1885.
Donnerstag, den 8. Oktober
Fuldaer I
itung
Die .Fuldaer Zeitung" erscheint täglich. Sonn, und Feiertage ausgenommen. Brerteliahrlicher AbonnementSpreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld. 1 Mk. 50 Pfg.. mit der belletristischen Wochenb.ilage .Sterne und Blumen" in Fulda 1 Mk. 70 Pfg-, auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltig- Zeile oder derm Raum 15 Pfg.. sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Reglement für die Wahlen zum preußischen Landtag.
Das Wahlverfahren ist nicht so einfach, wie bei den Reichstagswahlen, wo jeder stimmberechtigte Wähler nur zur Urne geht und seinen zusammen- gefalteten Zettel abgiebt. Es kommen hierbei eine Menge verwickelter Bestimmungen in Betracht, welche die Wähler sich genau merken müssen, damit sie wissen, was sie zu thun haben.
Die preußischen Landtagswahlen zerfallen in zwei verschiedene Wahlakte: 1) die Wahlmännerwahlen, 2) die Abgeordnetenwahlen.
Die Wähler, Urwähler genannt, haben nicht das Recht, ihre Stimme direkt dem zu erwählenden Abgeordneten zu geben, sondern wählen zuerst Wahlmänner, welche dann ihrerseits zusammenkommen, um die Abgeordneten zu wählen. Di: Abgeordnetenwahlen finden acht Tage nach den Wahlmännerwahlen statt.
Die erste Frage, die sich der Bürger vorzulegen hat, ist, ob er alle Bedingungen erfüllt, um als -Urwähler stimmberechtigt zu sein.
Stimmberechtigt ist jeder Reichstagswähler, vorausgesetzt, daß er Preuße ist und seit sechs Monaten seinen Wohnsitz in der Gemeinde hat.
Preuße wird man durch Abstammung und Ra- turalisationsürkunde, nicht aber durch den bloßen Wohnsitz in Preußen.
Als Reichstagswähler muß man 2d Jahre alt sein; für den preußischen Landtag ist man schon mit 24 Jahren wahlberechtigt. Wie bei den Reichstagswahlen sind auch bei den Landtagswahlen alle Dienstboten, Haussöhne rc. wahlberechtigt.
Ist der Bürger hiernach stimmberechtigt, so muß er sich vor Allem vergewissern, ob er auch in die Uhrwählerlisten eingetragen ist.
Diese Urwählerlisten müsien nach dem Reglement drei Tage lang zur Einsicht ausgelegt werden, und der Ort und die Zeit, wo und wann dies geschieht, muß öffentlich bekannt gemacht werden. Beim Einsehen der Listen muß der Wähler darauf achten, daß der Steuerbetrag, zu dem er an direk- ten Staalssteuern veranlagt ist, neben dem Namen richtig angegeben ist, und zwar in der Höhe der Veranlagung ohne Rücksicht auf den Steuererlaß.
Dieses ist von größter Wichtigkeit, denn nach der Höhe der Steuern, die er zahlt, wird sein
-H- Auf geheimnißvollen Wegen.
Roman von I. Hohenfeld.
(16
Sie sprach so bestimmt, daß Gabriele erkannte, sie würde nicht so leicht ihren Vorsatz aufgeben. O, sie hatte cs erwartet! Doch nun, da die Stunde gekommen, traf sie der Schlag mit vernichtender Schwere und ihr Herz quoll über in Liebe für ihr Kind. Eine wilde, mächtige Sehnsucht regte sich in ihr, dem jungen Mädchen Alles zu entdecken, ihr zu enthüllen, daß sie die Tochter einer Gräfin von Chatrois und daß das Theater, auf dessen Bühne ihre Mutter mitwirkte, das große Theater des Lebens, die Weltbühne sei, auf der sie, ein Stern der eleganten Gesellschaft, glänzte. Aber sie erstickte den Gedanken im Entkeimen. Sie gedachte der nächtlichen Thränen, die Giralda vergossen hatte, weil sie ihre Mutter für eine bezahlte Schauspielerin hielt; nein, sie konnte nicht diese reine Seele mit der dunklen Geschichte ihres Lebens, mit der Enthüllung der Wahrheit belasten. Sie fand nicht die Kraft in sich, der Töchter Alles zu sagen — wenigstens nicht jetzt. Später — später vielleicht konnte Giralda immer noch früh genug Alles erfahren. Mehrere Male durchschritt sie unruhig das elegante Gemach.
Platz in einer der drei Urwählerabtheilungen bestimmt. Von diesen ist nachher die Rede.
Wer seinen Namen nicht darin findet oder den angeführten Steuerbetrag als unrichtig erkennt, muß dies innerhalb dreier Tage nach der Bekanntmachung bei der Ortsbehörde oder bei dem von derselben ernannten Wahlkommissar schriftlich oder mündlich zu Protokoll geben.
Ferner muß der Wähler wissen, welches der Urwahlbezirk ist, zu dem er gehört. Die Bestimmungen hierüber sind folgende:
Gemeinden von mehr als 749 Seelen bilden einen selbstständigen Wahlbezirk; diejenigen Gemeinden, welche jene Seelenzahl nicht erreichen, werden von dem Landrath mit einer oder mehreren Gemeinden zu einem Urwahlbezirk zusammengethan. Gemeinden dagegen, welche mehr als 1749 Seelen haben, werden von den Gemeindebehörden in mehrere Urwahlbezirke getheilt.
Auf dem Lande wählt also nicht wie bei den Reichstagswahlen überall jeder in seinem Wohnort, sondern muß vielfach dazu sich in eine Nachbargemeinde begeben, mit welcher sein Ort zu einem Urwahlbezirk zusammengelegt ist.
Man achte ja darauf, daß namentlich die Städte und alle im Wachsthum begriffenen Orte ihre richtige Wahlmännerzahl zugetheilt erhalten. Auf 250 Seelen der ortsanwesenden Bevölkerung nach der Zählung von 1880 muß immer ein Wahlmann kommen. Das Militär ist nicht wahlberechtigt, zählt- aber mir bei Berechnung zur Wchl- männerwahl. Beschwerden gehören vor die Bürgermeister, auf dem Lande vor den Landrath.
Nun zu den Wahlmännerwahlen selbst!
In jedem Urwahlbezirk werden mindestens drei und höchstens sechs Wahlmänner gewählt. Das richtet sich nach der Gesammtseelenzahl des Bezirks.
Die Wahl selbst findet in drei Abtheilungen statt. Jede derselben wählt ihre besonderen Wahl- männer. Das Verfahren bei der Herstellung der drei Abtheilungen ist ein verschiedenes, je nachdem
1) die Gemeinde einen eigenen Urwahlbezirk für sich bildet,
2) mit mehreren Gemeinden zu einem Urwahl- bezirk vereinigt wird,
3) oder endlich, weil sie über 1749 Seelen zählt, in mehrere Urwahlbezirke zu theilen ist.
Im ersteren Falle werden die Namen fämmt- licher Urwähler nach der Höhe ihrer Steuerbeträge
„Giralda", sprach sie endlich zärtlich, sich wieder neben dem jungen Mädchen nicderlaffend, „ich erkenne Deine Liebe zu mir vollkommen. Du besitzest ein großmüthiges Herz — Gott segne Dich darum! Aber ich kann Dich niemals von hier fortlassen. Du darfst Deines Vaters Haus nicht verlassen. Nur hier bist Du geschützt vor der Welt. Es wird die Zeit kommen, in der deine glänzendsten Erwartungen sich zur Wirklichkeit gestalten werden — bis dahin, mein Kind, harre in Geduld!"
„Ich kann es nicht!" rief Giralda, in Thränen ausbrechend.
„Du mußt es, mein Liebling! Du taugst nichts für die kalte, herzlose Welt, die Du früh genug kennen lernen wirst. Du mußt hier bleiben, bis — doch laß uns davon abbrechen für heute. In der nächsten Woche, wenn ich wiederkcmme, werde ich Dir vielleicht etwas von Wichtigkeit zu sagen haben. Bis dahin verbanne die Schatten von Deiner Stirne und denke nicht mehr daran!"
O, wenn doch nur eine Vorahnung oder ihr Schutzengel Gabriele zugeflüstert hätte, der Tochter noch in biefer Stunde Alles zu offenbaren! Unter wchmüthigen Gefühlen küßte sie wieder und wieder das liebliche Antlitz des jungen Mädchens. Dann
untereinander geschrieben; der Name desjenigen Bürgers, der am meisten zahlt, zuerst; und so herunter bis zum dem Namen des am wenigsten zahlenden Bürgers. Sodann werden die Steuern, die sie allesammt bezahlen, zu einer Summe ob bitt unb die Gesammtsumme wirb darauf in drei gleiche Theile zerlegt. Diejenigen Bürger nun, welche von oben an gerechnet, das erste Drittel aufbringen, bilden die erste Abtheilung, die, welche das zweite Drittel aufbringen, die zweite und schließlich, welche das letzte Drittel aufbringen, die dritte. (Fortsetzung folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Oktober.
* Das Resultat der diesjährigen preußischen Landtagswahlen ist im Ganzen vorauszusehen : es wird aus den Wahlen im Wesentlichen wieder eine Zusammensetzung des Landtags hervorgehen, wie in den letzten Jahren. Keine Partei trägt sich in dieser Bestehung mit besonderen Hoffnungen oder besonderen Befürchtungen. Am meisten machen von sich reden und suchen den Schein des Aufschwungs zu erwecken, die Mittelpartete n, und die Sorge herrscht am meisten bei den Deutschfreisinnigen einiger Gegenden. Jetzt geben aber doch auch schon mittelpart?iliche Blätter zu, daß es zu irgend bedeutenderen Aenderungen der Parteiverhältniffe nicht kommen werde. Einige Verluste bei Deutschfreisinnigen und Konservativen, einige auch bei den Polen, falls die „Nationalen" zusamme.chiclten, vielleicht auch einige beim Centrum — das ist das Höchste an Hoffnung, wozu selbst mittelparteiliche Phantasie sich zu erheben wagt, trotz alles Selbstbewußtseins dieser Herren. Ist so die Erwartung des Resultats der Wahlen in Preußen nicht geeignet besondere Aufregung zu erwecken, so kommt noch dazu, daß durch die Monarchie als noch starken Faktor in unserm Staatsund Volksleben die Wahlschlacht überhaupt nicht von so allein entscheidender Bedeutung für das Geschick des Landes ist, als in dem parlamentarisch regierten England und dem republikanischen Frankreich, und ferner ruht ja ein wesentlicher Theil der parlamentarischen Arbeiten nicht mehr beim preußischen Landtag, sondern ist auf den Reichstag übergegangen, über deffen Zusammensetzung für drei Jahre im vergangenen Herbst wieder entschieden worden ist.
suchte sie den Grasen auf, der im Familienzimmer ihrer Rückkunft harrte.
Er sah sie fragend an und Gabriele wiederholte ihm das ganze Gespräch. Ein tiefer Ernst senkte sich bei ihren Worten auf ihn herab und sie mußte ihre ganze Liebenswürdigkeit aufbieten, um die Schwermuth, die sich auf seine Seele gelegt hatte, wieder zu verscheuchen. Durfte doch, außer den treuen Dienerinnen, welche die langen Jahre hindurch tiefes Schweigen bewahrt hatten, Niemand den wahren Sachverhalt wissen. Giralda und Rupert mußten in Unkenntniß bleiben, bis der Zeitpunkt, in dem sie Alles erfahren durften, gekommen sein würde.
Eine Stunde noch blieben die Gatten in traulichem Zwiegespräch zusammen; den übrigen Theil des Tages verbrachten sie in der Gesellschaft der Kinder, die in der Gegenwart der Mutter fröhlich und glücklich waren. Nur zu schnell ging für Alle der Tag dahin. Bald nach Embruch der Dunkelheit kam der Moment des Abschieds heran. Nur von Giralda begleitet, begab sich Gabriele nach dem oberen Zimmer, das sie bei ihrer Ankunft zuerst betreten, um die Verkleidung wieder anzulegen, die sie bei ihrem Kommen getragen hatte.
Die kleine Familie harrte ihrer in der Halle.