1885
Freitag, den 4. September
Fuldaer
haben ein Prinzip: „Liebe Dich selbst über Alles und den Nächsten, soweit es Dein Interesse erfordert." Die wirthschaftliche Freiheit bezeichnet Redner als einen Wettlauf, bei dem das letzte Wort: Unterdrückung des Schwachen durch den Starken sei. Dazu komme ein besonderer Umstand, die Stellung des Kapitals in der modernen Entwickelung. Aus einem tobten Arbeitsinstrument sei das Kapital zum lebendigen Faktor geworden, der lebendige Mensch aber zum tobten Werkzeug herabgesunken. Die Sozialdemokratie nennt Redner den natürlichen Sohn' des Liberalismus, seiner Thaten und seines Unglaubens. Was seine Partei für der Arbeiter Wohl thue, das geschehe nicht aus Furcht vor der Sozialdemokratie, sondern aus Liebe zu den Brüdern im Arbeiterstande. Die Sozialdemokratie müsse man beklagen und in ihren Alles zerstörenden Plänen bekämpfen, man unterschätze und überschätze sie nicht. Mit dem Krankenkaffengesetz, für dessen Nutzen ja auch das Centrum eingetreten, sei noch lange nicht genug geschehen, nach der Seite der Seelenfrage sei noch Alles zu thun. Dazu aber müsse der Kulturkampf aufhören, die Gesetze welche die Wirksamkeit der Kirche behindern, müßten aufgehoben und die Orden, auch die Jesuiten, zurückberufen werden. Der Redner erkärt sich sodann für Arbeiterschutzgesetze, für Beseitigung der Frauen- und Kinderarbeit, für Regelung der Arbeitszeit, für gewerbliche Schiedsgerichte unter Mitwirkung freigewählter Vertreter der Arbeiter, Regelung der Ruhe an Sonn- und Friertagen, $Cs«inigung hör Ark-ilpr Z» ÄnrnoratiOHetL Md endet mit den Worten: Die soziale Frage wrrd nur gelöst mit der Kirche, nicht ohne ste, am wenigsten aber gegen sie. (Lebhafter andauernder Beifall.) r , v f
Die Versammlung wird hierauf mit dem katholischen Gruße geschlossen. Nach dem Schluß verwandelte sich die Empore des Präsidiums in eine Schaubühne, auf welcher der katholische Studenten- Verein „Germania" die Aufführung scenischer Bilder unternahm, dem sich ein gemeinsamer Kommers der katholischen Studenten-Verbindungen Münsters an» schloß. Der Präsident konnte der Versammlung noch mittheilen, daß nach Erfüllung der polizeilichen Bedingungen es nunmehr möglich sei, auch die geschlossenen Versammlungen aus dem unzureichenden Rathhaussaale in die Festhalle zu ver-
XXXII. General-Bersammlung der
Katholiken Deutschlands.
* Münster i. Wests., 31. August.
Nachdem im Verlaufe des heutigen Nachmittags sämmtliche Ausschüsse sich konstituirt und ihre Verhandlungen ausgenommen hatten, fand heute Abend die erste öffentliche General-Versammlung statt. Lange vor der festgesetzten Stunde des Beginnes war die geräumige Festhalle im vollen Sinne des Wortes überfüllt. Obschon Einlaßkarten im Laufe des Tages nicht mehr aus- gegeben wurden, — zum großen Leidwesen vieler Hunderte, welche der General-Versammlung wegen nach Münster gekommen waren — vermochte die große Rotunde sammt dem dazu gehörigen Vorraume nicht die Tausende zu fassen, welche als Mitglieder oder Tyeilnehmer der General-Versammlung der heutigen Versammlung beizuwohnen wünschten. Schon vor 5 Uhr mußten die (Sin» gangsthore zur Rotunde geschloffen werden, viele Hunderte mußten uwkehren. Und drinnen harrten Tausende „gekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge" der Eröffnung. Selbst auf der Gallerie drängte sich Mann an Mann. Angesichts dieser lieber» füllung verkündete Präsident Dr. Lieber noch vor Beginn der Versammlung, daß „aus baupolizeilichen Gründen" der Vorstand in die traurige Sage versetzt fei, die Galerie der Rotunde räumen zu lassen und deshalb Diejenigen, welche die Galerie besetzt hätten, bitten müsse, den dieserhalb an sie ergehenden Aufforderungen keinen Widerstand entgegenzusetzen. Ohne Störung wurde dieser Anordnung entsprochen, auch einem ferneren Wunsche der Polizeibehörde gemäß die theilweise Freihaltung des Mittelganges bewirkt.
Der hochw. Bischof von Münster und der Abg. Dr. Windthorst erschienen zusammen im Saale, auf das Lebhafteste begrüßt von der gewaltigen Menge. An die begeisterte Einleitungsrede des Präsidenten Dr. Lieber schloß sich eine ergreifende Ansprache des Bischofs von Münster, die mit seinem oberhirtlichen Segen schloß. Was der Präsident unter Berufung auf den jüngsten Hirtenbrief der preußischen Bischöfe als die Aufgabe der General-Versammlung hinstellte, das bekräftigte der hochw. Bischof unter Berufung auf die Aufforderung des hl. Vaters: festzustehen im Kampfe bis zum vollen Segen des Heiligthums, auszuharren
zu geben? Das wäre in der Thal eine vortrefflich paffende Parthie für Irmgard!"
„Und wenn mich nun Unstände nötigten auf einen solcher Antrag einzugehen?" fragte der Kaufherr mit eigenthümlicher Spannung in der Stimme. ~ m „
„So hat jedenfalls Deine Tochter das Recht, gab Frau Gunkelmann vornehm zurück, „das letzte, entscheidende Wort in dieser sie so tief berührenden Angelegenheit zu sprechen."
„Nein, dieses Recht hat sie verwirkt, ruf ihr Gatte leidenschaftlich, „denn nachdem sie sich einem Diebe in die Arme geworfen —"
„Vater!" schrie Irmgard auf, von ihrem Sitze emporspringend. m ,
Mit drohenden Augen blickte Gunkelmann seme Tochter an.
Indessen das junge Mädchen ließ sich nicht einschüchtern. Sie stand dicht vor ihrem Vater und hatte das Haupt stolz erhoben.
„Du bist mein Vater," sagte sie bann mit bebenber, aber entschlossener klingender Stimme, „und ick bin Dir Gehorsam schuldig. Allein derselbe geht nur bis zu einem gewissen, menschenmöglichen Punkte. Wenn ich aber höre, wie Du einen Mann schmähst, den ich heiß und innig hebe,
in Eintracht und Gebet. Der nun folgenden Reden waren nur wenige, aber sie waren gut. Bis- thumsverweser Domkapitular Dr. Moufan g von Mainz schilderte die Kämpfe, denen die Kirche ausgesetzt war seit den Zeiten der französischen Revolution von 1789; der Kulturkampf, den die Fürsten 1803 auf dem Tage in Regensburg gegen die Kirche durch Einziehung ihrer Güter, Auflösung der Orden und Klöster, Vertreibung der Kirchenobern aus ihren Stellungen eröffnet, sei ungleich schwerer gewesen, als der Kulturkampf von heute, der übrigens auch schlimm genug sei. Wenn man heute nicht anshielte, müsse man sich schämen vor den Voreltern, welche Schlimmeres durchgekämpft hätten. Alle Anstrengungen ihrer Feinde hätten die Kirche nicht vernichten können, auch heute würde sie ausharren und — so schloß der Redner seine im letzten Theile häufig humoristisch gefärbten Ausführungen — „ob es noch ein paar Jahre dauert, darauf kommt's gar nicht an, der Sieg ist unser."
Stadtpfarrer Huhn von München empfahl in eindringlicher Weise den neuen Palästina - Verein, der für die deutsche Seelsorge im hl. Lande sorgen will, damit die dortigen deutschen Katholiken nicht mit ihrer Muttersprache zugleich ihren Glauben verlieren.
Als letzter Redner sprach, von rauschendem Beifall empfangen, Dr. Frhr. von Schorlemer- Alst über die soziale Frage. Er sagte: Die soziale Frage ist so alt wie das Menschengeschlecht, oder richtiger, wie der Urtheilsspruch im Paradiese. Bei allen Völkern finden wir sie uno gu «Um Zeiten, in ihrer krassesten Form aber im Heiden- thum. Der Grund, daß sie heute im Vordergründe steht, ist eben das Anwachsen des modernen Heiventhums, das schlimmer ist, als das antike. Die soziale Frage ist nicht nur eine Magenfrage, sondern auch eine Seelenfrage; daß sie auch Ersteres ist, wurde von den katholischen Sozialpolitikern klar erkannt. Der Vorwurf, daß wir nur Bonds auf den Himmel ausgeben, ist ungerecht, wir geben auch Bonds auf die Erde ans, aber nicht ohne die ersteren. Auf göttliches Recht und Gnadenthum berufen sich auch wohl unsere Gegner, aber nur wenn es ihnen paßt, andernfalls verleugnen und brcchen sie es. Wenn man aber das legitime Recht zu nichte macht, liefert man nur Wasser zur Hochfluth der Sozialdemokratie. Wir
# D. B. Gunkelmann & Cie.
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„Laßt, laßt!" rief er, als der Diener gegangen war, indem er die Thüren der anstoßenden Zimmer verschloß, so daß er vor jedem Lauscher sicher war. „Ich habe wichtig und ernst mit Euch zu reden!"
„Mein Himmel!" rief Frau Gunkelmann aus, „Du wirst uns doch nicht schon wieder eine neue schreckliche Botschaft verkünden wollen? Man kommt ja aus der entsetzlichsten Aufregung gar nicht mehr heraus!"
„Ich wollte, ich könnte Euch das Folgende ersparen," versetzte der Handelsherr mit finsterem Ernste. „Indessen Ihr seid die Nächstbetheiligten und ich kann Euch Nichts verschweigen. Es geht besonders Dich an, hängt viel, unendlich viel ab, für mich," fuhr der Kaufherr in gepreßtem Tone fort.
„Und das wäre, Vater?" fragte Irmgard mit leisem Beben in der Stimme.
„Der Buchhalter Faack hat um Deine Hand angehalten, meine Tochter," sagte der Handelsherr in feierlichem Tone, „und ich habe dieselbe ihm halb und halb zugesagt."
„Der Verwegene hätte das gewagt!" rief Frau
Gunkelmann entrüstet, während Irmgard schwieg und sich ruhig mit einer weiblichen Handarbeit zu beschäftigen anfing.
Eine lange, unheimliche Pause trat em.
„Nun," rief Gunkelmann endlich gereizt ans, indem er vorn Kamin, vor welchem er bis dahin gestanden, an den Nähtisch seiner Tochter trat, „hast Du mir darauf Nichts zu entgegnen, Irmgard?"
Das junge Mädchen blickte ihren Vater voll an, während ein Zug eisigen Stolzes über ihre Züge huschte.
„Du wirst begreifen, Vater," sagte sie bann, „daß dies meine einzige Antwort auf diese unerhörte Vermessenheit sein kann."
Oho!" rief der Handelsherr drohenv. „Der dieser Vermeffenheit Schuldige ist der vertraute Freund Deines Vaters und sein Antrag ist wohl der Erwägung werth!"
„Aber ich bitte Dich, Mann," legte sich Frau Gunkelmann ins Mittel, „Du bist in der letzten Zeit ganz außergewöhnlich gereizt und jede Dir nicht vollkommen zusagende Antwort vermag Dich in den größten Zorn zu versetzen. Du wirst doch nicht im Ernste daran denken, Dein einziges Kmd einem Angestellten Deines Geschäftes zur Frau
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