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JM 236.

Donnerstag, den 15. Oktober

*

1885.

keine besondere künstlerische und bürgerliche Moral, die Konstruktion eines derartigen Unterschiedes widerstreitet einer gesunden Ethik, und die Kunst sollte am lautesten Widerspruch dagegen erheben; denn wie in ihren Werken, soll sie auch in ihren Eingebungen den Geist erheben und adeln. Eine Kunst, die das nicht anerkennt, die sich von dein Codex der bürgerlichen Sittlichkeit emancipiren zu dürfen glaubt, ist schon entartet und wird in dieser Entartung zu einer Gefahr für die Sittlichkeit des ganzen Volkes. Eine gewisie Ungebundenheit des Lebens mag man jedem höheren Fluge zugestehen, auch darauf verzichten, einen solchen in den engen Rahmen ceremonieller Formen zu bannen, aber solche Freiheit, wie sie auch dem Künstler nöthig ist, muß immer ihre Grenzen an dem allgemein Sittlichen finden. In diesem Sinne hat einer der edelsten deutschen Dichter die Künstler apostrophirt: „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben; bewahret sie!"

-TT- Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von I. 8,hk»fk>». (22

„Sie sind pünktlich, Fräulein Alvarez," sagte er. „Ich habe Sie noch nicht erwartet. Ich glaubte, daß Damen immer mehrere Stunden gebrauchten, um Toilette zu machen. Vielleicht ist die jetzige Generation besser geworden. Nun, es wird Zeit! Rücken Sie Ihren Stuhl bicht an meinen heran."

Giralda rollte ihren Sessel an die ihr bezeich« nete Stelle und ließ sich dem Marquis gegenüber nieder. Der Greis blickte ihr lange und scharf in's Antlitz.

„Mein Reffe, Graf Eugen von Lamartin, weiß, daß Sie angekommen sind," sagte er. „Ich selbst habe es ihm mitgetheilt. Er erwiderte, Sie seien eine Abenteuerin, weil Sie meine Aufforderung persönlich beantworten. Aber ich verstehe mich bester auf die Menschen, wie mein weit gereister Neffe. Sie sind ein unwissendes, unschuldiges, junges Mädchen und ich habe mir vorgenommen, daß Sie hier gehalten ro.iben sollen, wie ich meine Tochter halten würde, wenn ich eine hätte. Mit herzlicher Freude habe ich gesehen, wie Madame Roger sich Ihrer annahm, mein Kind. Das ge«

* Aus der Stadt der »Gottesfurcht und frommen Sitte."

Seit der Prozeß Graef mit der vollständigen Freisprechung sämmtlicher Angeklagten geendet hat, sind der Professor und sein Modell nun erst recht die Helden des Tages. Der Spruch der Geschwo­renen hat vielfach überrascht und man sagt nun, daß dieser Freispruch eine Billigung der ^üder- lichkeit sei. Aber die Geschworenen hatten nicht zu entscheiden, ob Graef und Genossen unsittlich gehandelt haben, sondern nur, ob der Beweis er­bracht sei, daß sie einen Meineid geschworen. Dieser Beweis war nicht erbracht. Trotzdem wirkt der Ausgang des Prozesses verderblich auf die Sittlichkeit. Tausende und Abertausende von un­reifen Gemüthern haben durch eine gewissenlose Presse von den skandalösen Vorkommnissen Kenntniß erhalten und nun sagen sie sich: „So etwas kann man thun, ohne bestraft zu werden, ja ohne von der öffentlichen Meinung verdammt zu werden!" Man mußte sich doch von vornherein sagen, daß ein derartiger Prozeß, der auf die öffentliche Sitt­lichkeit so tiefgehende Wirkungen haben wird, nur dann angestrengt werden darf, wenn er sicher mit einer Verurtheilung einer Sühne endet. Die Staats­anwaltschaft kannte vor der Verhandlung das ganze Beweismaterial und daraufhin hätte sie die große Unwahrscheinlichkeit einer Verurtheilung er­kennen müssen.

Der Prozeß bildet hier natürlich immer noch den Gegenstand der Diskussion. Die Spekulation bemächtigt sich der Sache. Ein Buchhändler hat gar dem Professor Graef die Mittheilung gemacht, daß er im Begriffe stehe, „in sehr pikanter Form eine Geschichte des Prozesses Graef herauszugeben, die Broschüre würde durch die Porträts der An­geklagten und andere Bilder illustrirt werden." Aus Rücksicht für die Familie Graef's erbot sich indessen der spekulative Buchhändler, von einer Publikation der Broschüre abzusehen, sofern sich der Freigesprochene entschließen würde, die bereits entstandenen Kosten zu decken und 1500 Mark zu zahlen. Diese Beutelschneiderei war nun auch dem Professor Graef zu toll und er wies dem Buchhändler die Thüre. Das „hochinteressante Verlagswcrk," wie der Spekulant die Broschüre nannte, wird also zum Wohlgefallen der Berliner Rouös beiderlei Geschlechts erscheinen und natürlich

Di. ,Fuldaer Zeitung erscheint "glich, Sonn- und Feiertag, ausgenommen. Bi^teljährlicher Ab°— tspreie- ohne v-^lg-ld: 1 Mk. 50 Pfg, - mit der

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auch starken Absatz finden! Das kann man jetzt schon sagen. An allen Ecken und Enden werden „Rother-Photographien", nackte Darstellungen des „Modells," ausgebotcn und der Absatz in diesem „Artikel" ist kolossal, die Handlungen, in denen sie zu haben, sind von einer großen Menge, darunter auffallend viel Damen, stets umlagert. In einer bekannten Kunsthandlung am Schloßplatz mußte auf polizeiliche Anweisung das Bild entfernt wer­den, aber nicht etwa aus Gründen der Sittlichkeit, sondern — weil die Passage vollständig gesperrt war. Das übersteigt alle Begriffe. Was ist die Verderbniß des alten Heiventhums, was ist das verlotterte alte Rom gegen die Verkommenheit, Lüsternheit und Un- zücht in der Hauptstadt des Reiches der „Gottesfurcht und frommen Sitte!" Wenn man dieses Treiben sich ansieht, dann aller- dings begreift man die Orgien, welche am Char- freitag von den Berlinern auf dem Spandauer Bock gefeiert werden und durch die sie sich ein so trauriges Renommv erworben haben. Die Presse wimmelte seit dem ersten Tage des Prozesses Graef von „Pikanterien". Sobald es sich um Prozesse handelt, in denen das Reuheidenthum und die moderne Weltanschauung auf der Anklagebank sitzt, namentlich wenn der Repräsentant derselben aus den „höheren" Ständen ist, dann tritt in der Presse, welche dieser Richtung huldigt, das sittliche Moment hinter den Spekulationsbetrieb und den Sinnenkitzel. Es sollen durch Darbietung solcher geistigen Speise die Kassen der Verleger gefüllt und die Grundsätze des modernen Heidenthums verbreitet werden.

In der .Kreuzzeitung', welche bei der Be­handlung des Prozesses ihrem Namen Ehre gemacht hat, wird Paul Lindau scharf mitgenommen, weil er in der ,Nat.-Ztg.' versucht hat, das Modell Graefs mit einem Schimmer von Romantik zu umgeben. Ein treffendes Wort spricht auch bei dem Rückblick auf den Scandal Prozeß die .Frankfurter Zeitung'. Das Blatt, welches doch wahrlich nicht zimperlich ist, protestirt euer- gisch gegen die Theorie der frei-konservativen Ber- liner .Post' von dem besonderen Maßstab, der in sittlicher Beziehung an die Künstler anzulegen sei. „Eben so wenig wie vor dem Gesetz vermögen wir dem Künstler eine Ausnahmestellung vor dem Richterstuhl der Sittlichkeit einzuräumen. Es gibt nügt vollkommen, um allen bösen Zungen Einhalt zu thun. Sie sollen meine Secreiärin sein, Fräu­lein Alvarez. Ich höre diesen Namen lieber, als „Pflegerin" oder „Gesellschafterin". Und es ist selbstverständlich, daß, so lange Sie unter meinem Dache weilen, ich mit den Augen eines Vaters über Sie wachen werde." Der Marquis sprach diese Worte in solch' ernstem Tone, daß Giralda tief davon gerührt wurde.

„Ich danke Ihnen herzlich, Herr Marquis," sagte sie einfach, doch mit einem Blick, der mehr sprach, als Worte auszudrücken verwögen. „Sie haben Recht, ich kenne nichts von der Welt. Aber die Ueberzeugung, daß ich der theuren Mutter eine Sorge abnehmen muß, ließ mich diesen Schritt thun, der mich in den Schutz eines so gütigen Herrn führte."

..Die Welt," sagte der Marquis mit einem spöttischen Zug um seine Lippen, „die Welt ist einem Habichtsneste gleich. Eine unschuldige Taube, wie Sie, wie leicht fällt sie dem garstigen Raub- volk zum Opfer. Doch ich will Sie nicht ängstigen, mein Kind. Es soll Keiner es wagen dürfen. Ihnen auch nur ein Haar auf dem Haupte zu krümmen. Ah!" unterbrach er sich selbst, während draußen auf dem Korridor das Geräusch von Mannes-

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Oktober.

• lieber das Vermittelungsamt des hl. Vaters wird der .Germania' von ihrem römischen Korre­spondenten geschrieben: Gewisse Zeitungen fahren noch immer fort, von einer Kardinals-Kommission in der Karolinenfrage zu fabeln. Wie ich schon angedeutet, ist diese Kommission ein wahrer Mythus; es hatte nur eine Vorberathung der früheren Nuntien von Madrid und der sogen. Cardinali Palatini stattgefunden, als der Papst offiziös das Angebot der Vermittelung erhielt. In dieser Ver­sammlung sind zwei Fragen angeregt worden: 1. ob es zweckmäßig sei, das Angebot anzunehmen, und 2. ob man annehmen sollte unter Form der Vermittelung ober des Schiedsgerichtes., Seither ist von einer Kommission die Rede nicht mehr gewesen und es hat sogar in den höchsten kirchlichen Kreisen Roms einen unangenehmen Eindruck ge­macht, als man sah, daß verschiedene Zeitungen es soweit brachten, die Namen der Kardinäle der Kommission selbst zu nennen. Da diese Vermitte­lung eine sehr schwierige ist, so glaubt man nicht, daß der Papst eine wirkliche Kommission ernennen wird. Der h. Vater wird vielmehr einige Kar­dinäle und Prälaten einladen, ein schrift­liches Gutachten über den Streit zwischen schritten hörbar wurde. „Hier kommt einer von den Habichten! Nun, mein galanter Herr Ritter, Du kommst, um Abschied zu nehmen?" rief der Marquis dem eintretenden Grafen Eugen entgegen. Dann, sich an Giralda wendend, fuhr er fort: „Fräulein Alvarez, dieser Herr ist mein Neffe, der Gras Eugen von Lamartin!"

Das junge Mädchen erwiderte die Vorstellung mit einer Verbeugung.

Ter junge Gras vergaß alle Höflichkeit. Un­verwandt sah er ihr in's Gesicht, nicht im Stande, feine Bewunderung ihrer jugendlichen Schönheit zu verbergen. „Sie hat Armand's Augen! ' sprach er halblaut vor sich hin.

„Eugen," sagte der Marquis und aus seinen Augen sprach plötzlich ein Ausdruck von Bestimmt­heit. „Fiäulein Alvarez ist meine Sekretärin. So lange sie auf dem Schlosse bleibt, will ich sie halten als meine Tochter. Auch Du wirst sie als solche respektiren."

Graf Eugen war sichtlich bestürzt. Was war mit dem alten Manne vorgegangen, daß er eine solch' plötzliche Zuneigung für ein ihm bis dahm völlig fremdes Mädchen fassen konnte? Aber sich zusainmennehmend, verbeugte er sich, während eine " dunkle Röche ihm in's Gesicht stieg. Er verstand