Einzelbild herunterladen
 

1885.

Sonnabend, den 17. Oktober

M 238

Fuldaer

— mit der

Erstes Blatt.

gegen wäre nun auch nichts einzuwenden, wenn nicht häufig zu diesem Zwecke ein verkehrter Weg eingeschlagen würde. Statt den Jungen auf eine Fachschule zu schicken, muß er das Gymnasium besuchen, weil er fich ja hier nicht bloß Kenntnisse, sondern auch das Privilegium des einjährig frei­willigen Dienstes erwirbt, was auf den meisten Fachschulen nicht möglich ist. Daß solche „Halb- studirte", wenn sie nach einigen Jahren das Gym­nasium verlafien, von ihrem Alter abgesehen, nicht mehr zur Erlernung irgend eines gewerblichen Berufszweiges taugen, ist einleuchtend. Mögen diese Worte Alle, die es angeht,' zu ernstem und reiflichem Nachdenken veranlassen.

♦ Ein Wort für Eltern «nd Alle, die es angeht.

Zu den nicht geringsten Nebeln, an denen unsere Zeit krankt, gehört unstreitig auch das Bestreben oder, wenn wir wollen, die Mode der Eltern, ihre Söhne zu „gelehrten und angesehenen Herren", zu einem „besiern Leben" u. s. w. zu erziehen, kurz sie „studiren" zu laffen. Diese Sucht hat sich in den letzten Jahren in dem Maße gesteigert, daß ein Hinweis auf diesen Mißstand wohl an der Zeit sein dürfte. Ist doch die Zahl der an den 21 deutschen Hochschulen Studierenden in den ver­gangenen 10 Jahren von nicht voll 13,800 auf 27.454 gestiegen.

Fragen wir uns nach der Ursache dieses heute fast allgemein verbreiteten Nebels, so muffen wir außer dem Niedergang der wirthschaftlichen Ber- hältniffe unserer Tage als Grund dafür auch Haupt- sächlich den Umstand ansehen, daß heute von den meisten Erdbewohnern die Wahrheit des Sprich­wortes: „Arbeit schändet nicht", gewiffermaßen angezweifelt und daher jede körperliche Arbeit, die auf Broderwerb gerichtet ist, besonders von den sogenannten „Gebildeten" mißachtet wird. Da will der eine betreffs befielt, was der Junge werden soll, nicht mit dem seinen hinter anderen zurück- stehen. Der Sohn eines anderen ist „geistig sehr beanlagt", und es wäre jchade, ein solches Talent verkümmern zu lassen. Biele wieder meinen, ihr Kind sei „viel zu schwach", auch „viel zu gut", ein Handwerk oder etwas derartiges zu erlernen. Nach der Aussage noch anderer endlich soll sich der Junge „nicht so plagen", wie sie es haben thun müssen. Alles häufig gehörte Worte, womit weniger einsichtige Eltern ihr Vorhaben zu begrün- dee suchen. Ob der Junge aber Lust und Begei­sterung zur Wissenschaft hat, und ob ihm diese auch später materiell eine sichere Existenz verbürgt, danach wird in der Regel wenig gefragt.

Was nun zunächst diese Ansicht vieler Eltern anbetrifft, ihr Sohn sei körperlich zu schwach zur Betreibung des Ackerbaues oder irgend eines Ge- werbes, er muffe studiren, so ist dieser Schluß ein durchaus falscher, ja ein geradezu sündhafter. Wer die Summe der Arbeit kennt, welche die heutige Schule von ihren in der körperlichen Entwickelung

-H- Auf geheirmrißvollen Wegen.

Roman von I. Doheafklt. pe

Es verging fast eine Stunde, bevor Eugen wieder mit Comteffe Gabriele zusammentraf. Als er sich ihr näherte, bemerkte er, daß ein leiser Schatten von Unmuth über ihr schönes Gesicht zog. Die Säle waren gedrängt voll und die Gäste kamen jetzt seltener und weniger. Graf Eugen benützte diese Gelegenheit, ihr seinen Arm auzubieten. Sie nahm seinen Antrag stolz an und Beide durch- schritten die Zimmer und Säle der Reihe nach. Auf der einen Seite des Gebäudes lag, in der ganzen Länge ber Gesellschaflsräume, der große, prachtvolle Wintergarten. Es war ein förmlicher Glas-Palast mit Seitenflügeln und einem gewölb- ten Dome.

Die Flügel enthielten zumeist tropische Pflanzen und Fächerpalmen. Da waren Rosen in allen Farben, von der hellsten bis zur dunkelsten. Orchi- deen, in der schönsten Farbenpracht prangend, schmückten den Rauin. Die seltensten einheimischen und ausländischen Blumen, ja, sogar schwarze Rosen waren hier vertreten. In der Mitte der Rotunde, gerade unter dem Dome, befand sich, umgeben von

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Oktober.

* In hiesigen diplomatischen Kreisen hält man neuerdings die Hoffnung auf eine Beilegung der bulgarischen Krisis ohne kriegerische Berwick- lungen für aussichtsvoller als bisher. Die Eta« blirung einer Personalunion zwischen Bulgarien und Rumelien wird, wenn die Bulgaren formell sich dem Willen der Mächte fügen, als eine scheinbar freiwillige Konzession seitens der Türkei bewilligt werden. Auch zwischen Oester­reich und Rußland soll ein Einvernehmen in dieser Frage erzielt sein. Bezüglich der Deklaration der Botschafter sagt die .Norddeutsche': Diese, ein großes moralisches Schwergewicht in sich tragende Kundgebung wird wohl auch den leiser zu einer kriegerischen Aktien geneigten und bereiten beiden Staaten Serbien und Griechenland, von Neuem vor Augen führen, wie sehr die Groß« staaten Europas bemüht sind, die Lage der Tinge auf der Balkanhallinsel auf einer Grundlage von größtmöglichster Stabilität und Dauer zu festigen.

• Der zum Polizeipräsidenten von Berlin aus­ersehene Freiherr von Richthofen ist Landrath in Stolp und gehört dem rechten Flügel der Kon­servativen an. Parlamentarier ist er nicht. Er soll beim Reichskanzler und bei Hofe persona grata sein.

* Dein Reichstage muß bekanntlich tn der näch­sten Session ein Gesetzentwurf zu einer Aenderung der Zuckersteuer zugehen. Den Charakter einer wirklichen Reform wird derselbe nicht tragen. Die Regierung beabsichtigt dem Vernehmen nach nur

Comteffe Gabriele hörte mit kalter Miene auf die huldigenden Worte ihres Verehrers. Ihre Ge­danken schweiften aus dem glänz nden Ballsaal dorthin, wo ihr Herz weilte, nach dem lieblichen trauten Heim in der Villa Larose. Ihr selbst unbewußt wurden bei diesem Gedanken an ihre fernen Lieben ihre Züge weicher; ihre Augen wurden feucht, ein traumhaftes Lächeln glitt über ihre sonst so kalten Züge und machte sie nur noch um so begehrenswerther in den Augen des Grafen. Er gewahrte diese Veränderung in ihrem Antlitz und fühlte sich überzeugt, daß seine Worte diese Veränderung hervorgerufeu hatten. Er war gerade im Begriff, eine darauf hinzielende Aeußerung zu thun und damit seinem Ziele nahe zu treten, als ein Geräusch, welches von der Thür, die nach der Marmortreppe führte, herkam, ihn daran verhinderte.

In dieser Thür erschien die Hand einer Frau; sie war braun und rauh, gerade so, wie der Polizei- spion Froffard sie Eugen beschrieben hatte, woran diesem plötzlich die Erinnerung kam. Graf Lamartin sah deutlich, wie diese Hand sich bewegte, was jedenfalls ein Zeichen für eine bestimmte Person sein sollte. Gleich darauf kam auch ein Kopf hinter dem Gebüsch zum Vorschein und zwar der Kops von Jeanette Souchet, der vertrauten Dienerin

begriffenen Schülern verlangt, der wird begreifen, daß ein solches Studium eine ohnehin schon schwache Gesundheit noch mehr gefährdet, während andererseits eine angemeffene körperliche Beschäfti­gung bei mäßiger Anstrengung des Geistes den Körper kräftigt und gesund erhält.

Wie schon angedeutet, halten ferner viele Eltern, selbst auch nur mäßig begüterte, ihre Kinder für viel zu gut, selbige ein Handwerk oder dergleichen erlernen zu laffen, ja stellen ihnen dieses bisweilen noch gar als etwas Verächtliches hin. „Wenn Du nicht besser lernst, mußt Du ein Handwerker wer- den", ist eine häufig angewandte Drohung, um die Kinder bei etwaiger Faulheit in den ersten Schuljahren zu größerem Fleiße anzuspornen. Fragt man nun solche Eltern nach dem Grunde ihrer Abneigung gegen das Handwerk, so wird man in den meisten Fällen zur Antwort erhalten: „Das Handwerk liegt heutzutage darnieder und von einem goldenen Boden desselben ist nichts zu verspüren. Als höherer Beamter aber hat mein Sohn mehr Einkommen und auch mehr Ansehen." Ganz recht! Aber warum liegt denn heute das Handwerk dar­nieder? Abgesehen von anderen Ursachen gewiß doch auch darum, weil die fähigeren Köpfe dem Handwerke entzogen und in Bahnen gedrängt wer- den, wo ohnehin schon Uebersüllung herrscht. Ge­rade das Handwerk braucht heute weit mehr ge- scheidte Köpfe als irgend ein anderer Beruf, und wird ein intelligenter, geschickter und fleißiger Hand­werker .auch, in der.,J.etztreit sein gutes Auskom- men und gebührendes Ansehen haben.

Glücklicherweise kommt man schon immer mehr zu der Erkenntniß, daß eine Uebersüllung, beson­ders in der juristischen, der medizinischen und der Lehramts-Laufbahn thatsächlich vorhanden ist. Aber noch mehr! Die Uebersüllung ist nicht nur wirk­lich vorhanden, sondern noch in bedenklicher Steige­rund begriffen, einer Steigerung, die in keinem Verhältniß zur Zunahme der Bevölkerung steht. Daß unter solchen Umständen die Brodkörbe der angedeuteten Studienfächer ziemlich hoch hängen, dürfte leicht zu begreifen sein.

Manche Eltern, besonders bester sttmrte Land- wirthe, wollen nun zwar aus ihren Söhnen keine Landgerichtsräthe oder dergleichen machen, aber ihnen doch, was auch ganz in der Ordnung ist, ein gewisses Maß von Bildung zu Theil werden lassen, wie sie unsere heutige Zeit verlangt. Da- blühenden Orangenbäumen, eine große Fontaine. Eine kolossale Marmor-Flora stand auf einem Sockel inmitten des Bassins; sie war mit Blumen- guirlanden umwunden und gekrönt. Es schien, als blickte sie aus ein paar liebliche Seenymphen herab, welche zu ihren Füßen spielten und die glänzenden Wasserstrahlen mit ihren Händen in die Höhe warfen. Auf dem Wasser bewegten sich Lotos-Blumen und schönfarbige Wasserlilien. Da waren auch breiträndrige Gräser und andere Wasser- pflanzen, welche von der Flora umhergestreut zu sein schienen. Das Gewächshaus war in allen Theilen prächtig erleuchtet. Hohe Glasthüren ver­banden dasselbe mit den beiden Gesellschaftszimmern; andere Glasthüren, welche weit geöffnet waren, führten über Mormortreppen auf den grünen Teppich, welcher sich auf ber Rückseite des Palais ausbreitete. ,

Bis jetzt war dieser Glaspalast fast gänzlich verlassen, nur einige Paare wandelten unter den Palmen. Im Allgemeinen war es eigentlich noch zu frühe, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen. Nach einer der künstlichen FelSgrotten war es, wohin Graf Lamartin die Comtefle von Chatrois führte. Er hatte sich vorgenommen, heute bas Spiel zu gewinnen.