193. Mittwoch, den 26. August
Fuldaer
1885.
“äääXTÄÄ äSff^Är^T'*'50 te 3 n f e r«t e Kl- °d^r toenHa™ 15 Pfg„ sog. Pl°tzann°nc-n 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Für den Monat Septemher werden Bestel- ■RB Hungen auf die ,Kul»«er Seit«*«' von allen Postanstalten, Landbriefboten und für Fulda von der Expedition zum Preise von 50 Pfennig (ohne Bestellgeld) angenommen.
* Stremfier, das stille Städtchen in Mähren, ist jetzt anläßlich der MonarcheN'Zusammenkunst in Aller Munde. Das „hannakische Jerusalem", wie Kremsier im Volksmund genannt wird, trägt sein Epitheton nicht mit Unrecht, denn er ist in der That für die Bewohner der reichgesegneten Umgegend eine „gelobte Stadt". In fruchtbarster Gegend bildet Kremsier die Kornkammer Mährens. Kremsier ist eine uralte Bischofstadt. In den Hussitenkriegen wurde es von den Sektirern eingenommen, später von dem Bischöfe Johann belagert und wieder den Gegnern entrissen. Kaiser Mathias gab der Stadt mancherlei Privilegien. Harte Zeiten kamen für Kremsier in der Periode des dreißigjährigen Krieges. Der schwedische Heerführer General Torstenführer belagerte die vom Grafen Gallas tapfer verthei- digte Stadt mit sechszehntausend Mann und 22 Kanonen, eroberte dieselbe am 26. Juli 1643, worauf 500 Bürger theils durch das Schwert hingerichtet, theils lebendig verbrannt wurden. Die Stadt und das Schloß wurden verwüst-t. Bier Jahre später wurde Kremsier abermals von den Schweden geplündert und gebrandschatzt, und die Leiden der Bevölkerung waren um so größer, als gleichzeitig die Pest herrschte, welche innerhalb weniger Monate mehr als die Hälfte der Bevölkerung dahinraffte. Eine längere Reihe von Friedensjahren brachte das achtzehnte Jahrhundert und der Gnwohnerschaft erwuchsen erst während des siebenjährigen Kr eges neue Drar gfale, indem im Jahre 1742 die Preußen Kremsier besetzten und eine bedeutende Kriegssteuer erzwangen. In der neuesten Zeit hat ein historisches Ereigniß die Stadt Kremsier vielfach nennen gemacht. Durch die von Kaiser Ferdinand au« Olmütz am 22. Oktober 1848 erlassene Proklamation wurde der konstituirende Reichstag nach Kremsier einberufen und eröffnete daselbst am 22. November deffelben Jahres seine Sitzungen. Den Mittelpunkt von Kremsier bildet das fürsterzbischöfliche Residenzschloß. Das Innere des weitläufigen Schlöffe» zeichnet sich durch die Größe seiner Räume und Pracht der
Ausstattung aus. Der große Saal des Schlöffe« reicht durch zwei Stockwerke und ist durch große Frerkogemälde geziert. Die Ausschmückung dieses Saales, welche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erfolgte, hat den für die damalige Zeit bedeutenden Betrag von 60,000 fl. erfordert. Das Schloß beherbergt noch heutzutage eine Ehrenwache der Fürsterzbischöfe, welche in dem bunten Frack von altmodischem Schnitt und Bärenmütze eine lebende Reminiszenz vergangener Tage bildet. Zu einem Lächeln zwingt der militärische Ernst, mit welchem die altväterliche Schloßwache, gleichwie in einer Garnisonsstadt, alle Mittage ihre Ablösung vollzieht, ein Ereigniß, das den Bürgern der Stadt jedesmal durch einen Kanonenschuß verkündet wird. Eine wahre Sehenswürdigkeit ist der ausgedehnte Schloßpark. An diesem denkwürdigen Orte findet nun heute (25. August) die Kaiserzusammenkunft statt. Die Begrüßung des österreichischen Kaiserpaares durch den Zaren und die Zarin geschieht möglichst pomphaft, denn es werden sowohl die Kronprinzen der beiden Reiche als auch die politischen Rathgeber zugegen sein. Dennoch wird der Begegnung keine politische Bedeutung beigemeffen. Man hat nur einen Höflichkeitsbesuch vor sich, den der Zar dem Kaiser von Oesterreich durch die Dreikaiserbegegnung in Skierniewice schuldig geworden. Irgend welche politische Folgen knüpsen sich an die Zusammenkunft nicht. Der Gegensatz der österreichisch-deutschen und russischen Jntereffen auf der Balkanhalbinsel besteht ungeschwächt fort, daran wird die Kuiserbegegnuug nichts ändern. Sie beweist nur, was man aber schon längst wußte, daß dieser Gegensatz noch nicht zum Austrage kommt, sondern die Lösung des großen Räthsels, bei der ganz Europa in Mitleidenschaft gezogen wird, noch vertagt ist. Einen bestimmenden Einfluß hat aber die Kremsierer Begegnung auch hierauf nicht; denn es liegt nicht in der Macht der beiden Kaiser, der Entwicklung der Verhältniffe Einhalt zu gebieten. Der Ausbruch „naher Konflikte" wird aufgeschoben, so lange die Verhältniffe es ermöglichen; wann die Zeit da ist, fallen aber die reifen Früchte zur Erde.________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 25. August.
* Aus Berlin wird mehreren katholischen Blättern geschrieben: Unsere Bischöfe haben auf ihrer
letzten Konferenz in Fulda nur einen Hirtenbrief an Klerus und Volk, nicht aber irgend eine Eingabe an den Kaiser, an die Minister oder an die Kammern beschlossen. Es ist das sehr bezeichnend für das augenblickliche Stadium des Kulturkampfes. Seit 12 Jahren richteten unsere Bischöfe, sowohl einzeln als auch in ihrer Gesammtheit, bei jeder neu auftauchenden Frage eingehende Dar» leguugen an die eben genannten Stellen; in diesen Aktenstücken wurden die Streitpunkte mit aller nur wünschenswerthen Gründlichkeit untersucht, die Unhaltbarkeit der zu Gunsten der geplanten oder er» laffenen Maßregeln vorgebrachten Gründe schlagend nachgewiesen, der Nachweis, daß durch die Kulturkampfs-Gesetze und Regierungs-Verordnungen das klare und unanfechtbare Recht der Kirche offen und empfindlich verletzt werde, unwiderleglich geführt; die Sammlung dieser umfangreichen Eingaben ist eine kostbare Fundgrube für die kirchenrechtliche Wissenschaft. Fand irgend eine dieser bischöflichen Darlegungen eine erschöpfende Entgegnung? Sie wurde entweder nur ganz kurz oder gar nicht beant» wortet. Es wäre auch unmöglich gewesen, dieselben Punkt für Punkt oder auch nur in einzelnen Punkten zu widerlegen; der Versuch dazu ist nie gemacht worden. Heute senden unsere Bischöfe ähnliche Eingaben nicht mehr ab. Die Zeiten haben sich geändert; die Bischöfe wenden sich nur mehr an Klerus und Volk. Dort liegt die Macht der Bischöfe; die Macht, mittelst der sie das erste Dutzend von Kulturkampfs» jähren siegreich überstanden haben, die Macht, mittelst der sie jede» weitere Dutzend von Kulturkampfsjahren ebenso siegreich kämpfen werden. Und gerade die Wurzel dieser Macht ist in dem letzten Hirtenbriefe mit so berrlichen Worten besprochen: die einmüthige Treue des katholischen Klerus und Volkes gegen Papst und Bischöfe. „Ein dreifaches Band wird nicht zerrissen", heißt es in der heiligen Schrift; hundertfach muß man das Band nennen, durch welches das Volk an den Klerus, beide an die Bischöfe und die Bischöfe an den Papst geknüpft sind. Hundertfach ist das Band, denn zu den unauflöslichen Beziehungen, welche schon der Glaube zwischen diesen vier Genannten knüpft, sind noch alle jene zahllosen Bande getreten, welche der jahrelange gemeinsame Kampf knüpfen mußte. Der Eine opferte sich für die Anderen. Jeder opferte sich für jeden Andern, Kampf und Sieg waren
# D. B. Gunkelmarm & Cie.
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Der stolze Kaufherr stand einen Augenblick starr vor Erstaunen und blickte wortlo» auf seine Tochter, die es zum ersten Mal wagte, sich ihm zu widersetzen.
Dann trat er dicht an da« junge Mädchen heran und erfaßte ihre Hand mit eisernem Griff.
„Was wagst Du l" zischte er außer sich.
Dabei sah er seine Tochter mit durchbohrendem Blicke an, aber das sonst so schüchterne Mädchen blickte ihm furchtlos ins Antlitz.
„Kind," rief Frau Bertha erschrocken, welche bis dahin fassungslos in der Sophaecke gelehnt hatte, „bedenke, daß es Dein Vater ist, der vor Dir steht."
„Er weiß, daß ich ihm mit herzlicher Liebe und Zuneigung zugethan bin," rief Irmgard unter Thränen, „aber ich kann nicht dulden, daß man den Mann beschimpft, welchen ich hochachte, wie keinen Anderen, und welchen ich — ich —"
Sie stockte und griff unter heißem Enöthen mit der Hand nach dem Herzen.
„Welchen Du wohl gar liebst 1" rief der stolze Handelsherr mit schneidendem Hohne. „Sage es doch und die Posse ist fertig!"
Da» junge Mädchen erhob den Blick furchtlos zu dem maßlos erregten Mann, der vor ihr stand, zitternd vor Wuth und Entrüstung, die Hände geballt, als wollte er sie niederschlagen mit wuchtiger Faust.
„Ja, Vater," antwortete sie fest, während, ihr Gesicht ein überirdischer Schimmer verklärte, „ich habe vor dem Augenblicke gebangt, der Dir alles enthüllen muß, nun will ich es Dir frei heraus- sagen. Magst Du mich verdammen und verstoßen! Ich liebe Viktor Hilker und ich bin stolz auf seine Liebe!"
„Sprich den Namen nicht mehr au», den Namen de» Elenden!" rief Herr Gunkelmann, d.n die grimmige Wuth um den letzten Funken von Selbstbeherrschung gebracht hatte, und dicht vor da» junge Mädchen hintretend, fuhr er fort, sie mit eisernem Griff am Handgelenk fassend:
„Ich habe mich bisher immer für einen glück- lichen Mann gehalten. Der heutige Tag hat mich klar sehend gemacht und e» wird langer Zeit be» dürfen, bi» ich die heutigen Erfahrungen überwunden. Aber ich sage Dir, ehe ich Schande auf unserem altehrwürdigen Namen kommen ließe, eher wollte ich Dich tobt vor mir im Sarge sehen!"
Da» junge Mädchen bebte zusammen unter dem unheimlichen Feuer, welche» aus seinen Augen glühte.
„Sage mir," begann er von Neuem, „hast Du mit diesem — diesem — Hilker schon ein Wort der Liebe gewechselt?"
Dabei hielt er den Blick unverwandt auf das junge Mädchen geheftet, daß dieses meinte, er wolle die verborgenste Falte ihres Herzens klar legen.
„Ja," hauchte sie kaum vernehmbar, „er hat mir seine Liebe gestanden!"
Der Kaufherr, der stolze, unbeugsame Mann, schlug die Hände vor das Antlitz und stöute tiefschmerzlich auf.
„So weit ist es mit meiner Tochter gekommen, daß sie sich mit einem Diebe vergessen hat!" stöhnte er mit halberstickter Stimme.
„Er ist kein Dieb!" wollte Irmgard entschieden erwidern, aber ihre» Vaters völlig veränderte» Aussehen ließ sie zusammenschrecken
Es war, al» ob da» Unvermuthete der plötzlichen Entdeckung den stolzen Mann aller Kraft be» raubt hätte.
„Irmgard, Irmgard," stöhnte er mit gebroche» ner Stimme, „Du bist mein Stolz, mein Glück, mein Alles gewesen, warum hast Du mir dieses Herzeleid zugefügt?"