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J\3 191

Montag, den 24. August

1885

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Hirtenbrief

der preußischen Bischöfe.

Gruß und Segen im Herrn!

Geliebte Mitbrüder! Theure katholische Christen!

„„Vernehmet noch eine Mahnung aus väter- „„lichem Herzen. Ihr habt seither mit Einheit, „„Festigkeit und Treue im innigsten Anschluffe an „„den Episkopat und den Felsen Petri zu Eurer „„Kirche gehalten. Dafür sprechen wir Euch noch- „„mals Anerkennung und Dank aus im Namen „„Jesu Christi.""

So haben vor elf Jahren Eure Oberhirten zu Euch, geliebte Diözesanen, gesprochen. Von der­selben geheiligten Stätte, von der sie damals in ernster Stunde diese Worte Euch zugerufen haben, von dem Grabe des hl. Bonifatius, wiederholen wir sie heute nach einem Jahrzehnt, das reich an Opfern und Leiden, aber auch reich an Erweisen heiliger Liebe und Treue gewesen ist.

Geliebte Mitbrüder, theure katholische Christen! Ihr seid Eurem Heilande und Seiner katholischen Kirche treu geblieben. Das bezeugen wir, Eure von Gott gesetzten Hirten, Euch vor der ganzen Christenheit; und dieses Zeugniß soll als ehrendes Denkmal aufgerichtet bleiben, so lange die Welt steht.

Um Eurer Treue willen aber preisen wir zumeist Gott, deffen allmächtiger Gnade wir dieses geistige Wunder verdanken, ein Wunder, bei Hessen Anblick auch der Unglaube bekennen müßte: „'„Das ist „„von dem Herrn geschehen; ja, es ist wunderbar „„in unfern Augen!""

Es ist der Heiland der Welt, der göttliche Bischof unserer Seelen, deffen Hohenpriesterliches Gebet, das er niemals am Throne seines himmlischen Vaters unterbricht, die Reichthümer der Gnade auf uns und Euch Herabgesicht hat. Ihr wiffet ja, um was er gebetet hat, ehe er in sein Leiden ging: „Mein Vater! Die Stunde ist gekommen; „„verherrliche Deinen Sohn, damit Dein Sohn „„Dich verherrliche. Ich bin nicht mehr in der „„Welt; aber diese sind in der Welt; und ich „„komme zu Dir. Heiliger Vater! erhalte sie in „„Deinem Namen, die Du mir gegeben hast, damit „„sie Eins sein, wie wir Eins sind! Aber ich bitte „„nicht allein für sie, sondern für Alle, die durch „„ihr Wort an mich glauben werden, damit Alle „„Eins seien, wie Du, Vater, in mir bist, und

# D. B. Gunkelmann & Cie.

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3. Kapitel.

Die Familie Gunkelmann.

Wie sich leicht ermeffen läßt, verursachte das plötzliche Erscheinen der Polizei in den, auf das Eleganteste ausgestatteten Räumen das lebhafteste Erschrecken bei den Angehörigen Gunkelmann's.

Sie wußten natürlich sofort, Mutter und Toch­ter, was geschehen war, denn innerhalb der letzten drei Jahre war die Kaffe auch mehrere Male um hohe Summen beraubt worden.

Das Unglück, welchem wir uns machtlos gegen­überfühlen, hat noch eine bittere Seite mehr für uns aufgespart. In noch weit höherem Maße ist dies indessen bei einem Schicksalsschlage der Fall, von dem wir die Folgen zu tragen haben und dessen Urheber von uns nicht erforscht werden kann. Solchen räthselhasten Vorgängen gegenüber beschleicht unser Ahnungsvermögen immer ein unheimliches Gefühl, wir sind aus der gewohnten Sicherheit urplötzlich gerissen und stehen vor einem ungewissen, schrecklichen Etwas, das, in unserer Einbildung wenigstens, jeden Augenblick bereit ist, uns in noch weit schrecklicherer Weise Heimzusuchen.

„„ich in Dir bin, auf daß auch sie in uns Eins „„seien, damit die Welt glaube, daß Du mich ge- „„sandt hast.""

So hat er auch für uns und für Euch gebetet, so betet er noch immer fort, und niemals bleibt dieses Flehen des göttlichen Herzens Jesu uner­hört. Wie einst am Grabe des Lazarus, so rühmt sich der Herr immerdar: „„Ich weiß es, mein „„Vater, daß Du mich allezeit erhörest."" Aber heute können wir in besonderer Weise einstimmen in das Wort unseres gebenedeieten Erlösers: „„Ich „„danke Dir, daß Du mich auch jetzt erhört hast, „„damit Alle glauben, daß Du mich gesandt hast."" Ja, geliebte Mitbrüder, theure katholische Christen! wunderbar hat er Euch gestärkt. Ihr habt alle Lockungen, die an Euch herantraten, um Euch vom Wege der Pflicht abzuwenden, standhaft zurückge­wiesen; Ihr habt die schweren bittern Leiden, denen Ihr nach Gottes Rathschluß nicht entgehen solltet, starkmüthig erduldet. Ein Schauspiel für die Engel, die Menschen und die Welt seid Ihr, ist die Kirche in unserem Vaterlande geworden. Fest geeint stehen wir da; geeint sind die Gläubigen mit ihrem recht­mäßigen Hirten in Gehorsam und Liebe; geeint sind wir Alle mit dem obersten Hirten, welchem Jesus Christus seine Heerde anvertraut hat.

Wie tröstlich aber dieses freudige und erhebende Bewußtsein für uns auch ist, so können wir uns doch nicht banger Sorge entschlageu, wenn wir unsere Augen in die Zukunft richten. Die Gefahren, die Eurem Seelenheile drcchen; wachsen mit jedem Tage, und wir, Eure Oberhirten, sind nicht im Stande, Euch gegen dieselben so zu schützen, wie es unsere Hirtensorge sebnlichst wünscht.

Die Heranwachsende Jugend ist während der Zeit ihrer Ausbildung und oft in Folge der herrschenden Richtung derselben vielfachen Eindrücken preisge­geben, die nur zu geeignet sind, das katholische Gefühl zu verletzen, glaubensfeindliche Zweifel in die jugendlichen Gemüther zu werfen und die Herzensreinheit zu vergiften: — wir können es nicht hindern, daß diese Gefahren unsere jungen Christen umgeben; wir können es nicht hindern, daß die Gewöhnung an die Bethätigung kirchlichen Lebens in dem Empfange der hl. Sakramente und in der Theilnahme an dem öffentlichen Gottesdienst be­schränkt wird. Tausende, die im Dienste einer über­mächtig wachsenden Industrie sich abmühen, müssen die Gnadenmittel, deren sie am meisten bedürfen,

Aehnlich erging es Frau Gunkelmann und ihrer Tochter Irmgard.

Nicht das Geld war es, welches sie des Ver­lustes halber schmerzte, dazu waren die Damen durch ihr günstiges Geschick allzu verwöhnt; die drohende Ungewißheit, was die Zukunft bringen werde, das bange Gefühl, nicht mehr im eigenen Haufe vor den verbrecherischen Nachstellungen Anderer sicher zu sein, erregte ihre Gemüther über alle Maßen.

Besonders Frau Gunkelmann, die zarte, asch­blonde Dame mit dem immer noch rosigen Gesichte war es, welche das Erscheinen der Kriminalpoli­zisten besonders beunruhigte.

Selbst aus vornehmem Hause stammend, war es die Dame nie gewohnt geworden, mit außer­gewöhnlichen, oder gar unangenehmen Lebenslagen in Berührung zu kommen. So lange ihr Leden ruhig dahinfloß, war sie die liebenswürdige, reprä- sentirende Hausfrau, die man allgemein verehrte. Sobald indessen der Sonnenschein des Lebens, wenn auch nur auf kurze Zeit, drohenden Wolken Platz machen wollte, war sie unfähig Etwas zu nützen, oder gar selbstständig Angesichts der Ge­fahr zu handeln, sondern sank gleich einem schwachen t

entbehren; Schaaren von Arbeitern drängen sich nach der Arbeitslast der Woche zu den Beichtstühlen, um das gedrückte Herz zu erleichtern, zu christlicher Geduld und Ergebenheit sich zu stärken und neue heilige Vorsätze zu fassen, müssen aber unverrich­teter Sache wieder heimgehen, weil sie die Beicht­stühle leer oder so umlagert finden, daß sie darauf verzichten müssen, den Gnadenaugenblick zu erwarten: — und wir können nicht helfen, wir können nicht hindern, daß sie allmählig Gott entfremdet werden und sein Gebot vergessen, weil sie die Speise des Lebens in der hl. Communion entbehren, weil das Wort Gottes in der Verkündigung des Evangeliums sie noch kaum erreicht; denn zu gering ist die Zahl der Priester, die sich ihrer annehmen können, und in der Ferne weilen die eifrigen Ordensmänner, welche ehedem zu jeder Hülfe stets bereit unsere Gemeinden durchwanderten.

Sind das nur zwei Züge aus dem Leidensleben der Kirche in unfern Tagen, so müßten wir, wenn wir das tieftraurige Bild der Jetztzeit vollständig entwerfen wollten, aus jedem Gebiete des christ­lichen Lebens gleiche Klagen erheben, welche unsere bange Sorge um die Zukunft nur zu sehr recht­fertigen würden. Je drohender aber die Gefahren sind, und je mehr die Kirche behindert ist, volle Hülfe in dem geistigen Elende, das uns umgibt, zu bieten: um so dringender richten wir an Euch in treuer, inniger Liebe unser Mahnwort: Ersetzet Ihr durch wachsenden Eifer, was wir zu thun nicht vermögen.

Wir fühlen es schmerzlich, daß wir unsere Hände, die Euch die Fülle des göttlichen Segens so gern spenden möchten, immer noch gebunden sehen. Aber, so sagen wir mit dem hl. Bischof und Mär­tyrer Ignatius: „„Selbst diese Banden, die wir „„tragen, rufen Euch zu: Stehet fest und haltet „„treu aus in ungeschwächter Eintracht und „„wechselseitigem Gebete.""

Eins aber wenigstens wollen wir Euch, geliebte Mitbrüder, theure Diözesanen, aus der Menge unserer Sorgen und Befürchtungen noch ausdrück­lich und besonders ans Herz legen. Wir be­schwören Euch um der Liebe Jesu Christi willen, vernachlässigt nicht die Sorge um die Kinder. Ihr wisset es, und jeder Tag bringt es uns klarer zum Bewußtsein, daß sich die ganze List und Bos­heit der Hölle in den tausend Mitteln der Ver­führung offenbart, mit welcher der Jugend nach-

Rohre, das der erste Windstoß knickt, sogleich schwach und hülflos zusammen.

In der Tochter, welche der Mutter täuschend ähnlich sah, nur daß die Farbe von Augen und Haar mehr in das Dunkle hinüberspielte, fand sich mehr Energie. Das Mädchen hatte den arg­losen Charakterzug Frau Gunkelmann's geerbt, welchem sich im glücklichen Vereine die Charakter­festigkeit des Kaufherrn anschloß. Irmgard Gun- kelman war zu einem selbstbewußten Mädchen herangereift, welches indessen, weit entfernt vom lächerlichen Hochmuth, mit Stolz und Würde die Ehre des Hauses zu repräsentiren wußte. Sobald sich daher etwas Unangenehmes in der Nähe zeigte und wenn es nur ein unliebsamer Besuch gewesen wäre, war Frau Bertha Gunkelmann für Jeden unsichtbar, das Kommende im ganzen Umfange ihrer jungen, willenskräftigen Tochter überlassend.

Heute war die Dame deshalb doppelt unglück­lich und als sich endlich die Kriminalbeamten ent­fernt hatten, zog sie sich sogleich auf ihr Gemach zurück, Irmgard sich selbst überlassend.

Sinnend saß das junge Mädchen in dem prächtig eingerichteten Wohngemach, durch die hohen Fenster auf den Park hinabblickend, wo der rauhe Herbst­wind sein Spiel mit den in allen Farben pran-