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J\S 240.

Dimstag, dm 20. Oktober

Fuldaer

1885.

Di. »Fulda« Zeitung' «scheint ttglich. Sonn, und Feiertag« ausgenommen. Bi^eljäh-lich-r Abonn^mtspr-is 1 «• 50 MS-. - mit bet

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□ Vor den Landtagswahlen,

ii.

Nie und nimmer darf das katholische Volk in Preußen sich auf jenen Kirchhoffrieden einlaffen, den ihm seine nationalliberalen und freikonserva- tiven Gönner im Bunde mit der Regierung und ihren maßgebenden Persönlichkeiten aufschwätzen möchten. Lieber noch zehn, noch zwanzig Jahre kämpfen, ja lieber untergehen, als mit den ver- hängnißvollsten Opfern einen „Frieden" zu erkau­fen, der die Kirche und ihre Diener unter die Lau­nen und die Willkür einer von Hause aus den katholischen Jntereffen wenig geneigten Regierung beugt, der die Kirche vom Wohlwollen des Staa­tes abhängig macht, der die Oberhäupter der Kirche dazu nöthigen muß, bei jedem ihrer Schritte sich zu fragen, ob es dem Minister oder dem Ober­präsidenten So und So lieb und angenehm sein möchte. Die kirchlichen Behörden dürfen und sol­len nicht von dem Lächeln oder Stirnrunzeln der staatlichen Obrigkeiten und von dem Wohl- oder Uebelwollen der Bureaukratie abhängen, sie sollen nur eine Richtschnur haben, das ist ihre Pflicht und ihr Gewissen, und nur ein Oberhaupt, das ist Christus und sein Stellvertreter auf Erden, so­wie die von ihm bestellten Bischöfe.

Man hat jüngst in der Presse hervorgehoben, daß die Regierung diesmal über ihr Zukunfts­programm völliges Stillschweigen beobachte und dadurch die Unklarheit des gegenwärtigen Wahl­kampfes noch verstärke. An dieser Unterstellung mug etwas Wahres sein, jedoch legen wir wenig Gewicht darauf. Das taktische „Programm" der Regierung ist uns sonnenklar. Sie begehrt nur eine willfährige Mittelpartei, mit der sie nach Belieben schalten und. walten kann, eine Mittelpartei, bestehend aus Nationalliberalen, Freikonseroativen und Konservativen. Daneben trägt sie aber dem Gedanken Rechnung, daß weder nationalliberale, noch der rechtskonservative Standpunkt in dieser Mittelpartei ein allzu großes Uebergewicht erhalten dürfe. Der Standpunkt der an Zahl geringen Freikonservativen und ihres Organs, der ,Post', scheint den gegenwärtigen Neigungen der preußischen Regierung und ihrer leitenden Persönlichkeiten am meisten zuzusagen. Erhaltung der bisherigen mittelparteilichen Ma­jorität unter möglichster Zurückbrängung aller zur Selbständigkeit und zum Eigenwillen neigenden

Elemente, Schonung der namentlich in vielen hohen Kreisen in gewichtigem Ansehen stehenden extremen konservativen, orthodoxen, „christlich-so­cialen" Personen und Bestrebungen, ohne ihnen jedoch eine eigentliche Stütze zu bieten, Kultivirung und Protegierung des linken Flügels der deutsch­konservativen Partei und der ganzen freikon­servativen Partei, gleichzeitig aber auch wohl­wollende Behandlung und je nach den Umständen sogar kräftige Unterstützung der nationalliberalen Mannesseelen; das ist die Tendenz der Regierung in dem gegenwärtigen Wahlkampfe, und man läßt den einzelnen Organen der Regierung gerne einen gewissen Spielraum, welcher Richtung sie nach ihren persönlichen Neigungen ihren mächtigen Arm leihen wollen. Von einem grundsätzlichen Vorgehen oder einem klaren und scharf markirten Programm kann da natürlich keine Rede sein. Es ist eben die Opportunitätspolitik in der höch­sten Potenz. Mit dieser Politik sucht man in erster Linie auch das verhaßte Centrum zu isoliren, seinen in der letzten Landtagsseffion und noch weit mehr in der Reichstagsseffion so mächtigen Einfluß zu brechen und lahm zu legen. Trotzdem haben wir die Ansicht, daß eine etwaige (übrigens un­denkbare) erhebliche Schwächung der Centrums­partei heute nicht in die Pläne des Fürsten Bis­marck hineinpaßt. Nicht als ob Bismarck den Faktor Centrum als solchen in seiner politischen Rechnung unbedingt für nöthig hielte, — keines­wegs. Aber als Realpolitiker kann er die Dienste, welche das Centrum der Social- und Schutzzollpolitik geleistet hat, nicht unterschätzen, ein wesentlicher Niedergang diese Partei würde ohne Zweifel am letzten Ende nicht der parlamentarischen Rechten, sondern der Linken zu Gute kommen, also die Opposition eher noch verstärken, als schwächen. In der Seele verhaßt ist dem Reichskanzler da­gegen jene Kombination, welche, wie im Reichs­tage, das Centrum zum Zünglein an der Waage und Meister Windthorst zum Herrn der Situation macht. Eine Majorität des Centrums mit den vereinigten Konservativen ist ja recht annehmbar für die Regierung, weil sie die Konservativen größtentheils am Schnürchen hat und einer ge- wiffen Handhabe gegen nationalliberale Selbständig­keits-Regungen kaum entrathen mag. Aber eine Majorität Windthorst - Richter, das ist gewiffen Leuten ein Entsetzen ohne Gleichen.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Oktober.

* Die Nachricht, daß der preußische Landtag schon am 11. Dezember einberufen werden solle, scheint wieder einmal unstichhaltig zu sein. Die .Kreuzztg.' versichert jetzt, daß an der ursprüng- lichen Absicht, ihn Mitte Januar zusammentreten zu lasten, festgehalten werde. Es wird ferner be­stätigt, daß der Zusammentritt des Reichstags nicht vor dem 20. November erfolgt.

* Die landesherrliche Anerkennung des Bischofs vr. Krementz als Erzbischof von Köln ist mit­telst Allerhöchst erlassener Urkunde de dato Baden- Baden am 16. Oktober erfolgt.

• Die Auffassung der Lage auf der Balkan- Halbinsel ist wieder etwas ruhiger geworden. Es wird heute von einer Seite, die als informirt gelten kann, erklärt, daß man Serbiens jetzt sicher zu sein glaube und eine kriegerische Verwicklung durch dastelbe nicht mehr befürchte. Auch der Zusammentritt einer Konferenz gilt für sehr wahr­scheinlich. Die Zustimmung der Westmächte zu derselben wird in kurzer Zeit erwartet.

* Der designirte Polizeipräsident von Berlin, Bernhard Ludwig Eduard v. Richthofen, bisher Landrath des Kreises Stolpe in Pommern, dürfte zunächst die Stelle kommistarisch verwalten. Der­selbe ist am 8. Juni 1836 geboren, befindet sich also im 50. Lebensjahre. In der weit verzweigten Richthofen'scher. Familie ist der Landrath v. Richt­hofen aus dem jüngeren Hauptstamme und zwar dem Gäbersdorser Zweig (evangelisch) entsprosten. Der Herr v. Richthofen hat noch drei Brüder, die sämmtlich in der Armee dienen; Bernhard v. Richt- Hofens Vater ist bereits vor 22 Jahren, nämlich am 12, Juli 1863 gestorben; derselbe war Ehren- ritter des Johanniterordens und mit Amalie v. Schmettau a. d. H. Schilkwitz in Schlesien ver­mählt. Herr v. Richthofen ist noch unverheirathet; den Kreis Stolpe verwaltet er seit Anfang der siebenziger Jahre und soll er sich den Ruf eines energischen Beamten erworben haben. Eine große Arbeitskraft und Arbeitslust wird ihm nachgerühmt. Augenblicklich weilt der neue Chef der Berliner Polizei in Baden-Baden, um sich dem Kaiser vor­zustellen. Herr v. Richthofen als Landrath des Kreise Stolpe ist als solcher Nachbar des Fürsten Bismarck gewesen, der im Stolper Kreise bekannt«

-H- Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ? SiljtnftU. (26

Die Zeit verging, Stunde auf Stunde verrann. Gleich nach zwei Uhr gingen die ersten Gäste fort und eine Equipage folgte der anderen, bis gegen drei Uhr sämmtliche Gäste außer dem Grafen Eugen das Palais verlaffen hatten. Bevor die letzten gingen, entschlüpfte Gabriele den wachsamen Augen Lamartins unbemerkt durch den Winter­garten nach der Terraffe und von hier durch die besondere Eingangsthür nach ihren eigenen Zimmern.

Jeanette erwartete sie. Marguerite war schon vor einer halben Stunde fortgegangen.

Die Comteffe vertauschte ihr Ballkostüm schnell mit einem perlgrauen Kleid und zwar auf Wunsch ihrer treuen Jeanette.

„Das cremefarbene Kleid könnte Sie verrathen, gnädige Comteffe," sagte sie. „Graf Eugen oder Ihr Herr Vater würde es sofort erkennen. Mar­guerite hat einen langen Mantel und einen Schleier für Sie mit nach der Bahn genommen, welche Sie unterwegs benutzen können. Ach, gnädige Comteffe, ich will hoffen, daß sie fortkommen, ohne von dem Polizeispion bemerkt zu werden!"

Die Tochter des Grafen von Chatrois warf

einen Theatermantel über und setzte ihren Hut auf und verschleierte ihr Gesicht so dicht, daß letzteres nicht zu erkennen war. „Du weißt, was Du zu thun hast, Jeanette," sprach sie zum Abschied. „Sorge dafür, daß meine Abwesenheit nicht ver- muthet wird. Adieu!"

Sie drückte ihrer treuen Dienerin die Hand und ging, nachdem sie die Thür verschloffen, in die große Halle. Glücklicherweise war dieselbe leer. Sie glitt ins Ankleidezimmer, ohne von Jemandem bemerkt zu werden. Gerade, als sie unter das Portal trat, rief der Diener den Wagen für Ma­dame Dumont auf. Die Comteffe schritt die Treppe hinunter, stieg in die Equipage und im nächsten Moment rollte dieselbe davon.

Sofort kam eine andere Kutsche vorgefahren. Die Comteffe Gabriele sah durch das Wagenfenster und bemerkte den Mann, in dem sie einen Polizei­spion muthmaßte. Er hatte sich gegen das eiserne Geländer, welches das Palais nach der Straße zu umgab, gelehnt und sprach mit einem Bedienten. Er schien nur so durch Zufall hier öocbtigefommen und stehen geblieben zu sein, um die Musik zu hören, oder die Paare tanzen zu sehen durch die hohen, nicht verhängten Fenster. Doch die Com- teffe ließ sich dadurch nicht beirren; sie wußte,

daß seine Gegenwart auf der Straße und gerade vor ihrem Fenster, sein aufmerksames Hinblicken nach der Thür und sein genaues Achtgeben auf Jedermann, der im Palais ein- und ausging, nicht von ungefähr geschehe, sondern daß es darauf abgesehen war, ihr zu schaden. Die Nothwendig- keit, ihr Geheimniß zu schützen, das Geheimniß des doppelten Lebens, das sie führte, zu hüten, machte sie scharfblickend in Allem, was um sie her vorging.

„Jrregeführt, mein Herr Polizeispion!" murmelte sie. „Sie mögen Ihrem Auftraggeber, dem Herrn Grafen Eugen von Lamartin, berichten, daß Sie noch immer nicht die Spur meiner Geheimnisse gefunden haben!" Sie ließ sich in die Wagenkissen zurücksinken, während das Gefährt in die nach dem Centralbahnhof führende Seitenstraße einbog.

XV.

Nachdem Graf Eugen von Lamartin den Mar­quis de Vigny verlassen halte, lehnte Letzterer den Kopf zurück und machte es sich in seinem Lehnstuhl bequem, während Giralda, feinem Wunsche ent­sprechend, ihm die neuesten Nachrichten aus den Tagesblättern vorlas. Er beobachtete sie scharf. Wenn ihr Helles Auge zuweilen dem {einigen be­gegnete, mußte er unwillkürlich die Lider sinken.