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1885.

Mittwoch, den 21. Oktober

J\£ 241.

Fuldaer Zeilung

demonstrirt wird, wie in Preußen die Parität gehandhabt wird.

• In der Balkanfrage herrscht hier an- dauernd eine sehr ruhige Auffassung. Man scher, t keine Ueberraschung mehr zu befürchten. Em Therl der Diplomaten, die aus Anlaß der plötzlich auf­getauchten Krisis ihren Urlaub unterbrochen hat­ten, schickt sich an, denselben wieder aufzunehmen. So verläßt der französische Botschafter, Baron de Courcel, dieser Tage Berlin und kehrt erst im De- zember hierher zurück. Die .Nordd.' schreibt: Der weitere Verlauf der Balkanfrage skizzirt sich nach den heute vorliegenden Nachrichten andauernd als ein relativ günstiger. Die Anzeichen, daß man auf allen Seiten aufrichtig bemüht ist, dem Fne- denswerk der Mächte Bekräftigung zu geben, meh­ren sich.

* Cassel, 21. Okt. Für den Landtagswahl­kreis Cassel-Land-Witzenhausen hat die nationalliberale Parteileitung in Cassel bekanntlich der freikonservativen Kandidatur von Christen zugestimmt. Wir sind, schreibt die ,C. Ztg.' nicht wenig durch diesen Schritt der Casseler National- liberalen überrascht worden; es ist erstaunlich, welche Wandlung gegen früher dadurch vollzogen wird. Bei der Reichstagswahl im Jahre 1884 war Herr von Christen Gegenkandidat des frei- sinnigen Herrn Rechtsanwaltes Fließ im Reichs- tagswahlbezirke Witzenhausen - Eschwege - Schmalkal- den. Herr Frieß wurde damals von der Partei­leitung der Nationalliberalen zu Kastel den national- liberalen Wählern in genanntem Kreise zur Wahl empfohlen und die .Hessische Morgenzeitung' schrreb einen Artikel über den anderen gegendenselben Herrn von Christen, den sie heute als Kandidaten der Nationalliberalen empfiehlt! Die Sache scheint also interestant zu werden! Das Casteler Organ der Konservativen verwahrt sich entschieden gegen diese Kandidatur und bezeichnet dieselbe als moralisch unmöglich.

* Aibling, 19. Okt. Kardinal Hergen- röther erholt sich sichtlich, wenn auch langsam; er ist bereits bedeutend kräftiger und trat am Mittwoch die Rückreise über Innsbruck an, um im Kloster Gries bei Bozen noch einige Tage in einem mildern Klima zuzubringen und dann mit kurzem Aufenthalt in Bologna und Florenz am 21. Oktober in Rom einzutreffen.

* Karlsruhe, 19. Oktbr. Die Wahlrede,

-H- Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ?. Drheufrlt. y?

So lange hatte ihre Willenskraft sie aufrecht erhalten, jetzt, wo sie wieder in die Einsamkeit ihres Zimmers kam, brach ihre Fastung zusammen. Auf einen Seffel niedersinkend, machte sie ihrem Herzen durch einen Thränenstrom Luft. Sie fühlte sich fremd in der Fremde. Auch Zweifel, ob sie recht gethan, ihr trautes Heim und ihre zärt­lichen Verwandten so plötzlich und heimlich zu verlassen, kamen über sie und senkten ihre Stachel in ihr unschuldiges Kindesherz. Ihre Angst und ihre Sehnsucht wurden größer. Heißes Heimweh bemächtigte sich ihrer.

„O, lieber Vater! Theuere Mutter! Es geschah ja, um Euch beizustehen, um Euch zu helfen! Ich muß recht gehandelt haben, denn der Weg des Unrechts ist jedenfalls leichter und angenehmer! Ach, meine theueren Eltern! Meine geliebten Brüder!" Ein förmlicher Sturm wüthete in ihrem Innern und schüttelte sie wie im Fieber.

„Wie oft mag meine Mutter, fern von denen, die sie liebt, Aehnliches leiden, wie ich in dieser Stunde!" flüsterte sie, als sie etwas ruhiger zu

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Oktober.

* Im österreichischen Abgeordnetenhaus« beant­wortete der Ministerpräsident die Interpellation „wegen der preußischen Ausweisungen" folgender­maßen :

„Die Regierung wandte sich an die preußische Regie­rung um Auskunft wegen der Grundlage und Ausdehnung dieser Ausweisungen. Laut erhaltener Antwort betrachtet die preußische Regierung die Ausweisungen als eine rein interne, durch Verschiebung der konfessionellen und sprachlichen Verhältnisse hervorgerufene Maßregel. Bei diesem Standpunkte, welcher von der Berufung auf das Völkerrecht und den Handelsvertrag einen günstigen Er­folg nicht in Aussicht stellte, ist die Regierung nicht in der Lage, wegen Aufhebung dieser Maßregel weitere Schritte zu unternehmen. Sie hat jedoch in besonders berücksichtigungswürdigen Fällen sich verwendet, um wenig­stens eine Milderung der Maßregel zu erwirken, worauf die preußische Regierung Berücksichtigung in Aussicht stellte oder bethätigte.

Schon aus den ministeriellen Erläuterungen, so bemerkten dieser Tage die .historisch-politischen Blätter' in München, konnte man schließen, daß es sich bei den Massenausweisungen russischer und österreichischer Staatsangehöriger aus Posen, Schle­sien und Westpreußen um eine Maßregel handelt, die gegen Polen und Katholiken in jenen Pro­vinzen gerichtet sei, welche national-deutsch und protestantisch werden sollen. Jetzt wird dies von offizieller Seite bestätigt. UebrigenS bestätigte die Praxis schon jene Vermuthungen vollständig. So ließ sich die Wiener ,Neu Fr-ie Presse' aus Pofen schreiben: „Höchst auffallend ift es, daß gegen Katholiken und Juden unnachsichtlich vor­gegangen wird, während gegen Evangelische das Ausweisungsdekret gar nicht zu existiren scheint. Es ist bis jetzt die wirklich erfolgte Ausweisung eines Evangelischen noch nicht bekannt geworden. In Westpreußen war eine solche zwar gegen einen solchen dekretirt, dieses Dekret ist aber ohne Zuthun des hiervon Betroffenen zurückgenommen worden." (Der Fall ereignete sich zu Zawade bei Gollub; der Name der Person wie des Amtsvorstehers ist genannt.) „Ebenso ist einem evangelischen Dienst­mädchen in Gollub, welchem bereits das Aus­weisungsdekret zugestellt worden war, die behörd­liche Erlaubniß -rtheilt worden, in Preußen bleiben zu dürfen." — Nun! angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen ist es wirklich gut, daß wiederum den Katholiken so unmittelbar ad oculos

werden begann. „O, könnte ich ihr doch die ganze Last abnehmen! Alles, was ich in der Welt be­gehre, ist der Wunsch, meine Lieben glücklich zu machen! Ach, wenn es mir doch gelänge!" Dieser Gedanke machte ihren Thränenquell versiegen. Der Kummer war jedoch darum noch nicht von ihr gewichen und es dauerte lange, ehe sie Frieden in beglückendem Schlummer fand.

Am nächstfolgenden Morgen war ihr liebliches Gesicht noch voller Sorgen, als sie zum Frückstück in des Marquis' Zimmer trat. Nur ihr lebhaftes Merino-Kleid mit dem Spitzenkragen und den gleichen Manschetten verlieh ihrem zarten Teint einige Farbe. Ihr Haar umrahmte ein bleiches Antlitz und ihre Augen blickten sorgenvoll in die Welt. Doch verschönte ihre Züge ein liebliches Lächeln, als sie dem Marquis einen guten Morgen wünschte, was ihm jedenfalls zu Herzen gegangen fein mußte, wenn er auch nichts davon merken ließ.

Nachdem das Frühstück abgeräumt war, erschien Bertram, der vertraute Dieiier des Marquis, mit der Brieftasche, welche er von der Post geholt hatte. Der Marquis schüttete, nachdem er die Tasche mit einem Schlüssel geöffnet hatte, den In­halt derselben auf den Tisch; es waren nur Pariser Zeitungen darin enthalten. „Gar keine Briefe,

Die.Fuldaer Zeitung' «ich-nt ""

InserateZeile oder b«en Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; be, Wiederholungen entsprechende^Rabatt^,-------

welche der Führer der badischen katholischen Volks­partei, Herr Dekan Lender, in Ettlingen kürz­lich gehalten hat, enthält einen viel bemerkten kir­chenpolitischen Paffus. Er bemerkte, daß auf dem vorigen Landtag desfalls von der kathol. Fraktion bezüglich der kirchenpolitischen Fragen keine Anre- gung gegeben worden sei, aus Rücksicht darauf, daß von der großherzoglichen Regierung in der Thronrede hinsichtlich dieser Angelegenheiten eine freundliche, zu weiteren Zugeständniffen an die Kirche geneigte Gesinnung kundgegeben worden sei. Nun hätten sich in letzter Zeit Stimmen erhoben, welche glaubten, der Fraktion diese Verfahrensweise übel nehmen zu müssen. Es möge nun allerdings des Einen oder Andern vollkommen zu respektirende Ueberzeugung sein, daß man die der Kirche ent­zogenen Rechte und Freiheiten mit stürmender Hand zurückzuerobern suchen solle; jedoch seine und seiner gleichdenkenden Genossen ebenso berechtigte Ueber­zeugung sei, daß auf jenem Wege nichts ausgerich- tet werden könne. Das Opfer weiser Zurückhal­tung sei nicht zu hoch, wenn ohne PreiSgebung der gerechten Forderungen ein freundliches Einver­nehmen zwischen Staat und Kirche dadurch unter- stützt würde, welches für beide Theile vom größten Vortheile sei. Naturen, welche in dieser Sache zu Ungestüm geneigt seien, ließen ab, wenn die Er­folge sich nicht nach den gehegten Voraussetzungen einstellen, sie zeigten sich entmuthigt und würfen die Flinte in's Korn. Zähe Ausdauer, unter Fest- Haltung der unveräußerlichen Rechtsansprüche, würde mit der Zeit erreichen, was aufregende Attaquen zu erreichen nicht vermögen. Sein Programm laute auf Mäßigung, und von dieser festen Ueberzeugung werde nichts im Stande sein, ihn abzubringen. Wir hätten noch eine Reihe Forderungen, die von der Zeit und der Einsicht der Regierungen ihr Reifwerden erwarten müßten. Dieselben würden bereits in vorurtheilsfreier Weise von politischen Parteien als berechtigte anerkannt, von Demokra­ten und Konservativen, überhaupt von jedem Poli­tiker, der nicht ein eingefleischter Kulturkämpfer sei. Wir Katholiken müßten realpolitisch handeln; über­spannte Forderungen würden nur den Gegnern Waffen in die Hand liefern. Es sei jetzt schwie- rig, im parlamentarischen Leben Erfolge zu erzie­len — kluge Parteien schenkten aber den gering­sten Erfolgen schon Werth und seien unablässig bestrebt, auf den kleinen Erfolgen weiter zu bauen.

Bertram?" sagte er, dem Diener die Tasche hin­reichend. Du kannst gehen!"

Der Diener beugte sich und verließ das Gemach.

„Soll ich Ihnen vorlesen, Herr Marquis?" fragte das junge Mäochen, während sie die Hand nach den Journalen ausstreckte.

„Noch nicht, mein Kind!" erwiderte der Marquis mit ernster Miene. „Ich habe noch vorher mit Ihnen zu reden. Wie konnten Ihre Eltern ein Kind, wie Sie sind, in die Welt hinausschicken, um Ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen? Wie konnten sie das thun? Ich denke mit Ent- setzen daran, was Ihnen hätte widerfahren können, so allein in die Welt hinaustretend. Sie sind sicher unter meinem Schutze, aber rote viele Nichtswürdige gibt es im Leben! Entweder waren Ihre Eltern herzlos und egoistisch, oder —"

„Nein, das sind sie nicht!" unterbrach Giralda ihn heftig. „Sie haben mich nicht gehen heißen! Sie hätten mich nie von sich gelaffen. Ich bin gegangen ohne ihr Wiffen!"

„Ohne ihr Wiffen?" rief der Marquis aus. „Ja, Herr Marquis," antwortete Giralda, sich bemühend, ihrer Stimme Festigkeit zu geben und dem Marquis fest in's Auge blicken zu können. „Mein Vater lebt ganz den Wiffenschaften, während