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1885
Montag, den 5. Oktober
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Stndirzimmer.
VI.
* Die am Dienstag abgehaltene Versammlung der Mantelnäherinnen war von ca. 1000 weibl. Personen besucht. Männer hatten keinen Zutritt. Auch Frau Guillaume-Schack war das erste Mal nach ihrer soeben beendeten großen Reise wieder erschienen und wurde mit Enthusiasmus empfangen. Sie griff in die Debatte ein und forderte zum zwangsweisen Vorgehen gegen die knauserigen Geschäftsinhaber durch Arbeitseinstellung auf. In Amerika hätten 2000 Frauen und 1000 Männer gestrikt und dadurch die ge- forderte Lohnerhöhung erzielt. Die Rednerin empfiehlt zunächst eine feste Organisation der Arbeiterinnen und warnt davor, in die zu wählende Lohnkommission auch Arbeitgeber aufzunehmen. Rach einem kurzen Referat der Vorsitzenden Frau Büge wählte die Versammlung 7 Frauen in eine Lohnkommission, welche den Strik vorbereiten soll. Jede Näherin hat wöchentlich 10 Pf. zum Strik- fonds zu zahlen. Rach dem Schluß des officiellen Theiles kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einem Fräulein Jag ert und der Tochter eines von der Letzteren wegen seiner schlechten Löhne scharf angegriffenen Schneider- Meisters. Der Skandal gedieh so weit, daß das junge Mädchen, welches für seinen Vater energisch eintrat, durch polizeiliche Bedeckung nach Hause geleitet werden mußte, um einem Akt der Lynch-
sie schöner und lieblicher nicht im schönsten Märchen geschildert werden konnte, bot sich den Blicken der beiden Ehrgatten dar.
Das Familienzimmer war ein großer, geräumiger, lustiger Raum, mit hohen Fenstern, an welchen Spitzengardinen prangten. Verschiedene Candelaber verbreiteten eine anheimelnde Helle und die Mobilien, sowie die sonstige Ausstattung des Zimmers waren im geschmackvollen Stil gehalten. Seltene Malereien befanden sich an den Wänden, sowie kostbare Statuetten und Holzschnitzereien den Raum zierten. Auf dem Tische lagen die Bücher in eleganten Einbänden. Die gestickten Kissen auf dem Sopha zeigten von feinem Geschmack. Alles, was das Auge erfreuen, dem ästhetischen Sinn wohl- thun konnte, war hier zu finden und an seinem Platz.
In diesem Zimmer befanden sich die drei Kinder dcs gräflichen Paares. Alfred, der jüngste Knabe, saß vor dem Piano und spielte einen deutschen Walzer, während Giralda, seine Schwester, und Rupert, sein älterer Bruder, sich nach dem Takte der Musik anmuthig im Kreise drehten. Die drei jungen Leute waren so lehr in ihre Belästigung vertieft, daß sie das Oeffnen der Thür nicht bemerkten.
Gabrielens Antlitz erglühte vor Freude und
An der Seite des Grafen stieg die Comteffe die breite, in's Erdgeschoß führende Treppe hinunter, durchschntt die untere Halle und machte dann vor der Thür des Familienzimmers Halt. Musik und fröhliche Stimmen tönten ihr daraus entgegen. Den Finger an ihre Lippen legend und dadurch dem Grafen Schweigen gebietend, horchte sie. Wie theuer waren ihr diese Stimmen! Einige Minuten, dann öffnete sie leise die Thür. Eine Scene, wie
denunzirt. Es wird gelt nd machen, daß das Verbot, die Ziehung einer Lotterie, also eine objektive Thatsache in den Zeitungen zu veröffentlichen, ein Eingriff in die Preßfreiheit ist. Es ist ein Spezialgesetz für die Preffe, die Preßgesetzgebung gehört aber zur Kompetenz des Reiches, und es steht einem Einzelstaate nicht zu, preßgesetzliche Bestimmungen zu treffen, die dem Reichsrecht wider- sprechen. Die Sache wird voraussichtlich durch alle Instanzen verfolgt werden.
* Der erste Empfänger eines Stipendiums aus der Schönhauser Stiftung ist ein Mathematiker, Dr. Ernst. Er erhielt 2100 Mk. auf 2 Jahre für eine Preisarbeit und 1000 Mk. extra.
* Breslau, 2. Okt. Domprobst Dr. Kayser soll als Candidat für den bischöflichen Stuhl von Ermeland von der Kurie ab gelehnt sein.
* Hamburg, 3. Okt. Unter Beihülfe um das Wohl der arbeitenden Klaffen besorgter Männer ist hier vor wenigen Tagen die erste Volks- Kaffeehalle eröffnet worden, in welcher Kaffee, Thee, Chocolade, Milch u. s. w. zu billigen Preisen an Männer und Frauen verabreicht werden; für Frauen ist ein abgesondertes Zimmer eingerichtet. Der Preis für eine große Taffe Kaffee oder Thee ist 5 Pfg. Der Zweck der Anstalt ist, der Trunk- sucht entgegenzuarbeiten; falls der Versuch gelingt, sollen weitere ähnliche Hallen errichtet werden.
* München, 3. Okt. Eine unerbauliche Geschichte wird von dem katholischen Gemeindebevoll- mächtigten Grafen Arco erzählt. Derselbe hat dem Liberalen Seyboth wegen einer Aeußerung desselben in geheimer Sitzung eine Forderung zum Zweikampf übersandt, welche Seyboth ablehnte. Leider hat sich diesmal ein Katholik, wie Graf Arco, zu einem solch ärgernißgebenden Schritte hinreißen lasten.
• Meiningen, 2. Okt. Das nach langem, harten Wahlkampf gewonnene Ergebniß unserer Landtagswahlen berechnet die Magdeb. Ztg.' so, daß 14 Rational-Liberale und 9 Freisinnige gewählt sind; eine Stichwahl steht noch aus.
Ausland.
* Wien, 4. Okt. Der Unterrichtsminister lud die ausländischen Regierungen zu einer internationalen Konferenz in Wien für Ende Oktober ein zur Gewinnung eines einheitlichen musikalischen Normaltones.
justiz vorzubeugen.
* Von den gesetzgeberischen Produkten der letzten LandtagSscsfion hat im -großen Publikum vielleicht keines so viel Unwillen hervorgerufen, wie das Verbot der Veröffentlichung der Ziehungslisten nichtpreußischer Lotterien. Man empfindet es als eine kleinliche vexatorische Maßregel, die den beabsichtigten Zweck in keiner Weise erreicht. Sie ist in aller Eile improvisirt worden, als es sich herausstellte, daß das Abgeordnetenhaus zu einer gründlichen Lösung der Lotteriegesetzgebung nicht gelangen konnte. Es ist nationalliberale Gesetzgebungskunst, der wir dieses Produkt, die lex Franke, verdanken. Es taucht die Ansicht auf, daß dieses Gesetz dem Reichsrecht widerspreche. Ein hiesiges Blatt hat, um die Frage zu lichter- sicher Entscheidung zu bringen, absichtlich dem Ver- bote zuwider die Ziehungsliste einer außerpreußischen Lotterie veröffentlicht und sich dann selbst
-H- Auf geheimnisvollen Wegen. Roman von I. Hohenfeld.
„O Gabriele!" rief der Graf begeistert aus, sein Weib an seine Brust schließend. „Alle die langen Jahre der Einsamkeit, welch' ein unsaß- liches Glück bargen sie für uns? Womit habe ich Deine reiche Liebe verdient? Das geheimnißvolle Leben, das wir seit siebzehn Jahren in dieser Abgeschiedenheit führten, gleicht einem herrlichen Roman. Ungeachtet all' unserer Sorgen sind wir doch unendlich glücklich hier gewesen!"
Ihre Augen leuchteten vor Freude. Aber plötzlich huschte ein Schatten über ihre Züge und der Graf blickte sie fragend an.
Wir waren glücklich, ja," hob sie an. „O, möchte auch die Zukunft für uns es nicht minder fein. Ich habe Dir eine Mittheilnng zu machen, die Dich stark finden muß. Graf Eugen ist nach Paris zurückgekehrt. Er dinirte heute Abend in unserem Palais!"
„Eugen ist zurückgekehrt?" rief der Graf bestürzt aus. „O mein armes Weib, was wirst Du nun wieder zu erdulden haben, denn dieser Mann ist unerbittlich in- seiner Eigenliebe. Mein Gott!
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Oktober.
* Wie verlautet, ist die Einberufung des Reichstages für den 17. oder 18. November in Aussicht genommen.
* Zur Balkan-Krise liegen auch heute neue Meldungen von Bedeutung nicht vor. Die serbische Thronrede hat hier einen guten Eindruck gemacht. Daß Rumänien sich für alle Fälle die besondere Protektion der Kaisermächte gesichert hat, kann man als sicher betrachten. Den immer stärker auf- tauchenden Zweifeln an der Einigkeit der Mächte, die namentlich aus der Verzögerung des Beginnes der Botschafter-Besprechungen hergeleitet werden, tritt die iuspirirte Preffe nach wie vor mit einem Eifer entgegen, der allmälig verdächtig wird.
* Die verschiedentlich verbreitete Nachricht, daß eine Einigung Deutschlands und Spaniens in der Karolinenfrage bereits erzielt und eine Vermittelung demnach überflüssig sei, ist ganz unbegründet. Die Antwort Deutschlands auf die letzte spanische Note liegt dem Kaiser noch zur Genehmigung vor.
* Der Herzog von Cnmberland 'hat, so wird berichtet, jüngst ans Gmurideu ein Schreiben an die Deutschen Bundesstaaten (abgesehen von Preußen) erlaffen, um noch einmal seine Rechts- ansprüche auf die Regentschaft im Herzogthmn Braunschweig geltend zu machen, um den bekannten Beschlüssen des Bundesraths entgegenzutreten. In dem sehr umfangreichen Schriftstück werden die sämmtlichen Argumente, welche der Herzog für seine Ansprüche geltend gemacht hat, wiederholt, und wird ferner betont, daß der von ihm festgehaltene Anspruch auf die Krone Hannover mit der Reichsverfassung nicht im Widerspruch stehe und seine volle Anerkennung derselben nicht ausschließe.
* Ein Komito zur Bildung eines UnterstützungS- sonds für die Hinterbliebenen der Mannschaften der „Augusta" ist in der Bildung begriffen, welchem
(j© nächsten Postanstalt, von den Landbriefboten, Zeitungsträgern und der Expedition (Buttermarkt) fortwährend angenommen.
Könnte ich Dich doch vor aller Welt als diejenige, die Du ja bist, als meine rechtmäßige Gattin erklären!"
„Auch diese Stunde wird kommen," sprach Gabriele, indem ihre sanften Augen liebend auf dem schönen Antlitz des Grafen hafteten. „Laß uns in Geduld harren, mein Gemayl! Und jetzt," fügte sie hinzu, „laß uns dorthin gehen, wo vor dem Sonnenschein der Liebe alle Schatten, die unseren Blick trüben, schwinden müssen."
Der Graf stand auf. Seine Traurigkeit ver- schwand vor dem Himmelsstrahl, der ihn aus ihrem Auge traf. Wieder zog er sie an seine Brust und küßte sie innig. Dann reichte er ihr lächelnd feinen Arm und Beide verließen das
efteHungen auf das vierte Quartal 1885 I zahlreiche angesehene Männer aller Kreise und der .Fuldaer Zeitung' werden bei der angeboren. „ -
Inserate: Die dnfoaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabats.