j\§ 220. Sonnabend, den 26. September 1885. *
Fuldaer
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* Die Arbeiterinnen - Versammlungen.
(Schluß.)
Mancher wird sich noch erinnern, daß der große Schwadroneur Joh. Most im Jahre 1878, kurz vor der Krisis, die zum Sozialistengesetze führte, Frauen-Versammlungen arrangirte, die in erster Linie seine (bekanntlich verunglückte) Agitation auf Massenaustritt aus der Kirche fördern sollte. In dieser Versammlung spielten die drei Grazien, Frau Hahn, Frau Stägemann und Frau Cantius, als Führerinnen sich auf. Frau Hahn ist mit ihrem Manne ausgewiesen worden und nach Amerika gegangen; Frau Stägemann sitzt in dem Vorstande des oben erwähnten alten Arbeiterinnen-Vereins und hat ihre ehemalige Freundin Cantius vor die Thür setzen lassen; sie ist, wie ihre Feindinnen sagen, „Bourgeoise" geworden, nach Einigen aus Eitelkeit, weil sie sich bei Gräfinnen und Doktorinnen wohl fühlt, nach Anderen wegen eines erheblichen Lotteriegewinnes. Frau Cantius aber ist geblieben, was sie war: ein weiblicher Most. Kräftig und derb, von einem zügellosen Redefluß, ist sie das Entzücken ihrer sozialdemokratischen Gesin- nungsgenossinnen, der Schrecken aller Gemäßigten. Das Weib hat Verstand und Energie für zwei Männer, eine Zungenfertigkeit für zwei Weiber. Sie wirkt aber auf die Dauer ermüdend, wie alle Redner, die sich zu stark auf die allbekannte sozialdemokratische Phraseologie eingeübt haben. Im Allgemeinen habe ich den Eindruck, daß den Frauen ein wesentliches Erforderniß der Redekunst fehlt, nämlich die Fähigkeit der Modulation, der Abwechselung zwischen Forte und Piano, der Einschiebung von Ruhepausen zwischen den Erregungsmomenten. Zumeist geht bei den Frauen der Strom der Rede, wenn er einmal entfeffelt ist, ununterbrochen, in gleichmäßigem Pathos, ohne Abwechselung oder Pause fort, gleich dem Wecker an der Uhr, der nach erfolgter Auslösung rastlos sein Programm abrasielt, bis die Feder abgelaufen ist. — Frau Cantius knüpfte an den Vortrag eine heftige Polemik gegen „Staat" und „Gesellschaft", welche die Weiber und Kinder verkommen lassen. Obschon sie ihren Haß gegen die Religion nicht verbirgt und gelegentlich auch von „Bildung" schwärmt, ist die Frau doch noch vernünftig genug, die Dressur in der Schule für ungenügend, die Herzens-Erziehung der Kinder seitens der Mutter für die Hauptsache zu erklären.
Diese einleitenden Reden sowohl als die folgende Diskussion hielten sich zumeist im Rahmen einer allgemeinen Reklame für den Verein, die „Organisation der Arbeiterinnen". Sobald man auf konkrete Fragen, z. B. den Werth der Strike's, kam, gingen die Meinungen auseinander. Die vernünftigste Rede hielt ein junges, schüchternes Fräulein, welches zahlenmäßig die erdrückende Concur- renz der furchtbar billig arbeitenden Insassen der Gefängnisse und der fast so billig arbeitenden sächsischen Näherinnen darlegte. Diese Einzelheiten fanden ober keine Beachtung. Zahlreiche Sozialdemokraten ergriffen das Wort, um an das Vorgehen der Frauen und Mädchen die Nutzanwendung zu knüpfen: Schickt nun auch stets eure Männer und Brüder in die Arbeiter-Versammlungen ! Einige sprachen es auch ganz offen aus, daß die Lohnsklaverei der Weiber nicht für sich allein beseitigt werden kann, sondern nur durch die Besse- rung des Looses der Männer, durch die „Eman- cipation" der Arbeiter.
Es war ungemein intereffant zu beobachten, wie geschickt die sämmtlichen Redner die Schlingen des Sozialistengesetzes zu vermeiden wußten. Auch im stärksten Pathos entschlüpfte Niemanden das gefährliche Wort „Sozialdemokratie", obschon die ganzen Reden nichts anderes, als Verherrlichungen dieser Partei waren. Seit der Kommunal-Wahl« bewegung ist das Wort „Arbeiterpartei" von der Polizei als salonfähig betrachtet worden; wie auf Kommando bedienten sich alle geschulten und ungeschulten Redner nur dieses Titels. Es steckt Disziplin und Muth in diesen Leuten; im Ange-' sicht des stets zur Auflösung bereiten Polizeilieutenants reden sie mit der erforderlichen Verblümung so frisch von der Leber weg, daß der Uneingeweihte glauben muß, es gebe gar kein Sozialistengesetz mehr.
„Es muß anders werden!" Diese Quintessenz des sozialdemokratischen Programms beherrschte auch die Gemüther der hier vertretenen Weiblichkeit. Wie es anders werden soll, weiß Niemand bestimmt zu sagen. Man setzt Zeit und Kraft an eine planlose Arbeit in's Blaue hinein. Vorläufig ist die ganze unklare Arbeiterinnen-Bewegung nichts anders, als Gelegenheits-Macherei für sozialdemokratische Agitationen. Wenn überhaupt etwas erreicht werden kann, so ist das höchstens von den festgeschlossenen Fach-Vereinigungen der Arbeiterinnen
bestimmter Branchen und auch nur unter sachkundiger männlicher Beihülfe zu erwarten.
Mit dem Mitleid über die traurige Lage der Arbeiterinnen mischt sich das Bedauern über die Verwirrung, in welche die Sozialdemokratie diese sich aufraffenden Kräfte stürzt. Am traurigsten wirkt der religionsfeindliche Geist, der gerade dem Weibe, der vielgerühmten Erzieherin der Kinder, besonders schlecht ansteht. Eine Probe der antireligiösen Beredsamkeit aus dem Munde eines Arbeiters lautet: „Ihr Frauen sagt den Männern Sonntags Vormittags: „Geh' in die Kirche und bedenke, daß Du sterben mußt!" Nein, sagt ihnen künftig: „Geh' in die Volksversammlung und bedenke, daß Du leben mußt, daß Du die Pflicht und das Recht hast, Dir und Deiner Familie ein menschenwürdiges Dasein zu bereiten!" Großer Beifall ringsum.
Wenn diese Verachtung der religiösen Ideale in die Herzen der Mütter gesäet wird, dann werden bessere Löhne und mehr Mußezeit der Familie wenig nutzen. Ein freidenkerisches, emancipirtes, revolutionäres Weib wird weder Mann noch Kind glücklich machen können.
Als wir die Arbeiterinnen-Versammlung in später Stunde verließen und nach dem Centrum der Stadt zurückkehrten, wimmelte es auf den Straßen von einer andern Art Freidenkerinnen, die aus den schlechten Löhnen und der Verzweiflung an Gott schon die letzten Konsequenzen gezogen haben. Der Staat begnügt sich damit, im Saale und auf der Straße einige Pickelhauben erscheinen zu lassen.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. September.
♦ Die neueste Nachricht über die Karolinen- frage bringt die ,Agence Havas'. Nach derselben hat Spanien die von Deutschland an Stelle eines Schiedsgerichts in der Karolinenfrage vorgeschlagene Vermittelung des Papstes angenommen.
* Der Moniteur de Rome' schreibt: „Die deutschen Blätter erörtern lebhaft die Möglichkeit eines modus vivendi, den Herr v. Schlözer dem Vatikan überbringen soll; da aber diese Nachricht falsch, ist es unnütz, jene Auslassungen anzuführen. Es ist merkwürdig, daß ernste Journale eine so ungeschickt lancirte Information ernst genommen oder dementirt haben."
* Der hiesigen serbischen Gesandtschaft ist der
-H- Auf geheimnisvollen Wegen.
Roman von I. 8«hk»feld.
„Gabriele bedauert, daß sie heute Abend nicht wieder in den Salon zurückkehren kann," sprach der alte Graf mit noch ein wenig gepreßter Stimme. „Das arme Mädchen hat Kopfschmerzen —"
„O, keine Erklärungen Herr Graf," unterbrach Eugen den Greis. „Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn ich die Comtesse unter solchen Umständen stören wollte. Ich werde morgen oder nach meiner Rückkehr vom Schloß de Vigny ihr meine Aufwartung machen."
Der Graf seufzte. Es war schwer für einen Mann mit den Ansichten des Herrn von Chatrois, solche falsche Worte zu sprechen, aber es blieb ihm keine Wahl. Vor Allem mußte er die Ehre seiner Tochter schützen.
„Gabriele ist oft tagelang leidend," fuhr er fort. „Wir werden frühzeitig nach unserem Landsitz übersiedeln, sobald das Wetter milder wird — vielleicht im Mai. Wir werden Nachbarn sein, Eugen. Das Schloß ihres Oheims ist nur wenige Meilen vom Schloß Chatrois entfernt."
Noch eine Weile drehte sich das Gespräch um
das angesponnene, neue Thema; dann hielt Eugen den Augenblick für gekommen, sich zu empfehlen. Die beiden Männer standen bereits in der Mitte des Salons, als plötzlich hastig der Haushofmeister hereinstürzte, im Antlitz den Ausdruck heftigsten Erschreckens.
„Herr Graf!" rief er bestürzt aus, „in dem Ankleidezimmer der gnädigen Comtesse muß Feuer sein! Dichter Rauch dringt durch die geschlossenen Thüren heraus!"
Herr von Chatrois fuhr zusammen. „Feuer in Comtesse Gabrielens Zimmer?" rief er aus.
„Ja, Euer Gnaden. Ich will die Dienerschaft allarmiren!"
„Nein, nein!" befahl der Graf strenge. „Sage Niemandem ein Wort davon! Bleibe in der unteren Halle." Und zum Erstaunen des überraschten Haus- Hofmeisters eilte der Graf aus dem Salon und die Stiege hinauf nach den Gemächern seiner Tochter.
Eugen folgte ihm auf den Fersen. Aus einer der Thüren, die in Gabrielens Zimmer führten, quoll dichter Rauch hervor. Einige Diener, ängstlich mit einander flüsternd, standen auf dem Korridor. Der Graf hieß sie herrisch sich entfernen und sie wagten es nicht, diesem ungewohnt strengen Befehl sich zu widersetzen.
„Eugen, lassen auch Sie mich allein!" sprach Herr von Chatrois erregt. „Ich will die Thür erbrechen."
„Ich werde Ihnen helfen, Herr Graf!" war die resolute Antwort.
Die Blicke der beiden Männer begegneten einander. Dem Grafen blieb keine Zeit zum lieber« legen. Schnell sagte er deshalb:
„So kommen Sie, Eugen, wir müssen uns gewaltsamen Eingang verschaffen."
Die Männer stemmten sich gegen die Thür. Einige Sekunden — das Schloß gab nach, die Thür flog auf. Dichter Rauch strömte ihnen entgegen.
Beide stürzten in das Zimmer. Mit einem Sprunge war der Greis am Fenster, welches er aufriß. Ebenso schnell schloß Eugen die Thür nach dem Korridor. Der Rauch zog schnell ab und die Ursache des Brandes wurde bald entdeckt. Im Kamin brannte ein helles Feuer und eine herausgeschlagene Flamme hatte ein Sammtgewand erfaßt, welches, augenscheinlich nachlässig oder in großer Hast über einen Sessel geworfen, dem Ofen allzu nahe lag.
Der Graf entfernte das Kleid aus der gefährlichen Nähe des Feuers und vernichtete die daran befindlichen Brandspuren. Inzwischen sah Eugen