Fuldaer
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Zweites Blatt.
* Die Post als Barometer des Volkswohlstandes.
Seitens des kaiserlichen statistischen Amtes wird alljährlich eine Statistik des Post- und Telegraphenbetriebes im Reichspostgebiete veröffentlicht, aus welcher man Schlüffe auf den Volkswohlstand gezogen hat.
Es hat sich die Portoeinnahme im Reichspostgebiete von 1872 bis 1883 in dem Grade erhöhet, daß in den letztgenannten Jahren auf je 100 Einwohner 99 Mark (also auf je 1 Einwohner 1 M.) mehr gekommen sind, als in dem ersten Jahre. Dieselbe betrug nämlich 205 M. im Jahre 1872, dagegen 304 M. im Jahre 1883. Wenn man aus dieser Steigerung geglaubt hat auf die Zunahme von Handel und Wandel, auf den gesteigerten Umsatz und die Rentabilität des Geschäfts schließen zu dürfen, so ist das offenbar verkehrt. Es sind ja nicht lauter Geschäftsbriefe, die der Post zur Beförderung übergeben werden, und sicher hat die Zahl der nichtgeschäftlichen Briefe in den letzteren 12—15 Jahren sich ganz außerordentlich vermehrt. Sollte der Schluß richtig sein, so würden auch die fetten Jahre der Gründung vor den mageren Jahren der folgenden Zeit in der Scala der Steigerung der Portoeinnahmen hervorragen müffen. Es ist das aber nicht der Fall. Die Steigerung betrug nämlich in dem Zeiträume von 1872 bis 1883 für die einzelnen Jahre in ihrer Reihenfolge 9—5—13—5—8—7—5—11 — 13—9 — 14 M. für je 100 Einwohner des Reichspostgebietes. Die Gründungsperiode ragt also nur in einem Jahre hervor.
Der Steigerung der Portoeinnahmen steht eine Abnahme der beförderten Briefe und Packete mit Werthangabe entgegen. Es betrug deren Zahl für je 100 Einwohner 54 im Jahre 1872 (sogar 60 im Jahre 1874) und nur 31 im Jahre 1883, deren Werth 33,452 M. im Jahre 1872 (sogar 34,290 M. im Jahre 1874) und nur 27,524 M.
im Jahre 1883. Wie indeß aus der Portoeinnahmesteigerung nicht auf eine Zunahme, so kann aus der Verminderung der Werthsendungen nicht auf eine Abnahme des Volkswohlstandes geschloffen werden, da nämlich der Betrag der bei der Post eingezahlten Summen, der sogen. Postanweisungen, bedeutend, von 1290 im Jahre 1872 auf 7161 im Jahre 1883 auf je 100 Einwohner, gestiegen ist. Auch dürfte mit der Vervollkomm- nung des kaufmännnischen Geschäftes die Zahlung in baarem Gelds gegen die übrigen Formen der Uebertragung mehr zurückgetreten sein. Allerdings wird man, was Werthsendungen anbetrifft, auf eine Verminderung der Betheiligung der mittleren und unteren Volksklaffen, auf ein Zurücktreten des Kleinverkehrs gegen den Großhandel aus dem Umstande schließen können, daß, während die Zahl der beförderten Werthsendungen 39 im Jahre 1879 und nur 31 im Jahre 1883 betragen, der Werth der Sendungen im Laufe dieser fünf Jahre von 24961 M. auf 27524 M. sich erhöhet, der Durch- schnittsbetrag der einzelnen Werthsendung sich also im Jahre 1879 auf 640 M. und im Jahre 1883 auf 887 M. gestellt hat. i
Ein bedenkliches Zeichen für den Wohlstand der Bevölkerung ist aber die Zunahme der Postauf- tragsbriefe, d. i. einer Art von Geldverkehr, welche in den meisten Fällen die Natur eines gelinden Zwanges annimmt. Es hat sich nämlich der Weich der Postauftragsbriefe von 1872 bis 1883 von 23 M. auf 908 M. für je 100 Einwohner erhöht, eine ganz bedeutende Erhöhung, welche zu dem Schluffe berechtigt, daß die Schwierigkeit, ausstehende Forderungen einzutreiben, immer mehr zunimmt. Auch die Postnc.chnahmen stellen in vielen Fällen einen gewissen Zwang dar. Daß sie in genannter Periode von 132 int Jahre 1872 (im Jahre 1877 sogar 157 M.) nun aus 147 M. für je 100 Einwohner gestiegen sind, kann gleichfalls nur als ein Zeichen betrachtet werden, daß der Wohlstand unseres Volkes nicht in besonderem Grade sich gehoben hat.
* Die „Postsparkasse".
„In diesem Jubel — dem allgemeinen. Trauernd vor Trubel — seh ich nur einen, Möge erbarmen — Gott sich des armen Postsekretärs, — welcher am Schalter Steht als Verwalter — dieses Verkehrs! Jetzt schon von Härte — dünkt mir sein Leidstand: Hinten „Couverte" — Vorne ein „Kreuzband;" Selber den Starken — Nervenstrang schwächts; Links „Stempelmarken" — „Postkarten" rechts. Und mittendrein — in dem Gewäsche Noch der „Depesche" — Wörtergespinn! Doch in den Haaren — wird er sich raufen. Wenn erst zum Sparen — strömen die Haufen; Wenn erst die Mengen — Schreckensgespenster! Lärmen und drängen — draußen am Fenster, Kinder im Wickel — bringen zehn Nickel, Um — nach dem Rathe — ihrer Frau Pathe, Nebst ihrem Segen — sie anzulegen;
Knaben auf Stelzen — sieht man sich wälzen Sammt ihrem Quark — anderthalb Mark! Während hier leise — schon halb im Bahrtuch Zitternde Greise — fordern ein Sparbuch, Legt dort die frohe — rüstige Tante Was auf die „hohe" — Stephansche Kante. Hier zur Vermehrung — „postalischer" Qualen, Wünscht 'ne Erklärung — Jener fürs Zahlen; Dieser mit Grinsen — meldet ergrimmt, Daß ihm das Zinsen- — Conto nicht stimmt. Bald fragt ein neuer: — ob es Versünd'gung, Wenn er sechs Dreier — brächte auf Künd'gung! Bald aber berichtet — Einer mit Flehen, Daß „aus Versehen" — man Ihm vernichtet Gestern sein Schuldbuch — und der Geduld Fluch Spricht der verdammte — ärmste Beamte. Wie die Hellenen — einst Menelaos. Stürtzt jetzo Jenen — Golddurst in's Chaos; Pilzenhaft mehren — schon sich die Summen, Die ihm den schweren — Kopf machen brummen; Geldscheine, Metalle — knitternd und blitzend Er bucht Sie alle — stöhnend und schwitzend; Früh schon am Morgen — fast noch im Hemde, Spät noch am Abend — zählt er die Bank, — o! Gefunden habend — „fünf Pfenn'ge Manko"; Nachts selbst beim Schlummer — fiebernd und grausend, Sieht er der Nummern, — endlose Tausend; Unter den Lasten — seh' ich ihn knicken. Denn dieses Hasten — muß ihn verrücken! Enden wird bald er — dann steht ein kalter Leichnam am Schalter — der arme Verwalter!"
W. Scarry-
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