Einzelbild herunterladen
 

1885.

Fuldaer

Die.Fuldaer Zeitung' erscheint titglich. Sonn, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.. auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.. sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin. 6. Oktober.

♦ Das preußische Staatsministerium ist jetzt wieder vollzählig hier versammelt. Die Minister» Beratyungen für die Vorlagen der nächsten parla­mentarischen Saison werden nächstens ihren An­fang nehmen.

♦ Eine von der .Schles. Volksztg.' vorgenommene Musterung der bisher vom Centrum beseflenen Landtags-Wahlkreise kommt zu dem Ergebniß, „daß das Centrum eigentlich nur 3 gefährdete Wahl­kreise hat, aus denen es bisher 5 Abgeordnete zählte, nämlich Beuthen-Tarnowitz-Kattowitz-Zabrze, Neuwied-Altenkirchen und Konitz-Schlochau. Diesen stehen aber noch mehr Wahlkreise gegenüber, in denen ein Sieg des Centrums durchaus nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. Wir verweisen nur auf Crefeld, Mörs, Tecklenburg, den Rheingau­kreis, den Ober- und Unterlahnkreis und Stuhm- Marienwerder. So dürfte jedenfalls der etwaige Verlust durch anderweitigen Gewinn balancirt werden und das Centrum sicherlich ungeschwächt aus dem Wahlkampfe hervorgehen."

* Der Moniteur de Rome' schreibt: „Mehrere Blätter beschäftigen sich unausgesetzt mit der Er­nennung eines Bischofes für Ermeland. Sie versichern, daß die preußische Regierung dem Vati­kan eine Kandidatenliste eingereicht habe, auf welcher sich auch der Dompropst zu Breslau, Hr. Kayser, befinde. Diese Blätter haben ohne Zweifel ver­gessen, daß die Wahl eines Bischofes von Erme- land durch das Domkapitel gemäß der päpstlichen Bulle (de salute animarum) geschehen muß, und daß in biesem Augenblicke kein Grund vorliegt, von dem Herkommen abzuweichen." Daß die Re­gierung in irgend welcher Form für Hrn. Kayser sich bemüht hat, ist kaum zu bezweifeln.

* Fürst Alexander von Bulgarien nimmt schon zu Entschuldigungen seine Zuflucht: Wie aus Philipoppel gemeldet wird, hat derselbe eigenhändge Schreiben an die Kaiser von Oesterreich-Ungarn und Rußland gerichtet, in denen er aufs Nach­drücklichste betont, daß er durch die Ereignisie in Ostrumelien vollständig überrascht wuroe und daß er weder in Pilsen noch in Franzensbad eine Ahnung von dem hatte, was sich in Philippopel vorbereitete. Die ernsten Ereignisse daselbst hätten ihn bemüßigt, mit seinem Namen dasjenige zu decken, was andere

-h- Auf geheimnißvollerr Wegen.

Roman von ?. Hohenfeld. (15

„Was ist Dir, mein Sohn?" fragte Gabriele ängstlich. „Bist Du krank?"

„Nein, Mutter!" antwortete er. „Ich befinde mich ganz wohl. Ich wollte über mich selbst mit Dir sprechen. Ich bin jetzt beinahe fünfzehn Jahre alt. Hast Du schon einen Plan für meine Zukunft entworfen?"

Ein banger Zug glitt über das Gesicht der Comtesse, als sie mit der Hand durch das dichte Haar ihres Sohnes strich, ohne zu antworten. Die Stunde, welche sie schon lange gefürchtet hatte, war gekommen. Rupert's strebsamer Geist war erwacht zum Ernst des Lebens. „Soll ich ein Advokat, ein Theologe oder ein Arzt werden, Mutter ? Oder soll ich einen andern Beruf erlernen ?"

Stolz erhob Gabriele ihr Haupt. Das fran­zösische Blut der von Chatrois machte sich geltend. „Mein Sohn will sich sein Brod verdienen?" rief sie aus. „Mein Sohn will arbeiten für Geld? Rupert, wie kommst Du auf solche Gedanken?"

Der Knabe erhob das Haupt. Seine Wangen glühten. „Mutter!" entgegnete er ernsthaft. Wes­

vollbracht haben. Da scheinen also die russischen Drohungen gegen den Fürsten Alexander doch ge­wirkt zu haben.

* Die Wahl des Regenten von Braun­schweig wird wahrscheinlich am 19. Oktober statt­finden. Die Vorfragen sind am Sonnabend in Braunschweig erledigt worden auf Grund von neu­lichen Konferenzen, welche zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Görtz-Wrisberg hier stattgefunden haben. Unter allem Vorbehalt wird mitgetheilt, daß man wohl den Prinzen Albrecht von Preußen am 19. Oktober in Braunschweig als Regenten begrüßen wird. Abwarten!

* Die Ehescheidungen nehmen in Berlin außerordentliche Dimensionen an. Vor dem königl. Landgericht I sollen am 28. November nicht weniger denn 20, und am 19. Dezember nicht weniger denn 19 Ehescheidungen verhandelt werden. Die meisten dieser Ehescheidungen sind von den von ihren Männern verlassenen Ehefrauen beantragt worden. Die Ehescheidungen sind zu einem großen Theil eine Folge der frühen und leichtsinnigen Ehe­schließungen, die in hiesigen Arbeiterkreisen leider üblich sind. Unbekümmert um die Zukunft gehen die jungen Leute eine Ehe ein, und wenn der Mann außer Arbeit kommt, läßt er einfach seine Frau sitzen. Oftmals trennt man sich und ver­einigt sich wieder, je nach Laune und Lage der Verhältnisse.

* Münster, 6.Oft. Wie verlautet, hat das Central-Wahlkomitö der westfälischen Ceptrumspar- tei öie Absicht, aus der am iu. u. M. oevrcft^en­den Versammlung der Vertrauensmänner die Bil­dung eines förmlichen Wahlvereins der west­fälischen Centrumspartei zu beantragen. Die Mitglieder dieses Vereins würden dann eventuell künftig die „Vertrauensmänner" der Partei reprä- fentiren und durch einen festgestellten Jahresbeitrag für die Bestreitung der mit den Wahlen verbun- denen regelmäßigen Kosten Sorge tragen. Ein solcher Wahlverein der westfälischen Centrumspar- tei wurde schon im Jahre 1870 angeregt und im Jahre 1876 auch faktisch gebildet; er kam aber bis heute nicht zu eigentlicher praktischer Geltung.

* In Pyritz (Regierungsbezirk Stettin) wird einem dringenden Bedürfniß abgeholfen: das dor­tige Gymnasium erhält den Namen Bismarck- Gymnasium. Ein Schönhausen-Gymnasium wird wohl bald folgen.

halb sollte Dein Sohn sich nicht sein Brod ver­dienen können? Ist es demüthigender für den Sohn, zu arbeiten, als für seine Mutter?

„Still, Rupert," sagte die Comtesse, ihre Augen niederschlagend, während ihre Wangen ebenfalls erglühten. „Du darfst solche Worte nicht sprechen. Es ist eine Nothwendigkeit vorhanden, welche mich noch von euch seruhält. Ich habe Dir die Wahr­heit gesagt, ich bin eine Schauspielerin; aber das Theater, in dem ich spiele und den Namen, den ich dort trage, darf meinen Kindern für's Erste noch nicht bekannt sein. Die Stunde wird einst kommen, in der ihr alles wissen werdet. Bis da­hin habe Geduld, mein Sohn!"

„O, Mutter!" rief Rupert aus. „Und ich möchte doch so gern etwas Großes werden und eine Universität besuchen! Ich habe Lebens­beschreibungen bedeutender Männer gelesen. Ich möchte doch so gern einst, wie ein großer Mann gesprochen hat, sprechen können: Das Alles ver­danke ich meiner Mutter!"

Gabriele zog ihren Sohn fester an ihr Herz. । „O, ich habe es mir längst gedacht, Rupert, daß Du den jungen Adlern gleich, bald Deine Schwingen regen würdest. Ich will die Angelegenheit mit Deinem Vater besprechen. Was jedoch Deine Zu-

* Frankfurt, 6. Okt. Zur bevorstehenden Landtagswahl in Preußen hat Herr Dr. Joseph Stern, der bereits von dem demokratischen Wahl­komitee für den Wahlkreis Frankfurt a. M. auf­gestellt war, die Annahme einer Kandidatur ab­gelehnt. Die Ablehnung ist auf speziellen Wunsch des Redaktionskollegiums der »Franks. Ztg.' erfolgt, welches Herrn Dr. Stern in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung nicht auf längere Zeit zu beur­lauben in der Lags wäre.

* Dis Kosten für das zur Zeit der vorigen Reichstagswahl nach Ludwigshafen entsendete militärische Sicherheitskommando (man befürchtete damals Ruhestörungen seitens der Sozialdemokraten) sind endlich gedeckt, nachdem es lange Zeit fraglich war, ob der Staat oder die Stadt Ludwigshafen dafür aufiommen müsse. Die Staatskasse hat nunmehr die Deckung übernommen und die be­treffenden Gelder dem Bürgermeisteramt in Lud­wigshafen übermacht, sodaß die nunmehr beinahe ein Jahr ausstehenden Forderungen der Wirthe und sonstigen Lieferanten endlich Befriedigung finden.

Ausland.

* Wien, 6. Okt. Nächstens findet hier eine Bischofskonferenz statt. (,Fr. Z.')

* In Innsbruck wurde am 2. Oktober die zur Wafferleitung führende Brücke über den Stillfluß durch Dynamit in die Luft gesprengt; die Wasser­leitung ist völlig zerstört. Die Verbrecher sind bishe^noch^niA^n^eckt^^

n r«. e i ty i/uven c«t Konservativen ganz unerwartete Erfolge ge­bracht. Es sind zwar am Sonntag wenig über die Hälfte aller Abgeordneten definitiv gewählt worden — über die übrigen hat am 18. Oktober die Stichwahl zu entscheiden — aber wenn aus dem ersten Wahlgange nach den Wahlergebniffen, wie sie bis Montag um Mitternacht in Paris vor­lagen, 165 Konservative und 141 Republikaner aller Schattirungen hervorgingen, daß also mehr als die Hälfte aller definitiv Gewählten der kon­servativen Partei angehört, so ist das ein Ergeb­niß, welches die kühnsten Hoffnungen der Freunde des konservativen Gedankens und die ängstlichen Befürchtungen seiner Gegner nicht zu erwarten wag­ten. Sämmtliche einlaufenden Depeschen sprechen nur von Siegen der vereinigten Konservativen.

* Paris, 6. Okt. Der .Gaulois' hatte gestern kunst anbetrifft, so kann ich Dich schon jetzt darüber beruhigen. Du bist der Erbe Deines Vaters und wenn Du am Leben bleibst, so wirst Du, wenn die Zeit da ist, einen hohen Titel und einen geachteten alten Namen tragen. Du wirst große Reichthümer und viele Ländereien besitzen." Rupert sah feine Mutter aus's Höchste verwundert an.

Diese Mittheilung muß ein völliges Geheimniß bleiben," fuhr Gabriele fort. „Sprich mit Nie­manden, auch nicht mit Giralda darüber. Du mußt Vertrauen und Geduld haben, mein Sohn. Bedenke wohl, daß Dir eine glänzende Zukunft bevorsteht!" Sie umarmte den Ueberraschten so zärtlich, wie nur eine glückliche Mutter ihr Kind umarmen kann, sich im Herzen freuend über den erwachten Ehrgeiz in feiner jungen Seele. Dann verließ sie das Zimmer, Rupert feinen neuen An- sichten, neuen Hoffnungen und neuen Träumen überlassend.

Der Graf erwartete Gabriele in seinem L-tudir- zimmer. Er saß auf dem Seffel bei dem Kamin. Innig schloß er sie in seine Arme. „Was wollte Rupert von Dir?" fragte er nach einer kurzen Pause. ,

„Er sehnt sich, seine Flügel zu erproben wie es die jungen Adler thun!" antwortete die Com-