabets stehen, wird das Leben Luthers in großen Zügen vorgeführt. Jeder Abschnitt setzt sich zusammen aus einem Lied eines protestantischen Gesangbuchs oder einem Volkslied, die von allen Theilnehmern der Feier oder einem Chor zu singen sind, sodann einer Bibelstelle, aus der aufgeschlagenen Luther- Bibel von Einem vorzulesen, schließlich einem oder mehreren vom Herrn Pfarrer Karl Eduard Fürer selbst in verschiedenen Versmaßen geleisteten Gedichten. Es würde natürlich viel zu weit führen, all' diese herrlichen Perlen der Dichtkunst (es sind ihrer mehr als dreißig) hier vorzuführen. Doch kann ich mir nicht versagen, wenigstens Einiges zur Kenntmß meiner verehrten Leser zu bringen; sie werden daran sicher dasselbe Vergnügen haben, waches mir bei der Lektüre bereitet Wurde. Unter dem Buchstaben C findet sich zunächst das Lied: „Mitten wir im Leben sind rc.", sodann mit dem Motto der Bibelstelle Matthäus 13,44: „Das Himmelreich ist gleich einem verborgenen Schatze . . . kaufte den Acker" Gedicht, mit der Ueberschrift:
Luther wird Doktor der heiligen Schrift. (18. Oktober 1512.)
Die ersten Strophen desselben lauten: Zn Erfurt in dem Kloster, da gab's ein altes Buch, Mit Ketten angeschmiedet, die hielten's fest genug.
Es war das Buch der Bücher, die Bibel drum genannt, Doch bei dem Volk der Christen zur Zeit gar unbekannt.
Das fand einst Bruder Martin. Er staunte, las und las, Und durch des Buches Worte der kranke Mann genas, Der Traurige ward fröhlich, der Zage ward ein Held, Den Gott sich selbst gerüstet zum Krieg mit dieser Welt. SanktPaulus ward sein Meister, der auch wie er gekämpft. Und auch des Herzens Zagen mit Werken nicht gedämpft. Da lernt er, daß im Glauben, durch Christi Werk allein, Ein Mensch vor Gott gerecht wird und einst soll selig sein.
Wir finden hier in geschmackvollen höchst poetischen Versen die alte Fabel von der dem Volke vorenthaltenen und deshalb angeschmiedeten Bibel, die dem in'S Kloster gegangenen Luther zum ersten Mal begegnet; daneben die große Neuigkeit, daß schon vor dem Jahre 1512 Luther gelernt habe, daß der Glaube allein selig mache. Da ist's ja sehr verwunderlich, daß Luther nicht vor dem 31. Oktober 1517 in Kollision mit dem „Papismus" gerieth; da wäre ja der „Ablaßkram" Tetzels am Ende gar nicht so wichtig, weil Luther ja innerlich schon Jahre vorher mit der Kirche zerfallen war. Doch dieser „Ablaßkram" darf bei unserem Herrn Pfarrer natürlich nicht fehlen. Das betreffende Gedicht findet sich im Abschnitt D, welcher eingeleitet wird durch das Lied:
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort Und steure deiner Feinde Mord rc.
Warum, ehrwürdiger Herr Pfarrer, korrigiren Sie denn Ihrem großen Gottesmann, der dieses „Kinderlied, zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirche, den Papst und Türken -c." im Jahre 1542 dichtete, zur Zeit der Türkennoth, die von den protestantischen Fürsten so trefflich ausgenutzt wurde (cf. Janssen III, S. 460 ff.), den Text? Luther schrieb:
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort Und steur des Papsts und Türken Mord -c.
Das ist viel deutlicher und konkreter als Ihre Rezension, Herr Pfarrer. Kommt Ihnen der Vers etwa zu stark vor? Da sind Sie kein echter Jünger des großen Gottesmannes, für den solche Ausdrücke noch viel zu sanft, ein wahres Kinderspiel waren. Auf uns Katholiken brauchen Sie durchaus keine Rücksicht zu nehmen, wir sind an starken Tabak gewöhnt. Zudem ist der Vers doch nicht schlimmer als der von Ihnen auf S. 19 Ihres Büchleins stehende, wo es heißt:
Einst nahm ein armes Häslein gerad auf ihn (Luther) den Lauf
Das fing er, es zu retten, in seinem Aermel auf;
Da kamen jach die Hunde und bissens dennoch tobt — „So", seufzt er, „machts der Satan und Papst den Seelen in der Roth!"
Ist es nicht mindestens ebenso schlimm, den Papst mit dem Satan auf eine Stufe zu stellen und ihn zum Seelenmörder zu machen, wie ihn den Türken gleichzustellen? Auch ist es nicht gerade sehr höflich, zu sagen: Der Kirche Notxhstand nann er kühn „Exil von Babylon", D es Pontifet erschwindelt Reich des Antichrist en
Thron.
Oder
Dem Ketzer — heißt des Papsts Moral — dem hält man nicht sein Wort.
Doch zurück zum „Ablaßkram"! Das Gedicht ist nach Form und Inhalt so wunderbar, daß es Unrecht wäre, wenn ich es meinen Lesern vorenthalten wollte. Es lautet:
Was drängt das Volk zum Gotteshaus?
Gar seltsam schalt's hervor daraus! Das lautet nicht wie Orgelklang, Wie Predigtwort und Hymnensang, Das Lied hat eig’ne Melodei, Es klingt aufs Haar wie — Marktgeschrei. Da steht ein Mönchlein am Altar, Das Haupt umkränzt von strupp'gem Haar, Das Auge blitzt in heißer Gier, Er schreit den Hals sich heiser schier: Das Mönchlein bietet Ablaß feil Zu armer Sünder Seelenheil!
Es ist der Tetzel, den ins Land Erzbischof Albrecht ausgesandt;
Er ist vom Papst legitimirt
Mit jeder Vollmacht ausstaffirt: Sein rothes Kreuz von ferne strahlt Mit Fahrt' und Wappen, schön gemalt. Die Sünden haben ihren Preis, Von groß zu klein geht's staffelweis: Dukaten sechs — die nehmen fort Der Sünden schwerste, selbst den Mord; Auch künft'gen Sünden gibt er schon Im Voraus die Absolution.
„Der Papst vertheilt der Heil'gen Schatz, Drum, fromme Christen, zahlt den Satz!
Das sühnet hier und sühnet dort. Das hilft auch aus dem Marterort; Sobald das Geld im Kasten klingt, Die Seele oui dem Fegfeu'r springt."
An dieses von einer souveränen Verachtung aller neueren Forschungen eines Gröne, K. W. Hermann u. s. w. über Tetzel und 'Tetzelsagen zeugende Gedicht schließt sich ein Abschnitt E nach dem Gesang:
Sie lehren eitel Lügerei, was Eigennutz erfindet.
In keiner Wahrheit ist dabei ihr falsches Herz gegründet;
Nur Vorwand ist der Seelen Heil, der Schäflein Wolle ist ihr Theil,
Doch gleißen sie von außen.
Das Gedicht an „Die 95 Thesen", aus dem folgende geschmackvolle Verse hervorgehoben zu werden verdienen:
„Doktor Martin hört mit Abscheu von dem Ablaßkram, Mehr und mehr empört, je näher Wittenberg er kam.
Mahnt im Beichtstuhl er zur Buße, glotzt das Volk ihn an, Zeigt des Papstes Ablaßbriefe: „Das ist abgethan!" Wider solchen Ablaß-Unfug, seiner Seelen Dorn, Schreibt er fünf und neunzig Thesen im gerechten Zorn. Und die Lettern haben flammend, scheint es, sich gestreckt Auch zu Rom auf seinem Throne gar den Papst erschreckt. Ja es wuchs des Mönches Feder riesenmäßig groß, Und sie stieß des Papstes Krone, daß sie wankt vom Stoß".
Sicher herrliche, begeisternde Verse, würdig eines Lessing, Schiller oder Göthe! In gleich herrlicher Form wird nun besungen: Luther vor Cajetan; der Reichstag zu Worms in 4 Gesängen, deren Titel lauten: 1) Er kommt. 2) Er erscheint. 3) Er bekennt. (Hier findet fich natürlich das Sprüchlein, das Luther bekanntlich nicht gesprochen: In Gottes Namen steh' ich hier, ich kann nicht anders, Amen). 4) Er geht. Sodann folgt: Luther auf der Wartburg, Luther und die Schwarmgeister (8 Gedichte), Rückgang und Zagen, Wachsthum und Freude, Luthers Haus, die Kirchenvisitation, die Augsburger Konfession, Luthers Tod (3 Gedichte).
Ich muß es mir versagen, auf all das Schöne, welches diese Dichtungen bieten, im Einzelnen einzugehen; es würde das viel zu weit führen. Nur Weniges möge hier noch seine Stelle finden. Von welcher außerordentlichen — sagen wir Naivetät — zeugt es doch, wenn der ehrwürdige Herr Pfarrer sich folgende Verse leistet:
„Im Stillen zieht durchs deutsche Land der heil'ge Gottesgeist,
Der alles Menschenwerk verbannt und nur zu Christo weist.
Im Frieden wird zu Wittenberg das Gottesreich gebaut: Gebet und Predigt klingen deutsch, nicht mehr im welschen Laut.
Ja, bald find deutsche Lieder auch im Gotteshaus zu gang, Und männiglich erfreut sich hoch am Hellen hehren Sang. Wer will, empfängt das Abendmahl in beiderlei Gestalt —
Und hoch und niedrig, alt und jung herzu in Ehrfurcht wallt".
Ach, diese Stille und dieser Friede, mit der das „Gottesreich" gebaut wurde! Und erst die Freiwilligkeit! Hat der Herr Pfarrer nie etwas über die Art und Weise gelesen, wie z. B. in Hessen, seinem Heimathlande, die „Re- sormation" eingeführt wurde? Mit welcher Stille, welchem Frieden? Wie wurden doch dabei die Gewissen der Unterthanen geschont! Wenn ihm dies so ga-z unbe
kannt ist, so kann er in Kassel leicht genaue Auskunft erhalten; er braucht von seiner Brüderkirche gar nicht weit zu gehen. Bei derselben Gelegenheit kann er auch erfahren, daß schon lange vor Luther „Gebet und Predigt deutsch geklungen" und daß auch eine recht stattliche Anzahl „deutscher Lieder int Gotteshaus zu gang" gewesen.
Sehr interessant ist das Gedicht: „Luthers Haus". Hören wir:
Der großen Männer viele erglänzen vor der Welt; Doch trittst du in ihr Haus ein; da mangelt, was gefällt. So nicht bei Martin Luther, dem Deutschen echter Art, Der in des Hauses Räumen sein Bestes offenbart.
Er hat ein Weib genommen, — wie Gott es ja gebot! Allein im leeren Kloster! — es zwang ihn schier die Roth.
Auch ziemt sich, was er andre gemahnet selbst zu thun, Wiewohl er's weiß, daß fürder die Lästrer nimmer ruh'n. Doch dank dir, tapfrer Streiter, für diese Mannesthat, Die eine Himmelsleiter hier aufgerichtet hat — Ein Heim, da Engel geh'n hinieden ein und aus. Ein Heim dem Gottes-Frieden: das fromme Pfarrers-
Haus rc.
Ist das nicht sehr interessant? Er hat ein Weib genommen , — wie Gott es ja gebot! Wo ist denn dies Gebot Gottes zu lesen, ehrwürdiger Herr Pfarrer, daß jeglicher ein Weib zu nehmen gehalten sei? Vielleicht steht an dieser Stelle auch angegeben, mit welchem Lebensjahre spätestens die Verheirathung stattzufinden hat? Allein im leeren Kloster!" Schauerlich, entsetzlich! Doch wer hat denn dafür gesorgt, daß das Kloster leer war? Ich meine, dieser Roth wäre schier leicht abzuhelfen gewesen auch ohne Heimführung eines Weibes. Doch da wäre es nichts mit der „Himmelsleiter," dem „Heim des Gottesfriedens," dem „frommen Pfarrershaus" gewesen. Und das wäre sehr schlimm für die Menschheit. Das muß ja der Herr Pfarrer am besten wissen, er, der ein solches „Heim des Gottesfriedens" sein Eigen nennt, in welchem „Engel ein und ausgehen." Uns draußen Stehenden ist eine richtige Auffassung des Gottesfriedens nicht immer möglich, auch scheinen uns oft gar sonderbare Engel in einem derartigen Heim ein und auszugehen.
Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß ich einige entschiedene Lücken in dem Büchlein bemerktHabe. Mir scheint die seelsorgliche Thätigkeit des „Gotteshelden" nicht genügend hervorgehoben; ein Gedicht, überschrieben „Luther als Beichtvater" wäre sehr am Platz. Es könnte da die Hülfe geschildert werden, welche Luther dem Landgrafen Philipp von Hessen in seiner „Gewissensbedrängniß" leistete, als er zu seiner angetrauten Gemahlin noch ein zweites Weib nehmen wollte. Der Verfasser des Büchleins hätte schon durch seinen hessischen Patriotismus hierzu veranlaßt werden sollen. Einige andere Themata, durch welche offenbare Lücken des Fürer'schen Werkes ausgefüllt würden, will ich hier lieber nicht veröffentlichen, doch stehen sie dem Herrn Pfarrer auf Wunsch zu Disposition.
Meine Leser haben durch die wenigen Auszüge einen kleinen Begriff bekommen von dem, was das Büchlein bietet. Eine volle Wirkung verspürt man freilich erst dann, wenn man es ganz liest. Da erst sieht man, welches Uebermaß von Unkenntniß der verehrungswürdige Herr Pfarrer besitzt, und wie wenig schonend er die katholischen Gefühle behandelt. Ja, bei einer derartigen Lutherfeier, wie sie hier vorgeschlagen wird, ist eine Stärkung des „protestantischen Bewußtseins," wie man euphemistisch den Haß gegen die Katholiken nennt, unvermeidlich. Wohin aber soll dies führen in unserem Vaterlande, das doch wie kein anderes Land auf den Frieden der verschiedenen Konfessionen angewiesen ist!
Frankreichs Kriegsbereitschaft.
In militärischen und anscheinend noch mehr in nichtmilitärischen Kreisen hat ein erst kürzlich erschienenes, aber bereits in mehreren Tausend 6jem» plaren abgesetztes Merkchen „Frankreich Kriegsbereitschaft" ein gewisses Aufsehen erregt. Der Verfasser spricht aus eigener Anschauung und hat den letzten großen französischen Herbstübungen als Zuschauer beigewohnt. Er ist augenscheinlich Offizier, hatte aber durchaus keine amtliche Sendung. Letzteres wäre ausdrücklich festzustellen, da vielfach die Ansicht verbreitet zu sein scheint, als ob die in Rede stehenden Auslassungen von einem französi- schen Offizier herrührten, welcher in dienstlichem Auftrage den preußischen Manövern beigewohnt habe. Uebrigens dürfte dieser Umstand nur dazu beitragen, die Unabhängigkeit des Verfassers in der Beurtheilung der militärischen Zustände Frankreichs sicherzustellen. Die gegebenen Stärkeziffern sind vollkommen richtig und stellen fest, daß die französische Armee auf Kriegsfuß derjenigen Deutschlands um 199 000 Mann Infanterie und 594 Geschütze überlegen ist. Die Ueberlegenheit an Infanterie scheint uns weiter nicht bedenklich, da dieselbe durch die solidere und gleichmäßigere Ausbildung unserer Infanterie — man denke nur an die zwischen 6 und 45 Monaten schwankende aktive Dienstzeit der französischen Fußtruppen —