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1885

Freitag, den 25. September

Fuldaer i

Bestellzettel für das nächste Quartal liegen der heutigen Nummer ds. Bl. bei.

Gabrielens Brust plötzlich mächtig wach geworden,

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ?. 8>ht»stld.

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* Die Arbeiterinnen - Versammlungen, welche gegenwärtig in Berlin fast täglich abge- halten werden, sind zwar sämmtlich sozialistischer Natur und wirken mitunter komisch, aber dennoch lohnt es sich der Mühe, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Es darf nämlich nicht verkannt werden, daß die Lage der arbeitenden weiblichen Bevölkerung von Berlin ebensogut wie von anderen Großstädten gedrückt und besserungsbedürftig ist. Für einen mit Plüsch oder dergleichen mehrmals besetzten Mantel, zu dessen Herstellung eine fleißige Ar­beiterin 15 — 18 Arbeitsstunden bedarf, schwankt der Lohn zwischen 90 Pfennig und 1 M. 75 Pf., welcher letztere Betrag also etwa einem Stunden- lohn von 10 Pfg. gleichkommt. Daß bei einem solchen Verdienst eine Arbeiterin kaum das nackte Leben fristen kann, liegt auf der Hand. Es ist ebenso eine unbestreitbare Thatsache, daß die fluch­würdige Gewissenlosigkeit vieler Arbeitgeber ihr weibliches Personal auf den Weg des Lasters hin­weist, sich theils selbst die Verführung angelegen sein läßt. Das ist die abgrundtiefe Verruchtheit unserer neuheidnischen Generation unter den besitzenden Ständen. Wenn der gerechte Groll der Unterdrückten sich in Versammlungen Luft macht und nach Abhilfe schreit, so ist das wohl zu begreifen. Interessant und traurig zugleich ist es, dem Verlauf einer solchen Versammlung zu folgen. Eine am 15. ds. in Berlin abgehaltene- derartige Versammlung schildert die ,Corr. Nienk.' sehr anschaulich, indem sie schreibt:

Am Dienstag bin ich in eine öffentliche Ver­sammlung eines der hiesigen Arbeiterinnen-Vereine gegangen. Es gibt nämlich bereits zwei dieser In­stitute; aus dem ersten, den Frau Guillaume- Gräfin Schack begründete und eine Frau Dr. Hoffmann leitet, sind die sozialdemokratisch an­gehauchten Elemente ausgeschieden und haben sich unter Leitung zweier Sozialdemokeaten-Frauen zu einem zweiten Arbeiterinnen - Verein im Norden Berlins zusammengethan.

Mein Weg führte durch endlose Vorstadt-Straßen in das Hauptquartier der Sozialdemo­kratinnen. Der Saal war überfüllt; die Hälfte der Anwesenden war weiblich, die andere männlich. Unter der Weiblichkeit dominirten die reiferen Jahr­

einer stark besuchten Versammlung den Mittelgang dauernd frei zu halten; zweitens wird der Mittel­gang im besten Falle nur eine Sackgaffe, da der wirkliche Ausgang, der Raum an der Thür, doch regelmäßig verstopft ist. Bräche wirklich ein Un­glück aus, so würde der Mittelgang im Nu voll­gepfropft sein — und zwar ohne die geringste Gewähr eines regelmäßigen Abfluffes. — Die Leerung des Mittelganges machte dem Ordners­mann viel Arbeit; zuletzt stieg die Präsidentin selbst von ihrem Throne und griff mit kräftiger Hand die dort stehenden Weiber und Männer am Arm, um sie nach rechts oder links bei Seite zu schieben. Die handfeste Frau imponirte mir; aber zur Schwiegermutter möchte ich sie nicht haben.

Der dritte Ukas der Präsidentin ging an die dicht besetzte Galerie, der strengste Ruhe anempfohlen wurde, „damit daß der Herr Lieutenant die Ver­sammlung nicht auflöst." Viertens wurden die Thürhüterinnen angewiesen, Niemanden mehr Hinern- zulaffen, weil der Saal voll sei. — Man sieht, daß die Umsicht der Vorsitzenden nichts zu wünschen übrig ließ. Ich erwartete freilich noch ein Verbot des Rauchens; aber es blieb aus, vielleicht weil man in dem Widerwillen gegen den Rauch eine bourgeoishafte Weichlichkeit findet. Auch der ge- räuschvolle Verkehr mit den Bierseideln wurde nicht verboten: die Damen tranken aber wenig; die leitenden Geister erfrischten sich mit Selterswaffer.

Nun endlich erhielt ein Fräulein Pesschauer das Wort zu dem angekündigten Vortrage. Eine feine, no* jugendliche Gestalt, die Nase mit einem Kneifer ge- ziert, trat mit einem kräftigen Hefte vor. Ich be­fürchtete einen langen Blaustrumpf-Vortrag über „Die Stellung des Weibes in der Vergangenheit und Gegenwart", aber es ging gnädig ab. Das Weib in der Vergangenheit wurde mit einigen allgemeinen Sätzen nach dem Muster der Töchterfchul-Auffätze abgemacht; im 15., 16. und 17. Jahrhundert, so erzählte die Referentin, sei das Weib ganz auf ihre Familienstube beschränkt gewesen, aber sie sei gut dabei gefahren, da sie ihre ganze Kraft der Erziehung der Kinder habe widmen können. Jetzt aber müsse das Weib von Morgens früh bis Abends spät arbeiten, dabei verwahrlosten die Kinder, die Familie ginge geistig und körperlich zu Grunde. Dem muß abgeholfen werden, und zwar durch Vereinigung der Arbeiterinnen zur Her- beiführung von kürzerer Arbeit und besserem Lohn.

Gabriele sah entrüstet zu dem Sprechenden auf. Ihre Augen schossen Zornesblitze, aber sie senkte sogleich wieder die Lider vor seinem leidenschaft- lichen Blick. Dieier Blick überzeugte sie, daß es ihm mit seinen Worten furchtbarer Ernst sei, daß er nicht gewillt war, eine ablehnende Antwort an­zunehmen. Zugleich aber auch überlegte sie, daß, wenn sie ihn dennoch in diesem Augenblick zurück­wies sie sich in ihm einen erbitterten, vnversöhn- lichen Feind schuf. Sie fühlte instinktiv, daß es in seiner Macht lag, grenzenloses Elend über sie zu bringen. Ein eisiges Frösteln durchschütterte ihre Gestalt und sie wendete sich fast unbewußt schaudernd von ihm ab, als wäre sein Hauch ver­sengendes Gift und der Blick seiner Augen Tod und Verderben.

„Comtesse, wollen Sie meine Frage überlegen? fragte er nach einer minutenlangen Pause in sanf­tem Tone und — plötzlich sein ganzes Wesen verändernd — mit einem Lächeln, welches dem Lichtstrahl glich, der die Dunkelheit durchbricht.

Der Instinkt der Selbstbeherrschung war in

langen." , ... .

Graf Chatrois betrat das Gemach wahrend dieses Momentes. Er hörte die letzten Worte seiner Tochter und sein Antlitz erhellte sich freudig. Die Comtesse benützte den Eintritt ihres Vaters, den Salon zu verlassen. In sichtbarer Bewe- qung, welche beide Männer mißverstanden, indem sie sie zu Gunsten des Bewerbers auslegten, glitt sie geräuschlos aus dem Salon auf den Korridor hinaus. Hätte sie den wilden triumphirenden Blick gesehen, den Eugen ihr nachsandte, sie würde erbebt sein bis in den Grund ihres Herzens. Auch dem Grafen von Chatrois entging dieser dämonische Ausdruck; sonst hätte er erkennen müssen, rote

sie wußte selbst nicht wodurch. Aber desto deut­licher fühlte sie eine Gefahr, die sie von Seiten dieses Mannes bedrohte, und sie entschloß sich, seinem Drängen nachzugeben. „Graf Lamartin" hob sie an und ihre Wangen färbten sich dunkel wie das Sammetkleid, das ihre Gestalt umfloß, um gleich darauf wieder bleich zu werden wie frischgefallener Schnee, „Graf Lamartin, ich will mich Ihrem Wunsche fügen. Wenn Sie zu warten vorziehen, so sollen Sie meine Antwort nach einigen Monaten haben, wenn Sie es ver-

falsch der Charakter dieses Mannes war, dessen Werbung um die Hand seiner einzigen Tochter er so besonder- protegirte.

Kauin hatte Gabriele ihr Zimmer erreicht, als auch ihre so lange und mühsam behauptete Fassung zusammenbrach — und verzweiflungsvoll die Hände ringend, sank sie auf einen Sessel nieder.

„Himmel!" entrang es sich qualvoll ihrer ge- marterten Brust. „Wie ertrage ich das! Der Elende ist zu Allem im Stande. Wenn er ent­deckte —! Allbarmherziger — nur das nicht! Nur das nicht! O, Armand, Armand! Wie soll ich Dich retten vor Deinem schlimmsten Feinde!" —

II.

Im Empfangssalon herrschte minutenlang ein tiefes Schweigen. Graf Chatrois nahm seinem Gaste gegenüber nahe dem behaglichen Kaminfeuer Platz und momentan hörte man den durch die Vor- hänge gedämpften Schall des draußen tosenden Sturmes.

„Ich trat gerade im entscheidenden Moment ein'' Eugen," hob Gabrielens Vater lächelnd an. Ich sah ihre freudige Miene und hörte die Worte meiner Tochter. Sie können sich zu diesem Erfolge gratuliren!" ... m

„Gewiß, Herr Graf," versetzte der junge Mann

gänge der Verheirateten; die Damen waren meist sauber und einfach gekleidet, einige auch recht nied- lich mit modernem Hut, Glacehandschuhen rc. Im Allgemeinen machten sie einen sehr friedlichen, so­liden Eindruck; von dem Geist der „Damen der Halle" war in diesen Reihen wenigstens äußerlich nichts zu merken. Die männliche Zuschauerschaft bestand aus drei Gruppen: 1) Sozialdemokratische Gesinnungsgenossen, 2) Neugierige, 3) Interessen­ten aus den Geschäftsbetrieben, in welchen Arbei­terinnen beschäftigt werden. Obschon ich zur 2. Klasse gehörte, gerieth ich doch zufällig an den Tisch, wo sich zahlreiche jugendliche, meist jüdische Handlungs- und Geschästsgehülsen der 3. Klasse zusammengefunden hatten. Da war die spöttische Kritik der Klagen der Arbeiterinnen, untermischt mit zahlreichen schlechten Witzen, an der Tages­ordnung; die Pausen vertrieb man sich mit ga­lanten Späßen an die Adresse der benachbarten jüngeren Zuhörerinnen; auf manchem Gesichtchen sah man den Kampf zwischen dem entrüsteten sozialdemokratischen Pflichtgefühl und der weib­lichen Eitelkeit sich abspiegeln. Ich fürchte, daß die Letztere vielfach Siegerin geblieben wäre, wenn die Versammlung und Versuchung noch länger gedauert hätte. ,

Frau Pötting, die Gemahlin eines Sozialdemo­kraten, der zunächst aus Berlin ausgewiesen ist und kürzlich aus Brandenburg, wo er sich em neues Heim gründen wollte, wiederum vertrieben wurde, führte den Vorsitz mit einer Sicherheit und Festigkeit, um-die -sie manch« männliche Prä­sident beneiden könnte. Zuerst wirkte die dünne weibliche Stimme, welche zu Dem sonoren Klang der Präsidialglocke scharf kontrastirte, etwas spaß­haft; aber der Eindruck schwand bald angesichts der Geschäftsgewandtheit und Energie, die sich geltend machte. Die erste Verfügung der Präsi­dentin ging dahin, daß die Männer, welche sich einen Stuhl erobert hatten, denselben den Damen überlassen sollten. Unter vielem Gekicher wurde der Platzwechsel prompt vollzogen. Der zweite Ukas, welcher auf polizeiliche Veranlassung erging, forderte die Leerung des Mittelganges. Wie sich auch bei der Versammlung in Münster zeigte, herrscht bei der Polizei überall die Ansicht, daß der freie Mittelgang zur Sicherheit unerläßlich sei; mir will der Werth dieser Anordnung nicht recht klar werden. Erstens ist es ganz unmöglich, in

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