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JV 205

Mittwoch, den 8. September

1885.

Fuldaer

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i± D. V. Gunkelmann & Cie.

Herr Gunkelmann," sprach Faack nach einer minutenlangen Pause, frostig auf den vor ihm Knieenden blickend, „versuchen sie doch ihr Heil anderswo. Vielleicht, daß man Ihnen zu helfen bereit ist, wenn die Wahrscheinlichkeit dafür auch keine große ist."

Gunkelmann hatte sein Antlitz voller Verzweiflung emporgerichtet und so, gegen Faack's Absicht, den eisigkalten Blick gesehen, mit welchem derselbe auf ihn herabschaute.

Diese Wahrnehmung gab den sich so tief Demüthr- genden sich selbst zurück.

Wie von einer Natter gestochen, schnellte er empor; unsagbarer Stolz lagerte sich auf seinen

Ich habe mich vor Ihnen gedemuthrgt," sprach er mit vor Erregung zitternder Stimme nach einer minutenlange Pause, während welcher Faack un­willkürlich zu Boden hatte blicken müssen, unfähig, dem verächtlichen Blicke Stand zu halten, mit welchem ihn der Kaufherr vom Scheitel bis zur Sohle maß, „gedehmüthigt, wie ich es vor wenigen Augenblicken noch nicht für möglich gehalten hatte, daß ich mich je so vor einem Menschen beugen

Schlußrede Sr. Excellenz des Staats­ministers a. D. Dr. Windthorst

auf der 32. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands zuMünster.

(Fortsetzung.)

Meine Herren, zu derselben Zeit, als von den parlamentarischen Vertretern der Katholiken Solches behauptet wurde, ging durch alle Welt die Kunde — und man glaubte sie und rieb sich froh die Hände —; es seien die Bischöfe in hellem Streit, der eine sei liberal, „ein Mann von deutschem Schrot und Korn", — der andere gar nicht mehr klar in seinen Begriffen: Alles sei da aus den Fugen. (Heiterkeit.) Nun, meine Herren, unsere Bischöfe haben sich in Fulda versammelt; sind in voller Einmüthigkeit gewesen, haben uns einen Hirtenbrief verlesen lassen, der wahrhaftig nicht klingt, wie Streit. (Heiterkeit.) Sie haben uns gelobt ob unserer Einigkeit, haben — was für uns gar nicht nöthig war zu sagen — uns darüber belehrt, sie wären ebenfalls vollständig einig, und haben uns aufgesordert, fortzufahren wie bisher. (Bravo!) Meine Herren, das ist ein goldener Brief für uns gewesen. (Bravo!) Das Zeugniß war für uns vortrefflich! wir haben es in Demuth ausgenommen; und wenn wir über dieses oder jenes Skrupel gehabt hätten, so haben wir darin die Absolution gefunden. (Bravo!) Aber unsere Bischöfe haben uns von ihrer Einigkeit gesprochen — was wir ja nie bezweifeln könnten, weil sie eben auf katholischem Boden stehen, und der katho­lische Boden leidet eben keinen solchen Zwiespalt, wie die Gegner uns zu glauben zumuthen. (Bravo!) In der katholischen Kirche predigt man nicht des Morgens von Christo dem Herrn und des Nach- mittags von einem großen Philosophen, der vor irgend einer Zeit einmal gelebt hat. (Bravo!) So sehen wir vor uns die volle Einigkeit zwischen den Hirten und die volle Einigkeit der Heerde. Und über dem Hirten und über der Heerde steht in Rom, im Vatikan, der Greis, der die Welt regiert, - mögen sie sagen, was sie wollen, er regiert sie doch, (Lebhafte Beifalls- und Hochrufe.) und hält über die Hirten und über die Heerde, über die Männer und die Frauen, über die Großen und die Kleinen ausgestreckt seine segnende Hand. Das ist die Hand des Friedens! Vor diesem Bilde, das wir uns recht einprägen wollen, werden

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habe in diesen Tagen hier den Versammlungen der katholischen Studenten, habe in Essen der Ver- sammlung der jungen Kaufleute beigewohnt, und ich habe da schon jetzt die verschiedensten, tüchtigsten Talente entdeckt. Ich nenne dieselben nicht, wie ich das bei meinen Freunden durfte, die gegen Lob und Tadel bereits abgehärtet sind. (Sehr gut! — Andauernde Heiterkeit.) Aber die Keime liegen da, und auch die dritte Garnitur — ich versichere Sie — wird den Dienst nicht versagen. Und für die vierte Garnitur — das sind die ganz kleinen Knaben — da müssen die Mütter sorgen. (Bravo!)

Das für Diejenigen, welche glauben, das Centrum — so heißt augenblicklich die parlamentarische Ver- tretung der Katholiken — das Centrum könne sterben. Nein, meine Herren! Ein berühmter General soll einst, als er aufgefordert wurde, zu kapituliren, gesagt haben: „Die Garde ergibt sich nicht; sie stirbt." Ich sage: Das Centrum stirbt nicht und ergibt sich nicht. (Bravo!) Das ist der Vorzug des Centrums vor der Garde. (Bravo! und Heiterkeit.) Und damit man mir das glaube, habe ich Ihnen gleich unser Rekrutement dargelegt. (Bravo!) Und der Dienst in unserem Korps ist immer freiwillig; das muß er bleiben; es ist für die einzelnen Personen in dem Ceutrum gar nichts zu holen, als Hohn und Schimpf. Aber ein gutes Gewissen können wir behalten (Bravo!), und das gute Gewissen wird uns über Vieles hinweg helfen, was sonst uns unbequem sein könnte. Außerdem ist es doch auch ein Labsal, wenn wir für die Mühen und die Arbeiten, denen wir uns unter­ziehen müssen, so freundlich behandelt werden, wie das hier der Fall ist. (Bravo!)

Und das führt mich auf das, womit ich hätte eigentlich anfangen sollen; aber die beiden Vor­redner haben mir mein ganzes Konzept verdorben. (Heiterkeit.) Ich bin nämlich der Meinung, daß wir bei dem Schlußwort zunächst zu danken hätten den hochwürdigsten Herren Bischöfen, die mit seltenem Eifer unseren Verhandlungen beigewohnt und dadurch ihnen gewissermaßen die kirchliche Weihe gegeben haben. (Bravo!) Und das halte ich außerordentlich bedeutsam gegenüber dem ge- sammten katholischen Volke, insbesondere aber gegen­über uns selbst.

Meine Herren, in der heutigen Zeit yat sich die Nothwendigkeit geltend gemacht, daß auch Laien

Indessen das war nicht nach der Meinung Faacks, denn diese plötzliche Entlassung hätte alle übrigen Pläne zerstört.

„Sie werden mich doch nicht fortjagen wollen, Herr Gunkelmann, wie man einen Hund von der Schwelle stößt!" versetzte er deßhalb mit gutge­spielter Kränkung. „Ich denke doch, daß Sie mir wenigstens noch ein gerettetes Leben zu danken haben."

Das entschied bei dem ehrenfesten Handelsherrn.

„Ich bin weit entfernt, Ihrem ferneren Fort- kommen schaden zu wollen," sagte er deßhalb kalt, „und habe gegen den Verbleib in Ihrer Stellung bis zum Termin keinen Einwand zu erheben. Ich dachte, Ihr eigenes Gefühl würde Sie veranlassen, bald von diesem Hause zu scheiden. Indessen, die wenigen Tage werden ja auch vorübergehen. Nur möchte ich Sie bitten, zu bedenken, daß von dieser Stunde an unsere zukünftigen Lebenswege weit aus einander gehen."

Der Handelsherr verbeugte sich mit vornehmer Nachlässigkeit und verließ stolz erhobenen Hauptes das Zimmer.

Faack b.ß sich auf die Lippen und ballte, als die Thür sich hinter dem Kaufherrn geschlossen

die anstürmenden Wogen branden, und die Herrschen­den werden ringsum empfinden, daß vor diesem segnenden Greise die Welt sich beugt, sie werden inne werden, daß wir unter dieser segnenden Hand nach seiner Weisung weiter gehen und den Sieg der heiligen Kirche rascher, als man es glauben sollte, erringen werden. (Bravo!) Ist es Denn ein reiner Zufall gewesen, daß gerade in der Zeit, wo man uns tobt sagte, wo man uns als uneinig bezeichnete und den Episkopat als getrennt, — — daß in dieser Zeit alles dies geschehen mußte, damit wir heute hier öffentlich fragen können, wo ist Uneinigkeit, wo ist irgend welcher Zweifel daran, daß wir noch feststehen? Woher kann man die Hoffnung schöpfen, das wir in den Sumpf gehen, den man uns präparirt? (Heiterkeit.) Nein, wir gehen nicht in den Sumpf! (Lebhafter Beifall.) Wir lassen nicht so allmählich die Dinge einschlafen; wir sind recht wach; wissen heute, wie vor zehn Jahren, daß die Maigesetze durchaus nicht taugen, und daß die Freiheit der Kirche um jeden Preis errungen werden muß. (Bravo!) Wir sind eben noch so kampfesfähig wie damals. (Bravo!) Und das ist ja das Schöne bei uns: wenn einer fällt, wenn Gott ihn zu sich ruft, dann kommt immer ein Anderer und tritt in seine Stelle. Und wie unser Episkopat, unser Klerus sich fort und fort erneuert, fo erneuern sich auch die, welche berufen sind, in den parlamentarischen Körpern unsere Rechte zu vertreten. (Bravo!) Wenn die Herren glauben, wenn Dieser oder Jener, von Gott ab­gerufen, davon ginge, dann würde es aus fein, — dann irren sie sich gründlich. Meine Herren, für mich, der ich zu den Alten leider gehöre, ob­wohl ich es sehr ungern bekenne (Heiterkeit), ist es eine wahre Herzenserquickung gewesen, daß diese gut katholische Versammlung in diesen Tagen der Reihe nach die ausgezeichnetsten jungen Männer aus unserem Centrum gehört hat; und wenn die Alten nicht mehr sind, dann wird unser verehrter Präsident, der Herr Dr. Lieber, einer der Jüngern und Thatkräftigsten, in die Bresche treten (Lebhafte Bravo- und Hochrufe); dann wird der Herr Kollege Porsch (Bravo!), dann wird Herr Wiese und Alle, die hier gehört worden sind, in dieselbe eintreten. Und, meine Herren, das wird ein noch viel statt­licheres Centrum fein, als das heutige. (Heiter- feit.) Und wenn auch die nicht mehr sind, dann ist schon eine dritte Garnitur da. (Heiterkeit.) Ich

könnte. Es ist nutzlos gewesen und die Zukunft liegt nun trübverschleiert vor mir. Eine Erfahr­ung habe ich indessen in dieser Stunde errungen und sie ist diese Stunde wohl werth: Sie sind ein Undankbarer, ein Unwürdiger! Das habe ich erkannt!"

„Herr Gunkelrnann," ries Faack mit scheinbarer Entrüstung, „diese Beleidigungen —"

„Spielen Sie nicht länger mit mir," entgegnete her Handelsherr hochaufgerichteten Hauptes ver­ächtlich. „Diese Stunde hat die jahrelange Täuschung wie Schuppen von meinen Augen fallen lassen. Sie mögen mir ein treuer, lohnbezahlter Diener gewesen sein — in diesem Punkte vermag ich Sie keines Fehlers zu zeihen — aber mein Freund sind Sie nie gewesen! Darin haben Sie geheuchelt, mich betrogen und verrathen!"

„Für diese Worte sollen Sie mir büßen!" knirschte der Buchhalter, unfähig, noch länger die langgewohnte Maske zur Schau zu tragen.

„Sparen Sie Ihre Drohungen!" entgegnete Gunkelmann mit kühler Vornehmheit. „Dieselben schrecken mich nicht. Sie haben mich um Ihre Entlassung zum Ersten kommenden Monats gebeten, Sie können mein Geschäft heute noch verlassen. Ich werde Auftrag geben, daß man Ihnen den rückständigen Gehalt sofort aurzahlt."