JXä 233.
Montag, den 12. Oktober
Jfulbarr
1885.
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8 Wahlbetrachtungen.
I.
A Nur noch zwei Wochen trennen uns von den Wahlen zum preußischen Landtage. Von allen politischen Parteien ist es nur das Centrum, welches denselben mit Ruhe und Zuversicht, weil gestützt auf ein feste« Programm, entgegensieht. Im Uebri- gen wird die Wahlschlacht eine recht seltsame und konfuse werden, denn Niemand weiß, wer Regierungsfreund und Regierungsfeind ist, denn unsere ganz innere Politik ist das vollständigste Chaos, ein großes Fragezeichen, das verschleierte Bild zu Sais. Sie ist in den wichtigsten Punkten nicht konservativ, nicht liberal, sondern einfach die Politik de» Fürsten Bismarck, und was das heißt, weiß Jeder. Die Regierung ist diesmal mit keinem Programm vor die Wähler getreten, und sie wird dies, wie die Offiziösen erklären, auch nicht thun, und zwar deshalb nicht, weil sie „verneinende Bündnisse" gegen sich selbst befürchtet und meint, Schweigen sei in diesem Falle Gold. Eine Regierung aber, die sich fürchtet, ihre Forderungen und Wünsche kund zu geben, setzt Mißtrauen in ihre eigene Politik, die eine so schlimme sein muß, daß sie sofort allenthalben auf Widerspruch stoßen würde. Diese Geheimthuerei erweckt aber auch berechtigtes Mißtrauen beim Volke, das von einer Geheimpolitik nichts mehr wissen will, sondern Klarheit fordert, und ausbleiben kann diese Klarheit ja nicht, sobald die offiziösen Phrasen von „nationalem Instinkte" 2C. bestimmten, greifbaren Gesetzvorlagen weichen müssen. Soweit wir den Fürsten Bismark kennen, verlangt er, daß seine Leute, die nebelhafte „Mittelpartei", ein weiße» Blatt Papier unterzeichnen und unbesehen Alles gutheißen, was er heute fordern und morgen verwerfen wird. Sein Streben geht dahin, die Staatseinnahmen durch neue Steuern zu vermehren. Ob der leitende Staatsmann in Zukunft die konservative oder liberale Bahn wandeln wird, das weiß er wahrscheinlich selbst noch nicht und hängt von dem Ausfall der Wahlen ab. Gelingt es ihm, das „klerikal-konservative" Bündniß vollends zu sprengen, und die Konservativen nvt den Nationalliberalen in die Hände des „nationalen Instinkte»" zu treiben, so wird ohne Zweifel der Liberalismus wieder regierungsfähig werden, bildet aber da» starke Centrum mit den wirklichen Konservativen easssasassaBSSsasas
■H- Auf geheimnißvollen Wegen.
Roman von ?. (19
Giralda zögerte einen Augenblick, dann zog sie ein kleines Notizbuch aus ihrer Tasche hervor und entnahm demselben ein Zeitungsausschnitt. E» war die Annonce des Marquis. „Ich bin hierher gekommen, um mir selbst die Antwort auf diese Annonce zu holen, welche im ,Petit Journal' stand," sagte sie, indem sie dem Wirth den Zeitungsausschnitt hinreichte. „Ich muß mir einen eigenen Lebensunterhalt verdienen und ich glaubte, diese Stelle würde passend für mich sein."
Das ehrliche Gesicht de» Landwirthe» flößte ihr Vertrauen ein und so fuhr sie fragend fort: „Würden Sie wohl so freundlich sein, mir Etwas über den alten Herrn Marquis de Vigny mitzu- theilen?"
Der Wirth la» die Anzeige aufmerksam durch und sah dann da» hübsche, junge Mädchen erstaunt an. „Es wird Ihnen dort sicher nicht gefallen, mein liebe» Fräulein," sagte er, seinen Kopf schüt- telnd. „Der Herr Marquis ist ein alter Griesgram! Er hat nur drei Bedienstete, die alte Haushälterin, den Kutscher und Bertram, seinen Diener und Aufwärter. Was den alten Herrn veranlaßt hat,
die Parlamentsmehrheit, so werden die Liberalen bei Seite geschoben. Der Schwerpunkt liegt also ganz besonders in dem Verhalten der Konservativen, und diesen ist, wie die jüngste Vergangenheit gelehrt hat, nicht sonderlich zu trauen. Wir haben also alle Ursache, recht scharf zuzusehen, sobald ein konservativer Kandidat auf die Stimmen der Katholiken reflektirt.
Grenzenlos ist der Wirrwar im liberalen Lager. Die Nationalliberalen, ohnehin politische Amphibien, die nicht Fisch und nicht Fleisch sind, wissen nicht, wie sich sich verhalten, ob sie sich mehr nach links, oder mehr nach rechts drehen sollen. Um wieder regierungsfähig zu werden, wären sie freilich zu jedem Opfer bereit, aber noch fiel kein Strahl der Gnade aus dem offiziösen Sonnentrichter auf sie herab, und so patschen sie in dem Sumpfe der Ungewißheit herum, ohne festen Boden gewinnen zu können. Ihr Wahlaufruf, sowie derjenige der Freikonservativen ist eine Wassersuppe mit spärlichen Fettaugen darauf, über allgemeine Redensarten kommen diese beiden Parteien nicht hinaus, und jeder Gedanke an eine kräftige, gesetzgeberische Initiative ist ihnen längst abhanden gekommen; sie sind nichts als aufgeblasene Gummischläuche, die zu füllen Sache der Regierung sein würde. Herr v. Bennigsen ist wieder mit fliegenden Fahnen in's mittelparteiliche Lager hineinspaziert und die .Norddeutsche' hält ihre schützenden Fittiche über den „Marschall hinter der Front."
Während die Nationalliberalen sich auf ihre „bekannten Grundsätze" berufen, die ausschließlich in kulturkämpferischen Gelüsten, in der willenlosen Hingebung den Forderungen der Regierung gegenüber und dem Bestreben bestehen, mit Manchester- lichen Netzen zu fischen und die Taschen der Großkapitalisten zu füllen, während der Fortschritt sich darauf beschränkt, Geld zu Agitationszwecken zu fordern und während die Konservativen es vorziehen, keinen Wahlaufruf zu erlassen, da sie doch nichts eher zu sagen haben werden, bis die Regierung ihnen etwas vorgesagt hat, — ist es das Centrum allein, welche» offen und freimüthig erklärt, was es will und was es nicht will. Diese männliche Sprache, diese» zielbewußte Auftreten steht in grellem Gegensätze zu dem wirren Durch- einander und der heillosen Zerfahrenheit auf gegnerischer Seite und der Spott de» Mischmasch» über den Wahlaufruf de» Centrums ist nichts
sich eine Gesellschafterin zu halten, weiß ich nicht. Bertram war gestern bei mir, als er von der Post kam. Er erzählte mir, daß er bereit» über hundert Briefe bezüglich dieser Anzeige eingeholt habe. Aber Sie sind die Erste, mein Fräulein, welche sich auf den Weg gemacht hat, um in Person die Anzeige zu beantworten. Bertram sagte, daß sein Herr sich in den Kopf gesetzt hat, ein junge» Mädchen um sich zu haben, welche» ihm vorlesen, singen und spielen kann! Da» ist Alles, was er verlangt 1"
„Wie alt ist der Marquis?" fragte Giralda.
„Fünfundstebenzig Jahre, mein Fräulein. Er ist so reich wie Krösus. Aber er ist ein harter, alter Mann. Er ist sehr geizig. Er war es immer schon, aber seitdem Graf Armand, sein Neffe, sein Vertrauen so arg getäuscht hat, seitdem ist e« noch zehnmal schlimmer mit ihm geworden."
„Graf Arniand?" fragte Giralda.
„Ja, mein Fräulein! Seines Bruders Sohn, Armand de Vigny, welcher nach seines Oheims Tode dessen Erbe geworden wäre. Graf Armand versuchte es, so sagt man, seinen Oheim zu tödten und zu berauben. Er soll ihm auch wirklich einen Stich in der Schulter beigebracht haben; aber in der ganzen Gegend lebt kein Einziger, der dieGe-
weiter, als der Ausfluß des Aergers und des Hasses gegen Diejenigen, welche die Rechte und die Freiheit der Kirche von kirchenfeindlichen charakterlosen Erfolganbetern nicht mit Füßen treten lassen wollen. Unsere Parole lautet: „Nieder mit der Mittelpartei!" und sie lautet deßhalb so, weil das Zustandekommen einer solchen, aus nationalliberalen und freikonservativen Kulturkämpfern zusammengeschweißten Partei gleichbedeutend wäre mit der Verschleppung des kirchenpolitischen Streite».
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Oktober.
* So weit bis jetzt verlautet, wird der Kaiser am 20. Oktober von Baden-Baden abreisen und am 21. Oktober in Berlin eintreffen, um seinen ferneren Aufenthalt hier zu nehmen.
* Der .Reichsanzeiger' enthält die Ernennung des Fürsten Hohenlohe zum Statthalter von Elsaß-Lothringen.
• Das bisher vor Sansibar liegende deutsche Geschwader ist nach Aden beordert. „Habicht" und „Cyclop" gehen nach Kamerun. Der Konflikt mit Sansibar ist also vollständig ausgeglichen.
* Gestern ist eine Arbeiterinnen-Ver« sammlung auf Grund des Sozialistengesetzes aufgelöst worden.
* Die Zahl der Landrathsstellen beträgt in Preußen 457; seit dem vorigen Jahre hat sie sich durch die Ausdehnung der Verwaltungsorganisation auf Hannover um 69 vermehrt. Davon sind 419 besetzt. 38 vacant, von denen 36 kommissarisch verwaltet werden. Die meisten nicht besetzten Landrathsstellen befinden sich in Hannover, nämlich 11. Unter den zur Zeit vorhandenen 423 Landräthen sind 252 oder 59,3 pCt. adelig. Da im vorigen Jahre 65,0 pCt. aller Landräthe adelig waren, könnte man annehmen, daß eine Abnahme der Adeligen stattgefunden habe; die prozentuale Herabminderung geht aber au« der Einrangirung der ehemaligen Kreishauptmänner hervor, von denen nur ein geringer Theil adelig war. Die meisten adeligen Landrätbe haben Pommern, wo von 36 nur 2, und Schlesien, wo von 58 nur 11 bürgerlich find. 31 Landräthe haben den Charakter als Geheimer Regierungsrath.
• Der Königsberger Magistrat hat den Antrag der Stadtverordnetenversammlung, worin
schichte glaubt, denn Armand de Vigny war bei Allen beliebt. Er starb vor langen Jahren in Brasilien. Der Marqui« aber hat, wie Bertram sagt, Nicht» vergessen und nährt seinen Haß gegen seinen verstorbenen Neffen bi» an sein Grab!"
„Armer, alter Mann!" seufzte Giralda. „Er scheint sich einsam und verlassen in der Welt zu fühlen. Doch jetzt will ich mich auf meinen Weg machen. Bitte, bestellen Sie den Wagen binnen einer halben Stunde."
Es war inzwischen zehn Uhr geworden, als der Wagen vorfuhr und Giralda eilte, ihre Reisetasche in der Hand, hinaus. Der Wirth half ihr höflichst in den Wagen, gab dem Kutscher ein Zeichen und fort ging e» im Galopp durch das Dorf, dem Landsitze de» Marqui» entgegen. Der Morgen war, trotz der etwas scharfen Luft, angenehm. Die Vögel sangen in der Luft, der Himmel war klar und hell. Dann und wann schimmerte ein kleines oder größeres Gehöft durch die Bäume. Endlich erreichten sie eine Anhöhe, welche sich inmitten von Felvern und Wiesen erhob. Der Grund war von prächtigen, alten Bäumen bewachsen und ein große», schloßähnliche» Gebäude ragte zwischen dem kahlen Geäst hervor, einen imposanten An- i blick gewährend. Schloß de Vigny lag vor Giraldatz