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Dienstag, den 29. September
Fuldaer
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1885.
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X Ostrnmelien.*)
In der sog. „hohen Politik" geht es in neuerer Zeit recht sonderbar zu. Wie im bürgerlichen Leben, so scheint sich auch im internationalen politischen Völkerleben eine gewisse Rechtsunsicherheit mehr und mehr geltend zu machen. Seitdem die diplo- malischen Kongresse und Konferenzen an der Tagesordnung sind und in erfreulicher Weise das blutige Kriegshandwerk abgelöst haben, hätte man im Grunde genommen eine Zunahme und Stärkung fr der internationalen Rechtssicherheit voraussetzen muffen, namentlich da alle auch nur ganz entfernt und indirekt interessirten Staaten im friedlichen Rath und Schiedsgericht der Völker gehört werden und nach Klärung der Ansichten und Abwägung und gegenseitiger Ausgleichung der Forderungen stets ein Vertrag „für ewige Zeiten" den Völker« kongreß beschließt. Diese Friedensschlüsse und Verträge „für ewige Zeiten" scheinen sich aber in unserer Zeit nachgerade zu einem Hohn auf die „ewige" Formel herausbilden zu wollen, denn ro'e der „ewige" Friede von Stefano gleich darauf durch die Berliner Konferenzakte „auf ewige Zeiten" abgeändert wurde, so erleben wir fast allmonatlich irgendwo in Europa einen mehr oder minder will» kürlichen oder mit sanftem Zwang durchgesetzten Bruch eines Vertrages oder Verträgleins, eines Friedensschlusses oder einer Konvention, einer legitimen Anwartschaft oder eines Rechtstitels. Das Recht des Stärkeren geht eben immer noch über das verbriefte Recht und das Recht der Moral, und die heutige Praxis der hohen Politik, Streitigkeiten zwischen den Völkern womöglich ohne Blutvergießen auf dem Wege des papierenen Ueberein-
*) Nachdruck ist nicht gestattet.
4t Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von ?• S»hr»frtt. (8
„Sie haben unzweifelhaft von der Gräfin Gabriele von Chatrois gehört?" fragte der Graf.
Der Geheimpolizist blickte auf und über sein Gesicht zog ein freudiger Schimmer. „Jedermann hat wohl über des Grafen von Chatrois' Tochter etwas gehört, Herr Graf," antwortete er, „über die schöne, unnahbare Comtefse Gabriele."
„Und Alle werden sich darüber gewundert haben, daß fie unoerheiratyet bleibt," fuhr Eugen von Lamartin fort. „Sie kann ihre Bewerber nach Dutzenden zählen, aber sie hat alle ehrenden Anträge, die ihr geworden, abgewiesen. Wissen Sie, warum sie nicht heirathet?"
Jean Frossard's Stirn verfinsterte sich, doch verharrte er schweigend.
„Sie finden die Beantwortung dieser Frage schwierig?" fragte Graf Eugen. „So kann ich Ihnen Eröffnungen machen, welche Ihnen von Nutzen sein dürften. Ich habe heute Abend im Palais Chatrois dinirt und habe bei dieser Gelegenheit eine Entdeckung gemacht, welche Ihren ganzen Eifer wachrusen wird."
kommens zu regeln, haben zwar die Häufigkeit der Kriege gottlob vermindert, dabei aber die Rechtssicherheit und den Bestand des sog. rechtmäßigen Erwerbes im Völkerleben nicht sonderlich verbessert, vielmehr anscheinend die politische In- trigue und das diplomatische Ränkespiel nur noch mehr gefördert, insbesondere da der Preis eines kleineren oder größeren Putsches, oder eines Versuches, die Eigenthumsverhältnifse geeigneter Staaten in „Korrektur" zu nehmen, Heuer nicht mehr so hoch und kostbar ist, wie früher.
Der Bulgacenfürst Alexander hat auch bereits seine sebstständigen Schlüsse aus den offenen am Tage liegenden Lehren der modernen diplomatischen Hochschule gezogen und sich auf Kosten der freundnachbarlichen Türkei, welcher er vertragsmäßig tributpflichtig ist, ohne viel Federlesens durch Besitzergreifung Ostrumeliens zu bereichern, be- schlossen. Dem vormaligen Berliner Lieutenant Alexander von Battenberg, den nach dem Berliner Vertrag Rußland für das Halbsouveräne bulgarische Fürstenthum auserkoren hatte, gab Fürst Bismarck den klassischen Rath auf den Weg, er solle es nur 'mal versuchen, den Souverän zu spielen, wenn er wieder zurückspazieren müßte, wäre er wenigstens um eine interessante Jugenderinnerung reicher. Run, Alexander scheint sich in Rolle des Souveräns zu gefallen, deshalb geht er schon einen Schritt weiter und versucht sich in der Politik des Erwerbs auf eigene Faust. Die Beispiele, welche größere Genies ihm bis in die neueste Zeit gegeben haben, scheinen bei ihm auf fruchtbaren Boden ge- fallen zu sein und deshalb würde es manchen diplomatischen Vertretern der Mächte auch übel anstehen, wenn sie dem gelehrigen Fürsten eine ernsthafte Vorlesung über Vertragsrecht, Eigenthum, Legitimität, Revolution u. s. w. halten und ihm seinen Grundsatz „Macht geht über Recht" und „glücklich der Besitzer" Übelnehmen wollen. Handelt es sich ja auch nur um die Türkei, die doch eigentlich vom europäischen Conzert und dem Recht, Rechte zu haben, ausgeschlossen erscheint.
Man darf sich versichert halten, daß die Frage der Okkupation Ostrumeliens von fast allen euro- päischen Diplomaten erst in letzter Linie vom Standpunkte der Verletzung türkischer Rechte betrachtet wird. Weit wichtiger rst die verletzte Majestät des in Berlin abgeschlossenen Vertrages
Der Graf erzählte nun dem aufmerksam aufhorchenden Detektiv die Erlebnisse des Abends, die Unterhaltung, welche er angehört, den Besuch in Comtesse Gabrielens Zimmer und die überraschende Entdeckung, welche die Männer dabei gemacht hatten. „Ich habe jahrelang um die Comteffe geworben," fügte er hinzu, „und habe heute Abend auf's Neue um ihre Hand angehalten. Sie hat schließlich geruht, meinen Antrag anzunehmen. Ich habe daher jetzt das Recht, sie ganz und gar kennen zu lernen und ihre Geheimnisse zu erforschen, gleichviel auf welchem Wege das geschieht. Wollen Sie die Angelegenheit in die Hand nehmen?"
Froffard halte Eugen aufmerksam zugehört, ihn mit keiner Silbe unterbrechend. Daß ihn die Angelegenheit mehr interessirt hatte, als wie er sich den Anschein gab, bewies seine Antwort. „Ich will die Arbeit übernehmen," sagte er, „Sie können auf mich zählen, Herr Graf. Ich werde so schweigsam sein, wie das Grab. Es wäre also —"
„Zu entdecken, wohin sie geht, wenn sie sich aus dem Haufe ihres Vaters entfernt, und was sie thut. Erforschen Sie ihr Geheimniß bis auf den Grund. Den Preis bestimmen Sie selbst. Rehmen Sie dies auf Abschlag!" Mit diesen Worten überreichte er dem Geheimpolizisten eine Banknote. Froffard
an und für sich, die Frage ob durch die Selbstjustiz des bulgarischen Fürsten nicht das Gleichgewicht im'Südosten gestört wird, und die wichtige Frage ob es nicht nöthig sein wird, daß sich als „Fluch der bösen Thal" noch neue ähnliche böse Thaten anderer Mächte anschließen, auf deutsch, ob nicht Rußland ober Oesterreich, schließlich am Ende auch noch Italien und andere Mächte, ihr verletztes Rechtsbewußtsein und ihr gestörtes Gleichgewicht durch Besitzergreifung oder Einverleibung anderer paffender Ländergebiete wieder beruhigen.
Die Pforte macht natürlich bitterböse Miene zu den Spässen, die man sich mit ihr erlaubt, der Sultan raffelt gewaltig mit dem Säbel, auch Griechenland ist mit der Gestaltung der Dinge nicht zufrieden, und Rumänien ist der Fall auch nicht ganz gleichgiltig. Es wäre daher wenigstens möglich, daß die orientalische Frage sich in Folge diefer fürstlichen Revolution auf's Reue in ganzer Fürchterlichkeit aufrollte und den Südosten Europas mit Kriegslärm erfüllte, vielleicht gar auch ihre schlimmen Schatten auf ganz Europa würfe. Das ist möglich, aber wahrscheinlicher ist, daß die Türkei es bei dem bloßen Säbel- rasseln bewenden läßt, daß die neue Konferenz zu Konstantinopel mit neuem „ewigen" Friedens- vertrag die Landkarte dort unten nochmals zu Ungunsten der Türkei und zu Gunsten Rußlands und Bulgariens revidirt, und daß dann zum Schluß vielleicht gar Oesterreich, um nicht ganz leer auszugehen, Serbien und die Herzegowina sich hefi« nitiv einverleibt.
Deutschland ist an der Affaire direkt nicht betheiligt, ebensowenig die Westmäflle. Die Meinung derer, welche den ostrumelischen Putsch auf ein Placet von Kremsier zurückführen, und deshalb die groben Brummtöne der offiziösen Presse hier und dort nur für blinden Lärm halten, ist nicht so ganz „ohne". Man erwirbt sich ja allmälig eine gewisse Geschicklichkeit in der Interpretation der diplomatischen Jntriguenkünste. Jedenfalls würde man die moderne Diplomatie durch eine folche Unterstellung, wenn sie auch irrig sein sollte, nicht gar zu schwer beleidigen, denn „man hat Beispiele". Merkwürdig ist es immerhin, daß Rußland schon seit Jahren bestrebt gewesen ist, dem Fürstenthum Bulgarien, welches nach den Bestimmungen der Berliner Konferenz nur eine Mili^ haben sollte (gleich der selbstständigen tür« nahm sie in Empfang ohne sie anzuseh.n und steckte sie in sein Taschenbuch.
„Ich werde morgen nach dem Schlosse des alten Marquis de Vigny zu Besuch gehen," sprach Graf Eugen, „doch bin ich in einem oder zwei Tagen wieder zurück. Meine Adresse wird bis auf Weiteres auf das Hotel hier lauten. Ich ge- denke diese Zimmer für die Saison zu behalten, indem ich meinen Aufenthalt bald in Paris, bald im Schloß de Vigny nehmen werde."
„Ich werden Ihnen täglich Mittheilung machen, Herr Graf," versetzte Froffard. „Und wenn ich etwas sehr Wichtiges zu berichten habe, werde ich mich persönlich einstellen. Haben Sie noch etwas zu bemerken?"
„Ich wüßte nicht»!"
„Ist die Comteffe noch vom Palais abwesend?" Graf Eugen antwortete bejahend.
„Ich werde meine Nachforschungen sogleich beginnen," sprach Froffard, sich erhebend. „Glücklicherweise habe ich augenblicklich nicht» Eiliges zu thun und kann mich deshalb ganz dieser Angelegenheit widmen. Guten Abend, Herr Graf!" Der Geheimpolizist verbeugte sich und ging zur Thür hinaus.
i „Ich konnte die Sache nicht besseren Händen