1885
Freitag, den 2. Oktober
JV 225
Fuldaer I
Auf geheimnißvollen Wegen.
Roman von ?. Hoheofkld.
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Durch eine Thür, welche derjenigen, durch welche Gabriele hereingekommen war, gerade gegenüber» lag verließ sie das Gemach und gelangte, durch das' dunkle Nebengemach schreitend, an eine dritte Thur. Dieselbe leise öffnend, sah sie in ein großes, elegantes Zimmer, hell erleuchtet und mit einem lustig flackernden Feuer im Kamin. Es war augenscheinlich ein Studierzimmer. Bücherregale bedeckten die Wände; in einer Ecke am Fenster stand eine Staffelei mit einem halbfertigen Silbe; daneben lagen Palette, Pinsel und Farben. Ein niedriges Ruhebett, über welches ein Leopaidensell ausgebreitet lag, stand vor dem Kamin.
Gerade, als die Eomtesse im Begriffe war, einzutreten, ertönte von draußen das Geräusch von Männerschritten, und gleich darauf trat ein Herr in’s Zimmer, welcher geradewegs auf t as Ruhebett zuschritt und sich ungestüm auf dasselbe nieder- warf Es mar ohne Zweifel der fremdländische Graf welchen der Kutscher vorhin als Eigenthümer der Billa Larose bezeichnet hatte, denn er hatte
□ Das päpstliche Vermittleramt.*)
Es verdient schon besonders hervorgehoben zu werden, daß angesichts der überraschenden Kunde, Fürst Bismarck habe Papst Leo zum Schiedsrichter, oder was im vorliegenden Falle im Wesentlichen dasselbe besagt, zum Vermittler ir. der Karolinenfrage angerufen, in der katholischen Preffe eine im Prinzip übereinstimmende Beurtheilung des sensationellen Ereigniffes sich kund gibt. Dank einer im fünfzehnjährigen harten Kampfe erprobten Schulung ist eben — ohne Anleitung eines offiziösen Preßbureaus — der Blick dermaßen geschärft, daß bei aller Verschiedenheit der Form doch eine Uebereinftimmung im Kern deutlich zu Tage tritt. Ein unsicheres Hin- und Hertasten, ein sich total widersprechendes Verhalten, wie das so oft bei den Offiziösen sich bemerkbar macht, so lange keine Ordre von Oben eingetroffen ist, kennt man nicht.
So sehen wir auch heute, wie bei aller Würdigung der Wichtigkeit des Vorganges doch auch allgemein ein gewisses Mißtrauen in die Absichten des Reichskanzlers sich geltend macht. Man hat sich nämlich bei allen Schritten des Kanzlers, die mit der kirchenpolitischen Frage in näherer oder entfernterer Verbindung stehen, namentlich bei solchen, die ein gewisses Wohlwollen zu bekunden scheinen, zu fragen gewöhnt: Was steckt dahinter? Und diese Frage ist im vorliegenden Falle mehr denn je berechtig*. Man braucht zwischen dem Vorschläge des päpstlichen Schiedsgerichtes und dem Kulturkämpfe durchaus keinen direkten Zusammen- hang anzunehmen und dann doch mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß ohne den kirchenpolitischen Kampf Papst Leo voraussichtlich heute kein Schiedsrichter wäre. '
Genau zu sagen, welche Pläne der Kanzler verfolgt, ist freilich unmöglich, vielleicht — und das scheint uns das Wahrscheinliche — sind sie ihm selbst noch nicht alle klar. Sie werden zum Theil erst im Verlaufe der weiteren Entwickelung reif werden, ähnlich wie der Stratege wohl einen Ge- sarnrntschlachtplan hat, die Details aber von dem thatsächlichen Gang des Kampfes abhängig machen
U®o mag der Fürst, seiner Natur als „ehrlicher Makler" getreu, an eine Gefälligkeit, die einer
*) Nachdruck ist nicht gestattet.___________________________
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bestreiten, daß nach völkerrechtlichen Begriffen nur ein Souverän Schiedsrichter in einem Streit zwischen zwei Souveränen sein farm?
Noch wichtiger dünkt uns die zweite Thatsache. In einer Zeit, wo nur noch die physische Gewalt, das Recht der Stärkeren zu gelten scheint, in einer Zeit, wo, wie nämlich ein Blatt sich ausdrückte, ein Hervorheben seines Rechtes nur schadet, wenn man dasselbe nicht gleichzeitig mit Gewalt geltend machen kann, wo, kurz gesagt, nur noch ein Recht der Kanonen und der Bajonette Giltigkeit zu haben scheint, erinnert man sich plötzlich, daß es neben der physischen noch eine moralische Macht gebe, die, mit dem Hellen Glanze einer höheren Autorität umgeben, hoch über dem kleinlichen irdischen Parteigezänke stehend, als geborene Vermittlerin gerade bei solchen Streitigkeiten erscheinen muß. Jahrhunderte lang haben die Päpste ihr Vermittleramt ausgeübt zum Segen der Völker wie zum Nutzen der Fürsten.
Und als ihre Autorität sank, als gar die unselige Glaubensspaltung eintrat, der Papst als „Antichrist" und „Feind der menschlichen Kultur" verschrieen wurde, da begann das Zeitalter der Revolution und fast unaufhörlicher blutiger Kriege. Gewiß hat's Händel auch im Mittelalter gegeben, aber erst mit dem Sinken des päpstlichen Ansehens kommt die Periode wahrer Völkerkriege, wanken die Throne und sehen wir Könige und Fürsten in erschreckender Zahl das Schoffot besteigen. Ist es da nicht eine wundekuche Wendung, daß ein protestantischer Monarch und ein protestantischer Staatsmann, der Mann „mit Blut und Eisen" die Oberhoheit der geistlichen Machtsphäre anruft, den seit fast vierhundert Jahren verlorenen Faden wieder aufnimmt und der Welt den Papst als den geeignetsten Schiedsrichter zeigt?
Fürst Bismarck mag das — wir wiederholen es — durchaus nicht beabsichtigen, er mag die Sache nur als „politischen Nothbehelf" betrachten, sogar dem Papstthum feindliche Nebenabsichten haben: das Eis ist durch ihn gebrochen, der Blick wieder auf eine glorreiche Vergangenheit gerichtet, auf eine Zeit, wo Fürsten und Völker sich wohl fühlten unter dem Schatten des Papstthums. Wie der Kulturkampf ganz andere Früchte zeitigte, als von ihm erwartet wurde, so wird auch das päpstliche Schiedsrichteramt über kurz oder lang Folgen nach sich ziehen, die der Urt)eber des Planes vielleicht keine Ahnung von ihrer Gegenwart hatte, schloß die Augen und murmelte: „O, welch' ein ent« setzlicher Abend! Schleichen denn die Minuten mit bleierner Schwere dahin, als umfaßte jede von ihnen eine Ewigkeit? O, Gabriele, Gabriele! Wie sehnt sich mein Herz nach dir! Siebenmal wechselten Tag und Nacht mit einander, seitdem sich Eins von dem Andern losriß! Wann — wann kehrst du wieder?"
Die Tochter des Grafen von Chatrois verließ ihren Schlupfwinkel, eilte geräuschlos durch das Zimmer dis hinter das Ruhebett, bedeckte die Augen des Grafen mit ihren Händen und rief mit verstellter Stimme aus: „Rathet einmal, wer hier ist, Graf Alvarez!" Wie elektrisirt sprang der so Angeredete in die Hohe, ein Freudenschrei entrang sich seinen Lippen und ihre Hände ergreifend und dann die Sprecherin selbst stürmisch an seine Brust schließend, rief er aus: „Gabriele! Mein Weib! Du — Du bist es? Du bist gekommen trotz Nacht und Sturm?"
„Ja, mein Gemahl!" antwortete Gabriele mit vor glücklicher Erregung jitternber Stimme. „Konntest Du denken, daß der Sturm mich davon zurück« zuhalten vermochte, hierher zu kommen? Je größer der Sturm draußen, desto mehr Sehnsucht habe
andern werth sei, denken. Dieser Gesichtspunkt wird z. B. schon von dem ,Berl. Tagebl.' frukti- fizirt, das darauf hinweist, Deutschland habe durch seinen Schritt den Beweis geliefert, daß von einer prinzipiellen Gehässigkeit gegen die Kurie keine Rede fein könne. Welch' fruchtbares Gebiet für die Offiziösen, um je nach Umständen über den intransigenten Papst ober das noch unversöhnlichere Centrum loszuziehen. Und bas vor ben Wahlen! Auch ein Appell an das in letzter Zeit so sehr gehegte „protestantische Bewußtsein" läßt sich ja nach Lage der Dinge gut verwerthen. Schon regt es sich beim .Reichsboten' und — bei Arthur Levysohn, dem orientalischen Leiter des .Berliner Montagsblattes'.
Daß endlich auch ein event. Rückschlag auf die politischen Verhältnisse Spaniens mit in den Kreis der Berechnung gezogen sein kann, wollen wir nur anbeuten. Es gibt Momente im Leben des mächtigen deutschen Staatsmannes, wo es ihm nicht besonders erwünscht ist, feste und geordnete Zustände in dem einen oder andern Lande zu sehen. Man denke nur an die dem Grafen Arnim in Paris f. Z. gegebenen Instruktionen.
Wie dem aber auch fein mag, mögen Hintergedanken existiren ober nicht, bie Bebeutung bes Aktes selbst bleibt bestehen, unb zukünftige Historiker werben bemfelben einen hervorragenden Platz in der so ereignißvollen Geschich.e des 19. Jahrhunderts anweisen. Die Wege des Herrn sind wun- bU'bär uhu aucy bie r.iLchtigsUn Fürsten u..o Staatsmänner nur Werkzeuge in seiner Hand. Es brauchte wahrlich nicht ber ausdrücklichen VersichU rung der Offiziösen, daß dem Kanzler nichts ferner liege, als durch feinen Schritt die Autorität und das Ansehen des Papstes zu heben und ein Zeugniß für die weltliche Souveränem des Papstes abzulegen. Das kann man von einem Manne, der durch den Papst fein „Seelenheil gefährdet" sieht und das Oberhaupt der katholischen Kirche mit den Katholikos von Etschmiadsin verglich, nicht erwarten. Aber mit einem Protest und einer Verwahrung wird eine Thatsache nicht aus der Welt geschafft. Thatsache aber bleibt, daß die weltliche Souveränetät durch das mächtigste protestantische Reich der Gegenwart in einem Augenblick anerkannt ist, wo man für diese in gegnerischen Kreisen nur nach Hohn und Spott hat, wo der Papst Gefangener des Vatikans ist. Oder will man uns ganz das Aussehen wie ein echter, spanischer Grande. Groß und stattlich, mit rabenschwarzem Haar, war fein ganzes Wesen königlich und zugleich befehlend. Das einzige Auffällige in seiner Erscheinung war der Kontrast, in welchem feine tiefblauen Augen zu dem dunklen Teint und Haar standen. Ein melancholischer Zug umspielte seinen Mund. Ein geheimer Kummer, wie ihn Verbannte, die sich nach der Heimath unb ber Wiebereinsetzung in ihre Rechte sehnen, hegen mögen, schien ihn zu bebrüden. Er war in ber Umgegenb als ber spanische Graf von Alvarez bekannt. Er hatte vor vielen Jahren dieses kleine, heimliche Plätzchen, welches in der Nachbarschaft ben Namen „Villa Larose" trug, angekauft. Währenb biefer ganzen Zeit hatte er das eintönigste Einsiedlerleben zwischen seinen vier Wänden geführt; er hatte weder irgendwelche Besuche gemacht, noch solche empfangen.
Als die Comteffe Gabriele des Eingetretenen ansichtig wurde, überflog ihr schönes Antlitz der Ausdruck seliger Verklärung. Wie Schnee unb Eis vor ber Sonne schmelzen, so entwich alle Härte und Kälte aus iyren Zügen, während sie ihn beobachtete. Ihre Wangen färbten sich höher, ihre Augen glänzten vor Freude und ihren Rosenmund umspielte ein sanftes Lächeln. Der Graf, welcher