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Dienstag, den 6. Oktober
1885.
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* Vom Kreditwesen des Handwerkerund Bauernstandes.
Die .Bayerische Handelszeitung' brachte vor einiger Zeit eine Reihe von bemerkenswerthen Artikeln über „das Kreditwesen der Gegenwart und die kleineren wirthschaftlichen Unternehmungen". Wir entnehmen dem Schlußartikel die folgenden Ausführungen: So lange es nicht gelingt, eine Organisation der Handwerker und der Landwirth- schaft in Verbände zu Stande zu bringen, welche sich ausschließlich mit der Pflege der diesbezüglichen Interessen befassen, so lange wird es auch nicht gelingen, den Kreditmangel dieser Erwerbsklaffen zu beseitigen. Und es ist wohl zu beachten, je länger diese Vereinigung zu gleichen Zwecken hinausgeschoben wird, desto schwieriger wird sie werden. Ist das Handwerk einmal zum Arbeiterproletariat tzerabgesunken, welches lediglich von seinem Lohne sozusagen von der Hand zum Munde lebt, so ist es überhaupt zu spät, noch an eine Organisation mit Erfolg gehen zu können. Die wohl- thätige Wirkung der Vorschußkaffen nach Schultze- Delitzschem oder Ralsfeisenschem Verbilde soll nicht verkannt werden. Aber angesichts der heutigen Kreditverhältnisse wird man kaum absprechen können, daß diese Selbsthülfe nicht mehr ausreichend genug ist. Das Verdienstvollste am Genoffenschaftswesen ist das Moment der Erziehung zur Sparsamkeit und Rechtlichkeit, welches in derartigen Vereinen liegt, ein Verdienst, welches gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Den kleineren selbstständigen Existenzen kann nur durch ein allgemeines festes Zusammenschließen der einzelnen Interessengruppen geholfen werden. Das Zusammentreten der einzelnen Gewerbe in Verbände, welche nach außen und innen deren speziellen In- tere,fen vertreten würden, wäre ein großer Segen. Wäre einmal das Handwerk organisirt, so wäre die Gründung einer unter der Aufsicht res Staates stehenden und lediglich mit der Pflege des handwerklichen Kredites beschäftigten Bank keine
schwierige Aufgabe. Handwerkerbanken und Land- wirthschaftsbanken sind heute ebenso verfrüht, wie sie künftig eine Roth Wendigkeit sind; sie sind zwar heute schon ein Bedürfniß; aber dieses kann noch nicht befriedigt werden, weil die Grundlage ihrer Existenz, die Organisation dieser Wirthschaftskreise fehlt. Die Aufgabe und der ganze Geschäftsrahmen der Notenbanken liegt auf so ganz anderem Gebiete, daß sich durch sie die Pflege des Kredits der kleinen Leute niemals direkt betreiben, höchstens indirekt begünstigen läßt. Hingegen halten wir eine mit Staatshülfe und unter Staatsaufsicht gegründete Handwerkerbank und eine derartige Landwirthschaftsbank für eine Nothwendigkeit der Zukunft. Es muß gelingen, den einzelnen Theilen des handwerklichen und landwirthschaftlichen Betriebskapitals etwas mehr Bewegungsfreiheit zu gewähren.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Oktober.
* Aus Rom erhält die ,Voff. Ztg.' eine Privatnachricht, wonach in den Archiven des Vatikans hochwichtige Dokumente entdeckt wurden, welche ein neues Licht auf die Karolinenfrage werfen.
* Die Einsicht, daß die Ordnung der Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel ein schweres Stück Arbeit sein wird, bricht allmählich auch bei den Organen durch, die bis jetzt mit der Behauptung, daß die Mächte einig seren, die ganze Affäre abthun zu können glaubten. Es wird jetzt allgemein zugestanden, daß die Besprechungen der Botschafter nur den Boden für die demnächst beginnenden Ver Handlungen ebnen sollen, und nicht nur die Aspirationen Serbiens sondern auch die, welche Rumänien noch in Petto haben dürfte, werden ernsthafter behandelt als bisher.
* Die Drechsler und Berufsgenoffen beschloffen in allen Werkstätten einen Minimallohn von Mk. 18 bei lOstündiger Maximalarbeitszeit ab 8. Oktober zu fordern, und wo diese Forderungen nicht bewilligt würden, vom 12. Oktober ab, die Arbeit einzustellen.
* Die überseeische Auswanderun g Deutscher über deutsche Häfen und Antwerpen betrug in den ersten acht Monaten dieses Jahres 79,933 Personen, in demselben Zeiträume des Vorjahres 111,253.
* In voriger Woche war gerade ein Jahr verflossen, seitdem der Verein mit dem langen Namen offiziell besteht. Am 1. Okt. v. I. fand im Saale des Architektenhauses die konstituirende Versammlung des „Vereins zur Wahrung der wirthschaftlichen Jntereffen von Handel und Gewerbe" statt. Von den Hoffnungen, mit welchen die Unternehmung begründet worden, ist keine einzige in Erfüllung gegangen; der Verein führt ein Still-Leben, in welchem ihn Niemand mehr zu stören beabsichtigt. Er hat keine Freunde und keine Feinde, und er selber verzweifelt an seiner Existenzberechtigung. Die Mitglieder, die durchweg den reichsten Bevölkerungsklassen angehören, können es zwar eine Weile mit ansehen; die Jahresbeiträge, die sie zu zahlen haben, machen sie nicht arm und der kaufmännische point d’hon- neur läßt sie nicht fahnenflüchtig werden. Aber mit dem Herzen sind sie ganz gewiß nicht bei einer Sache, die ihnen absolut nichts bietet. Wir wollen nicht auf die Personalien in der Geschäftsführung des Vereins eingehen, es würde sich sonst ergeben, daß die wirklichen Gründe, aus denen die Veränderungen im Sekretariat erfolgt sind, ganz andere sind, als die vor der Oeffentlichkeit ange« gebenen, und daß sie eine merkwürdige Aehnlichkeit mit den Gesundheitsrücksichten haben, aus welchen Minister abgehen, denen ihre Stellung verleidet ist. Trotz alledem aber ist der Verein mit dem langen Namen ein intereffantes Experiment, an welchem man lernen kann, wie es nicht gemacht werden darf.
* Die Uebersiedelung des Fürsten Hohenlohe von Paris nach Straßburg ist dem Vernehmen nach Mitte dieses Monats zu erwarten.
* Hamburg, 3. Okt. Hier plant man eine Hochseefischerei auf Aktien, wozu vorerst P/z Mill. Mark ausgenommen werden sollen. Der deutsche Fischerei-Verein begrüßt das Projekt mit lebhaftem Interesse. In einem längeren Bericht weißt derselbe darauf hin, daß die englische Fischerei-Gesellschaft Havett und Comp. wiederholt 20 Prozent und in den letzten Jahren nie unter 10 Prozent Dividende vertheilt habe. Es fehle nur der deutsche Unternehmungsgeist und das Meer werde auch für Deutschland seine hohen Erträge liefern.
* Posen, 5. Oktbr. Wie bekannt, ging aus dem Kreise Jnowraclaw eine Deputation an den
-H- Auf geheimnißvollen Wegen.
Roman von I. fie^enftU. <-
Hinter dem Sessel, der für die Herrin des Hauses bestimmt war, stand eine Frau, welche das auffällig genaue Ebenbild Jeanettens, der Dienerin Gabrielens im Palais Chatrois war.
Diese Frau, Marguerite Souchet, war die Zwillingsschwester Jeanettens. B.ide waren getreue Hüterinnen des Geheimnisses der Comtesse Gabriele, ein Geheimniß, das sogar den Kindern d.s gräflichen Paares unbekannt war. Jeanette sowohl als Marguerite waren Pflegeschwestern ihrer schönen Herrin und jede von ihnen hätte freudig ihr Leben für dieselbe hingegeben, wenn ein solches Opfer von ihnen gefordert worden wäre.
Gabriele begrüßte ihre getreue Dienerin auf das Freundlichste. „Jeanette läßt Dich grüßen, Marguerite!" sagte sie. „Sie wird am Sonntag hinauskommen, um Dich zu besuchen." Mit diesen Worten nahm sie Platz. Der Graf saß ihr gegenüber, Giralda an seiner Rechten, Rupert an seiner linken Seite. Der kleine Alfred saß natürlich neben seiner Mutter.
Nur Marguerite wartete bei Tische auf. Es
waren überhaupt nur drei dienende Personen in der Villa Larose: Marguerite, die Haushälterin; eine deutsche Frau, die aber ihre Herrin sehr selten zu sehen bekam und welche auch nur wenige Worte französisch konnte; und drittens ein Kutscher, welcher zugleich Gärtner und ein sehr zuverlässiger Mann war. Marguerite Souchet war die ergebenste Dienerin und der Liebling der Kinder, eine treue Freundin der ganzen Familie.
An der Tafel ihres Vaters hatte noch niemals Jemand Gabriele lachen hören; hier schallte ihr Lachen fröhlich und laut, wie das silberhelle Rauschen eines Waldbaches, der sich in's Thal hinunterstürzt. Hier in'der Villa Larose war sie die Gräfin Gabriele von Alvarez. Ihre Kinder hatten ihren Familiennamen nie gehört. Sie hatten auch keine Ahnung davon, daß ihre Mutter eine der reichsten Erbinnen in ganz Frankreich war. Sie wußten nur, daß ihre Mutter eine geborene Französin, doch muthmaßten die Aelteren, daß sie, gleich ihrem Vater, von spanischer Abkunft sei. Ihr ausländisches Aussehen hatte diesen Gedanken in ihnen hervorgebracht und Margue ite bestärkte sie in ihrer Annahme.
Die Bewohner von Villa Larose führten ein sehr zurückgezogenes Leben. In der Umgegend
wußte ein Jeder, daß dort ein spanischer Graf Alvarez mit seinen Kindern wohne und daß er seinen Studien oblag. Von der Gattin des Grafen wußte man nur, daß dieselbe eine Sängerin oder Schauspielerin sei, welche nur selten nach der Villa käme. Die Parkthür wurde immer geschlossen gehalten und vorzüglich der schöne, große, hinter dem Hause gelegene Garten von den Bewohnern zum Aufenthalt benützt. Strenge war jede Begegnung mit Fremden von jeher stets vermieden worden. Die Gräfin von Alvarez persönlich hatte noch Niemand in der Umgegend gesehen. Comtesse Gabriele von Chatrois dagegen war eine zu bekannte Erscheinung, weßhalb dieselbe nie anders als Abends und in Verkleidung sich dort blicken lassen durfte, ohne Aufsehen zu erregen. Giralda sowohl als auch die Knaben waren niemals aus ihrem Hause heraus und unter fremde Menschen gekommen. Alle drei hatten in der Villa das Licht der Welt erblickt, während der alte Graf von Chatrois sich auf Reisen und seine Tochter sich angeblich in Zurückgezogenheit auf dem Lande zur Kräftigung ihrer Gesundheit befand.
Der Graf, in allen sozialen und politischen Fragen bewandert und mit den Wissenschaften vertraut, war der Erzieher seiner Kinder. Die mo-