1885.
Mittwoch, den 16. September
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Die schlesische Katholikenversammlung.
** Was die Generalversammlung zu Münster für das gesammte katholische Deutschland, war die schlesische Katholikenversammlung zu Glei- witz für die Ostprovinz, welche, abgesehen von Posen, die meisten katholischen Bewohner zählt. Die Abhaltung einer besonderen schlesischen Katho- likenversammlung beruht auf der Erwägung der weiten Entfernung Schlesiens von dem katholischen Westdeutschland, sowie auf den besonderen Bedürf, nissen der zweisprachischen Provinz. Die eben beendete Gleiwitzer Versammlung war der Reihe nach die neunte, und liegt schon in dieser steten Aufeinanderfolge ein Beweis für die Nothwendig- keit der Versammlung, so bewies andererseits der starke Besuch, wie sehr diese Sitte dem katholischen Schlesien am Herzen liegt. Die schlesische Generalversammlung in dem günstig in der Mitte der Provinz liegenden und gegen 20,000 meist katholische Einwohner zählenden Gleiwitz war ein würdiges Gegenstück zu der Münster'schen Kundgebung, natürlich in kleinerem Maße. Wie in Münster war auch in Gleiwitz die Zahl der Theilnehmer eine kolossale. Für gute Wohnungen hatte das Lokalkomitö und der Opfersinn der Gleiwitzer Bürger gesorgt, die ohne Unterschied der Konfession ihre Häuser geschmückt hatten, bis auf das kahle Rathhaus, in welchem die Loge stark vertreten ist.
Die Versammlung, an welcher viele Reichs- und Landtagsabgeordnete Schlesiens, viele Adlige und ein großer Theil des Breslauer Diözesanklerus theilnahmen, begann am Sonntag, den 6. ds., mit einer Begrüßungsfeier, in welcher auch der katholische Nachkomme des preußischen Haudegens General Ziethen das Wort nahm, während der katholische Enkel des „Marschall Vorwärts" dieses Mal verhindert war. Sonderbare Fügung, daß die Familie dieser beiden preußischen protestantischen Generale jetzt ganz katholisch sind. Den eigentlichen Verhandlungen in d e u t s ch e r Sprache waren der Montag und Dienstag gewidmet, den polnischen Debatten der Mittwoch. Selbstverständlich begann das Tagewerk täglich mit feierlichem Gottesdienst. Daran schlossen sich an jedem Vor- und Nachmittag anstrengende Sektionssitzungen zur Berathung und Feststellung der Resolutionen und Beschlüsse, und auf diese folgten am Abend um 6 Uhr in dem
großen erweiterten und mit päpstlichen und schlesischen Farben geschmückten Schützenhaussaale die öffentlichen deutschen Versammlungen, in welchen je 3 Redner (v. Schalscha, Graf Strachwitz, Dr. Porsch, Dr. Stephan, Metzner, v. Huene) das Wort ergriffen.
Wie in Münster, so gaben die schlesischen Redner, zum Theil in meisterhafter Weise, den Gefühlen Ausdruck, die momentan am meisten das Herz der Katholiken bewegen, sowie den Pflichten, welche uns die gegenwärtige Lage auferlegt. Energisch legte der Abg. v. Schalscha Protest ein gegen die gegnerische Behauptung von Uneinigkeit in den Reihen der Katholiken und der brausende Hochruf, mit dem man seine Erklärung: „die Einigkeit im Kreuze wird die Einigkeit der Kelle und der rothen Schleife" überdauern, begrüßte, klang wie ein Ge- löbniß katholischer Treue. Den Höhe- und Glanzpunkt der Gleiwitzer Versammlung bildete der treffliche Appell des Abg. Dr. Porsch an das katholische Gewissen. Redner führte aus, was wir auf kirchlichem Gebiete erreicht, was uns noch drücke, und welches demgegenüber unsere Pflichten seien. Daß auch die Redner des folgenden Tages (Dr. Stephan über das Sittengesetz und die äußere Politik der modernen Staaten; Abg. Metzner über die Sonntagsruhe und Abg. v. Huene über die Münster'sche Versammlung und das Verhalten des Centrums) sich ihrer Aufgabe wacker und gut entledigten, beweisen die stürmischen Hochrufe, von denen die Ausführungen begleitet waren.
Was die zahlreichen Resolutionen und Beschlüffe der Versammlung anbelangt, so ähneln sie, soweit sie den allgemeinen Bedürfnissen der Katholiken entsprechen, den Beschlüssen von Münster, doch wurde auch eine Reihe von Anträgen erörtert und angenommen, welche spezielle Verhältnisse und Bedürfnisse ins Auge fassen. Zu den letzteren gehört auch die Forderung, daß den polnischen Kindern der Religionsunterricht in ihrer Muttersprache ertheilt, und daß als Voraussetzung auch das Lesen und Schreiben im Polnischen gelehrt werde; ferner die Aufforderung, die Mittel für den Religionsunterricht katholischer Kinder in protestantischen Schulen aufzubringen und eifrig katholische Gymnasiasten zu unterstützen. Dringend wurde schließlich auf die Nothwendigkeit verwiesen, die praktische Ausführung der Beschlüsse sofort energisch überall in die Hand zu nehmen. Sicher
hat jeder Theilnehmer an der Gleiwitzer Versamm- lung den Eindruck mit nach Hause genommen: einer Sache, die so überzeugungsvoll und energisch vertheidigt wird, kann der endliche Sieg nicht mangeln.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. September.
** Je näher der äußerste Termin für die vollständige Durchführung der die Polen betreffenden Ausweisungs-Ordre, der 1. Oktober, heranrückt, desto mehr tritt das Elend, welches diese Bestimmung im Gefolge hat, zu Tage. Die Verbannten sind gezwungen, ihre Habseligkeiten, die sie durch schwere Arbeit und Sparsamkeit während vieler Jahre erworben, für verhältnißmäßig billigen Preis zu verschleudern. Hierdurch werden viele Familien einem vollständigen Ruin entgegen geführt. Der preußischen Regierung scheint die Sache hinterher doch einiges Bedenken zu verursachen, wie aus folgender Correspondenz der .Franks. Ztg.' zu ersehen ist:
Fast scheint es, daß die Regierung jetzt, wo die Ausweisungen mit all ihrem Elend in Gang gekommen, die öffentliche Kritik scheue. Als Herr v. Puttkamer in lebhaften Farben die Gefahr der Polonisirung großer Distrikte im Osten schilderte und damit die Ausweisungen motivirte, da hörte sich die Sache noch nicht ganz so schlimm an, denn man verband damit die Vorstellung, daß die Auszuweisenden sich an der polnischen Propaganda be- theiligt, also bis zu einem gewissen Grade ihr Schicksal selbst verschuldet Hütten. Da sich jetzt aber zeigt, daß alle Ausländer polnischer Abstammnng, auch solche, die seit Dezennien in Deutschland wahren, ohne sich an irgend welchen Polonisirungsbestrebungen betheiligt zu haben, auch aus Gegenden, wo von Polonisirung keine Rede ist, ausgewiesen werden, gewinnt die Maßregel erst den häßlichen, bet Humanität Hohn sprechenden Charakter. Daher kommt es auch, daß die offiziöse Presse seit einiger Zeit die Thatsachen zu verschleiern sich bemüht. Die Norddeutsche, die doch wissen sollte, was Herr v. Puttkamer erklärt hat, gibt einer Zuschrift aus Ostpreußen Raum, in der wahrheitswidrig die Sache so dargestellt wird, als handele es sich nur um verdächtige, übel beleumundete Subjekte. Ferner bestreitet die offiziöse Presse nach Kräften alle Angaben über die Zahl der Ausgewiesenen. Die Norddeutsche widerspricht gestern der Nachricht, daß 300 Ausgewiesene in Warschau angekommen seien. Was soll denn dies Geflunker? — Herr v. Puttkamer hat offen erklärt, datz rund 30,000 Personen ausgewiesen werden, es ist Thatsache, daß diese Ausweisungen im Gange sind, die Instruktionen, nach denen die Regierungen verfahren, sind bekannt. Irgendwo müssen doch die Ausgewiesenen ankommen, was soll denn da das Nörgeln an einzelnen Nach-
# D. B. Gunkelmann & Cie.
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Das Schreiben mußte höchst wichtiger Natur sein, das verkündete die ernste Miene des Untersuchungsrichters, mit welcher er den inhaltsvollen Brief durchflog.
„Sie können mich übermorgen erwarten," hieß es da und dem Datum nach war dieser Tag heute. Weiter lautete das Schreiben: „Ihre Andeutung, daß der p. Faack aus Hamburg stamme und daher seine Freundschaft mit dem aus Hamburg gebürtigen Willem jedenfalls aus genannter Stadt datire, scheint mir festen Untergrund zu haben. Dann muß die Bekanntschaft indessen schon alten Datums sein, denn vor nahezu zwölf Jahren wurde Willem wegen des Ihnen bekannten Einbruchs zu sechs Jahren Zuchthaus verurtheilt. Nach Jahresfrist nun entfloh er mit einem Komplicen, an den er sich eng angeschlossen hatte. Indessen nach dem Tage der Flucht wurde Willem schon wieder eingefangen und erhielt eine Zusatzstrafe von anderthalb Jahren. Es mögen nun über drei Jahre her sein, daß er seine Schritte Ihrer Stadt zuwandte. Was seinen Komplicen andetrifft, so nahm man bisher an, daß derselbe auf der Elbe ertrunken jei, da man seine Züchtlingskleider auf dem Was
serspiegel schwimmen sah. Krispin Dups, so hieß derselbe, war der Sohn einer übelbeleumundeten Diebeskellerwirthin. Dups war ein talentvoller Mensch mit schwarzem Haar und stattlicher, ganz Ihrer Beschreibung von dem p. Faack gleichender Gestalt, welcher sich indessen seinen niedrigen Neigungen ergab und wegen eines mit entsetzlicher Verschlagenheit ausgeführten Betruges zu langjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt wurde. Nach Jahresfrist entfloh er, wie gesagt; wir hielten ihn für tobt und so kam es, daß der p. Faack, wenn er, wie ich nicht zweifle, unser Dups ist, so lange unbehelligt bleiben konnte. Es soll mich aufrichtig freuen, den Herrn rekognosziren zu können. Mein Verdacht gegen denselben wird dadurch noch bestärkt, daß wir gelegentlich einer Haussuchung bei der Wittwe Dups, in einem feuersicheren Versteck in eingeschriebenen Briefen liegend, enorme, nach Millionen zählende Geldsummen in gültigen Reichs- bankscheinen vorfanden. Die Kouverts trugen alle den Stempel Ihrer Stadt und das Datum hielt sich innerhalb der letztverflosseaen drei Jahre. Auf das mit ihr angestellte Verhör beharrte die Frau fest auf der Aussage, die Briefe von unbekannter Seite zugestellt bekommen zu haben. Ick wollte mich schon an Sie wenden, als ich Ihre Zuschrift
i mit den mir so wichtigen Mittheilungen enthielt. Da stieg in mir sofort der Verdacht auf, der Absender müsse Faack und dieser identisch mit dem Sohne der Wütwe Dups sein. Ich ließ die Handschrift auf cen bei dec p. Dups beschlagnahmten Kouverten von Sachverständigen mit noch vorhandenen Schriftzügen des Krispin Dups vergleichen und siehe da! Sämmtliche Sachverständige stimmten in der Aussage überein, daß kein Anderer als Krispin Dups besagte Kouvertaufschriften geschrieben haben könne.
Ich reise deßhalb mit dem nächsten Zuge nach Ihrer Stadt ab und hoffe, daß es Ihrer Thätig- keit, mit meinen bescheidenen Dienstleistungen vereint, gelingt, die Verbrecher ihrer verdienten Strafe entgegenzuführen.
Mit bekannter Hochachtung
Öttel, Polizeikommissar."
Daß diefes Schreiben Wendelin in die größte Aufregung versetzte, läßt sich ermessen.
Heute sollte nach dem Briefe der Polizeikommissär öltet eintreffen.
Wendelin wollte bis zu dessen Ankunft nicht müssig sein, sondern beschloß, dem Geschäftslokal Gunkelmann's einen eingehenden, amtlichen Besuch abzustatten.