1885.
Dienstag, den 13. Oktober
Fuldaer
eitung
lösung des Reichstages wäre die nächste Folge. Wer das Alles nicht will, der lege nicht die Hände müssig in den Schooß, sondern trete mit allen Kräften dafür ein, daß das Centrum mindestens in alter Stärke auf der Bildfläche erscheine.
Der preußische Wähler könnte nun mitzmuthig denken: was hilft das Wählen? Ich habe so oft gewählt, und besser wird's doch nicht; die Regie« rung thut ja doch, was ste will! Denn, wenn auch das Centrum und die Konservativen die Mehrheit bilden, wenn selbst Anträge, wie die Windlhorst'schen auf Freigebung des Mesielesens und der Sakramentespendung durchgehen, und die Gesetze kommen nicht zur Ausführung und die Beschlüsie der Parlamente werden vom Bundes« rath abgelehnt, kurz, wenn der Wille der Volksvertreter an dem Willen Bismarcks scheitert, sinkt dann nicht der ganze Wahlakt mitsammt dem Parlamentarismus zum Poflenspiel herab? Solche Fragen sind in Preußen allerdings berechtigt, und traurig genug ist es, daß in einem konstitutionellen Staate so etwas vorkommt. Aber das darf die Katholiken nicht entmuthigen und nicht abhalten, ihre Pflicht als Wähler zu thun. Sie müssen wählen, denn das Cen« trum mußnach wievor stark und Achtung gebietend dastehen! Fürst Bismarck darf den Respekt vor dem Centrum und den Katholiken nicht verlieren, und da er ein Realpolitiker ist, der auf Zahlen sieht, so muß das Centrum in ungeschwächter Größe, nein, noch zahlreicher als bisber. auf dem Kamvfvlatze erscheinen. Niemand darf am Wahltage fehlen; jetzt erst recht müffen Alle zeigen, daß sie sich nicht nrederbeugen lasten! Das wäre allerdings der größte Triumph für den Kanzler, wenn er den „unüberwindlichen Thurm", der ihm so unbequem ist, zerreiben könnte. Sollten die preußischen Katholiken ihm durch Miß- muth und Verzagtheit diesen Triumph bereiten und verzagend die Hände in den Schooß legen? Wahrlich nicht? Und wie würden erst die Liberalen jubeln und höhnisch mit Fingern auf sie weisen. Dann wäre der Liberalismus bald wieder am Ruder, und die letzten Dinge würden schlimmer sein wie die ersten.
Lasse man sich also weder durch die Trostlosigkeit der politischen Lage, noch durch Mißerfolge, noch durch die momentane Aussichtslosigkeit desKultur«
kampfes abschrecken; das Centrum muß groß dastehen und darum soll das katholische Volk in Preußen am 29. Oktober resp. 5. November wie ein Mann an die Wahlurne hintreten und für seine wahre Gesinnung Zeugniß ablegen.
tt Auf geheimrrißvollen Wegen.
Roman von ?• S-tzrifet». (20
„Ich heiße Giralda Alvarez, Herr Marquis!" erwiderte Giralda, deren Antlitz bald erröthete, bald erblaßte, indem sie sich auf den Sestel, wel- chen Madame Roger für sie an den Kamin rückte, niederließ. „Ich komme bezüglich der Annonce, die der Herr Marquis i,n .Petit Journal' erließen."
Wie ein freudiger Schimmer flog es über das Antlitz des alten Mannes, aber gleich darauf wurde es wieder ernst wie zuvor, und auf den Haufen Briefe, welche auf dem Tische lagen, zei- gend, sagte er: „Wie Sie sehen, habe ich eine nicht geringe Anzahl von Antworten auf mein Gesuch erbalten. Was können Sie leisten?"
Der Marquis sah sie mit so stolzer Miene an, daß Giralda etwas kleinlaut, aber doch mit Ruhe erwiderte:
„Ich kann vorlesen, singen, auf dem Piano und und der Guitarre spielen. Außerdem weiß ich mich, wo es am Platze ist, nützlich zu machen."
„Hm!" rief, der Marquis aus. „Sie sind ganz anders, als sämmtliche Correspondentinnen hier, eine jede hat eine Liste von Kenntnisten, welche
Z Wahlbetrachtungen.
ii.
Gerade die letzten Wochen haben uns bis zum Ueberdruß wieder den Beweis geliefert, welch' eine Summe von Haß, Erbitterung und Voreingenommenheit in den Herzen derjenigen jungen Leute sitzt, welche gelegentlich mit der kirchlichen Friedensfahne kokettiren, die aber am liebsten Alles, was katho- lisch heißt, mit Haut und Haar verschlingen möchten. Der wüste Fischweiberton in manchen liberalen Blättern, der an die roheste Kulturkampfhetze vor zwölf Jahren erinnert, beweist die Unversöhnlichkeit unserer Gegner und lehrt uns, was wir zu erwarten hätten, wenn diese Sorte von Menschen wieder an's Ruder käme. Es ist ganz unglaublich, daß es im „Volke der Denker" noch so manche gibt, die in der Unterordnung ihres eigenen Willens unter den eines fremden übermächtigen Willens und in dem Preisgeben jeder persönlichen Heber» zeugung den höchsten Patriotismus und den Gipfel der nationalen Tugend erblicken; aber das nicht allein, die Heidelberger Gummipuppen gehen auch so weit, allen Denjenigen die Liebe zum Vater- lande und die patriotischen Gefühle abzusprechen, welche nicht gleich ihnen sagen: „Wir kennen die Gründe des Kanzlers zwar nicht, aber wir billigen sie." Der angebliche Mangel an Patriotismus bei den Katholiken hat in der letzten Zeit in den liberalen Waschzetteln und in den Küchenzetteln des Reptilienfonds wieder einmal eine große Rolle gespielt.
Der Leser erkennt, mit welchen Gegnern wir es zu thun haben, und da ist es unsere heiligste Aufgabe und Pflicht, Alles aufzubieten, um zu verhüten, daß diejenigen Elemente im Volksver- tretuygskörper die Mehrheit erlangen, welche eines- theils geschworene Feinde der Kirche sind, andern- theils mit ihrem Willen und ihrer Ueberzeugung zugleich auch die Rechte und den Geldbeutel des Volkes der Regierung zu Füßen legen. Jetzt schon führt unserer Parlamentarismus kaum mehr als ein Scheindasein; er gleicht einem Stück Kuchen, das man Kindern gibt, damit sie ruhig fein sollen, — wenn aber die willenlose Mittelpartei die Majorität im Abgeordnetenhause bilden würde, bann könnte unser ganzer Parlamentarismus sich begraben taffen; denn in diesem Falle würde er zu einem Puppenspiele herabsinken, und die Auf
wahrhaft erschrecklich ist. Und Sie können nur singen, spielen und lesen?"
Giralda's Muth sank. Die Augen des alten Marquis schienen jede Linie in ihrem jugendlichen Antlitz studiren zu wollen. Ihre seltene Schönheit, sowie ihre Liebenswürdigkeit, welche aus ihren Zügen sprach, waren ihm nicht entgangen. Sie schien ihm zu gefallen, trotz ihrer wenigen „Kenntnisse."
„Ich bin ein Freund von Musik," sagte er. „Setzen Sie sich an's Piano, Fräulein Alvarez, und singen Sie mir ein Lied."
Auf einen Wink seines Herrn öffnete Bertram das Instrument und Giralda nahm vor dem Cla- vier Platz. Nach einem kurzen Präludium sang sie eins ihrer Lieblingslieder, wie sie es zu Hause gewohnt gewesen. Nachdem sie geendet, erhob sie sich und kehrte auf ihren früheren Sitz neben dem Kamin zurück.
Der alte Marquis saß eine Weile, die Augen mit der Hand bedeckt haltend. Plötzlich, gleichsam aus seinem Sinnen erwachend, sagte er in bei weitem freundlicherem Tone als bisher:
„Bitte, Fräulein Alvarez, lesen Sie mir etwas vor." Ec winkte seinem Diener, welcher dem
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Oktober.
* Kaiser Wilhelm begeht am 2. Januar k. I. sein fünfundzwanzigjähriges Regierungsjubiläum als preußischer König. In weiteren Kreisen beschäftigt man sich mit Vorbesprechungen zur Feier dieses Tages.
• Dem Moniteur de Rome' wird unter dem 8. aus Berlin telegraphirt: „Msgr. Krementz, Erzbischof von Köln, wird in einiger Zeit seine Pilgerfahrt nach Rom antreten."
• Sicherem Vernehmen nach finden anläßlich des Gräf'sch en Prozesses wegen einzelner in der mündlichen Verhandlung vorgekommenen Unzuträglichkeiten über die Mittel, solchen auf dem Boden bestehender Gesetzgebung vorzubeugen, Konferenzen im Justizministerium statt, woran auch die Präsidenten der hiesigen Gerichte und Beamte der Staatsanwaltschaft theilnehmen.
* Drastisch ist das Verdammungsurtheil, welches die .Köln. Ztg.' unter dem ersten Eindruck der konservativen Wahlerfolge in Frankreich über die derzeitigen politischen Machthaber Frankreichs ausgesprochen hat. Nach Ansicht der.Köln. Ztg.' hat das französisch- Volk sich bish-r von der „politischen Halbwelt", von „politischenIndustrie- rittern" und „politischen Abenteurern" ausplündern lassen. Und für diese Männer bezw. für ihre innere Politik schwärmte bisher dieselbe .Köln. Ztg.', die sich damit also selbst ihr Urtheil spricht.
* Die Berufsgenossenschaften sind, nachdem das UnfallversicherungS - Gesetz vom 6. Juli 1884 laut kaiserlicher Verordnung vom 25. Sep« tember d. I. mit dem 1. October d. I. in Kraft getreten ist, zur Zeit mit ihrer Organisation vollauf beschäftigt. Dabei stellt sich heraus, daß viele, namentlich kleinere Betriebe noch gar nicht zur Anmeldung gelangt sind, wahrscheinlich weil die betreffenden Inhaber sich nicht für versicherungspflichtig halten. Es wird deshalb wiederholt darauf hingewiesen, daß unter die Bestimmungen des
Fräulein sofort das bezeichnete Buch überreichte, aus dem sie eine Stelle mit Ausdruck vorlas.
„Seltsam!" sprach der Marquis zu sich selbst, als sie geendet. „Ihre Stimme kommt mir so bekannt vor. Es ist mir so, als ob ich sie schon gehört hätte. Sie lesen gut, Fräulein Alvarez", fuhr er laut fort. „Mir gefällt Ihre Stimme, Ihr Spiel, Ihr Benehmen. Sind Sie mit einem Salair von tausend Francs zufrieden?
Tausend Francs! Diese Summe erschien Giralda ein kleines Vermögen. Sie beeilte sich, das Anerbieten mit Dank anzunehmen.
„Haben Sie gute Empfehlungen?" fragte der Marquis weiter.
Giralda wurde todtenbleich. — „Empfehlungen, Herr Marquis", entgegnete sie, „kann ich Ihnen nicht geben. Mein Vater ist ein Spanier von Geburt. Meine Mutter ist eine Schauspielerin. Ich bin darauf angewiesen, mir meinen Unterhalt zu verdienen, weil ich meinen Eltern nicht länger zur Last fallen will. Ich habe deshalb das Elternhaus verlassen. Es thut mir herzlich leid, Sie so lange aufgehalten zu haben, Herr Marquis!" Zögernd erhob sie sich von ihrem Sitze.
„Halt!" rief der Marquis. „Ich habe ja nicht gesagt, daß Empfehlungen unumgänglich nothwendig
Die,Fuldaer Zeitung' erscheint t-iglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. BiAeljShrlicher ' 1 50
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