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1885.

Montag, den 19. Oktober

Fuldaer

eitung

Die »Fuldaer Zeitung- «scheint »glich. Sann, und Feiertag, -u-genvmmen. «erteljiihrlich« 1 5° W' ~ *“

........»*_____

□ Vor den Landtagswahlen.

I. (Nachdruck verb.)

Die .Köln. Ztg/ wiegt sich in der angenehmen Hoffnung, der „glänzende Sieg" des National­liberalismus in Baden werde auch für die preu­ßischen Landtagswahlen eine gute Vorbedeutung sein. Ihr zufolge soll der „gemäßigte und nationale Liberalismus" allenthalben in neuem Aufschwung begriffen sein. Was den „gemäßigten" Liberalismus anbelangt, so ist der Hinweis auf Baden so schief als möglich, denn in Baden hat Kiefer, den die Führer der „gemäßigten" Richtung schon längst als „politisch tobt für alle Zeiten" abgethan hatten, heute wieder Herr der Situation, und wenn man den Unmuth der erst vor 11 Monaten mit dem „gemäßigten" Liberalismus verbündeten Konser­vativen betrachtet und ihre Klagen über den wieder beginnenden Aufschwung der schrofferen Richtung im Nationalliberalismus verfolgt, so muß man über die Ausführungen der .Köln. Zeitung' offen lachen. Im Zeichen der badischen Wahlerfolge zeigt sie den Konservativen ein äußerst freundliches Gesicht und scheint nicht zu ahnen, daß die badischen Konservativen von den Wahlerfolgen der Kieferei keineswegs erbaut sind. Aber lassen wir die .Köln. Ztg.' bei ihrem Glauben, ihre Ahnung, daß der Mißerfolg der badischen Katholiken auch auf Preu- ßen und die Wahlerfolge des Centrums einen Rückschlag ausüben werde, wird sich schwerlich erfüllen. .

Das katholische Volk in Preußen hat gottlob einen gesunderen Kern und eine festere Disciplin, als ein großer Theil des badischen katholischen Volkes, das preußische Centrum hat aber auch — andere und beffere Führer. Unsere Gegner wissen recht wohl, daß der Bestand der Centrumspartei in Preußen sozusagen unverrückbar ist; das Cen­trum ist eine eiserne Phalanx, an der jeder An- prall der Gegner sich brechen muß. Der traurige Mißerfolg der badischen Katholiken muß aber auch für das preußische katholische Volk eine ernste Mahnung zu steter Wachsamkeit sein; das Centrum darf sich nimmer in Sicherheit und Vertrauens­seligkeit einlullen lassen, fortgesetzte kräftige Arbeit, emsiges Sammeln aller schwächeren Elemente, stete politische Belehrung durch Wort und Schrift muß die Kerntruppe des Centrums in Hebung halten. Die jährlichen Generalmanöver auf den Katholiken­

versammlungen genügen nicht allein, um den guten Geist in unseren Reihen zu erhalten, die Regeln der Disziplin und die neuen Lehren und Erfahr­ungen, welche die in den vorderen Reihen Stehen­den zuletzt in Münster in sich ausgenommen haben, müssen fortgesetzt dem Volke vermittelt und in ihm zu lebendigem Bewußtsein gebracht werden. Nimmer ermatten, nimmer die Hände sinken lassen, immer kampfbereit und muthig vorwärts, das sei die Loosung im bevorstehenden Wahlkampfe.

Wer die Zeichen der Zeit versteht, der begreift, daß die bevorstehende preußische Wahlschlacht eine verhängnißvollere Bedeutung haben wird, al« viele vorher. Die Versumpfung des Kulturkampfes ist die geheime Parole, welche offiziell und offiziös in allen katholisch-feindlichen Parteien und Blättern ausgegeben ist. Man will das Centrum isoliren, um dann über sein Programm und seine Bestre­bungen triumphiren zu können, um die katholische Kirche auch ferner in den entwürdigenden Fesseln zu belassen, diese Fesseln vielleicht zeitweilig und nach Willkür ein wenig zu lockern, vielleicht auch gar Kränze zu winden um die Ketten, damit das Volk sie nicht mehr schauen kann.

Um dieses Ziel zu erreichen, umschmeichelt der Nationalliberalismus das Volk mit seinen wohlfei- len Phrasen von Wohlwollen gegenüber der Kirche und von der Würde de« Staates, die der Kirche gegenüber gewahrt werden müsse, räumt doch die frei­konservative Kulturkämpferei sogar offen ein, daß noch wirkliche, Härten in her Maigesetzgebuna be- stehen, und öatz man diese Harten unter „Wah­rung der staatlichen Interessen" allmählich besei­tigen müsse. Glaubt man denn, das katholische Volk sei so beschränkt, daß es die Falle nicht merkte, die man seiner Einfalt und Gulmüthigkeit legen möchte? Das Volk weiß sehr genau, wer es gewesen ist, der diese Härten der Maigesetze geschaffen hat, das Volk hat den Entwickelungs- gang der kulturkämpferischen Scheinbekehrung Schritt für Schritt verfolgt, und der natürliche Mutterwitz sagt auch dem Ungebildetsten, daß, wer einmal A und B sagt, schließlich auch zum C. sich versteigt und das ganze Alphabet durchspricht — wenn nur der Gegner fest und konsequent auf seinem Schein besteht, wenn er unerbittlich bleibt gegen alle Heuch­ler- und Schmeichlerkünste.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Oktober.

• lieber den Beginn der parlamentarischen Campagne ist nach der ,Post' nunmehr definitive Entscheidung getroffen und soll zunächst zum 20. November der Reichstag und zum 11.Dezember der Landtag einberufen werden.

* In der bulgarischen Angelegenheit schreibt die .Nordd. Allg. Ztq.' offiziös:

„Die Schritte der Botschafter zu Konstantinopel gaben dem Entschlüsse der Mächte, den unter ihnen be­stehenden Friedenszustand aufrecht zu erhalten, einen unzweifelhaften Ausdruck. Die Beschlüsse der Botschafter seien von der gemeinsamen Gesinnung der Mächte getragen, daß die Kriegs- und Friedensfrage nicht von dem Stimmungswechsel auf der Balkanhalbinsel abhängig sein könne. Der für die Aufrechterhaltung des Friedens und der Wohlfahrt der Völker allein verantwortliche europäische Areopag erkläre in dem Memorandum ebenso bestimmt wie feierlich, daß dem berechtigten oder unberechtigten Ehrgeize einzelner Stämme des Balkans nicht die Befugniß zugestanden werden könne, den Frieden der Mächte nach Belieben zu gefährden, indem sie unter­einander oder mit der Türkei Händel anfingen und ab­sichtlich oder unabsichtlich außer Rücksicht ließen, daß die Folgen ihrer theils selbstsüchtigen, theils kurzsichtigen Po­litik die Großmächte nöthigen könnten, in den Streit ein­zugreifen und ihren sonst so sorgsam behüteten Frieden zu stören. Ein solches Unterfangen der kleinen Balkan­staaten müsse die ernsteste Zurückweisung durch ganz Europa erfahren. Es sei eine unbillige Zumuthung, daß 300 Millionen Europäer der Gefahr einer Friedens­störung sich aussetzen sollten, weil drei Balkanstaaten von kaum 6 Millionen Einwohnern plötzlich auf den Gedanken kämen, daß ihr lokales Gleichgewicht, das heißt, ihr vartikulariicher Ehrgeiz, in Frage gestellt sei." (Fr. Z.)

* Betreffs der Besetzung des Bisthums Erm - land wird der ,Germ.' aus Rom geschrieben: „Nach der Vereinbarung zwischen Preußen und Valican in Betreff der Bisthumsfrage in Ermland, scheinen die Verhandlungen provisorisch zu ruhen, da Herr v. Schlözer mit leeren Händen nach Rom zurückgekehrt ist."

* Aus Anlaß des Verschollenbleibens der „Au­gusta" wird häufig die Frage erörtert, ob die auf dem Schiffe Gewesenen durch die bekannte Veröffentlichung des,Reichsanzeiger' für tobt er­klärt worben sinb. Dem ist nicht so. Das Ein­treten bes Reiches mit Pensionen für Wittwen unb mit Erziehungsgeldern für bie Kinber Ver­schollener ist abhängig von ber gerichtlichen Tobeserklärung. In bieser Beziehung bestimmt ein preußisches Lanbesgesetz vom 24. Februar 1851, baß bei Schiffern oder seefahrenden Personen, welche

-H- Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von S «-he-fel». (25

Marguerite holte Giralbas Abschiebsschreiben aus ihrer Manteltasche hervor unb legte es in bie zilternbe Hand ihrer Herrin. Die Comtesse ent­faltete bas Papier unb las seinen Inhalt mit großer Bewegung. Dann sank sie auf einen Sessel nieber und bedeckte bas Gesicht mit ihren beiben Hänben. „O, bas arme, »erblenbete Kinb!" rief sie klagenb aus. „Hätte ich ihr doch Alles offen gesagt! So jung, so schön, so unerfahren unb allein in ber Welt! Wo mag sie jetzt sein? Mar- guerite!" wandte sie sich plötzlich ber Dienerin zu, „warum hast Du mir nicht bereits heute Morgen diese Nachricht gebracht?"

„O, Verzeihung! Der Herr Graf wollte bie gnäbige Comtesse nicht beunruhigen, bevor wir nicht alle Mittel, bie Verschwundene aufzufinden, versucht hätten. Der gnädige Herr fuhr sogleich selbst nach der Eisenbahn, aber der Billeteur wollte keine junge Dame gesehen haben, auf welche unsere Beschreibung paßte. Er sagte, e» wären mehrere junge Damen dagewesen, welche Billets für den Nachtzug genommen hätten und eine junge Dame

mit schwarzem Haar und dunklen Augen hätte ein Billet für den ersten Frühzug nach Paris genommen."

„Das war Giralda nicht!" rief die Comtesse bestimmt. „Ich habe fie Paris fürchten gelehrt. Nach der Hauptstadt wird sie unter keinen Um­ständen gegangen fein! Sie wird sich nach irgend einer kleinen Stadt in ber Provinz begeben haben, um als Gesellschafterin in einem Hause ihren Lebens­unterhalt zu öerbienen. Sie hat Aehnliches gegen mich geäußert, als ich zuletzt in ber Villa war."

„Wir haben einige Papierschnitzel in ihrem Zimmer gefunben, gnäbige Comtesse!" sprach Mar­guerite, „Sie hatte sietheilweise verbrannt. Es waren verschiebene Pariser Tagesblätter, unter anberen auch das ,Petit Journal'."

„Unbebingt hat sie barin nach einer für sie paffenben Stelle gesucht," unterbrach bie Comtesse bie Sprechend hastig. „Vi.lleicht hat irgenb eine Annonce ihre besondere Aufmerksamkeit erregt. Jeanette, bringe mir die Zeitungen von den letzten Tagen. Sie liegen sämmtlich in meinem Boudoir."

Die Dienerin entfernte sich und kehrte sogleich darauf mit den Journalen zurück.

Die Comtesse überflog die Spalten des Annoncen- theil«. „Eine Pflegerin gesucht," la« sie laut. „Diese Stelle hat fie sicher nicht angenommen, denn

der Annoncirende lebt in Paris. Ich weiß be­stimmt, daß sie nicht nach Paris gegangen ist. Aber was ist das!" rief sie plötzlich aus. „Eine Sekretärin und Gesellschafterin wird gesucht von Marquis de Vigny! Himmel, sollte Giralda nach dem Schlosse zu dem alten Marquis be Vigny gegangen sein? Nein, nein, ber gute Gott, welcher so lange uns beschützt hat, wirb sie bauer be­wahrt haben; bas Schicksal kann sie nicht zu ihres Vaters erbittertem Feinbe geführt haben! Er würde sie und Alle, die sie lieb hat, mit unerbitt­licher Strenge vernichten, sobald er erführe, wer sie ist!"

„Gnädige Comtesse," flehte Jeanette, „fassen Sie sich. Giralda wird nicht nach dem Schlosse de Vigny gegangen fein!"

„Nein, auch ich will es nicht glauben, daß sie dahin gegangen ist," sprach Gabriele tonlos, „bie Vorsehung Gottes, bie über uns wacht, wirb sie boch vor einem solchen Schritte bewahrt haben."

Nachdem sie noch bie Spalten ber anberen Tagesblätter schnell überblickt unb nichts gefunben hatte, was möglicherweise bie Aufmerksamkeit ihrer Tochter hätte auf sich ziehen können, legte sie bie Zeitungen bei Seite und sagte: „Vielleicht ist sie i nach einem kleinen Landstädtchen gegangen, um