Einzelbild herunterladen
 

195. Freitag, den 28. August

Fuldaer

1885.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint t»glich, Sonn« und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

tt Ein protestantisches Urtheil über die Jesuiten.

Jedermann weiß, wie viel seit Jahrhunderten in Wort und Schrift, besonders seit den letzten 20 Jahren, von nationalliberalen Windbeuteln über den Jesuitenorden gelogen worden ist; selten ist eine Gesellschaft so verleumdet, ihre ganze Ge­schichte so gefälscht worden, wie dieser Orden. Erst in unseren Tagen, namentlich seit der Vertreibung der Jesuiten aus Deutschland, scheint sich bei den wissenschaftlichen Autoritäten protestantischer Rich­tung ein Umschwung zu Gunsten der Wahrheit geltend zu machen. Vor uns liegt ein Buch einzig in seiner Art, das herrliche, unvergleichliche Werk: „Geschichte des gelehrten Unterrichts auf deutschen Schulen und Universttäten seit dem Ausgange des Mittelalters" von Friedrich Paulsen, Professor an der Universität Berlin. Dieser Gelehrte, die erste Autorität Deutschlands in Sachen des gelehrten Unterrichts, schreibt, nachdem er die Entstehung und Ausbreitung der Jesuitenschulen in der zweiten Hälfe des 16. Jahrhunderts geschildert hat, Seite 282 u. ff. über den Orden Folgendes: „Worin lag das Geheimniß der Kraft dieser Menschen? Darin, daß sie „Männer der Bosheit" waren, wie Raumer sein Urtheil formulirt? Daß sie schlauer und rück­sichtsloser als alle übrigen die Leichtgläubigkeit der Maffen, die politische Rath- und Hilflosigkeit der Regierenden gegen die Revolution ««“beuteten? Mir scheint, das heißt der Lüge mehr zutrauen, als sie ausrichten kann. Rach einem alten Wort ist der stärkste derjenige, welcher sich selbst über­windet. Vielleicht will das Wort nicht bloß sagen, daß die größte Kraft hierzu erforderlich sei, sondern auch, daß die größte Wirkung von solchen ausgehe. Ich glaube nun, daß es nie eine Gesellschaft von Menschen gegeben hat, welche in der Bändigung der eigenen natürlichen Triebe, in der Zurück- drängung der individuellen Begierden durchgängig es weiter gebracht hat, als die Jesuiten. Große Individualitäten treten in der Geschichte des Ordens nicht hervor, der Poesie bietet er wenig Stoff; aber jeder Zeit besaß er eine große Menge durch­aus zuverlässiger, sicher wirkender Kräfte. Es ist in seiner Thätigkeit etwas von der stillen, aber unaufhaltsamen Wirkungsweise der Naturkräfte; ohne Leidenschaft, ohne Kriegslärm, ohne Aufregung und Ueberstürzung dringt er Schritt für Schritt vor,

# D. B. Gnnkelmarrn & Cie.

--------- (12

„Das ist schade!" tief der Untersuchungsrichter enttäuscht. „Ich hatte mich schon in den Gedanken hineingelebt, Faack und kein Anderer muffe der Verbrecher sein, denn ich habe, aufrichtig gestanden, schon oft bei seinem Anblick die Empfindung gehabt, als ob ich einen Zuchthäusler vor mir hätte."

Hilker achtete kaum auf diese Worte, ganz in eigenes Nachdenken versunken. Nach einem sekun­denlangen Schweigen hob er an:

„Einen komischen Zettel habe ich noch, von unleserlicher Hand mit geradezu gesuchter Ortho- graphielosigkeit geschrieben, welcher dem Buchhalter einmal aus der Tasche gefallen ist und welchen ich zufällig aufgehoben habe. Ich glaube wenig­stens, daß ich ihn noch besitze."

„Tragen Sie den Zettel vielleicht bei sich?" fragte Wendelin wißbegierig.

„Ich glaube wohl, er muß sich in meiner Brief­tasche befinden," erwiderte Hilker achtlos, indem er die rothlederne Tasche aus dem Rocke nahm. „Jndeffen glaube ich kaum, daß der Fund sich der Mühe lohnt."

„Man kann nicht wissen," widersprach der Ober- amt-richter, „solche unscheinbare Papierchen üben

fast ohne jemals einen zurückzuthun. Sicherheit und Überlegenheit charakterisiren jede seiner Be­wegungen. Freilich sind das nicht Eigenschaften, die liebenswürdig machen; liebenswürdig ist Niemand, der ohne menschliche Schwäche ist. Vollkommene Leidenschaftslosigkeit hat eher etwas Furchtbares und Unheimliches.

Woher kam dem Orden diese Kraft? Ich glaube, sie kann zuletzt überall nur aus einer großen Idee kommen, nicht aus niedriger selbstischer Begierde; letztere löst auf, jene allein kann dauernd verbinden. Die Idee, welche die Glieder des Ordens durch­drang und sie nach Auslöschung aller individuellen Begierden mit einer großen schwärmerischen Be­gierde erfüllte, war die, daß der Orden das aus­erwählte Rüstzeug zur Rettung der Kirche Gottes sei. Seine Mitglieder stellten sich dem Regierer der Kirche als ritterliche Vorkämpfer und, wenn es Gottes Wille sei, als erste Opfer im großen Kampfe mit der heidnischen und häretischen Welt zur Ver­fügung. Daß diese Idee im Stande war, das Gemüth eines Menschen ganz einzunehmen, wird auch der verstehen können, welcher den Werth indi­vidueller Entwickelung der Menschheit höher an­schlägt, als die formelle Einheit in der Kirche, und welcher es demnach als eine glückliche Fügung der Geschicke der europäischen Menschheit und des deutschen Volkes int Besonderen ansieht, daß die Bestrebungen des Ordens ihr Ziel nicht ganz er­reicht haben.

Dauernde Wirksamkeit' auf Erden erlangt eine Idee nicht ohne Jnkorporisation in einer äußeren Ordnung. Die Ordnung des Jesuitenordens, von der Gesammtverfaffung bis zum kleinsten Stück der Disziplin herab, ist von einer bewunderungs­würdigen Angemessenheit zu ihrem Zweck. Größte Kraft des Einzelnen und sicherste Einfügung in den Organismus des Ganzen, spontane Thätigkeit und willige vollständige Unterordnung, diese schwer zu vereinigenden Gegensätze scheint die Gesellschaft in einem Maße erreicht zu haben, wie vielleicht niemals eine andere Korporation.

Die Herrschaft des Ordens ging zu Ende, als neue Wissenschaften auf den Anschauungen der Menschen bestimmenden Einfluß erlangten, welche der Orden nicht in sich ausgenommen hatte. Die linguistisch-literarischen Bildungselemente des Huma­nismus hatte er innerlich bewältigt. Die Ent­wickelung der mathematisch-naturwissenschaftlichen

oft auf den Lauf der Dinge einen ganz merkwür­digen Einfluß aus. Ich könnte Ihnen von einem Fall erzählen, lieber Freund, in welchem ein berüch­tigter Gauner, Namens Geert Schütter, in der Verbrecherwelt nur der lange Willem genannt, der gegenwärtig seit mehreren Jahren unsere Residenz besucht, ohne daß ihm merkwürdigerweise bis jetzt etwas Strafbares nachzuweisen gewesen wäre, vor ungefähr elf Jahren in dem vorhin von Ihnen erwähnten Hamburg nur durch einen von ihm ge­schriebenen Zettel des begangenen Verbrechens über­führt und der verdienten Strafe zugeführt werden konnte. Der Zettel liegt noch jetzt bei feinen Akten, welche sich bei uns befinden."

Hilker hatte unterdessen in seiner Brieftasche eifrig nach dem von ihm erwähnten Zettel gesucht. Schon wollte er die Mühe als vergeblich beenden, als er da« kleine schmutzige Papier in einer Falte entdeckte.

„Ah, da« ist es!" sagte er, mit den Finger­spitzen da« Zettelchen hervorziehend. „Wenn Sie sich Überzeugen wollen?"

„Ich bitte darum," entgegnete der Oberamts­richter und nahm da» ihm dargereichte Papier in Empfang.

Er entfaltete es, warf einen Blick darauf und

Erkenntniß ist außerhalb seiner Kreise geschehen. Statt als der erste sich in den Besitz der neuen Erkenntnisse zu setzen, welche Galilei, Descartes und andere erworben hatten, versuchte er sie zu unterdrücken. So hatte er sich aus der Rolle eines Führers in die eines mißvergnügten Zu­schauers drängen lassen, der dem Laufe der Dinge mit vergeblichem Widerstreben zusah. Der Papst selbst wurde vom Zeitgeist genöthigt, zu erklären, daß die Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß sei. Sie wurde bekanntlich 1773 aufgehoben. Seitdem ist sie freilich wieder hergestellt worden, aber ohne die alte Stellung bis jetzt wieder erobert zu *"ttben. Mit den Anschauungen des Syllabus wird das auch schwerlich geschehen; den Weg rückwärts zu gehen hat die Geschichte bisher noch stets abgelehnt."

So der vortreffliche Paulsen. Die Gesellschaft Jesu wird auch mit den Anschauungen des Syllabus das Versäumte nachholen; dann wird ein neues Reich beginnen, in dem Auswüchse der heidnisch- ketzerischen Welt verschwunden fein werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. August.

* Die Zusammenkunft in Kremsier ist vorüber und alle Welt möchte wissen, was in der alten mährischen Bischofsstadt verhandelt wurde. Der offizielle Telegraph beschränkt sich wie immer darauf, Aeußerlichkeiten mitzutheilen. Aus der auf­fallend freudigen Stimmung jedoch, in welcher der Czar und seine Umgebung Abschied nahmen, schließt man, daß die russischen Gäste den Zweck, welchen sie mit ihrer Reise verfolgten, erreichten. Dieser Schluß ist nicht unberechtigt, doch dürfte der ge­hobenen Stimmung des Czaren möglicherweise auch das Gefühl der Freude darüber zu Grunde liegen, daß Reise und Entrevne ohne Unfall verliefen. Das ist übrigens zweifellos, daß Rußland eine Annäherung an Oesterreich gesucht hat und es hätte der bisherigen Politik des letzteren Staates widersprochen, wenn er diesem Wunsche abweisend begegnet wäre. Auch unterliegt es keinem Zweifel, daß in Kremsier nichts verhandelt worden ist, was nicht bereits in Varzin zwischen Bismarck und Kalnoky zur Sprache kam.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht das Gesetz betreffend die Bestrafung des Spiels in außer­preußischen Lotterien. Dasselbe bedroht be­

fuhr dann so heftig in die Höhe, daß der Sessel hinter ihm zu Boden fiel.

Aber Dr. Wendelin achtete nicht darauf. Ab­wechselnd sah er auf das Papier, um dann wieder Viktor mit fieberhafter Spannung in das Antlitz zu sehen.

„Hilker!" rief er endlich. „Sie haben wirklich gesehen, wie dies Zettelchen dem Buchhalter Faack ans der Tasche fiel?"

„Natürlich," bestätigte Viktor. „Aber Sie sind ja ganz außer sich, Freund. Ist der Zettel so sehr von Belang?"

„Einen Augenblick," wehrte der Untersuchungs­richter geschäftig ab, „Sie sollen sogleich Alles erfahren."

Damit ergriff er den über dem Schreibtische hängenden Glockenzug und zog denselben heftig an.

Sogleich öffnete sich die Thür de« Vorzimmers und ein Kriminalbeamter erschien.

„Bringen Sie sofort den Band Akten von der Registratur, welcher den Geert Schütter betrifft," befahl Dr. Wendelin dem Untergebenen.

Bald erschien derselbe wieder mit einem umfang­reichen Aktenbande, welchen er vor dem Oberamts­richter auf den Tisch niederlegte.

Nmn entfernte er sich stumm.