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l. Dienstag, den 22. September

Fuldaer 811 Jätung

1885.

Sie »Fuldaer Zeitung" erscheint täglich. Sonn« und Feiertage ausgenommen, »ertelia$rlu$ee ’6°nn«nen«^‘8 °0«e ^^f^n unb «f?8 ft* 1 50 S * b

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** Der Staatsstreich in Ostrumelien.

Kaum ist die Kriegsgefahr im Südosten Europas verschwunden, kommt sie im Südosten wieder zum Vorschein. Die orientalische Frage ist wiederholt mit einem Pulverfaß verglichen worden; cs bedarf nur eines Funkens und Europa steht in Flammen. Nach den bereits in der gestrigen Nummer mit« getheilten telegraphischen Nachrichten ist der von der Pforte eingesetzte Gouverneur in Rumelien durch Aufständische entsetzt worden und der Fürst von Bulgarien macht seine Armee mobil, bereit, den Wünschen der Aufständischen nachzukommen. Daß die Sache so schön klappt, läßt auf Vorbe­reitung und überlegte Jnszenirung schließen. Der Fürst von Bulgarien würde sich nach menschlichem Ermessen wohl hüten, mit seiner Armee auf dem Schauplatze der Revolution zu erscheinen, sich selbst in die Hauptstadt des aufständischen Landes zu be­geben, wenn er nicht des Rückhaltes an einer Großmacht sicher wäre. Welche Macht würde diesen Rückhalt gewähren? Wer hat ein besonderes Interesse an dem Zustandekommen des allem An­scheine nach geplanten Großbulgariens unter der

Herrschaft des Bulgaren-Fürsten? Die nächsten Tage werden diese Frage beantworten. Niemand wird den Ernst der Situation verkennen; es besteht nur eine Hoffnung, nämlich daß die Kaiserzusammen­kunft in Krem fier diese Bewegung vorgesehen und über die Erledigung der Frage Einigkeit ge­bracht hat. Wenn Oesterreich-Ungarn und Ruß­land gemeinsam die großbulgarische Bewegung regeln, dann wird der Aufstand bäld beendet sein und die Karte der Balkanhalbinsel wieder einer Aenderung unterworfen werden. Wiederholt wurde ja das Vorrücken der österreichischen Macht bis nach Salonichi und die Einverleibung von Bosnien und der Herzegowina angekündigt. Hat die Kaiser­zusammenkunft in Kremsier über die Zukunft der Balkanhalbinsel entschieden, so wird Oesterreich- Ungarn seine Machtsphäre vergrößern als Gegen­gewicht zu dem neuen Großbulgarien und Rußland wird sicher eine geeignete Kompensation finden. Daß Bismarck dazu seine Einwilligung gegeben hat, wenn derartige Pläne in Kremsier gemacht worden sind, ist selbstverständlich. Wie die ,Polit. Korresp.' meldet, hat Fürst Alexander von Bul­garien bereits eine Proklamation erlaffen. Dieselbe ist Tirnowa, 20. Sept., datirt und lautet folgendermaßen:

Wir Alexander I., Fürst von Nord- und Süd-Bulgarien durch den Willen des Allmächtigen Gottes und des Volkes, geben unferm Volke bekannt, daß die Bevölkerung Ost- Rumeliens am 18. September, nachdem sie die Regierung gestürzt, eine provisorische Regierung einsetzte und Uns einsklinMg zürn Fürsten dies«e^rM->z protftrmrrier- Invr... wir dem Wunsche des Volkes, beide Bulgarien in eines zu vereinigen und derart fein Ideal zu er­füllen, nachkommen, anerkennen wir die Union als eine vollzogene Thatsache und nehmen den Titel eines Fürsten von Nord- und Südbulgarien an. Wir übernehmen die Regierung der Provinz und erklären, daß wir Leben. Frei­heit und Cigenthum aller friedlichen Bürger ohne Unter­schied des Glaubens und der Nationalität schützen werden.

Das Manifest erklärt sodann, daß alle Maß­regeln ergriffen seien, um die Ruhe des Landes sicherzustellen, man werde Alle strenge verfolgen, welche gegen dieselbe handeln sollten. Das Mani­fest fährt dann fort:

Ich hoffe, daß mein geliebtes Volk der beiden Balkan­länder, welches das große Ereigniß enthusiastisch begrüßt, der Konsolidirung des heiligen Aktes der Wiedervereinigung beider Bulgarien seine Unterstützung leihen und bereit sein wird, alle Opfer zu bringen für die Vertheidigung der Union und Unabhängigkeit des theuern Vaterlandes. Gott stehe uns bei in diesem schwierigen Unternehmen.

Nachstehende statistische Daten dürften im Augen-

blick von Jntereffe sein: Die Provinz Ostrume­lien wurde durch den Artikel 13 desBerlin er Vertrages begründet. Dieselbe steht unter der direkten politischen und militärischen Autorität des Sultans, besitzt aber administrative Autonomie und einen christlichen General-Gouverneur mit fünfjähriger Amtsdauer. Dieser Posten wurde früher von Aleko Pascha und nun bis zu der jüngsten Revolution von Gawril Pascha Kresto- witsch bekleidet. Nach den Artikeln 15 und 17 des Berliner Vertrages hatte der Sultan das Recht, für die Vertheidigung der Provinz durch Anlage von Befestigungen und durch Garnisonirung von Truppen an den Grenzen vorzusorgen. Diese Bestimm,mgen sind jedoch niemals zur Ausführung gelangt. Für die Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern wurde eine Gendarmerie und eine Lokalmiliz errichtet. Nach der Verfaffung von 1879, die aus 15 Kapiteln mit 495 Artikeln be­steht, ruht die Legislative in Händen einer einzigen Kammer, der sog. Provinzial-Versammlung Ost­rumelien hat eine Bevölkerung von 815,946 Per­sonen. Nach der Nationalität vertheilen sich die­selben wie folgt: 573,560 Bulgaren, 174,000 Türken, 42,654 Griechen, 19,549 Ziegeuner, 1306 Armenier und 4177 Juden. Da das Fürstenthum Bulgarien eine Bevölkerung von 2,007,919 Personen hat, so würde der neue Staat Großbulgarien, wenn die Union sich thatsächlich vollziehen sollte, 2,823,865 Einwohner zählen. Man Rtremt an, daß Bul­garien dann zu einem Königreiche erhoben werden solle. Das Londoner Blatt „Thruth" berichtet, daß der heirathslustige Fürst von Bulgarien an seines Bruders Schwiegermutter, der Königin von England, eine warme Fürsprecherin besitze. Sie unterstützte seine Werbung um die Hand der Prin­zessin Victoria von Preußen, der zweiten Tochter des deutschen Kronprinzen, und seit er dort einen Korb erhielt, soll sie sich bemühen, ihm ihre Enkelin, die Prinzessin Irene von Hessen, zuzusühren. ___________________

Deutsches Reich.

Berlin, 21. September.

• Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt: Das Zu­standekommen der bulgarischen Union würde eine Verschiebung der Bestimmungen des B e r l i n e r V e r t r a g e s in sich begreifen, woran alle Signatur-

-H- Auf geheimnißvollen Wegen.

Roman von y S-Hkufeld.

„Halt! Nicht weiter!" rief Gabriele mit vor Erregung zitternder Stimme aus, indem ihr Ant­litz glühende Röthe des Unwillens überfluthete. Ich will Armand de Vigny's Namen nicht hören. Man sagt, er sei tobt. Laß seine Fehler mit ihm be­graben sein!"

„Ja, er ist tobt!'' sprach der Graf gedankenvoll. „Er starb vor vielen Jahren fern der Heimath in fremden Landen. Er war noch sehr jung, als das unselige Verhängniß über ihn hereinbrach. Er halte in sich die Anlagen zu einem edlen Manne, aber von den Seinen zurückgestoßen, gericth er in schlechte Gesellschaft. Hätte der Marquis de Vigny, besten Erbe er war, ihn weniger gehaßt oder ihn weniger strenge wegen seines Vergehens verfolgt, Armand wäre vielleicht heute ein glückliches und geachtetes Mitglied unserer Gesellschaft. Ich will Dich nicht tat ein, daß Du um ihn trauerst. Du warst ja seine verlobte Braut. Aber da er sich Deiner Liebe unwürdig zeigte und nun tobt ist, sollte bie schmerzliche Wunde um seinen Verlust boch enblich einmal vernarben. Alle Männer gleichen ihm nicht.

Du warst nur fröhlich, wenn er ba war. Aber bennoch — ich kann es mir nicht benken, daß Du immer noch um ihn trauerst."

„Ich bin nicht romantischer Natur," mein Vater," entgegnete Gabriele. „Du sagst, daß alle Männer Armand nicht gleichen und willst damit aussprechen, daß Gras Lamartin nicht seine Schwächen und Feh­ler besitzt. Aber das ist umsonst. Ich liebe meine Freiheit zu sehr, um sie aufzugeben. Ich bin es gewohnt, in der Gesellschaft zu glänzen und be­wundert zu werden. Ich habe keine Neigung, mich in Fesseln schlagen zu lasten. Ich besitze kein Herz, welches meine Bewerber gewinnen könnten. Da hast Du die ganze Wahrheit mit wcnigen Wortenj: Ich habe kein Herz zu vergeben!"

Sie sprach weichmüthig und eine tiefe Traurig­keit leuchtete aus ihren nachtschwarzen Augen.

„Warum enttäuschest Du so all' die Hoffnungen, welche ich so lange auf Eugen von Lamartin setzte?" brach der Graf bitter aus. „Ich habe ihn gern als meinen Sohn betrachtet. Er ist der beständigste Deiner Verehrer. Ich schätze ihn hoch über alle übrigen Männer. Hast Du denn auch keine Siebe für mich, keine Rücksichten auf meine Wünsche? Denke an Dich selbst. Was würbe bie Gesellschaft sagen, wenn sie wüßte, baß Du Deinem eigenen

Vater ein ungelöstes Räthsel bist? Ich habe Ver- dacht, Gabriele —"

„Verdacht? Auf mich?" rief die Comteste plötz­lich erschreckten Tones aus und eine dunkle Gluth schoß ihr in die Wangen, während sie halb ver­wundert, halb erschreckt auf den Greis blickte.

„Ich liebe nicht das Wort „Verdacht" in Ver­bindung mit dem Namen bet Comteste Gabriele von Chatrois ausgesprochen," versetzte der alte Mann mit einem wehrnüthigen Blick auf die vor ihm stehende Tochter. „Aber, welches andere Wort wäre bezeichnender als dieses? Ich weiß nicht, was man über Dich denken soll, Gabriele! Du bist nicht, was Du zu sein scheinst!" — und der Graf blickte sie durchdringend an. „Bevor Graf Lamartin vor fünf Jahren auf Reisen ging, sagte er mir, Du führtest ein Doppelleben. Ich habe Dich seit­dem beobachtet und habe gefunden, daß er bie Wahrheit sprach. Du gehst auf geheimnißvollen Wegen! Du bist nicht bas, was Du zu sein scheinst!"

Gabriele stanb sprachlos. Sie beugte ihr schönes Haupt zur Seite und sah in die Gluth im Kamin, als fürchtete sie, daß ihre Augen bie Gebauten ihrer Seele wieberspiegeln unb sie verrathen könnten.

„Ich — verstehe Dich nicht!" stammelte sie enblich.